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Alexander Koch

Texte

Texte

Seit Ende der Neunzigerjahre fragen meine Texte nach der gesellschaftlichen Dimension der Kunst und nach ihrer politischen Position, ob als Essay, Ausstellungstext, kunsttheoretische Schrift oder kulturpolitische Stellungnahme. Zwei Themen ziehen sich durch. Das eine ist der Ausstieg aus der Kunst: Mit „General Strike“ (2011) habe ich die Grundlagen einer Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs vorgelegt, meinen wohl eigenständigsten Beitrag zur Kunsttheorie. Das andere ist die Kunst im Bürgerauftrag; der Essay „Kunst im Bürgerauftrag“ (2022) führt in Methode und Geschichte der Neuen Auftraggeber ein. Zu meinen wichtigsten Texten zähle ich zudem „Solidarische Mobilmachung“ (2016), in dem ich mit Richard Rorty begründe, wie sich das Ästhetische politisch denken lässt, und „Zehn Schöne Inseln“ (2013), ein Modell der Binnengrenzen des Kunstfeldes – meine Mehr-Felder-Theorie.

Daneben stehen monografische Essays, etwa zu Santiago Sierra und Michael E. Smith, eine Polemik zur Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei, die mir seinerzeit viel Ärger eingebracht hat, und ein früher Essay über Édouard Manet und das kuratorische (Un-)Bewusstsein. Ein eigenes Genre bilden meine Ausstellungstexte aus meiner Zeit als Galerist von KOW, 2009 bis 2025; einige davon zähle ich zu meinen besten. Und schließlich finden sich hier Leseproben aus „Der letzte Tag des Jahres“, meinem literarischen Debüt.

2026

Über Desintegration. Nazım Ünal Yılmaz und die Pferde

Bomber und Flakscheinwerfer im Himmel, Panik am Boden. Fliehende Menschen, wehende Fahnen und rasende Pferde. Die Farben sind expressiv überhöht, die Figuration ist karnevalesk, mitunter comicartig. Es herrscht totaler Irrsinn.

Als ich Nazim Ünal Yılmaz Diptychon Circus Maximus aus dem Jahr 2024 sah, musste ich an das Triptychon Das Tausendjährige Reich (1938) des Dresdener Künstlers Hans Grundig (1901–1958) denken, weil es verblüffende thematische, und formale Ähnlichkeiten gibt. Grundig malte sein Triptychon am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als ein irre gewordenes Deutsches Volk mit ganzer Kraft in die Apokalypse rannte. Die mittlere Bildtafel zeigt das zerbombte, brennende Dresden in geradezu prophetischer Vorausschau, sieben Jahre bevor die deutsche Barockstadt im apokalyptischen Bombenhagel am 13. Februar 1945 zerstört wurde. … weiterlesen

2024

Pınar Öğrenci. Glück auf in Deutschland!

Pınar Ögrencis Werk versteht es, uns die Vergangenheit so in den Schoß zu legen, dass wir uns um sie kümmern müssen. Mit ihrem Projekt Glück auf in Deutschland! stieg Ögrenci 2024 hinab in die Archive der Gastarbeitergeschichte des Ruhrgebiets und brachte Leben und Bilder zu Tage, die unbekannt sind.

Körper und Stimmen von Menschen tauchen auf, die jahrzehntelang Deutschland mit aufgebaut haben und bis heute migrantisiert im Hintergrund stehen. Ögrenci zeigt, wie wenige Jahre nach dem Ende des Faschismus eine neue migrantische Arbeiterklasse in Deutschland erneut von denjenigen Unternehmen missbraucht und gedemütigt wurde, die den Naziterror industriell ermöglicht haben.

Im wichtigsten fotografischen Archiv zur Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets im Ruhrmuseum Essen suchte Ögrenci nach den … weiterlesen

2024

Alice Creischer. Sursursurplus

Wenn es um die Frage geht, wie sich eine verantwortliche künstlerische Position im auf und ab der Zeiten formulieren kann, ist Alice Creischer eine bedeutende Stimme der politischen Kunst in Deutschland. Ihre Ausstellung bei KOW handelt von Kunst im Klimakatastrophenkapitalismus und findet – horcht auf! – eine Lösung.

Mehr, immer mehr! Das geht nicht anders. Die Maschine der Produktion lässt sich nicht abschalten. Auch nicht die Maschine der Produktion der Kunst. Denn Kunstfällt ja nicht einfach vom Himmel wie Pflaumen vom Baum. Kunst ist Produktion. Sie ist sogar Teil der Überproduktion, des zu Vielen, das der Mensch im Kapitalismus hervorbringt. Kunst vernutzt und überhitzt den Planeten, verbrennt zu viele Ressourcen und verursacht dadurch Knappheit andernorts. Wie vieles anderes, das Menschen heute tun, verhält sie sich katastrophal, ja Kunst … weiterlesen

2024

Clemens von Wedemeyer. Social Geometry

Wie ordnen wir uns an? Wie werden wir angeordnet? Und wie lässt sich das zeigen? Clemens von Wedemeyers neue Filme tauchen ein in die Frage nach der Netzwerkhaftigkeit unserer Existenz und problematisieren deren Darstellbarkeit.

Hauptwerk der Ausstellung ist ein abstrakter Animationsfilm. Vor schwarzem Grund nehmen weiße Punkte und Linien immer neue, immer kompliziertere und immer fulminantere Formen an: Beziehungen zwischen Individuen, menschliche Netzwerkwelten, soziale Geometrien. Die eindrückliche Stimme der britischen Musikerin Anne Clark lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was wir in der Abstraktion sehen werden: A group of friends. A class system. A revolution, erupting. Doch je komplexer die Konstellationen, umso deutlicher werden die Grenzen der modellhaften Darstellung – was sich sozial ereignet, mögen vielleicht Maschinen noch nachvollziehen, Menschen nicht. … weiterlesen

2023

Peter Friedl. Teatro Popular,

Peter Friedl ist Historiker. Und wie für Historiker üblich, erzählt Friedl Geschichte(n). Er erzählt sie, so könnte man sagen, aber nicht durch, und schon gar nicht zu Ende. Vielmehr schafft Friedl Schauplätze – griechisch „theatra –, an denen es etwas zu sehen gibt. Situationen, in denen sich etwas ereignet, oder sollte man präziser sagen: geneigt ist, sich zu ereignen.

Wir stehen an skulpturalen Orten vor plastischen Figuren oder deren Hüllen, die augenscheinlich viel zu sagen und zu berichten haben – man traut es ihnen zu, sieht es ihnen an. So wie man es einer Schauspielerin zutraut und ansieht, die voll kostümiert die Garderobe in Richtung Bühne verlässt, und noch bevor das Stück beginnt, sieht man es kommen, ohne schon zu wissen, was gespielt werden wird.

Tatsächlich besteht das von Friedl bei KOW aufgestellte … weiterlesen

2023

A Protocol With Universal Scope?

Original Englisch. Keine Deutsche Fassung vorhanden.

"Anyone who wishes to do so, alone or in association with others, can take responsibility for commissioning a work from an artist". Can this fundamental idea of the New Patrons' Protocol be universal in scope, when the notion of the universal has been corrupted by the colonial fantasy of Western societies, which believed themselves entitled to dictate their own criteria of value to the whole globe?

But this protocol was not conceived as a lesson to the world, but as an answer to a question. In a democracy like France, what policy can be pursued to best respond to the reality of cultural needs? And it was only when it appeared that a remarkable response could be provided thanks to this Protocol designed by an artist, that this mode of action was gradually proposed and taken up in neighboring European countries … weiterlesen

2023

Simon Lehners Safe Crash

Einen sicheren Unfall, einen Safe Crash, den gibt es nicht. Unfall ist Unfall. Außer im Kino, denn da ist ja alles gestellt. Die Schauspieler am Lenkrad sind sicher, wenn es für die Kameras kracht. Und genau dies ist im linken der zwei Bilder von Simon Lehner zu sehen: Ein verunfalltes Auto, es scheint noch frisch vom Geschehenen zu qualmen, und daneben eine grinsende Figur, die sich vor dem Publikum nach gelungener Performance verneigt mit dem typischen Bühnendiener der ehrenwerten Gaukler. Rechts im Bild steht eine professionelle Kamera. Ein grünes Kreuz am Boden markiert eine Bühnenposition. Die Szene, die wir sehen, ist ein Filmset. Alles gut also.

Aber wir sehen noch mehr. Die männliche Figur, die beim Verneigen noch ihren Sprechtext in der Hand hält – was auf eine Vorprobe hindeutet, nicht den eigentlichen, finalen Dreh – ist von einem Raster aus Quadraten strukturiert, wie sie bei … weiterlesen

2023

Marco Castillo. Casa Negra

Seit 2019 lebt Marco Castillo mit seiner Familie im Exil in Mexiko. Seine neue Ausstellung thematisiert die Zensur und Repression in Kuba, die sich in den letzten Jahren verstärkt haben und sich in ihrer Ausübung und Wirkung von der Gewalt manch anderer Regime dadurch unterscheiden, dass sie – nun ja, man könnte sagen: partizipativer sind. Ausdruck einer „guten“, linken Regierung und ihrer engagierten Citoyens, deren gemeinsame innere Gewaltmaßnahmen im Ausland oft unbekannt sind.

Casa Negra, 2022

Castillos neuer Film Casa Negra (2023) zeigt eine von Fidel Castro eingeführte und seit den Sechzigerjahren übliche Praxis der kollektiven Brandmarkung von „Abweichlern“, kritischen oder sonst wie anders denkenden Menschen, die in den Augen des Regimes und mancher Mitbürgerinnen und -bürger Feinde … weiterlesen

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

2022

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

Aus einer zweijährigen Kooperation mit dem Commons Institute heraus entstand diese Publikation, die grundlegende Aspekte von Kunst und Commoning vorstellt. Zusammen mit Anne Kersten schrieb ich das Vorwort.

Erschienen in: Vera Hofmann, Johannes Euler, Linus Zurmühlen, Silke Helfrich (Hg.), Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst, Bielefeld 2022

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2022

CATPC & Renzo Martens. Balot

CATPC und Renzo Martens machen mit ihrer Ausstellung bei KOW einen nächsten Schritt in ihrer langjährigen Zusammenarbeit, die tief in koloniale Zusammenhänge und Mechaniken der Kunstwelt eindringt, um sie zu begreifen und zu verändern. Zu sehen sind sechs neue Dokumentarfilme (2022), Martens’ viel diskutierter Film White Cube (2020) und der Launch eines NFTs als neues Werkzeug der Entkolonialisierung in Form digitaler Restitution (2022).

In Lusanga, einer Palmölplantage in der Demokratischen Republik Kongo, entstand seit 2014 ein neues Ökosystem. Als Congolese Plantation Workers Art League (CATPC) haben ehemalige Plantagenarbeiter*innen eine Allianz gebildet, um sich gemeinsam ihre Kultur, ihr Land und ihre Selbstbestimmung zurückzuholen. Ihre Mittel sind die einer nachhaltigen künstlerischen und wirtschaftlichen Praxis, die kolonialer Enteignung … weiterlesen

2022

Kunst im Bürgerauftrag. Neue Auftraggeber

Einführung in das Buch der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, das 2022 umfangreichen Einblick in laufende Projekte gab.

Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, das den Zauber eines Aufbruchs in die eigene Lebenswelt trägt, erfordert Mut und Geduld. Es erfordert auch Leidenschaft. Außerdem braucht es Sachverstand und obendrein Geld, das meist schwer zu beschaffen ist. Kurz: Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, ist kompliziert. Wie also kann es sein, dass die Menschen in den Projekten der „Neuen Auftraggeber“ – Sie sehen siebzehn Beispiele in diesem Buch – es dennoch getan und dabei vieles geschafft haben, das sie sich zuvor vielleicht kaum zugetraut hätten?

Die Antwort liegt in der Methode der Neuen Auftraggeber, dem ersten Programms für zeitgenössische Kunst im Bürgerauftrag, das vor 33 Jahren in Frankreich begründet wurde. Seine … weiterlesen

2021

Nicht alle Macht geht vom Volke aus, manch Kunstwerk schon. Über Wandel und kulturelle Selbstwirksamkeit

1987 entschied die Regierung, dem im bundesdurchschnitt viel zu geringen Bildungsniveau in Bremen mit folgender Maßnahme zu begegnen: Man schickte zwei Drittel der Führungspersönlichkeiten an Schulen und Unis in Frührente und ersetzte sie durch Personal aus dem bildungsstarken Bayern, um bessere Standards einzuführen. Eine Buschzulage, wie man umgangssprachlich sagte, schuf dafür Anreize, denn niemand wäre freiwillig aus Bayern nach Bremen gegangen. Alle fanden diese Maßnahme eine gute Idee.

Undenkbar, nicht wahr? Kein Mensch wäre in der Bundesrepublik jemals auf eine solche Idee gekommen. Und in Bremen hätte man das auch nicht gut gefunden, sondern würde einen Aufschrei durch die Welt geschickt haben, der in Medienmeldungen etwa so gelautet hätte: Deutsche Regierung nimmt Bundesland Souveränität und richtet koloniale Verwaltungsstrukturen ein! … weiterlesen

2021

Sophie Gogl. Jars

Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich darf nicht! Nicht jetzt. Vielleicht morgen wieder. Ständig müssen wir aufschieben, was wir wollen würden, tun müssten, wünschen könnten. Das Handeln hat sich lange nicht mehr so angefühlt wie eine ungewisse Tätigkeit, die gerade jetzt mutmaßlich unangebracht ist und übermorgen vielleicht ebenso.

Vielleicht ist man zu Hause. Vielleicht gehen einem die Kinder auf den Geist. Vielleicht sitzt man allein in der Galerie und hat keine Ahnung, was wirklich zu planen ist. Vielleicht bekommt man auch gar keine Antworten mehr auf seine Emails, weil die Leute irgendwo verschwunden sind. Inselleben. Und im Innern beginnen die Gedanken an der gleichen Stelle hocken zu bleiben, wo sie gestern schon hockten, und man verscheucht die Spinnweben zwischen ihnen.

KOW zeigt Sophie Gogl. Ihre erste Ausstellung bei KOW, zum … weiterlesen

2021

Bin ich Künstler*in oder kann das weg? Eine Trennungsgeschichte mit politischem Ende

Man kann alles Mögliche trennen. Müll, Ehen, Spreu vom Weizen, mal ist es schwierig, mal ganz leicht, so wie das Blatt Klopapier, dass man von der Rolle reißt. Öl und Wasser trennen sich sogar zuverlässig und ganz reibungslos freiwillig.

Auf Seiten der Erkenntnistheorie (Was kann ich wissen?) formulierte George Spencer-Brown 1969 sein logisches Paradigma: „Draw a distinction!“, mach eine Unterscheidung! Er meinte damit folgendes: Immer dann, wenn wir etwas bezeichnen, entschließen wir uns dazu, dieses eine durch unsere Bezeichnung von allem anderen zu trennen. In der täglichen Praxis geschieht das meist unbewusst. Wer A sagt hat nicht B gesagt, ob aus Gewohnheit oder in voller Absicht. Wer etwas als Kunst bezeichnet, trennt das Bezeichnete von Maschinenbau, Ehe und Klopapier, und was Menschen sonst noch tun und brauchen. Aber – und das ist das Entscheidende – wir trennen nicht Kunst … weiterlesen

2020

Dierk Schmidt. Kolonnen – Hohenzollern ist jetzt ein Verb

Man tut sich schwer mit dem Thema Restitution. Die ehemalig Kolonisierten fordern, man solle ihnen die Kulturgüter zurückgeben, die während der Kolonialzeit gestohlen wurden oder auf fraglichen Wegen in deutsche Sammlungen gelangten. Die Bundesrepublik dagegen bringt vor, das alles sei nicht so einfach – und baut gar das alte Preußenschloss wieder auf, von dem aus ein Stück Kolonialgeschichte mitgeschrieben wurde, um darin eben jene Kulturgüter im Namen Humboldts künftig zu verwahren.

Und nun das. Kaum war 2013 der Grundstein für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gelegt, meldeten sich die ehemaligen Hausherren zurück, die preußischen Prinzen aus dem Stamm der Hohenzollern, und forderten ihrerseits selbst Restitution: 5.000 Stücke ehemaligen Kronguts aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 266 Gemälde, u.a. von Lucas … weiterlesen

2020

Jedem Auftrag wohnt mindestens ein Bürger inne

Das höchste Gut einer Gesellschaft ist ihre Vorstellungskraft. Denn was sie sich nicht vorstellen kann zu sein, das wird sie auch nicht werden. Was sie nicht für möglich hält, wird nicht geschehen – zumindest solange nicht, bis sich das, was vorstellbar ist, verschiebt. Gesellschaftlicher Wandel ist wesentlich eine Entwicklung der kollektiven Einbildungskraft, eine Aus- und Umgestaltung des sozialen Imaginären.

Dieses Imaginäre ist ohne die Formen und Stimmen der Kunst und Kultur nicht denkbar, mehr noch: was ist die kollektive Einbildungskraft einer Gemeinschaft von Menschen anderes, als ihre Kultur?

Die Neuen Auftraggeber sind ein Weg, am Vorstellbaren zu arbeiten und dessen Grenzen zu erweitern. Indem Bürger*innen in Dörfern und Städten Künstler*innen damit beauftragen, neue Werke zu entwickeln, die unmittelbar ein Stück ihres … weiterlesen

2020

Die Gestaltung der Nähe: Kulturwandel und Konfliktarbeit im Bürgerauftrag

Neurologisch betrachtet, lässt sich „Heimat“ als eine physiologische Veränderung im Gehirn beschreiben, die durch wiederholte Reizeinwirkung entsteht. Kurz: Heimat ist neuronale Prägung. Synaptische Loops der eintrainierten Wiederkennung von Bekanntem. Wie alles im Gehirn ist diese Prägung nicht in Stein gemeißelt, sondern bleibt beweglich, dynamisch, gestaltbar. Das allein sollte genügen, um jede inhaltliche Fixierung und Essenzialisierung des Heimatbegriffs zurückzuweisen.

Das gilt auch für den Begriff der Identität. Gleichzeitig zeigt sich, dass Heimaten und die mit ihnen verknüpften Lebenswirklichkeiten aus der Interaktion mit einer Umwelt bestehen, die sich ihrerseits ständig wandelt. So sind Heimaten einerseits immer von Gestern, Spuren der Erinnerung, und andererseits Gegenstand einer fortwährenden Transformation, die in die Zukunft weist. … weiterlesen

2020

Willst du eine Zukunft? Ein Protokoll für neue kulturelle Gemeingüter

Dass wir dringend gute Lösungen für plantare Probleme brauchen, weiß heute jeder. Doch dann klingt es immer etwas anrüchig, wenn irgendwer behauptet, er kenne eine wirklich gute Lösung für ein planetares Problem. Man gerät schnell in Verdacht, anmaßend oder, wahrscheinlicher noch, ein Populist zu sein. Deshalb habe ich mich heute morgen gefreut, als ich ein Interview mit Judith Butler im New Yorker las, in dem sie sagt: Sometimes you have to imagine in a radical way that makes you seem a little crazy, that puts you in an embarrassing light, in order to open up a possibility that others have already closed down with their knowing realism. I’m prepared to be mocked and dismissed[1]. Auf geht’s also. Denn ich werde sicherlich etwas lächerlich aussehen, wenn ich sage, dass mir zumindest eine gute Idee für planetare Probleme einfällt. Es ist nicht meine Idee. Aber ich finde sie gut. … weiterlesen

2019 ff.

Der letzte Tag des Jahres

Die folgenden Leseproben aus dem 260-seitigen Manuskript veröffentliche ich hier zum Einblick in den noch nicht publizierten Text.

Leseproben

Seite 3 ff.

Maria Magdalena starb am letzten Tag des Jahres. Wir kannten und drei Tage und fünf Abende lang, ehe uns eine Welle in den Atlantik riss. Maria ertrank, ich nicht. Das ist jetzt fünf Tage her. Heute morgen rief meine Mutter an, in ihrer Lokalzeitung habe es gestanden. Eine der radikalsten Theatermacherinnen des Landes sei viel zu früh verstorben. Da habe auch gestanden, ein Mann hätte noch versucht, die Frau zu retten. Ob das stimme, fragte sie. Das stimmt nicht, wie nun auch meine Mutter weiß. Ich habe nicht versucht, dich zu retten. Dazu war keine Zeit. … weiterlesen

2019

Leon Ferrari. Toasted Angels, Sounds of Steel

Das Weiße Haus ist bewohnt von Regenwürmern. Sie kriechen durchs Oval Office, in die privaten Gemächer, hängen von dem Fahnenmast auf dem Dach, schmieren ihren Schleim auf die amerikanische Flagge. Das Video Casa Blanca von 2005 ist der Auftakt unserer Ausstellung. Wird hier ein stolzes Symbol geschändet? Eine Ikone beschmiert? Was hatte León Ferrari im Sinn? Blasphemie?

Ferrari tat, was er konnte. Was er nicht konnte, tat er nicht. Das klingt banaler, als es ist. Denn was Ferrari tat, war eng verbunden mit den politischen Entwicklungen seit den 1950er Jahren, für die er zum je gegebenen Zeitpunkt seine Sprache fand, mit den Mitteln, die er hatte. Eine Sprache – mehrere Sprachen –, die vom Privaten ins Öffentliche drangen, um von Krieg und Diktatur, von Drangsalierung, und von Freiheit zu erzählen. Ferraris künstlerische Laufbahn begann … weiterlesen

2019

Citizens Commissioning Art: An innovative social and cultural policy practice

The New Patrons program has initiated an unprecedented social practice. In the past three decades, this practice has renewed civic collaboration and responsibility throughout Europe and beyond. It has suggested to society a new methodology to respond to the cultural needs of various communities in a wide range of settings and in broadly diverse artistic and scientific formats.

Art and democracy have one thing in common: their modes of action and representation need to be conceived and practiced afresh every day. Nothing about them can be taken for granted, and only society itself can be the legitimate protagonist of this process of continual historic creation. And yet there is a vitally important sector in which society, as a community of individuals, has very limited say: the commissioning of common cultural goods. Thirty years ago, the New … weiterlesen

2018

Alice Creischer. His Master’s Voice

Alice Creischers Ausstellung ist ein Stück deutscher Gegenwart. Und dabei auch ein Stück politischer und künstlerischer Kontinuität. Im Untergeschoss der Galerie stottern die Werke sich durch gesellschaftliche Entwicklungen während der letzten dreißig und mehr Jahre, die so häufig kritisch beschrieben wurden, dass man heute kaum noch weiß, wie man wieder, und weiter, und noch einmal darüber sprechen kann, während der scheinbar unaufhaltsame politische Klimawandel dem kritischen Denken immer wieder, und noch einmal, die Sprache verschlägt. Kann doch alles nicht wahr sein. Ist es aber. Und es zeigt sich ungeschminkt.

Creischers Ausstellung ist ein Kopfschütteln über die eigene deutsche Geschichte und wohl auch über das permanente Nachdenken darüber. Im Krieg gegen die Franzosen brachten sich die Deutschen endlich unter eine Krone. 1871 gründeten sie … weiterlesen

2017

Ekstase der Zerstörung. Michael E. Smiths „And Babies“

Fünfzehn tote Kugelfische, sechs LED-Leuchten, ein schwarzer Pullover, eine Kehrschaufel und der rote Schnabel eines Storches: Mit diesem Inventar hat Michael E. Smith im Neuen Museum Nürnberg einen Raum eingerichtet. Die Atmosphäre ist schlicht und still, das Licht ist ausgeschaltet. Doch allmählich ordnet sich dieser Raum zu einem erschreckenden Bild, verformt sich zu einem Mahnmal der Gewalt, ja der Verheerungen menschlicher Vernunft.

Panik

Entlang des strengen Rasters der Bodenplatten sind die fünfzehn präparierten Fischkadaver gleichmäßig hintereinander gereiht. Wie an einer Perlenkette, die den Museumssaal durchzieht. Kugelfische gelten als ebenso zierlich wie gefährlich. Aber hier liegen sie als harmlose Präparate am Boden, die zur Selbstverteidigung ein letztes Mal ihre leeren Hüllen zu … weiterlesen

2017

Heinrich Dunst. Things, Not Words

Da kratzt etwas am Fundament. Schwärme von Denkern untergraben derzeit ein Weltbild, in dessen Mitte der Menschen sitzt. Was Sloterdijk einmal polemisch als die absteigende Entwicklungslinie vom Gott zum Menschen und vom Menschen zum Schlumpf bezeichnet hat, könnte man als eine Reihe narzisstischer Kränkungen des abendländischen Subjekts beschreiben: Kopernikus zerbrach die Illusion, das Universum kreise um die Erde; Kant machte Schluss mit dem Glauben, Erkenntnis sei mehr als das, was sich in unserem Kopf abspielt; Freud zeigte, dass wir selbst in unserem eigenen Kopf nicht Herr im Haus sind. Und nun sagt man uns, dass wir den Unterschied zwischen dem Menschen und einer Kaffeemaschine maßlos überschätzt haben. Lange galt die soziale Welt als eine von Subjekten bewohnte und die Realität als das, was diese Subjekte – vor allem sprachlich – als solche begreifen. Doch nun wankt dieser … weiterlesen

2017

On the Possibility of Light. Chto Delat

Mehr Licht! Baut mehr Leuchttürme! Trinkt Phosphor! Etwas muss den Autokraten und Neofeudalisten, die in den USA, der Türkei, Polen, England und anderen Ländern das Licht ausmachen, entgegenscheinen. Aber was? Was ist zu tun? Chto Delat?!

Seit 14 Jahren trägt das Kollektiv aus Moskauer und Sankt Petersburger Künstlern, Intellektuellen und Aktivisten diese Frage programmatisch in seinem Namen. Doch 2014 wusste die Gruppe keine Antwort mehr darauf – in ihrer AUSSTELLUNG BEI KOW begrub sie ihre Hoffnungen, dem Ukrainekrieg und Putins Neonationalismus ließe sich noch künstlerisch-kritisch begegnen, versiegelte sie in einer Zeitkapsel und schickte sie in eine unbekannte Zukunft. Es war ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und Marginalität. Der Schock, der jetzt den Westen erreicht hat, saß den Russen also schon länger in den Knochen. Sie haben ihn verarbeitet und kommen nun zurück nach … weiterlesen

2020

Die Schokoladenskulpturen von CATPC

Die Plastiken des Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (CATPC) erstaunten das deutsche und internationale Publikum, als sie im Mai 2015 in Berlin bei KOW zu sehen waren. Die formale und erzählerische Ausdrucksstärke der sieben präsentierten Werke von Mathieu Kasiama, Mbuku Kimpala, Thomas Leba, Jérémie Mabiala, Daniel Manenga, Emery Muhumba und Cedrick Tamasala schien professionellen Beobachtern wie privaten Liebhaberinnen offensichtlich, während die technische Herstellung der Plastiken und ihre ökonomische und konzeptionelle Verknüpfung mit den Aktivitäten des Institut für Human Activity, IHA, und mit der künstlerischen Praxis Renzo Martens Fragen aufwarf, von denen ich hier einige beantworten will.

Um die in Schokolade gegossenen Büsten und Statuen korrekt beschreiben und verstehen zu können, muss ihre Herkunft aus … weiterlesen

2016

Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen / Deutschland. Mario Pfeifer

Leider ist das alles nicht so einfach. Rechts-, Mitte-, Links-Populismus, post-faktisches Zeitalter, gespaltene und manipulierte Gesellschaften – das fühlt sich an wie eine apokalyptische Abwärtsspirale, doch apokalyptische Gefühlslagen helfen nicht. Spaltung hilft nicht. Fakt ist: Was heute manche erschüttert, macht andere heiter und mutig. Wo aufkommende Regierungsformen bei den einen Fluchtinstinkte wecken, sehen sich andere endlich repräsentiert. Wo elaborierter Kritik der Sauerstoff ausgeht, kommen ungehörte Stimmen zu neuem Volumen. Doch verarscht fühlen sich am Ende vielleicht alle. Rechtsruck? Linker Widerstand? Rationalität der Mitte? Verfangen in alten Politik- und Glaubenssystemen, zünden Leute quer durch die mentalen Spektren Konfliktlinien im Gemeinsinn an, die antagonistische Dämonen beschwören.

Mario Pfeifer ist einen anderen Weg gegangen. Er hat neun … weiterlesen

2016

Solidarische Mobilmachung. Kunst, Vokabularpolitik und Resolidarisierung NACH Richard Rorty

Kontingenz, Ironie und Solidarität, dieses Buch von Richard Rorty, erschienen 1989, ist seit fast 20 Jahren die wichtigste Quelle für mein Denken über die soziale Funktion der Kunst. Und seit fast 20 Jahren wundere ich mich, wieso dieses Buch in der Kunstwelt so wenig gelesen wird.1 Denn es hilft uns ein großes Stück weiter, die Frage in ein sinnvolles Licht zu rücken, warum und wie die Kunst an der Gestaltung sozialer Wirklichkeit beteiligt ist. In Diskussionen über das Politische der Kunst, über ihre gesellschaftliche Relevanz und ihren gesellschaftlichen Auftrag, falle ich immer wieder auf Rorty zurück. Oft kopfschüttelnd, weil mir nicht einleuchtet, warum diese Diskussionen noch einmal um Probleme kreisen, die man nach Rorty nicht mehr haben muss und nicht mehr haben sollte. Ich werde Rortys Position rekapitulieren um vorzuschlagen, dass nach ihm über Kunst zu sprechen bedeutet … weiterlesen

2016

Die Sammlung „Der Schrank“ von Ramon Haze

Es ist eine der herausragenden Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts – vielleicht die Einzige. Von Marcel Duchamp über Andreas Baader bis zu Jeff Koons umspannt sie fast 100 Jahre einer Kulturepoche, die uns fremd geworden ist. Die 154 Sammlungsstücke geben Einblick in die Ding- und Begriffswelt einer Ära, in der sich einst Gefühle und Gedanken, Wissen und Visionen in Formen ausdrückten: in künstlerischen Objekten und Bildwerken, die kollektiv betrachtet und bewertet wurden.

Heute indes braucht es archäologischen Feinsinn um nachvollziehen zu können, wie es möglich war, dass manche Gegenstände Bedeutung als Kunstwerke erlangten und andere nicht. Und so ist die Ausstellung bei KOW vor allem eine Würdigung des Lebenswerks von Ramon Haze, der die Exponate dieser Kollektion zusammentrug und ihren verschollenen Sinn rekonstruierte. … weiterlesen

2016

Hiwa K. This Lemon Tases of Apple

Zitronen werden herumgereicht. Ihr Saft lindert das Brennen in den Atemwegen. Es ist der 17. April 2011, letzter Tag des öffentlichen Aufruhrs vor Niederschlagung des Irakischen Frühlings, der in den internationalen Medien kaum Erwähnung fand. Inmitten der von Tränengas durchsetzten Proteste zwei Musikanten: Hiwa K an der Mundharmonika, Daroon Othman an der Gitarre.

Sie spielen die Filmmusik von "Once Upon a Time in the West" ("Spiel mir das Lied vom Tod"), jene alarmierende Melodie aus zwei diskordanten Tönen, die auf den Straßen von Sulaimany, Kurdistan, jeder kennt. Sie trägt die enttäuschten Hoffnungen vieler Jahre auf die Straße und treibt den Marsch der Demonstranten mit einer düsteren, einigenden Kraft voran. Während Hiwa Ks Spiel auf der Mundharmonika mischt sich das Tränengas in seinen Atem; im Körper des Performers fallen … weiterlesen

2015

Mario Pfeifer. Approximation in the Digital Age to a Humanity Condemned to Disappear

Am Ende der Welt läuft Techno. Tintenfische drehen sich im Stroboskoplicht, die Meeresspinnenindustrie tickt wie ein Schweizer Uhrwerk und echte Männer gelten was, wenn ihnen der Fang in die Reuse geht. Der Sonnenaufgang ist in Patagonien so atemberaubend wie in der Panoramabar im Berghain.

Satte Farben, gut getaktete Schnitte und Übergänge, packende Rhythmen: Mario Pfeifers "Approximation" trifft als dreiteilige Videoinstallation den ästhetischen Zeitgeist mit fulminanten Bildern in hochauflösender 4-K-Technologie. Sie entstanden am Ende der Erdscheibe, da wo Menschen manchmal über den Rand fallen und im Nirgendwo verschwinden. Diesmal sind es Feuerlandindianer, die es vielleicht noch gibt, vielleicht auch schon nicht mehr. Pfeifer hat sie gefilmt – hat er? Was auf drei Projektionen im Untergeschoss von KOW zu sehen ist, ist keine Dokumentation, sondern eine Betrachtungsweise. … weiterlesen

2015

Candice Breitz. Love Story

“Alec, you’re famous! People will listen to you,” says Alec Baldwin to himself, a few moments before sharing the details of his arrest in Cairo, his journey to Italy on a desperately overcrowded fishing boat, and his eventual arrival in the unfamiliar city of Berlin on a rainy day in September 2015. Cut. Julianne Moore briefly fixes her hair. And then recounts the brutal attack that she and her children survived back home, shattering what had been a comfortable life in the Democratic Republic of the Congo, and leaving her with no choice but to smuggle herself and her children – via an endless journey in the back of a windowless truck – towards an uncertain future in an unknown country. In our first encounter with Love Story, Moore and Baldwin address us via a large projection, to speak of past anguish and hope for the future, of forced migration and loss, but also of the comfort of … weiterlesen

2016

Gestures of Disappearance, Once More. Looking Back on a Prologue, its Melancholy, and its Method

A broken love means most to the one who walks away from it – because the leaver is so profoundly invested in the connection that he or she tries to influence and mold it until the very end. Severing the ties to another human being gives that bond a final form. Breaking up as the last gesture of a love? I’m not sure how much there is to this logic. But it rings true of many artists who broke up with art. Only an artist who is deeply in love with her art can be wracked by such passionate doubts about it even to the point of despair that she finds serious motives to leave it behind or at least put her reservations into practice. This was the point of departure for Gestures of Disappearance.

To contemporary readers, “in love with art” may sound like a romantic cliché, but what the four artists in this exhibition have in common is a core drive that is quintessentially … weiterlesen

2015

Hito Steyerl. Left to Our Own Devices

Hito Steyerls erste Galerieausstellung in Deutschland – wir zeigen fünf Videoinstallationen aus den Jahren 2012 bis 2015 – ist in das Licht eines Bruce Lee-Zitates getaucht: „Be water, my friend!“. In A Warrior‘s Journey rät der Kung-Fu-Meister einem Gefährten, der in den Kampf zieht, so gestaltlos zu sein wie Wasser, dass sich blitzschnell neuen Situationen anpassen und jede Form annehmen kann. „Be formless, shapeless, like water!“.

Es ist eine Formel fürs Überleben im Angesicht einer Übermacht. Eine Losung, die im Handbuch jeder Guerilla-, Hacker- und Aktivistenbewegung stehen könnte – aber auch in den Handbüchern für Abhörprogramme, Finanzmarktprodukte und hybride Kriegsführung. Überall da, wo es von Vorteil ist, seine Position im nu in eine andere zu konvertieren. Bruce Lees Aufruf zum Einschmelzen aller angreifbaren Eigenschaften findet … weiterlesen

2014

Eugenio Dittborn. Pinturas Aeropostales

In den letzten Wochen erreichten uns knapp 50 Briefe aus Santiago de Chile. Ihr Inhalt: Rund 150 Quadratmeter Stoff, zusammengefaltet für den Versand in FedEx-Umschlägen. Es sind die Einzelteile von zwölf Werken Eugenio Dittborns aus der Zeit von 1986 bis 2014. Pinturas Aeropostales – Airmail Paintings.

Bilder, die entstanden, um von Chile aus per Luftpost um die Welt zu reisen und nun bei uns Station zu machen. Malerei, Siebdruck und Textilcollagen auf je drei Quadratmeter großen Baumwoll-, Filz- und manchmal auch Papierbahnen, die wir aus den Umschlägen ziehen, entfalten und auf unseren Wänden zusammenfügen. Es wird ein monographischer Überblick über das Werk des 1943 geborenen Chilenen, sein erster Solo-Auftritt in einer europäischen Galerie.

Dauernd sind zahllose Bilder unterwegs um den Globus, ob … weiterlesen

2013

Abstraktion aus Notwehr. Santiago Sierras solidarische Grausamkeit

Lange war Abstraktion in der Kunst vor allem eine Geschichte des ästhetischen Essentialismus: des Glaubens, eine bestimmte Systematik der Formen müsse in der Lage sein, das Wesen der Dinge und ihrer Erscheinungen so grundsätzlich zu erfassen und bildnerisch anzuordnen, dass sich etwas Allgemeines, etwas Wahres, etwas Letztes darüber würde sagen lassen. Etwas, das sich aus dem Hier und Jetzt einer konkreten Lebenswelt erhebt.

Diesen Glauben hat Richard Rorty mit Blick auf die Verwendung sprachlicher Zeichen als die Suche des (v.a. westlichen) Denkens nach „abschließenden Vokabularen“ bezeichnet.[1] Der amerikanische Pragmatist verstand darunter die Sehnsucht nach zeitlosen Formeln der Erkenntnis, die Hoffnung auf letzte Gewissheit. Santiago Sierra und Richard Rorty ist gemeinsam, dass sie diese Hoffnung aufgaben, dieses … weiterlesen

2013

Wels statt Buddha. Michael E. Smiths Materialismus der Grundbedürfnisse

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Ein fast leerer Ausstellungsraum ohne eigenes Licht und ohne eigentliche Verwendung. Dass darin etwas »gezeigt« wird, kann man nicht wirklich behaupten. Flüchtig nehmen wir zwei beleuchtete Plastikwannen wahr und gehen einen Raum weiter. Einen Moment später sagt mein Kollege Nikolaus: »Irgendetwas fühlte sich da drinnen nicht gut an.« Also gehen wir noch einmal zurück. Das Gefühl, das Nikolaus meinte, rührte von einem atmosphärischen Nullpunkt her, so als hätte jemand den Stecker herausgezogen und alle Lebensfunktionen des Ortes abgestellt. Und die wenigen Dinge, die sich ausmachen ließen, schienen sich an die Ränder des Saales zu drücken und dort mit sich allein zu bleiben. Als wir sie schließlich eine Weile lang genauer ansehen, fällt zwischen uns ein Satz, der uns seither begleitet: »Hier zeigt jemand die verwundete Seele … weiterlesen

2013

Zehn Schöne Inseln. Die Binnengrenzen des Kunstfeldes – Ein Beschreibungsmodell

Dabei ziehen, verschieben und schleifen sie Grenzen zwischen einander und bringen so hervor, was Pierre Bourdieu soziale Felder nannte: Austragungsorte von Kämpfen, in denen um Einfluß auf gesellschaftliche Interessensobjekte gerungen wird. Von Arena zu Arena, von Feld zu Feld, sind die Spielregeln der Auseinandersetzung verschieden, ebenso der Glaube der Beteiligten an den Wert der Objekte, um die sie konkurrieren, und der Kapitalien, die sie dabei gegeneinander ausspielen. Neue soziale Felder entstehen durch Spezialisierung und Arbeitsteilung der Akteure eines bereits bestehenden Feldes, durch Diversifizierung von Interessensgegenständen oder durch Verschiebungen in der Kapitalstruktur. Sie begründen neue Spiele, neue Wertsphären, neue Konkurrentenkonstellationen. Haben die innere Ökonomie eines Feldes, seine Funktionsweise und die gemeinsamen Glaubensgrundsätze seiner Akteure eine … weiterlesen

2013

Besser draußen als drinnen? Eine Frage der Reform

Die Besten sind vielleicht schon weg. Ich meine: gegangen. Vielleicht stehen die, die gar keine Kompromisse machen wollten zwischen dem gesellschaftlichen Anspruch ihrer Kunst und der Notwendigkeit, diesen Anspruch dann auch zu Markte tragen zu müssen, überhaupt nicht mehr auf der Bühne: stellen nicht mehr aus, produzieren nicht, verkaufen nicht – sind raus. Betraten einige der besten Künstlerinnen und Künstler unserer Epoche womöglich das große Kunstparkett gar nicht erst, weil sie mit einem institutionellen und wirtschaftlichen Betrieb, an dem sie ihre Zweifel hatten, nicht kooperieren wollten? Ziemlich sicher hätten wir dann nie von ihnen gehört – und wahrscheinlich ein Stück vom Besten verpasst.

Tatsächlich gibt es solche Aussteigerinnen und Aussteiger aus der Kunst reichlich. Ich habe einige Jahre ihre Biografien und Motive studiert1, dabei zeigt sich vor allem eines … weiterlesen

2013

Dignity. Barbara Hammer

Das Lebenswerk der 1939 in Hollywood geborenen Experimentalfilmerin, Dokumentaristin und bildenden Künstlerin Barbara Hammer hat die Geschichte des Queer Cinema mitgeschrieben. Seit 1968 hat die erste lesbische Filmaktivistin über 80 Produktionen mit dezidiert feministischer Perspektive vorgelegt.

Zeigte unsere erste Ausstellung von Barbara Hammer 2011 vor allem ihren Beitrag zur (Selbst-)Repräsentation lesbischer Liebe und Sexualität in den Siebzigerjahren, konzentrieren wir uns nun auf einen Parallelstrang ihres Schaffens seit Mitte der Achtzigerjahre: Die Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod.

Im Zentrum der gemeinsam mit der Künstlerin entwickelten Ausstellung steht „Sanctus“ (1990). Hammer verwendet Röntgenfilmaufnahmen, die Dr. James Sibley Watson in den Fünfzigerjahren herstellte, indem er Körper in Bewegungen … weiterlesen

2012

Tobias Zielony. Manitoba

Von 1874 bis 1996 führte der kanadische Staat mit kirchlicher Unterstützung sogenannte Residential Schools – Internate zur Umerziehung der kanadischen Ureinwohner. Rund 250.000 Kinder wurden in dieser Zeit gewaltsam aus ihren Familien gerissen, von der indigenen Kultur abgeschnitten und zu „guten Christen“ umerzogen.

Man verbot ihnen die Muttersprachen, sexueller Missbrauch und Zwangssterilisation waren üblich, mehr als 50.000 Kinder starben. Jüngste Funde von Kindermassengräbern wurden nicht oder nur zaghaft untersucht. Zwar entschuldigten sich die kanadische Regierung 2008 und der Vatikan 2009 für das Umerziehungsprogramm, den systematischen Genozid an der indigenen Bevölkerung – u.a. durch tödliche Impfprogramme – leugnen sie aber.

Die Jugendlichen, die Tobias Zielony seit 2008 in der … weiterlesen

2011

Schmutz, der die Sonne fängt. Chris Martins sozialer Horizont einer spirituellen Abstraktion

Malerei und Buddhismus sind gute Kumpel. Wenn sie durch New Yorker Galerien und Kneipen ziehen, sinniert Malerei regelmäßig über den Unterschied zwischen guten und schlechten Bildern – und Buddhismus entgegnet mit alten tibetischen Weisheiten, an denen Malereis Ambitionen abperlen wie der Regen an den Ölflecken auf dem Asphalt. Dreck knirscht unter ihren Schuhen, wenn Chris Martin Malerei und Buddhismus durch die Straßen von Chelsea schickt. Und während die beiden in seinem Artikel „Buddhism, Landscape and the absolute Truth about Abstract Painting“ für die Zeitschrift Brooklyn Rail launig über das Wesen der Kunst streiten, mischen sich ihre Alkoholfahnen unter den fauligen, süßlichen Geruch des nächtlichen Manhattan.

Malerei und Buddhismus – ebenso wie Abstraktion und Spiritualität – erscheinen in Martins Artikel und auch in seinem Werk als ein altes Freundespaar, das unrasiert und leicht zerzaust vor den preziösen Oberflächen der Farbfeldmalerei und dem esoterischen Raunen des New Age in die nächste Bar flüchtet, um dort den postmodernen Chic der letzten Vernissageparty mit ein paar Bieren runterzuspülen. Martin ist kein Ironiker. Aber die doppelte Isolationshaft einer spirituellen Kunst in den heiligen Hallen des White Cube einerseits und in weichgespülter Lotus-Esoterik anderseits ist nicht seine Sache. Sicher, er stellt sich in eine Linie mit dem spirituellen Zweig innerhalb der modernen Abstraktion, der sich mit Künstlern wie Paul Klee, Piet Mondrian, Barnett Newman und vielen anderen bis hin zu Helmut Federle museal kanonisiert findet. Doch je weiter sein Werk reicht, desto weiter greift es über diesen Kanon hinaus, ja: zieht ihn hinüber in ganz andere soziale Zusammenhänge, die hier zu erörtern sind.

„Malerei ist der Schmutz, der die Sonne fängt“, schreibt Martin und sucht die Ästhetik des Erhabenen im Dies­seits, im Alltag, in der Populärkultur und in seiner Nachbarschaft an der Graham Avenue in Brooklyn, wo er 1984 sein Atelier bezog. In den umliegenden Straßenzügen hängt er seit 2000 immer wieder Leinwände an Häuserfassaden, wo er sie wochenlang belässt. 2003 malt er wandfüllende Gemälde für die Galapagos-Bar und stimmt sie auf das nächtliche Schwarzlicht ab. Für ein Ausstellungsplakat nimmt er 2004 am Ufer des East River ein Foto auf, auf dem sich 50 Freunde um den Künstler und vier seiner großformatigen Bilder versammeln wie eine Hippie-Community beim Straßenfest. Besonders große Leinwände malt er auf dem Dach seines Ateliers oder draußen auf der Wiese, wo Hühner über die frische Farbe laufen und der Regen manches Bild wieder aus­wäscht, ehe es trocknet. „Es ist eh alles nichtig“, hört man Buddhismus sagen, „warum also aufräumen?“

Woher kommt dieser Gestus, der auf den ersten Blick etwas kokett entspannt erscheint, etwas idiosynkratisch, eklektizistisch und im ganzen Wortsinn: romantisch? Worauf will Martin hinaus? Was bietet er an, das unsere Aufmerksamkeit und eventuell unsere Zustimmung lohnt? Was fügt seine Malerei der Kunstgeschichte hinzu, so dass ihr darin ein Platz zustünde? Warum malt er Pilze? Und was haben die mit Buddhismus zu tun? Eine erste, schnelle Antwort: Chris Martin baut freizügig Brücken zwischen Kulturen, die ihre friedliche Koexistenz im Alltag vieler Menschen längst bewiesen haben, aber wie Öl und Wasser auf all jene Leute wirken, die ihr Leben und die Welt (und die Kunst) gerne systematisch hätten – eingeteilt in Kompartimente, die ihnen versichern, dass jedes Ding an einen rechten Platz gehört. Und er baut diese Brücken ausgerechnet von einem alten, geweihten Hochplateau westlicher Kultiviertheit aus, der Abstraktion, die den Vereinigten Staaten so lange als Signatur ihrer rationalen und spirituellen Überlegenheit gegenüber anderen Lebensweisen und Ideologien gedient hat.

Manchen US-amerikanischen Identitäten mag er damit keinen Dienst tun. So erklärt sich, dass er am ästhe­tischen Kanon des (kunst)politischen Mainstream bislang vorbeilief. Dabei hat Martins Werk es wie nur wenige verstanden, eine der großen ideologischen Errungenschaften der US-Geschichte für die Gegenwart weiterzuden­ken: Dass nämlich die Solidarität eines Menschen gegenüber seinem Gemeinwesen unabhängig davon ist, welche re­ligiösen Gefühle er hat. Dass diese Unterscheidung heute vielfach annulliert wird, lässt Martins Werk auch politisch um so relevanter erscheinen.

HERE, 1995-1996

20 Jahre lang, ab 1992, arbeitete Chris Martin als Kunsttherapeut mit HIV-infizierten, meist jungen Patienten. In der Reihe der „Death Paintings“ spiegelt sich ihr Sterben. „Here“ kann als Schlüsselwerk dieser Reihe gelten. Auf einem zwölf Quadratmeter großen, monochrom schwarzen Fond steht mittig die Zeichnung eines geome­trischen Kubus, der auf einer Horizontlinie ruht und den Blick wie eine Fensterlaibung in die Tiefe führt. Programmatisch setzt Martin die Zentralperspektive ein, Inbegriff der humanistischen Wende in der europäischen Renaissance. Aber die fliehenden Linien in Martins Bild öffnen kein Fenster zu einer gottge­wollten und von Menschen bewohnten Welt. Sie zeichnen einen Binnenraum mitten im Nichts, ein Portal in die Leere. „Here“ markiert einen imaginären Raum auf der Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits, eine schmale Zone zwischen uns und dem Tod. „Here“ meint einen spirituellen Ort.

Aber wo genau liegt dieser Ort? In der Antwort auf diese Frage zeigt sich Martins inhaltliche Abkehr von der Farbfeldmalerei, der sein Bildkonzept auf den ersten Blick doch zu ähneln scheint – und damit von einem ästhetischen Leitparadigma der westlichen Nachkriegsmoderne. Auch in der Verwendung der fest in der christlichen Bildkultur verankerten Zentralperspektive zeigt sich diese Abkehr. Mark Rothko und Barnett Newman, zwei Hauptvertreter des „Colour Field Painting“, sahen die Versenkung des Blicks in einen Farbraum der Malerei, der den perspe­ktivischen Raum überwand, als Tor zu einer transzendentalen Erfahrung, die jüdischer Kultur näherstand. Die subtilen Farbtiefen Rothkos und die streng monochromen Flächen Newmans sollten das Subjekt, seine Existenz im Hier und Jetzt vor der Leinwand, unmittelbar entgrenzen – auch eine Reaktion der Künstler auf das Trauma des Holocaust. Dazu war es erforderlich, jede Anhaftung an die Gegebenheiten der Lebenswelt aus den Bildern zu tilgen. Martin, der die Kritik der Pop Art am ästhetischen Reinheitsgebot der Abstraktion quasi schon in die Wiege gelegt bekam, begrüßt dagegen geradezu den profanen, ja lapidaren Charakter seiner Leinwand und malt sie mit schnellen, groben Pinselstrichen buchstäblich zu. Er suggeriert keinerlei exklusive Erfahrungsdimension, die seine Bildoberflächen aufgr­und irgendeiner subtilen Materialität Alltagsobjekten voraushätten, und muss anders als Rothko und Newman auch nicht die „Neutralität“ des White Cube voraussetzen. Martins Bilder sind, wie ein Kommentator schrieb, „as daily as breakfast“, so alltäglich wie das Frühstück. Dass er Jahre nach „Here“ einige Leinwände vollflächig mit Toastbroten oder Kopfkissen bedeckt, überrascht also nicht.

Und die Horizontlinie, die Martin unterhalb der Mittelachse zieht? Sie gliedert die Leinwand in Oben und Unten und sug­geriert so eine Landschaft. In anderen „Death Paintings“ finden sich zudem Sterne ins obere Bilddrittel gemalt und verstärken die Anmutung eines Nachtstücks. Tatsächlich ziehen sich nächtliche Landschaften wie ein roter Faden durch Martins Werk. So in einem Hauptwerk der Achtzigerjahre, „John Bill Haynes‘ Haus“. Auch hier finden sich das Fenstermotiv und der Blick ins Dunkel. Ein Textband durchzieht die Kom­position und nennt schriftlich einen konkreten Ort und Zeipunkt für das Gemälde, so wie es noch viele weitere tun werden. Und bald nach „Here“ entstehen besonders großformatige Bilder wie „Lake“ (2000): Ein nächtliches Bad in einem See, die Horizontlinie ist weit oberhalb der Bildmitte gerückt, der bildinterne Be­trachterstandpunkt liegt nahe der Wasseroberfläche. Der aufgehende Mond und einzelne Sterne spiegeln sich rhythmisch in den Wellen. Die stille, erhabene Größe dieser Naturerfahrung überträgt sich auf die Betrachter vor der fast elf Meter langen Leinwand. Komposition und Farbgebung des Bildes – die in den „Death Paintings“ noch als primär konzeptionelle, grafische Reduktion erschien – deckt sich nun mit dem Natureindruck. Martin nähert sich in seiner Formensprache der indigenen Volkskunst, während er thematisch die „Spiritual Landscapes“ der in Europa noch immer wenig bekannten US-amerikanischen Romantik aufgreift. „Lake“ ist tief verwurzelt in der Erfahrung der nordamerikanischen Landschaft und in den Traditionen ihrer Darstellung.

Mit „Spiritual Landscapes“ aber ist ein Stichwort gefallen, das die Frage nach dem spirituellen Ort in Martins Werk fürs Erste abschließt. „Here“ ist kein Ort der Entgrenzung des Subjekts in reiner Abstraktion. „Here“ beginnt hier, buch­stäblich, in der Erfahrung und im Standpunkt eines Körpers im Raum, gebunden an einen Zeitpunkt und an eine geografische Topografie, die im Werkverlauf zunehmend eine soziale Topografie werden wird. „Here“ ist ein meditativer Zustand mit offenen Augen, den Horizont – und im Falle der „Death Paintings“ auch den Tod – fest im Blick. Ethisch-religiöse Konzepte, von denen die Geschichte der Abstraktion so viele gesehen hat, braucht es dazu nicht. Allein dafür ist Chris Martin schon zu danken: dass er gegenüber jeglichen religiösen Vorstellungen unempfindlich bleibt und dennoch – beziehungsweise: gerade deshalb – in der Lage ist, verschiedenste spiri­tuelle Traditionslinien positiv eklektizistisch in seine Malerei zu integrieren. Wer an religiösen Vorstellungen und an ihrer Institutionalisierung spiritueller Erfahrung festhalten will, wird an Martins Bildern wenig Freude haben. Wer hingegen die Säkularisierung der modernen Welt begrüßt und dennoch anerkennt, dass sie dem spirituel­len Bedürfnis vieler Menschen kaum andere Alternativen als den kapitalistischen Wert- und Warenfetischismus angeboten hat, wird Martins Position bedenken.

STARING INTO THE SUN, 2002

Zwei Indienreisen, 1983 und 2002, haben Chris Martins Malerei entscheidend geprägt. 2002 entsteht eine größere Gruppe von Bildern, die eine Wende im Werk darstellen. Martin arbeitet nun mit klaren, teils grellen Tönen und Farbkontrasten und findet zu stabilen, mächtigen Kompositionen. Titel wie „Ganges Sunrise“, „Sun­rise Asi Ghat Varanasi“, „High Noon at Manikarnika Ghat“ und „Staring Into The Sun“ deuten auf deren Motive. Varanasi (Bengasi), die Stadt des Gottes Shiva, gilt als wichtigstes Heiligtum des Hinduismus. Täglich kommen rund eine Million Menschen und drängen zu den „Ghats“, den Krematorien an den Uferterrassen des Ganges. Wessen Leichnam hier verbrannt wird, dem bleibt die Wiedergeburt erspart, sagen die Hindus und übergeben die Asche der Verstorbenen dem Fluss. Erneut ist der Tod das Kernthema der Werkgruppe. Und wieder marki­eren die Bilder einen Moment an der Schwelle zwischen Werden und Vergehen. Am Anbruch eines neuen Tages spiegelt sich die aufgehende Sonne in den von Asche geschwärzten Wellen an einem Ort, von dem die Menschen hoffen, er habe die Macht, sie vor der Rückkehr in ein weiteres irdisches Leben zu bewahren.

„Staring Into The Sun“ (2002) übersteigert die Reflexion des Sonnenlichts in grellem Gelb und Rotorange – ein Farbeffekt, wie er bei einem kurzen, direkten Blick hinauf zur Sonne eintritt. „Staring into the sun – that‘s what you’re supposed to never do“, sagt Chris Martin auf Anfrage und meint damit die Zer­störung der Netzhaut, die andernfalls droht. Nur der gesenkte Blick nach unten erlaubt es, die Sonne, die sich im Wasser spiegelt, indirekt zu sehen. Ein weiteres Bild gleichen Titels variiert das Thema. Drei zusammengeschobene Leinwandflächen von insgesamt zehn Metern Länge und drei Metern Breite sind in den Raum geklappt, so dass zwei Drittel des Bildes am Boden liegen und eine frontale Annäherung an die vertikale Abschlusstafel verstellen. Deren obere Bildkante besteht aus einem sonnengelben Balken (höher kann der Horizont in einem Bild nicht liegen). Darunter verlaufen über einem roten Bildgrund unterschiedlich breite, blaue Farbfelder, die sich in drei Etappen zur Bildunter- beziehungsweise Vorderkante hin verjüngen.

„Staring Into The Sun“ (2002) greift die Staffelung der Leichenzüge und der Pilgermengen auf, die sich durch die engen Gassen der Stadt zu den Krematorien drängen, wo die Scheiterhaufen stehen. Die Komposition gleicht aber auch einer schematischen Darstellung der Netzhaut, der Anordnung von Stäbchen und Zäpfchen (Rot, Blau, Grün), die das eintreffende Licht verarbeiten – oder von ihm versengt werden, wenn sie zuviel davon abbekommen. „Staring Into The Sun“ verschränkt dabei auf bemerkenswerte Weise die Physis der visuellen Wahrnehmung mit der Topografie des Manikarnika Ghat, und damit die Endlichkeit des Körpers mit der Endlichkeit des Blicks.

In einer zweiten Fassung des dreiteiligen Bildes von 2011 sind an dessen Unterkante übrigens Reproduktionen eingeklebt, u.a. ein Bild der im gleichen Jahr verstorbenen Amy Winehouse. Eine Variation des Motivs auf einer einzelnen Leinwand, „High Noon at Manikarnika Ghat“ (2002-2003), hat Chris Martin seinem Freund und Künstlerkollegen Frank Moore gewidmet. Moore war AIDS-Aktivist und entwickelte 1991 mit der Gruppe Visual AIDS die Solidaritätsschleife „Red Ribbon“. Er starb 2002. „High Noon…“ wird so zum Requiem. Die Widmung steht unten rechts.

DANCE, 2006-2008

Eingeschriebene Texte finden sich im Werk Martins seit Ende der Achtzigerjahre, meist in kurzen Satzformeln. Die erste mir bekannte Widmung eines Bildes stammt von 1996, „Homage to Alfred and Bill“ (1982-1996). Gemeint sind Alfred Jensen, einer der in Europa weniger berühmten Vertreter des Abstrakten Expres­sionismus, und der New Yorker Maler Bill Jensen. Zuvor aber scheint Martin noch mit seinen Vorbildern zu hadern, ebenso wie mit sich selbst. In einem frühen Sternbild (später wird der siebenzackige Stern eines von Martins populärsten Motiven werden) mit dem Titel „I Am Not…“ (1988-1992) grenzt er sich von Ikonen der Abstraktion ab: „I am not Hilma Af Klint“, „I am not Julian“ (Schnabel), „I am not Alfred Jensen“. Aber auch: „I am not Chris“, „I am not I“. Die Sätze stehen eingezwängt auf einem himmelblauen Grund, der sich optisch hinter einer schwarz grundierten und mit Ruhmesgold bestäubten, sternförmig aufgerissenen Leinwand öffnet. Aber das „I“ an jedem Satzbeginn bestätigt in der Bildmitte paradoxerweise und geradezu emblematisch die Autorschaft desjenigen, der sich da distanziert. Die Identität, das Ego, mag nichtig und überwindbar sein – wonach der Buddhismus strebt – die Sprecherposition eines Autors bleibt aber zunächst einmal bestehen.

Die Distanzierung von seinen Heroen verkehrt sich später ins Gegenteil. Auf „Homage to Alfred and Bill“ folgen von 1996 bis heute unzählige Inschriften, mit denen Chris Martin Künstlerkolleginnen und -kollegen aus der Malerei und vor allem aus der Musik seine Reverenz erweist. Berühmtheiten ebenso wie solchen, die neben dem Mainstream lagen und liegen. Manchmal, wie bei Frank Moore, Michael Jackson oder James Brown anlässlich ihres Todes. Besonders schön ist eine Reihe von vier kleinen Bildern, allesamt mit einem eincollagierten Pin-Up-Girl versehen, die Alfred Jensen zum Morgen und zum Abend grüßen: „Good Morning Alfred Jensen, Good Morning!“ (2007). „Good Evening Alfred Jensen, Good Evening!“ (2007).

Mit seiner Hommage-Praxis durchbricht Martin das für die zeitgenössische Kunst so typische Konkurrenz- und Innovationsdenken. Auch diesbezüglich löst er sich aus der modernistischen Doktrin. Weder Originalität noch Au­thentizität scheinen ihn zu interessieren, wohl aber weitläufige Netze bildinterner und -externer Kontexte, die er immer großzügiger auswirft. Dabei bindet er über die Referenzen, ergänzt durch Collagetechniken, immer neue kulturelle, soziale und politische Themen ein. Auch sein Materialfundus wächst und wird bisweilen üppig und skurril.

Mit „Dance“ (2006-2008) erreicht Chris Martins Hommage-Praxis dann einen vorläufigen Höhepunkt. Ebenso seine Vernetzung diverser kultureller Kontexte. Am Fuß der 3,4 Meter hohen und 6,1 Meter breiten Leinwand finden sich gleich neun Namen aufgereiht. Sie bestimmen die gesamte Basis des Bildes. Kurtis Blow, Grandmaster Flash, Kool Moe Dee und andere sind 70er-Jahre-Pioniere und 80er-Jahre-Ikonen des Hip-Hop und des Rap. Sie machten den Sprechgesang aus den Großstadtghettos populär, erfanden das DJ-ing und das Sampling − Kulturtechniken der Postmoderne. Weiter umfasst die Namensreihe die schwed­ische Malerin, Spiritistin und Anthroposophin Hilma af Klint, erneut Alfred Jensen sowie dessen weni­ger bekannte Zeitgenossen Paul Feeley und Myron Stout. Diese multiple Widmung stellt Martins großflächige Komposition auf das Fundament eines sozialen Bezugsrahmens. Von jedem der zitierten Protagonisten findet sich zudem ein Porträt an den linken Bildrand geklebt wie ein kleines Andachtsbild. Manchen Personen ist ein eincollagiertes Objekt beigegeben: Marihuanablätter (aus Plastik), Geldstücke und Dollarnoten, Schallplatten und Zeitungsartikel, Federn und Tabletten. Alfred Jensen bekommt eine Muschel. Auch eine Bananenschale ist an die Leinwand getackert und schwarz übermalt – ein Gruß an Warhol und die Pop Art, den Martin auf mehreren Leinwänden wiederholt.

Man mag an Voodoo-Praxen denken oder an die Beschwörung Toter mithilfe von Objekten aus ihrem Besitz. Ist „Dance“ dem Titel und der beschwingten Formensprache nach eine Hommage an Matisse – dessen berühmtes, ebenfalls großformatiges Bild „La Danse“ (1909/1910) fünf Frauen in lebensfroher Bewegung zeigt und das im Doppelpack mit „La Musique“ (1910) entstand – so erscheint Martins Gemälde zumal im Zusammenhang seines Werkes als Totentanz. Alle zitierten Malerinnen und Maler sind verblichen, die Musiker hingegen noch nicht. Formal gilt an Matisse‘ Bild die Reduktion auf drei Farben wegweisend, welche die Binnenformen nahezu monochrom ausfüllen (Rot für die Körper, Blau für den Himmel und Grün für das Gras). Das gleiche formale Prinzip findet sich bei Martin. Sechs voll­flächig weiße, in regelmäßigen Kurven geschwungene Formen, die anthropomorph gedeutet durchaus an schwingende Hüften denken lassen, sind eingefasst in monochromes Schwarz. An ihren Rändern sind sie mit roten, blauen und gelben Linien gefasst. In der Wahrnehmung scheinen sie dadurch weni­ger auf dem dunklen Fonds zu liegen als vielmehr dahinter, so als gäbe die sich sechsfach in großzü­gigen Schwüngen öffnende, schwarz grundierte Leinwand den Blick auf einen hinter ihr liegenden weißen Lichtraum frei, dessen Ausmaß unbestimmbar bleibt.

Ein weiteres Mal fungiert Chris Martins Leinwand als Schwelle zwischen einem diesseitigen, in die­sem Fall vor allem sozial und kulturell bestimmbaren Ort, und einer nicht zu greifenden, wiederum als spirituell zu bezeichnenden Dimension. Mit ihren spitzen Enden sind die weißen Formkompartimente zwischen Bildunterkante und -oberkante eingepasst wie tibetische Gebetsmühlen in ihren Schrein. Dass sich solche Mühlen, stößt man sie an, um die eigene Achse drehen wie der Reigen von Tänzerinnen bei Matisse, macht den Bildvergleich nochmals evident. Vor allem der unteren Basis von Martins schlängelnden Formen kommt aber zentrale Bedeutung zu – während in „Dance“ wie in allen seiner vergleichbaren Gemälde die Bildoberkante zwar die Komposition mit hält, nie aber selbst thematisch wird. Ein „Oben“, das etwa die christliche Ikonografie im Vergleich geradezu vorausge­setzt und stets symbolisch wie kompositorisch exponiert hat, gibt es bei Martin nicht. Sofern seine Kompositionen eine formale und energetische Basis haben, liegt sie unten, am Boden und durchaus auch im Schmutz, von dem Chris Martin und der Titel dieses Essays sagen, dass er die Sonne fängt.

UNTITLED, 2005

Bilder mit solch schwingenden Formen wie in „Dance“ bilden die größte, zumindest die am meisten reproduzierte Gruppe von Werken aus Chris Martins Œuvre. Bereits „Untitled“ aus dem Jahr 1988, folgt mit wenigen Abweichungen dem exakt gleichen Kompositionsprinzip. Ich will auf diese Werkgruppe noch näher eingehen, weil sie anlässlich zahlreicher Einzelbeispiele eine weit­ere, wiederum dem Buddhismus nicht unvertraute und vor allem der tantrischen Praxis nahestehende Analogie erlaubt. Als Beispiel ziehe ich eine kleine Malerei auf Pappkarton heran, „Untitled“ (2005).

Simultan schlängeln sich dort drei Formen von der Bildunterkante nach oben und heben sich dabei schwarz gegen einen feurig orangeroten Hintergrund ab. Sie recken sich wie züngelnde Flammen zur Bildo­berkante und fassen dabei eine je verschiedene Zahl mehr oder weniger weißer Punkte: links fünf, in der Mitte vierzehn, rechts sieben. Vor dem Hintergrund von Martins Buddhismus-Rezeption macht es Sinn, dieses energetische Bild mit der Kundalini-Kraft in Verbindung zu bringen. Mit dem Sanskrit-Begriff „Kundalini“ beschreiben tantrische Schriften dasjenige Potenzial im Menschen, das der Erdenergie, der Materie, am nächsten ist und am Ende der Wirbelsäule im untersten Chakra ruht wie eine zusam­mengerollte Schlange. Von dort kann die elementarste aller menschlichen Kräfte, durch Yogi-Praxen, durch Meditation und durch tantrische Sexualität geweckt, wie ein Feuer die Wirbelsäule emporstei­gen und Chakra nach Chakra durchbrechen (die weißen Punkte in Martins Bild), um sich schließlich über das Chronchakra am Scheitel des Kopfes mit der kosmischen, spirituellen Energie zu verbinden – was dem Zustand geistiger Transformation, der Erleuchtung gleichkommt.

Nicht nur im indischen Tantra, sondern auch in Europa ist die emporstrebende Schlange eines der ältesten Symbole lebensspendender Kraft. Im Äskulapstab findet sie sich seit der griechischen Antike als Zeichen der Medizin und der Pharmakologie – und in Gustav Klimts berühmtem Bild der „Medizin“ (1900-1907) entrollt sich eine goldene Schlange sogar in gleicher Weise vom Ende der Wirbelsäule her wie in klassischen tantrischen Darstellungen. Bereits im Alten Testament streut Gott feurige Sch­langen unter das Volk Israel und straft seine Sünden mit deren Biss – den Moses wiederum mit der „Ehernen Schlange“ der Erleuchtung zu heilen versteht.

Dass Martin dieses Erleuchtungsmoment wie schon beschrieben kompositorisch am oberen Bildrand immer ausspart, unterstreicht, dass er von keinerlei festgeschriebenem spirituellen Prinzip ausgeht, geschweige denn von konkreten religiösen Konzepten, um deren Repräsentation er sich Sorgen ma­chen würde. Zwar stellt „Untitled“ in der linken Schlangen- oder Flammenform geradezu schematisch die Reihung der Chakren und deren Verbindung miteinander dar (Wobei das erste Chakra mit der Bildunterkante, das siebte Chakra mit der Bildoberkante identisch ist – welche die weiße Linie jedoch nicht durchbricht, die nur vom ersten bis zum sechsten Chakra reicht und dann ihre Anbindung an die materielle Welt nicht überwindet, die von einer Horizontlinie symbolisiert wird). Zugleich aber zeigt die Anordnung weißer Punkte in den beiden schwarzen Formen weiter rechts einen geradezu ironischen Umgang mit der Energie-Metapher, machen sie doch vor allem einen unkoordiniert blub­bernden Eindruck (und überschreiten dabei spielend den Horizont!).

Womit wir bei Martins Pilz-Bildern wären. Das älteste mir bekannte stammt von 1980-1981 („Psi­lozybin“). Bis heute aber findet sich das Motiv immer wieder. Wie die „Kundalini-Schlangen“ stehen auch Martins Pilze stets auf der Bildunterkante, ganz erwartungsgemäß wachsen sie aus dem Boden. In „Mushrooms“ (2004-2008) steigen ähnlich wie in „Untitled“ fünf orangerote Punkte den Stamm eines Pilzes hinauf bis in dessen Kopf. Darüber verteilen sich, luftig gesprayt, weiße Flecken wie Sporen in der Landschaft. Eine Gruppe weiterer Pilze wird rhizomatisch mit Linien verbunden. Über das ganze Bild perlen und hüpfen verschiedenfarbige Punkte, und Titel wie „Psilozybin“ lassen keinen Zweifel daran, was für Pilze das sind und woher der flirrende Wah­rnehmungseindruck kommt. Schließlich ist der Wirkstoff dafür bekannt, Lichter, Farben und Kontraste stark zu überhöhen und vibrieren zu lassen. Ähnlich wie bei LSD scheint das Bewusstsein entgrenzt. Wie im Tantra verschmilzt das Ich mit seiner Umwelt.

Und wenn alchemistische Symbolik in Martins Werk seit jeher eine zentrale Rolle einnimmt (Zahlenmys­tik, Anagramme, Farbenlehre), so spielt sie auch auf das Wissen der Alchemisten um die psychische Wirkung chemischer Substanzen an und passt bestens zu Martins offensichtlichem Interesse für bewusstseinserweiternde Stoffe. Erleuchtung als Trip. In „Big Glitter Painting“ (2009-2010) wachsen die Pilze baumhoch und leuchten, nebst einer Wolke, neongelb und orange vor einem nächtlichen Himmel, der glitzert wie Kokainstaub. Das Motiv der „Spiritual Landscapes“ wiederholt sich diesmal in der psychedelischen Verschmelzung von Natur und Psyche, von innerer und äußerer Landschaft.

AIN‘T IT FUNKY, 2003-2010

Seit „Here“ 1986 programmatisch die Horizontlinie in Martins Werk einführt, etabliert diese immer wieder verschiedene Blick- und zugleich auch Sinnperspektiven. Mal liegt sie dabei hoch, mal tief im Bild, im Laufe der Jahre wandert sie aber vor allem an den unteren Bildrand, wo sie als gemalte Linie Pilzen, Kundali­ni-Schlangen und anderen Kompositionen Bodenhaftung gibt. Wie an „Dance“ zu sehen war, stellt sie in vielen Fällen Martins Malerei auf die Füße konkreter kultureller und sozialer Bezüge, denen sich der Künstler selbst nahe fühlt, die er bedenkt oder verehrt und in den energetischen Kontext einbindet, den seine Bilder in einer ungewöhnlichen, nämlich durch und durch profanen Magie beschwören.

Seit 2006 häufen sich die Musikreferenzen in Martins Werk massiv. Der Künstler berichtet, der Tod James Browns im gleichen Jahr habe ihn in einer Weise betroffen gemacht, die ihn überrascht habe. Chris Martin wuchs in Washington als Kind einer weißen, elitären Familie auf, in einer Nachbarschaft in Georgetown, die heute von Alarmanlagen und Sicherheitspatrouillen so sehr strotzt, dass Martin sie genau deshalb als besonders gefährlich bezeichnet. Die in Washington traditionell starke schwarze Musikkultur des Soul und Funk be­deutete für den jungen Martin eine Öffnung seines bürgerlichen Horizonts, und die sozialen Emanzipationsbewegungen des Rap und Hip-Hop wurden zur Gegenkultur seiner eigenen Herkunft. In „Rev. Al In Mourning“ (2006-2007) strahlt aus der Mitte einer rau schwarz eingestrichenen Leinwand ein leuchtend weiß gefasster Zeitungsausschnitt, der James Brown und den Bürgerrechtler Reverend Al Sharp­ton 1982 beim Verlassen des Weißen Hauses zeigt. Gemeinsam wollten sie Präsident Ronald Reagan dazu bringen, den Geburtstag Martin Luther Kings zum Nationalfeiertag zu erklären. Reverend Al trägt schwarze Trauerkleidung.

Martin hat seit 2006 James Brown viele Bilder gewidmet, von denen „Farewell Godfather of Soul…“ (2007) zu den schönsten zählt. Zweifach von einem Plattencover reproduziert, versinkt das Antlitz Browns, mit einem Blitz auf der Brust, in den Tiefen einer schwarzen Masse aus Ölfarbe, sekundiert von zwei zarten Wolken auf einem schmalen Streifen blauen Himmels. Die Verquickung von spiritueller Symbolik und politischer Thematik findet sich dann explizit in „Motown Music and the Astral Plane“ (2007-2008). Motown, das legendäre Detroiter Plattenlabel, gilt als ein Inbegriff schwarzer Emanzipation mit den Mitteln der Musik. Die Leinwand ist zu zwei Dritteln mit sieben Schallplatten von James Brown und Michael Jackson beklebt. Farbig schillernde Linien, mit denen die Platten rhizomatisch verbunden sind wie die Pilze auf „Mushrooms“, laufen auf ein oben im Bild hinter Plastikfolie isoliertes Buch zu, das den Titel „The Astral Plane“ trägt. 1895 erstmals erschienen, gibt der Autor Charles Webster Leadbeater darin eine Einführung in theosophisches Gedankengut, das er offen rassistisch nur Weißen für zugänglich hält. Brown und Jackson bündeln ihre Energien, um, wie es scheint, dieses Buch zu bannen und über den Bildrand hinaus in den Orbit zu schießen.

Auch in „Ain‘t It Funky“ (2003-2010), einem Titelzitat des gleichnamigen Albums James Browns aus dem Jahre 1970, finden sich die Verbindungslinien zwischen sieben Schallplatten. Hier aber werden sie durch eincollagierte Bilder von rituellen Orten wie Tempelanlagen und von rituellen Handlun­gen ergänzt. Am Bildrand sind Reproduktionen von antiken Vasen, einem Waldbrand, einem postkubistischen Gemäl­de Picassos („Die drei Musikanten“, 1921) und dergleichen mehr zu sehen. Vom Rand der Leinwand her wölben sich diese Referenzbilder auf ihrer dramatisch farbigen Untermalung von allen Seiten wie ein Vorhang der schwarz grundierten Bildmitte zu und lassen sie als theatralisch inszenierten Ort erscheinen. Aus der Vertikale in die Horizontale gekippt, könnte die Leinwand auch jederzeit zu einer Tanzfläche werden, auf der einzelne Schritte wie in einer rituellen Choreografie vorgezeichnet sind. Zwar ist auch die untere Horizontlinie noch da, Martin umfasst aber die komplexe energetische Konstellation im Zentrum mit einer nicht weniger komplex­en Rahmenhandlung, die das gesamte Gemälde umläuft. Das formale Bildgeschehen ist durchaus exzessiv, die Kontraste hart, die Pinselführung derb.

Tatsächlich war der Funk James Browns, fußend auf westafrikanischen Traditionen, auf ekstatisch-rituelle Tan­zerlebnisse hin konzipiert, die nicht nur Grenzen zwischen Publikumsraum und Bühne oftmals verwischten, sondern auch die Körperwahrnehmung im Fluss mit der Musik aufhoben – und zur rhythmischen Verschmelzung des Ichs mit seinem Außen animierten. Mit „Ain‘t It Funky“ unterstreicht Chris Martin erneut und besonders unmissverständlich seine Suche nach spiritueller Dynamik inmitten kultureller Praxen, Objekte und Symbole verschiedenster Provenienz, die seine Bilder hierarchielos zusammenbinden, und inmitten einer sozialen Welt, der sich seine Malerei emphatisch verpflichtet fühlt: mal andächtig, mal solidarisch, mal kritisch. Jüngst greift er verstärkt die Kunst der sogenannten „self-taught-artists“ aus dem Süden der USA auf, die politisch weniger korrekt auch „outsider-artists“ genannt werden. Sie leben am Rande der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft und formen aus deren Müll Skulpturen und Bilder, die afrikanischen Plastiken und Kultobjekten nahestehen. Was im Reich elitärer Ästhetik abschätzig „Folklore“ genannt wird, gewichtet Martin höher als die kanonisi­erten Feierlichkeiten der sogenannten Hochkultur.

Die Vergänglichkeit des Moments, des Körpers, der Identität, das Flüchtige der Existenz an der Schwelle zum Tod, die Nichtigkeit des Materiellen, das sind die großen Themen in Martins Œuvre. Das wichtigste aber scheint mir, dass er diese Endlichkeit an keiner Stelle bejammert, sondern sie stattdessen bejaht. Im Frühwerk geschieht dies sicher noch ehrfürchtiger als im späteren Werk, das den Respekt vor der Thematik nicht verliert, es aber weniger generell und vor allem: immer weniger abstrakt auffasst. Im Titel dieses Textes habe ich mich für den Begriff „Spirituelle Abstraktion“ entschieden, womit ich primär einen Genrebegriff für diejenige Malerei meine, die sich seit Hilma Af Klint mit nichtrepräsentationalen Mitteln metaphysischen Inhalten widmet. Tatsächlich – und das versuchte ich zu zeigen – ist Martins Malerei in hohem Maße in der Physis verankert, man­chmal geradezu comichaft figurativ, und hat den großen Vorzug, sich keinerlei metaphysischem Konzept zu unterwerfen. Sie steht mit beiden Beinen in der sozialen Wirklichkeit ihres Autors, der sich gleichwohl als Subjekt seines Werkes kaum je selbst ins Spiel bringt.

Spiritualität hat in Martins Kunst allem voran eine empathische, ja solidarische Qualität. 2008 beendet Chris Martin ein Bild, das an seiner Unterkante die Inschrift trägt: „A painting for the protec­tion of Amy Winehouse“ („For Amy Winehouse“, 2004-2008). Rings um ein Portrait der unter Alkohol- und Drogensucht leidenden Sängerin drapiert Martin einen Schutzwall aus Zeitungspapier, Stoff und Haushaltsrolle, umzingelt von Glubschaugen, Symbolen der gierigen Blicke der Öffentlichkeit. Er hat ihr eine Zucker­stange ins Bild geklebt. Nach Winehouses Tod 2011 wirkt sie wie eine Grabbeigabe.

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2011

General Strike. Grundlagen zu Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs

Das Interesse an Künstlerinnen und Künstlern, die sich von der Kunst abwandten und ihre Praxis aufgaben, ist relativ neu. Als ich 2002 eine Ausstellung zu Gesten des Verschwindens konzipierte (1), die u.a. Lee Lozano und Arthur Cravan zeigte, stießen die meisten meiner theoretischen und historischen Recherchen ins Leere. Zwar fanden sich biografische Einzeltexte zu Künstlern, systematischere Darstellungen zu künstlerischen Rückzugsbewegungen aber nicht. Sie waren, wie es schien, ein ungeschriebenes Kapitel der Kunstgeschichte. So wurde es notwendig, den Topos des Ausstiegs aus der Kunst theoretisch und historiografisch erst einmal zu begründen. Im Folgenden führe ich die Argumente verschiedener, zwischen 2005 und 2008 von mir verfasster und veröffentlichter Texte (2) zusammen, um eine Begriffsbestimmung vorzunehmen und Konsequenzen daraus abzuleiten. Diese Bestimmung hat den Anspruch … weiterlesen

2011

Die kommende Übernahme. Für eine Entkoppelung von kulturpolitischer Definitionsmacht und Kulturadministration

Im politischen Selbstverständnis Europas und insbesondere Deutschlands ist Kultur als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstbestimmung historisch verankert. Heute, in unseren neoliberal gewendeten Demokratien, lässt sich indes der emanzipatorische Charakter kultureller Produktion für die Selbstbestimmung demokratischer Gemeinwesen immer schwerer erkennen.

Währenddessen verhalten wir KulturproduzentInnen uns gegenüber der Kulturpolitik nur reaktiv. Die politische Administration setzt die Parameter – wir kritisieren sie. Wir müssen uns fragen, ob das die richtige Haltung für eine Teilnahme an der kulturpolitischen Diskussion ist.

Wir gehen noch immer vom Paradigma repräsentativer Politik aus. Politischen Institutionen wird dabei die Legitimation zugesprochen, bestimmte Anordnungen unserer eigenen Praxen im sozialen Raum öffentlich zu vertreten und über deren … weiterlesen

2011

Option Lots. Eine Recherche von Brandlhuber+

Manchmal ist ein Leerraum beredter als seine Umhüllung, zeugt eine bauliche von einer systemischen Lücke. Im Umkreis weniger hundert Meter rings um sein Architekturbüro in der Brunnenstrasse 9 in Berlin Mitte registrierte Arno Brandlhuber jüngst 58 Hohlräume zwischen Gebäuden, 7.635 m3 Volumen auf zusammen 404 m2 Grundfläche. 58 schmale, oft keilförmig zulaufenden Stücke unbebautes Land mit durchschnittlichen Längen um die zehn und Breiten zwischen 0,4 und 2,5 Metern, nicht unähnlich den „Fake Estates“ von Gordon Matta-Clark. Der amerikanische Künstler ersteigerte 1973/74 fünfzehn meist kaum einen Meter breite Grundstückstreifen in New York City, die durch Ungenauigkeiten bei der Landvermessung und Stadtplanung entstanden waren. Der Form nach vergleichbar, verdanken sich die Berliner „Fake Estates“ indes Erich Honecker.

1980 verordnete die Staatsführung der DDR ihren … weiterlesen

2009

Franz Erhard Walthers Partizipatorischer Minimalismus

Zwischen 1963 bis 1969 entwarf Franz Erhard Walther die 58 Objekte seines 1. Werksatzes, der zu einem Klassiker der deutschen Nachkriegskunst wurde. Er passte in die »Bonner Republik«. Kaum 20 Jahre nach dem Ende des Faschismus war in Deutschland der Wunsch nach neuen, progressiven und zugleich unaufdringlichen Symbolen der Verständigung und des Gemeinsinns groß. Der 1. Werksatz bot sie. Zugleich fand er Anerkennung in den Augen internationaler Avantgarden, vor allem in den USA. Bereits 1969 zeigte ihn das Museum of Modern Art, 1972 Szeemanns Documenta 5. So konnte Walthers 1. Werksatz eine der künstlerischen Insignien für ein neues, ein demokratisches und weltoffenes deutsches Selbstbild werden.

Darin glich Walthers Rolle der von Beuys. Aber Beuys war eine andere Generation. Der Schamane aus Düsseldorf stellte sich – fußend auf alten, heroischen Künstlerbildern und einem … weiterlesen

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

2008

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

Erschienen in:
Barbara Gronau, Alice Lagaay (Hgg.):
Performanzen des Nichttuns, Passagen Verlag, Wien 2008

Diesen für mich wichtigen Text habe ich nicht mehr vorliegen.

2006

Archiver la disparition. Eclipsés, redécouverts: Que résulte-t-il de la mise en lumière de la disparition ?

Je me propose ici de répondre à cette question en trois temps. Le texte qui suit comporte donc trois parties, la première étant plus personnelle, la seconde plus systématique, au cours de laquelle je proposerai une terminologie constitutive du Kunstausstieg, qui signifie le retrait de l’art. Dans la troisième partie, je présenterai quelques contradictions que je vois poindre dès lors qu’on aborde la question de savoir comment nous pourrions appréhender un phénomène obscurci par le fait même des disparitions. Laissez-moid’abord proposer une introduction personnelle sur mon travail au sujet de ce que j’appelle le Kunstausstieg. Kunstausstieg — mot que la langue allemande permet d’inventer — signifie quitter l’art/ se retirer de l’art/sortir de ou abandonner l’art. Et j’appelle la personne qui agit ainsi le Kunstaussteiger. Nous reviendrons plus tard sur cette terminologie. … weiterlesen

2005

Le prêt à porter de l’image. Anmerkungen zur Genese der Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei

Mit dem Fall der Mauer begann der Umbau des Kunstfeldes im Osten Deutschlands. Ikonographische, formalästhetische, wie auch soziale, ökonomische und institutionelle Regelwerke, die sich nach 1945 unter den Rahmenbedingungen einer sozialistischen Kulturagenda herausgebildet und die Kunstproduktion bis ans Ende der 80er Jahre mitgetragen hatten, waren perdu.

Von internationalen Entwicklungen weitgehend abgeschirmt und ohne Teilnahme an den intellektuellen Debatten des Feldes, hatte sich zwischen „Lust und Last"[1] eine eher introvertierte kulturelle Binnenlandschaft mit einem der älteren Moderne verpflichteten – somit vor staatssozialistischen Anfeindungen gefeiten – Traditionsgerüst entwickelt.

Anfang der 90er Jahre sollte sich zügig der Abgleich zwischen dem je lokalen Status quo und den internationalen, westlichen Standards des Kunstmarktes, des Ausstellungswesens, der … weiterlesen

2002/2004

Hoppla! Wir sind Olympia? Künstlerische Strategie in kuratorischer Praxis oder Warum wir keine Ausstellungsbegriffe haben

Unsere Kuratorenausstellungen haben sich angewöhnt, als erzählerisch-didaktische Themenblöcke aufzutreten, in denen über Gott und die Welt gesprochen wird. Von sich selbst zu sprechen, vermeiden sie weitgehend. Teils zu Recht. Dabei unterlassen sie es aber auch, die Chance wahrzunehmen, sich als zeitgenössische Medien zu emanzipieren. In dem gleichen Maße, wie die Kuratorenschaft sich scheut, die Reflexion der Parameter, die konstitutiv sind für die je spezifische Verfasstheit ihrer Ausstellungen, offensiv und explizit zum Gegenstand von deren jeweiliger Argumentation zu machen, trägt sie dazu bei, dass eine angemessene Ausdifferenzierung von Praktiken und Begrifflichkeiten ausbleibt, die der neuen gesellschaftlichen Rolle der Ausstellungsmacherei Rechnung trüge. Einer der Gründe dafür liegt in falschen Berührungsängsten und Unterscheidungen, die noch immer in dem Verhältnis von … weiterlesen

2004

Das Geheimnis des Pradastrumpfs. Notiz zur Ökonomisierung der Sichtbarkeit

Stef Burghards künstlerische Haltung korrespondiert – wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen, deren Praxis sich ab Mitte der 90er zu formulieren begann – mit einem Denken, das der Analyse der ökonomischen und institutionellen Parameter künstlerischen Arbeitens verpflichtet ist. Eine Haltung, die es gelernt hat, auch die eigene Künstlerrolle in diesem Zusammenhang zumindest von einer theoretischen Warte aus erneut mit Skepsis zu betrachten und ihre aktuellen Implikationen zu überprüfen. Nicht selten stellte sich heraus, dass der dabei formulierte Anspruch, System- und Selbstkritik zu den Grundlagen des eigenen Handelns zu machen, und das Verlangen, Kunst dennoch als eine persönliche Handlungsperspektive weiterhin zu bejahen, soweit auseinander brachen, dass der verbleibende Spielraum im zeitgenössischen Diskursklima eng wurde.

So zog Burghard es bisweilen vor, auf den eigenen … weiterlesen

Eröffnungsrede des Symposiums 1998

In den Falten der Kunst. Kunst und Interkontextualität

In den Falten der Kunst Eröffnungsrede

Ich begrüße Sie zu schau-vogel-schau. Zu diesem Projekt, das von Marcel Bühler und mir konzipiert wurde, gehört nicht nur das Symposium, das nun beginnt, sondern auch der Arbeitsprozess, der uns und Sie hierhergeführt hat und den wir weiterführen werden bis zur Herausgabe einer Publikation.

Dieser Prozess begann damit, dass wir uns die ebenso einfache wie selbstverständliche Frage stellten, was wir als junge Künstler heute unter Kunst und unter künstlerischer Arbeit verstehen wollen. Wir haben die Verfolgung dieser Frage zum Ausgangspunkt dieses Projektes gemacht. In dessen Verlauf wurde sie zu der Frage nach der interkontextuellen künstlerischen Kompetenz, die wir heute an die von uns eingeladenen Referenten und an Sie im Publikum weitergeben.

Was diese Frage alles einschließt, was genau sie meint, das … weiterlesen