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Alexander Koch

Texte

Texte

Seit Ende der Neunzigerjahre fragen meine Texte nach der gesellschaftlichen Dimension der Kunst und nach ihrer politischen Position, ob als Essay, Ausstellungstext, kunsttheoretische Schrift oder kulturpolitische Stellungnahme. Zwei Themen ziehen sich durch. Das eine ist der Ausstieg aus der Kunst: Mit „General Strike“ (2011) habe ich die Grundlagen einer Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs vorgelegt, meinen wohl eigenständigsten Beitrag zur Kunsttheorie. Das andere ist die Kunst im Bürgerauftrag; der Essay „Kunst im Bürgerauftrag“ (2022) führt in Methode und Geschichte der Neuen Auftraggeber ein. Zu meinen wichtigsten Texten zähle ich zudem „Solidarische Mobilmachung“ (2016), in dem ich mit Richard Rorty begründe, wie sich das Ästhetische politisch denken lässt, und „Zehn Schöne Inseln“ (2013), ein Modell der Binnengrenzen des Kunstfeldes – meine Mehr-Felder-Theorie.

Daneben stehen monografische Essays, etwa zu Santiago Sierra und Michael E. Smith, eine Polemik zur Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei, die mir seinerzeit viel Ärger eingebracht hat, und ein früher Essay über Édouard Manet und das kuratorische (Un-)Bewusstsein. Ein eigenes Genre bilden meine Ausstellungstexte aus meiner Zeit als Galerist von KOW, 2009 bis 2025; einige davon zähle ich zu meinen besten. Und schließlich finden sich hier Leseproben aus „Der letzte Tag des Jahres“, meinem literarischen Debüt.

2026

Über Desintegration. Nazım Ünal Yılmaz und die Pferde

Bomber und Flakscheinwerfer im Himmel, Panik am Boden. Fliehende Menschen, wehende Fahnen und rasende Pferde. Die Farben sind expressiv überhöht, die Figuration ist karnevalesk, mitunter comicartig. Es herrscht totaler Irrsinn.

Als ich Nazim Ünal Yılmaz Diptychon Circus Maximus aus dem Jahr 2024 sah, musste ich an das Triptychon Das Tausendjährige Reich (1938) des Dresdener Künstlers Hans Grundig (1901–1958) denken, weil es verblüffende thematische, und formale Ähnlichkeiten gibt. Grundig malte sein Triptychon am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als ein irre gewordenes Deutsches Volk mit ganzer Kraft in die Apokalypse rannte. Die mittlere Bildtafel zeigt das zerbombte, brennende Dresden in geradezu prophetischer Vorausschau, sieben Jahre bevor die deutsche Barockstadt im apokalyptischen Bombenhagel am 13. Februar 1945 zerstört wurde. … weiterlesen

2024

Pınar Öğrenci. Glück auf in Deutschland!

Pınar Ögrencis Werk versteht es, uns die Vergangenheit so in den Schoß zu legen, dass wir uns um sie kümmern müssen. Mit ihrem Projekt Glück auf in Deutschland! stieg Ögrenci 2024 hinab in die Archive der Gastarbeitergeschichte des Ruhrgebiets und brachte Leben und Bilder zu Tage, die unbekannt sind.

Körper und Stimmen von Menschen tauchen auf, die jahrzehntelang Deutschland mit aufgebaut haben und bis heute migrantisiert im Hintergrund stehen. Ögrenci zeigt, wie wenige Jahre nach dem Ende des Faschismus eine neue migrantische Arbeiterklasse in Deutschland erneut von denjenigen Unternehmen missbraucht und gedemütigt wurde, die den Naziterror industriell ermöglicht haben.

Im wichtigsten fotografischen Archiv zur Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets im Ruhrmuseum Essen suchte Ögrenci nach den … weiterlesen

2024

Alice Creischer. Sursursurplus

Wenn es um die Frage geht, wie sich eine verantwortliche künstlerische Position im auf und ab der Zeiten formulieren kann, ist Alice Creischer eine bedeutende Stimme der politischen Kunst in Deutschland. Ihre Ausstellung bei KOW handelt von Kunst im Klimakatastrophenkapitalismus und findet – horcht auf! – eine Lösung.

Mehr, immer mehr! Das geht nicht anders. Die Maschine der Produktion lässt sich nicht abschalten. Auch nicht die Maschine der Produktion der Kunst. Denn Kunstfällt ja nicht einfach vom Himmel wie Pflaumen vom Baum. Kunst ist Produktion. Sie ist sogar Teil der Überproduktion, des zu Vielen, das der Mensch im Kapitalismus hervorbringt. Kunst vernutzt und überhitzt den Planeten, verbrennt zu viele Ressourcen und verursacht dadurch Knappheit andernorts. Wie vieles anderes, das Menschen heute tun, verhält sie sich katastrophal, ja Kunst … weiterlesen

2024

Clemens von Wedemeyer. Social Geometry

Wie ordnen wir uns an? Wie werden wir angeordnet? Und wie lässt sich das zeigen? Clemens von Wedemeyers neue Filme tauchen ein in die Frage nach der Netzwerkhaftigkeit unserer Existenz und problematisieren deren Darstellbarkeit.

Hauptwerk der Ausstellung ist ein abstrakter Animationsfilm. Vor schwarzem Grund nehmen weiße Punkte und Linien immer neue, immer kompliziertere und immer fulminantere Formen an: Beziehungen zwischen Individuen, menschliche Netzwerkwelten, soziale Geometrien. Die eindrückliche Stimme der britischen Musikerin Anne Clark lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was wir in der Abstraktion sehen werden: A group of friends. A class system. A revolution, erupting. Doch je komplexer die Konstellationen, umso deutlicher werden die Grenzen der modellhaften Darstellung – was sich sozial ereignet, mögen vielleicht Maschinen noch nachvollziehen, Menschen nicht. … weiterlesen

2023

Peter Friedl. Teatro Popular,

Peter Friedl ist Historiker. Und wie für Historiker üblich, erzählt Friedl Geschichte(n). Er erzählt sie, so könnte man sagen, aber nicht durch, und schon gar nicht zu Ende. Vielmehr schafft Friedl Schauplätze – griechisch „theatra –, an denen es etwas zu sehen gibt. Situationen, in denen sich etwas ereignet, oder sollte man präziser sagen: geneigt ist, sich zu ereignen.

Wir stehen an skulpturalen Orten vor plastischen Figuren oder deren Hüllen, die augenscheinlich viel zu sagen und zu berichten haben – man traut es ihnen zu, sieht es ihnen an. So wie man es einer Schauspielerin zutraut und ansieht, die voll kostümiert die Garderobe in Richtung Bühne verlässt, und noch bevor das Stück beginnt, sieht man es kommen, ohne schon zu wissen, was gespielt werden wird.

Tatsächlich besteht das von Friedl bei KOW aufgestellte … weiterlesen

2023

A Protocol With Universal Scope?

Original Englisch. Keine Deutsche Fassung vorhanden.

"Anyone who wishes to do so, alone or in association with others, can take responsibility for commissioning a work from an artist". Can this fundamental idea of the New Patrons' Protocol be universal in scope, when the notion of the universal has been corrupted by the colonial fantasy of Western societies, which believed themselves entitled to dictate their own criteria of value to the whole globe?

But this protocol was not conceived as a lesson to the world, but as an answer to a question. In a democracy like France, what policy can be pursued to best respond to the reality of cultural needs? And it was only when it appeared that a remarkable response could be provided thanks to this Protocol designed by an artist, that this mode of action was gradually proposed and taken up in neighboring European countries … weiterlesen

2023

Simon Lehners Safe Crash

Einen sicheren Unfall, einen Safe Crash, den gibt es nicht. Unfall ist Unfall. Außer im Kino, denn da ist ja alles gestellt. Die Schauspieler am Lenkrad sind sicher, wenn es für die Kameras kracht. Und genau dies ist im linken der zwei Bilder von Simon Lehner zu sehen: Ein verunfalltes Auto, es scheint noch frisch vom Geschehenen zu qualmen, und daneben eine grinsende Figur, die sich vor dem Publikum nach gelungener Performance verneigt mit dem typischen Bühnendiener der ehrenwerten Gaukler. Rechts im Bild steht eine professionelle Kamera. Ein grünes Kreuz am Boden markiert eine Bühnenposition. Die Szene, die wir sehen, ist ein Filmset. Alles gut also.

Aber wir sehen noch mehr. Die männliche Figur, die beim Verneigen noch ihren Sprechtext in der Hand hält – was auf eine Vorprobe hindeutet, nicht den eigentlichen, finalen Dreh – ist von einem Raster aus Quadraten strukturiert, wie sie bei … weiterlesen

2023

Marco Castillo. Casa Negra

Seit 2019 lebt Marco Castillo mit seiner Familie im Exil in Mexiko. Seine neue Ausstellung thematisiert die Zensur und Repression in Kuba, die sich in den letzten Jahren verstärkt haben und sich in ihrer Ausübung und Wirkung von der Gewalt manch anderer Regime dadurch unterscheiden, dass sie – nun ja, man könnte sagen: partizipativer sind. Ausdruck einer „guten“, linken Regierung und ihrer engagierten Citoyens, deren gemeinsame innere Gewaltmaßnahmen im Ausland oft unbekannt sind.

Casa Negra, 2022

Castillos neuer Film Casa Negra (2023) zeigt eine von Fidel Castro eingeführte und seit den Sechzigerjahren übliche Praxis der kollektiven Brandmarkung von „Abweichlern“, kritischen oder sonst wie anders denkenden Menschen, die in den Augen des Regimes und mancher Mitbürgerinnen und -bürger Feinde … weiterlesen

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

2022

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

Aus einer zweijährigen Kooperation mit dem Commons Institute heraus entstand diese Publikation, die grundlegende Aspekte von Kunst und Commoning vorstellt. Zusammen mit Anne Kersten schrieb ich das Vorwort.

Erschienen in: Vera Hofmann, Johannes Euler, Linus Zurmühlen, Silke Helfrich (Hg.), Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst, Bielefeld 2022

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2022

CATPC & Renzo Martens. Balot

CATPC und Renzo Martens machen mit ihrer Ausstellung bei KOW einen nächsten Schritt in ihrer langjährigen Zusammenarbeit, die tief in koloniale Zusammenhänge und Mechaniken der Kunstwelt eindringt, um sie zu begreifen und zu verändern. Zu sehen sind sechs neue Dokumentarfilme (2022), Martens’ viel diskutierter Film White Cube (2020) und der Launch eines NFTs als neues Werkzeug der Entkolonialisierung in Form digitaler Restitution (2022).

In Lusanga, einer Palmölplantage in der Demokratischen Republik Kongo, entstand seit 2014 ein neues Ökosystem. Als Congolese Plantation Workers Art League (CATPC) haben ehemalige Plantagenarbeiter*innen eine Allianz gebildet, um sich gemeinsam ihre Kultur, ihr Land und ihre Selbstbestimmung zurückzuholen. Ihre Mittel sind die einer nachhaltigen künstlerischen und wirtschaftlichen Praxis, die kolonialer Enteignung … weiterlesen

2022

Kunst im Bürgerauftrag. Neue Auftraggeber

Einführung in das Buch der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, das 2022 umfangreichen Einblick in laufende Projekte gab.

Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, das den Zauber eines Aufbruchs in die eigene Lebenswelt trägt, erfordert Mut und Geduld. Es erfordert auch Leidenschaft. Außerdem braucht es Sachverstand und obendrein Geld, das meist schwer zu beschaffen ist. Kurz: Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, ist kompliziert. Wie also kann es sein, dass die Menschen in den Projekten der „Neuen Auftraggeber“ – Sie sehen siebzehn Beispiele in diesem Buch – es dennoch getan und dabei vieles geschafft haben, das sie sich zuvor vielleicht kaum zugetraut hätten?

Die Antwort liegt in der Methode der Neuen Auftraggeber, dem ersten Programms für zeitgenössische Kunst im Bürgerauftrag, das vor 33 Jahren in Frankreich begründet wurde. Seine … weiterlesen

2021

Nicht alle Macht geht vom Volke aus, manch Kunstwerk schon. Über Wandel und kulturelle Selbstwirksamkeit

1987 entschied die Regierung, dem im bundesdurchschnitt viel zu geringen Bildungsniveau in Bremen mit folgender Maßnahme zu begegnen: Man schickte zwei Drittel der Führungspersönlichkeiten an Schulen und Unis in Frührente und ersetzte sie durch Personal aus dem bildungsstarken Bayern, um bessere Standards einzuführen. Eine Buschzulage, wie man umgangssprachlich sagte, schuf dafür Anreize, denn niemand wäre freiwillig aus Bayern nach Bremen gegangen. Alle fanden diese Maßnahme eine gute Idee.

Undenkbar, nicht wahr? Kein Mensch wäre in der Bundesrepublik jemals auf eine solche Idee gekommen. Und in Bremen hätte man das auch nicht gut gefunden, sondern würde einen Aufschrei durch die Welt geschickt haben, der in Medienmeldungen etwa so gelautet hätte: Deutsche Regierung nimmt Bundesland Souveränität und richtet koloniale Verwaltungsstrukturen ein! … weiterlesen

2021

Sophie Gogl. Jars

Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich darf nicht! Nicht jetzt. Vielleicht morgen wieder. Ständig müssen wir aufschieben, was wir wollen würden, tun müssten, wünschen könnten. Das Handeln hat sich lange nicht mehr so angefühlt wie eine ungewisse Tätigkeit, die gerade jetzt mutmaßlich unangebracht ist und übermorgen vielleicht ebenso.

Vielleicht ist man zu Hause. Vielleicht gehen einem die Kinder auf den Geist. Vielleicht sitzt man allein in der Galerie und hat keine Ahnung, was wirklich zu planen ist. Vielleicht bekommt man auch gar keine Antworten mehr auf seine Emails, weil die Leute irgendwo verschwunden sind. Inselleben. Und im Innern beginnen die Gedanken an der gleichen Stelle hocken zu bleiben, wo sie gestern schon hockten, und man verscheucht die Spinnweben zwischen ihnen.

KOW zeigt Sophie Gogl. Ihre erste Ausstellung bei KOW, zum … weiterlesen

2021

Bin ich Künstler*in oder kann das weg? Eine Trennungsgeschichte mit politischem Ende

Man kann alles Mögliche trennen. Müll, Ehen, Spreu vom Weizen, mal ist es schwierig, mal ganz leicht, so wie das Blatt Klopapier, dass man von der Rolle reißt. Öl und Wasser trennen sich sogar zuverlässig und ganz reibungslos freiwillig.

Auf Seiten der Erkenntnistheorie (Was kann ich wissen?) formulierte George Spencer-Brown 1969 sein logisches Paradigma: „Draw a distinction!“, mach eine Unterscheidung! Er meinte damit folgendes: Immer dann, wenn wir etwas bezeichnen, entschließen wir uns dazu, dieses eine durch unsere Bezeichnung von allem anderen zu trennen. In der täglichen Praxis geschieht das meist unbewusst. Wer A sagt hat nicht B gesagt, ob aus Gewohnheit oder in voller Absicht. Wer etwas als Kunst bezeichnet, trennt das Bezeichnete von Maschinenbau, Ehe und Klopapier, und was Menschen sonst noch tun und brauchen. Aber – und das ist das Entscheidende – wir trennen nicht Kunst von Maschinenbau, weil beide dem Wesen nach verschiedene Dinge sind und weil das allen Sprechenden und Zuhörenden immer schon klar war, sondern, so Spencer-Brown, wir nehmen diese Trennung vor, indem wir eine Unterscheidung treffen (to draw, vergl. „performativ“). Wir machen uns also stets auf eine Weise verantwortlich, sozusagen epistemologisch haftbar, wenn wir uns entscheiden, etwas so oder so zu bezeichnen, etwas von etwas zu trennen, sagen: dies ist das, und das da ist etwas anderes. Bis jemand kommt und seine Hochzeit oder sein Klo zur Kunst erklärt – dann stehen wir dumm da mit unseren Unterscheidungen und müssen nachbessern, müssen anders trennen, vielleicht ganz bewusst anders entscheiden. Dann schlägt mitunter die Stunde der Theorie.

Manche Unterscheidungen können ganz reibungslos ablaufen, so wie die zwischen Flüssigkeiten verschiedener Molekularstruktur, andere können indes schmerzhaft und konfliktreich abgehen, oder schlicht knifflig sein. Wer Schwarz von Weiß trennt, liegt beim Schach ganz richtig, sind aber Menschen gemeint, wird es im Diskursraum hitzig. Man sollte also aufpassen, wen und was man von wem und was trennen will, unterscheiden will, absondern will – und warum. Das macht das Trennen zum Politikum.

Kann man sich vor der Kunst trennen?

Man kann etwas von etwas trennen, zum Beispiel bewusste von unbewussten Handlungen, oder man kann sich von etwas trennen, zum Beispiel von einem Buch, das man nie mehr lesen wird und verschenkt. Manchmal fällt auch beides zusammen: Man unterscheidet anders als zuvor und beschließt zugleich (oder daraufhin), etwas loszulassen. Der geliebte Freund erscheint plötzlich als ekliger Lügner. Man sieht ihn fortan nie mehr wieder.

In einem besonderen Fall nun wird das alles ausgesprochen spannend. Bei der Frage nämlich, ob man die Kunst verlassen kann. Ich möchte Sie gerne einladen, mit mir in diese Frage einzutauchen, denn sie birgt ungeahnte Früchte, von denen manche am Ende bitter sind, einige aber auch süß. Und falls Sie gerade darüber nachdenken, Ihren Partner zu verlassen oder Ihren Job zu kündigen, oder schlicht das Handtuch zu werfen, dann bleiben Sie bei mir. Ich hab‘ vielleicht was für Sie.

Fangen wir mit einer einfachen Frage an: Kann man sich vor der Kunst trennen? Als erstes würde ich dann unterscheiden, dass mich hier nicht interessiert, was geschieht, wenn eine Sammlerin ihre Kunstsammlung verbrennt. Das ändert für mich nicht viel, außer, dass die Kunst futsch ist und man das nicht tun sollte. Mich interessieren nicht die Dinge, die Werke, von denen man sich trennen könnte. Ebenso wenig interessieren mich im engeren Sinne die Begriffe, die Kunst und anderes unterscheiden. Den Kunstbegriff, das hat das 20. Jahrhundert gezeigt, sollten wir pragmatisch als eine ziemlich breite Bezeichnung für alles Mögliche betrachten, das Personen mit diesem Begriff in Verbindung bringen. Mich interessieren hier stattdessen die künstlerische Praxis und das Rollenmodell „Künstler*in“. Kann man sich von denen trennen? Und wenn ja – was man ja vermuten würde, denn warum nicht –, wie genau spielt sich das ab? Was wissen wir eigentlich darüber?

Es wurden Kilometer von Büchern geschrieben, wie, warum, auf welchen Wegen Künstler*innen zu Künstler*innen wurden und werden, was künstlerische Praxen ausmacht, wie man sie erlernt, performt, zum Beruf macht, perfektioniert, eingrenzt oder öffnet, wie sie sich im Laufe der Historie immer wieder gewandelt haben, was ihre Zukunft sein könnte. Eine Recherche, die ich ab 2001 anstrengte und die alsbald in eine (abgebrochene) Doktorarbeit1 münden sollte, zeigte, dass (zum damaligen Zeitpunkt) jedoch kein einziges Buch darüber geschrieben worden war, wie eine künstlerische Praxis endet. Nicht einmal ein nennenswerter Essay. Wie konnte das sein? Jeder kennt Geschichten über Hochzeiten und Scheidungen, neue Jobs und Kündigungen, Krieg und Frieden, zerbrochene WCs und Rohrbrüche. Vieles, fast alles, das schon ist oder frisch beginnt, hat auch ein Ende, und zu all diesen Enden gibt es viel Literatur. Das Ende einer künstlerischen Praxis, oder wie man in soziologischer Perspektive ergänzen muss: das Ablegen der Künstlerrolle, die Trennung von Stand, Status, Zuschreibung und Akzeptanz als Künstler*in, ausgerechnet das sollte bislang nicht Gegenstand genaueren Nachdenkens gewesen sein? Ich war verdutzt.

Dann stieß ich auf die Giotto-Legende, die ich aufschlussreich fand. Wir befinden uns in der Frührenaissance. Der Maler Giotto ist zu Ruhm und Reichtum gelangt und Giorgio Vasari, einer der ersten Kunsthistoriker, schreibt seine Geschichte auf, die sich bald verbreitet. Giotto sei ein junger Hirtensohn gewesen, der, während er Schafe hütete, Zeichnungen seiner Schafe auf Stein anfertigte. Ein Künstler namens Cimabue sei bei einem Spaziergang vorbeigekommen und habe dem Jungen über die Schulter geschaut, was er da tue – und sogleich die außergewöhnliche Qualität und Wahrhaftigkeit seines Strichs erkannt. Cimabue nimmt ihn mit und lässt ihm eine Ausbildung zuteilwerden. Aber die Gabe seiner Künstlerschaft ist nicht mühsam erworben, nicht antrainiert und entspringt weder einem hohen sozialen Satus, noch handwerklicher Geschicklichkeit allein, nein. Sein Talent wurde ihm in die Wiege gelegt!

Mit dieser Erzählung vollzieht sich ein Paradigmenwechsel. Giotto wird zum Prototyp des Künstlergenies. Die Legende erhebt ihn über den Stand des Handwerkers, den auch Künstler neben Schreinern und Schmieden vordem innehatten. In der Hierarchie manueller kreativer Berufe wird mit Giotto der Künstler – am Ausgang des Mittelalters – abgesondert von den profanen Tätigkeiten anderer Schaffender. Das besondere, einzigartige, liegt ihm im Blut, es ist ein Segen, ein göttliches Privileg, eine unersetzliche Eigenart, ja: was er tut ist Schöpfung (Vergl. „künstlerisches Schaffen“, ein Begriff, der mir immer suspekt war.). Aber nun Achtung: Wer, der in der Hierarchie der Schaffenden einmal die von Konkurrenten und Institutionen besonders stark reglementierten Weihen solch hehrer Künstlerschaft erhält, wäre wohl je auf die Idee gekommen, sie wieder abzugeben? Wer trennte sich wohl von einer derart herausgehobenen Position, wie sie das von Kirche, Königshäusern und Fachkollegen anerkannte Künstlergenie einnimmt? Denn von dort aus führte der Weg nur in eine einzige Richtung: wieder hinab in die Niederungen des einfachen, profanen Handwerks.

Im Angesichte allerhöchster Weihen, gottgegebener Eingebungen, schöpfungsgleichem Erfindungsreichtum und unübertragbarer Individualität eines einzigartigen Subjektes, das bei Hof, Klerus, und aufstrebender Unternehmerschaft Zuspruch und Aufträge erhält, erscheint es nachgerade absurd, sich auszumalen, warum und wie man ein solches Rollenmodell wieder in Würde loswerden sollte, und warum in alles in der Welt das erstrebenswert wäre. „Danke, ich trenne mich von der Kunst und mache jetzt was anderes.“, das kommt in diesem Spiel nicht vor, ja es wäre ein Sakrileg.

Aura des Besonderen

Nun ist ja seit der Frührenaissance einige Zeit vergangen und der Geniekult, der über die Epoche der Romantik auch die Epoche der Moderne geprägt hat, ist vielfach kritisiert und dekonstruiert worden (Künstler*innen sind Leute, die auch nur ihre Dinge tun, so wie auch alle anderen Menschen ihre Dinge tun, nur halt je ein bisschen verschieden. Kurz: nehmt die Trennung zwischen dem einen und dem anderen nicht zu ernst.). Trotzdem hallt die alte Unterscheidung, was Künstlertum im Kern ausmache und was nicht, bis heute nach. Künstlersein, das klingt nach wie vor nicht wie eine Entscheidung (Papa, ich werde Arzt.), sondern wie ein Schicksal (Kind, Du bist etwas ganz Besonderes!).

Ich überzeichne, gewiss, aber würden Sie mir widersprechen, dass Künstlertum auch heute noch von der Aura des Besonderen umgeben ist, dass in der Rhetorik offiziöser wie auch alltagsprachlicher Stimmen manchen (wenigen) Menschen in die Seele oder in die Hormone gelegt zu sein scheint und andern nicht? Und würden Sie mir zustimmen, dass, wer heute Kunst studiert, „es“ aber nach dem Studium nicht schafft, in den Augen der Gesellschaft kein Ansehen genießt (Hättest besser gleich was Vernünftiges machen sollen!)? Oder anders gefragt: Was denn hätten Studierende des Fachs Kunst erworben, das in den Augen der Gesellschaft anerkennungswürdig und wertvoll wäre für den Fall, das keine künstlerische Karriere daraus wird? Ahnen Sie mit mir, dass diese Frage vielerorts Ratlosigkeit nach sich ziehen oder bestenfalls Floskeln hervorbringen wird, wie: Nun ja, Kreativität wird überall gebraucht. Toll, dass Du mit Bleistift und Kamera umgehen kannst. Würde man sich gerne öffentlich selber dafür rühmen, einmal Künstler*in gewesen zu sein? Wäre am Kneipentisch die Wahrscheinlichkeit nicht hoch, den Kommentar zu kassieren: Und was ging schief?

Dabei ist rein statistisch klar, dass es weitaus mehr ehemalige Künstlerinnen und Künstler geben muss als aktuell praktizierende – nimmt man als Maßstab die vielzitierte Zahl von drei bis fünf Prozent aller Absolvent*innen von Kunsthochschulen, die von ihrer Kunst dauerhaft leben können (Die Zahl ist übrigens quatsch, aber das ist ein anderes Thema.). Und der Rest? Ist der gescheitert? Jedenfalls gilt die künstlerische Praxis üblicherweise nicht als Leiter, die man fortwirft, nachdem man auf ihr eine nächste Ebene erklommen hat, so wie etwa die politische Praxis oftmals zu einer Leiter wird, auf der man einen lukrativen Posten in der freien Wirtschaft ergattert. Es ist auch nicht schlimm, Ärztin zu sein und dann das Pferd zu wechseln um Reisereportagen zu schreiben – oder umgekehrt – wenn es sich nun mal so ergab. Warum sich nicht verändern? Mit einer solchen Biografie kommt man durchaus sogar ins Radio. Aber kennen Sie Künstler*innen, die man dafür lobte, Ärzt*innen oder Reisereporter*innen geworden zu sein? Ich nicht. Aber ich hoffe, der Tag wird kommen.

Drei Arten, etwas nicht zu tun 

Manche Trennungen widerfahren einem ohne eigene Absicht, andere führt man willentlich herbei. Sich von der eigenen Künstler*innenrolle unwillentlich zu trennen, weil Anerkennung ausbleibt, das Geld knapp wird, oder aus anderen Gründen, die Menschen dazu bringen, ihre Künstlerlaufbahn abbrechen zu müssen, das geschieht millionenfach und soll hier ausgeklammert bleiben. Denn mich interessiert der andere Fall: Wenn die Trennung von der eigenen Künstler*innenrolle eine willentliche und bewusste Entscheidung ist, obwohl die Karriere ganz gut läuft, die Anerkennung da ist, man also weitermachen kann, es aber nicht will.

Doch auch in diesem Fall – Draw a distinction! – muss man genauer hinschauen. Denn nicht jede Trennung ist auch eine, beziehungsweise ist manche Trennung ein echter Schlussstrich, während andere es nicht sind. Sich von einer Praxis zu trennen heißt ja nichts anderes, als etwas nicht mehr zu tun. Aber es gibt unterschiedliche Weisen, etwas nicht zu tun, und aus Performanz- und Theatralitätstheorien wissen wir, dass auch das Nichthandeln ein Handeln, das Nichtstun oder Nicht-tun eine Praxis sein kann. Und auch wenn Künstler*innen zu Kurator*innen oder Galerist*innen werden, ist es wenig sinnvoll von einer Trennung zu sprechen, denn meist ist es lediglich ein Rollenwechsel innerhalb der Kunstwelt, das plötzliche oder schleichende Verändern einer Praxis, das Verschieben des Fokus. Damit wir also etwas genauer werden und verschiedene Trennungen von der Kunst vernünftig trennen können, habe ich mir drei Unterscheidungen ausgedacht.

Es gibt das ostentative künstlerische Nichthandeln, wobei ostentativ so viel heißt wie: zur Schau stellen. Davon gibt es jede Menge. John Cages Aufführung 4’33 in Woodstock 1952 ist ein Klassiker. Er setzt sich ans Klavier und tut – nichts. Der Skandal ist vorprogrammiert. Heute ist Cage weltberühmt, weil er die Aufmerksamkeit auf den Raum, die Stille, das Räuspern im Publikum und so weiter lenken wollte, anstatt auf das Klavierspiel, was künstlerische Arbeitsweisen erweitert und bereichert hat. Falls Sie sich fragen, wozu dann noch das Klavier auf der Bühne, wenn er es gar nicht spielte: eben darum, um sich von ihm trennen zu können, um es nicht zu benutzen. Einfach nur auf einem Stuhl sitzen funktioniert nicht. Erst das Klavier macht klar, dass es um Musik geht, mindestens um Akustik. Ein anderes Beispiel ist die Disappearing-Performance von Chris Burden aus dem Jahr 1971. Wie der Titel schon sagt, verschwand der Künstler für eine Weile, das Werk besteht aus der Schreibmaschinennotiz, dass er weg war.

Dann gibt es das kommunikative künstlerische Nichthandeln. Wäre John Cage gar nicht erst zu dem Konzert erschienen, das er angekündigt hatte, hätte er in diese Kategorie gehört. Ein Klassiker zu diesem Thema ist das „SchweigenDuchamps“. Jahrelang produzierte Marcel Duchamp keine Arbeiten und die Welt wunderte sich, was los ist. Währenddessen aber blieb er ein Akteur im Kunstfeld, kommunizierte vielfach, schrieb Briefe, ließ von sich wissen, hatte Macht, war involviert. Gerade aber weil er sich vermeintlich von der künstlerischen Praxis trennte, bekam er Aufmerksamkeit für sein künstlerisches Nichtstun und damit für seine Person, deren Verhalten Fragen aufwarf. Auch ein anderer Fall ist interessant. Die Amerikanerin Cady Noland, eine Künstlerinnenlegende, deren Arbeitsschwerpunkt in den 1980er und 1990er Jahren lag, stoppte die Werkproduktion, untersagte jegliche Ausstellung ihrer Arbeiten und galt gemeinhin als Aussteigerin. Was weniger Menschen wissen ist, dass Cady Noland im Hintergrund äußerst aktiv blieb. Bis heute kontrolliert sie die Sichtbarkeit ihres Œuvres wo sie kann. Geht eine alte Arbeit in eine Auktion, bei der viele Millionen dafür geboten werden, baut sie sie, wenn möglich, selber auf und verschwindet sofort wieder. Berüchtigt sind die zahlreichen Gerichtsverfahren, die sie anstrengte, um Arbeiten, die etwa Schaden gelitten hatten oder restauriert worden waren, aus dem Verkehr zu ziehen und ihnen die Authentizität abzusprechen. Der Autor war selber Ziel eines solchen juristischen Aktes und hatte 2011 die Künstlerin eines morgens am Telefon, die mit physischer Gewalt drohte, falls er ihre Werke nicht sofort aus der von ihm kuratierten Ausstellung entfernen würde. Kurz: Cady Noland stieg nicht aus der Kunst aus. Sie kommuniziert stetig und auf die entschiedenste Weise mit anderen Mitspieler*innen in der Kunstwelt, und verfolgt dabei klare Ziele. Und erinnern Sie sich an Maurizio Cattelans Ankündigung, er habe genug und werde aus der Kunst aussteigen? Das war 2012. Mich rief das Monopol Magazin an und fragte, ob ich das kommentieren wolle. Ich sagte: Lasst euch nicht foppen. Cattelan steigt nicht aus, der inszeniert sich nur. So kam es dann auch.

Der Ausstieg aus der Kunst

Vom ostentativen und vom kommunikativen Nichthandeln unterscheidet sich das radikale künstlerische Nichthandelndadurch, dass nicht nur nicht mehr künstlerisch gearbeitet wird, sondern dass man an den sozialen Spielen, den Kommunikationen, der Ökonomie, den Veranstaltungen und Ereignissen der Kunstwelt nicht länger teilnimmt und vollständig aus dieser Welt verschwindet. Die Brücken abbricht. Weg ist. Weg weg. Das und nur das ist in meinen Augen, was man sinnvoller Weise als einen Ausstieg aus der Kunst bezeichnen kann: das vorsätzliche Ablegen der Künstlerrolle. Meine Definition lautet so: Ein Ausstieg aus der Kunst liegt dann vor, wenn ein Akteur zu einem früheren Zeitpunkt im Kunstfeld sichtbar war und zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr, und dies so wollte. Jetzt mögen Sie die Schultern zucken und sagen: Ja und? Das ist jetzt die Pointe? Warum soll das interessant sein? Nun, interessant finde ich dabei dreierlei.

Ich sagte oben, dass so wenig darüber bekannt ist, wie und warum künstlerische Praxen an ein Ende gelangen. Dann habe ich so lange Unterscheidungen getroffen und das eine vom anderen getrennt, bis nun ein bestimmtes, und vielleicht auch interessantestes, Ende solcher Praxen klar umrissen ist. Bemerkenswert finde ich dabei, dass Künstler*innen ja gerne als Aussteiger*innen betitelt werden, womit dann oft gemeint ist, dass sie nicht der sozialen Norm entsprechen oder irgend etwas tun, das als Grenzüberschreitung gilt. Dass ihre Grenzüberschreitung, ihr Aussteigertum, aber auch darin liegen könnte, dass sie aus der Kunst aussteigen, scheint lange Zeit unbedacht geblieben zu sein, ja vielleicht unvorstellbar (vergleiche Giotto). Aber dieser Umstand gehört in unser Künstler*innenbild hinein. Ich finde, wir können keine Kunstgeschichte schreiben, die Leute außer Acht lässt, die es vorgezogen haben, in dieser Geschichte nicht mehr vorzukommen, obwohl sie es hätten können.

Auf der Suche nach Fällen, die obiger Definition entsprechen, beziehungsweise die mich dazu brachten, sie so zu formulieren, stieß ich mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf Künstler*innen, die sich in historischen Umbruchzeiten politisch engagierten und in deren Biografien erkennbar ist, dass sie sich von der Kunst abwandten, weil sie ihr nicht zutrauten, ausreichend Relevanz zu besitzen, um zum gesellschaftlichen Wandel beizutragen. Ich fand solche Fälle von der Mitte des 18. Jahrhunderts aufwärts, gehäuft in Revolutionszeiten und stets wirkte es auf mich, als seien solche Ausstiege Statements, die im Bereich der Institutionskritik relevant wären, dort also, wo man sich fragt, ob die gesellschaftliche Konstruktion von Kunst, so wie wir sie uns im Laufe der Geschichte gebastelt haben, eigentlich Sinn macht oder verändert gehörte. Es ist eine der zentralen Fragen, die hier immer wieder gestellt wurde: Was kann Kunst? Ist das wichtig, richtig? Kann das weg? Sollte das weg? Sollte ich besser etwas anderes tun? Tatsächlich haben relevante Künstler*innenpersönlichkeiten immer wieder diese Fragen gestellt, und manche davon haben sich mit ihrer Antwort so positioniert wie Charlotte Posenenske. Im Mai 1968 veröffentlichte die Bildhauerin, deren Werk lange fast verschollen war, bis es in den 2000er Jahren posthum als Klassiker der deutschen Minimal Art rehabilitiert wurde, unter anderem auf der documenta 12, ein Statement in der amerikanischen Kunstzeitschrift Art International, das mit folgenden Worten endet: „Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass Kunst nichts zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.“ Im Jahr darauf trennte sich Posenenske von der Kunst, studierte fortan Soziologie und wurde bis auf Weiteres von der Kunstwelt vergessen. Ich könnte viele Fälle aus den vergangenen 200 Jahren nennen, die ungefähr vergleichbar sind. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie kritisierten die gesellschaftliche Rolle der Kunst und die eigene Rolle als Künstler*in, und diese Kritik kulminierte in der Konsequenz, sich von der Kunst als Handlungsfeld zu verabschieden. Man könnte also durchaus auf die Idee kommen, in solchen Kunstausstiegen eine radikale – vielleicht die radikalste – Form von Institutionskritik zu sehen, nämlich eine fundamentale Kritik am System Kunst insgesamt. Und das bringt mich zum nächsten und letzten Punkt.

Der Umstand, dass es keine Rezeption solcher Kritik gab, dass das, was ich für Statements halte, nämlich das begründete Niederlegen einer künstlerischen Praxis aufgrund fundamentaler Zweifel an den Bedingungen und Möglichkeiten dieser Praxis, so lange nicht gesehen und gehört wurde, spricht Bände darüber, was die Kunstwelt in ihrer Wahrnehmung und Kommunikation verarbeiten kann und will, und was nicht, wer da vorkommt und wer nicht, was man sehen will und was man nicht sehen will. Es gibt aber, und damit komme ich allmählich zu Schluss, natürlich ein Handicap bei der Sache: Wenn jemand der Kunstwelt seinen Rücken kehrt und fürderhin nimmer gesehen wird, fällt es freilich nicht ganz leicht, diesen Schritt zu rezipieren und etwa auf die Idee zu kommen, eine Doktorarbeit darüber zu schreiben, dass da jemand war, der jetzt nicht mehr da ist. Es ist verständlich, dass Kunsthistoriker*innen nicht viel Leidenschaft dafür entfalteten, sich mit Künstler*innen zu befassen, die keine mehr sind. Es ist ein bisschen kontraintuitiv für Wissenschaftler*innen, sich etwas zuzuwenden, das weg ist. Gleichzeitig scheint mir das aber auch ein Problem der Profession zu sein, denn im Leben tun wir so etwas ja massenhaft. Jede*r, der/die eine schwierige, vielleicht schmerzvolle Trennung von einer Partnerin oder einem Partner durchlebt hat, weiß gut, wieviel man darüber nachdenkt, warum jemand gegangen ist, was die Motive waren, wie lange sich das schon abzeichnete, ob man Schuld daran war oder Grund hat, richtig sauer zu sein. Warum sollte man sich das nicht mit gleicher Tiefe fragen, wenn sich jemand, den man schätzte, von der Kunst getrennt hat? Auch von uns getrennt hat, falls wir Angehörige der Kunstwelt sind. Das sollte nicht nachdenklich machen? Ich finde, es sollte. Es ist ein Spiegel für uns. Es beschreibt ein Stück des Ortes, an dem wir sind, wenn sich jemand entschloss, nicht länger an diesem Ort zu sein.

Und zum guten Schluss will ich das ganze nun dramatisieren! Denn man könnte auf folgenden Gedanken kommen: Wenn man so wenig darüber weiß, wer sich wann und warum von einer künstlerischen Praxis trennte, weil er / sie / es nicht länger an die Relevanz dieser Praxis glaubte oder sonstige gute Gründe hatte, ihr nicht das zuzutrauen, was man sich erhoffen würde, und also aus dem Blickfeld der Kunstweltler*innen auf nimmer wiedersehen verschwand – was können wir dann eigentlich davon wissen, wie oft so etwas geschieht? Sind das Einzelfälle? Was, wenn es ein Massenphänomen wäre? Was, wenn gar die Kunstwelt nur aus denjenigen Menschen bestünde, die sich nicht dazu entschlossen haben, dieser Welt aus guten Gründen Adieu zu sagen? Was, wenn wir der Rest sind? Ein unkritischer Rest, der sich einfach nicht trennen kann und will von einer Praxis und einem Leben, die Millionen, ja Milliarden anderer Menschen eher enttäuschend oder zumindest wenig vielversprechend finden, weshalb sie es sogar vorzogen, gar nicht erst einzusteigen in die Künstler*innenrolle und uns also alleine ließen, bevor wir sie überhaupt sehen und kennenlernen konnten, damit sie uns erzählen, was sie an unserem Tun und Dasein problematisch finden?

Alexander Koch

Erschienen in: Martin Köttering (Hg.), Lerchenfeld Nr. 57, Hamburg 2021

1 Kunst verlassen #1, Ausstellung in der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, 2001; GENERAL STRIKE, Grundlagen zu Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs, KOW ISSUE 8, Berlin, 2011

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2020

Dierk Schmidt. Kolonnen – Hohenzollern ist jetzt ein Verb

Man tut sich schwer mit dem Thema Restitution. Die ehemalig Kolonisierten fordern, man solle ihnen die Kulturgüter zurückgeben, die während der Kolonialzeit gestohlen wurden oder auf fraglichen Wegen in deutsche Sammlungen gelangten. Die Bundesrepublik dagegen bringt vor, das alles sei nicht so einfach – und baut gar das alte Preußenschloss wieder auf, von dem aus ein Stück Kolonialgeschichte mitgeschrieben wurde, um darin eben jene Kulturgüter im Namen Humboldts künftig zu verwahren.

Und nun das. Kaum war 2013 der Grundstein für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gelegt, meldeten sich die ehemaligen Hausherren zurück, die preußischen Prinzen aus dem Stamm der Hohenzollern, und forderten ihrerseits selbst Restitution: 5.000 Stücke ehemaligen Kronguts aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 266 Gemälde, u.a. von Lucas … weiterlesen

2020

Jedem Auftrag wohnt mindestens ein Bürger inne

Das höchste Gut einer Gesellschaft ist ihre Vorstellungskraft. Denn was sie sich nicht vorstellen kann zu sein, das wird sie auch nicht werden. Was sie nicht für möglich hält, wird nicht geschehen – zumindest solange nicht, bis sich das, was vorstellbar ist, verschiebt. Gesellschaftlicher Wandel ist wesentlich eine Entwicklung der kollektiven Einbildungskraft, eine Aus- und Umgestaltung des sozialen Imaginären.

Dieses Imaginäre ist ohne die Formen und Stimmen der Kunst und Kultur nicht denkbar, mehr noch: was ist die kollektive Einbildungskraft einer Gemeinschaft von Menschen anderes, als ihre Kultur?

Die Neuen Auftraggeber sind ein Weg, am Vorstellbaren zu arbeiten und dessen Grenzen zu erweitern. Indem Bürger*innen in Dörfern und Städten Künstler*innen damit beauftragen, neue Werke zu entwickeln, die unmittelbar ein Stück ihres … weiterlesen

2020

Die Gestaltung der Nähe: Kulturwandel und Konfliktarbeit im Bürgerauftrag

Neurologisch betrachtet, lässt sich „Heimat“ als eine physiologische Veränderung im Gehirn beschreiben, die durch wiederholte Reizeinwirkung entsteht. Kurz: Heimat ist neuronale Prägung. Synaptische Loops der eintrainierten Wiederkennung von Bekanntem. Wie alles im Gehirn ist diese Prägung nicht in Stein gemeißelt, sondern bleibt beweglich, dynamisch, gestaltbar. Das allein sollte genügen, um jede inhaltliche Fixierung und Essenzialisierung des Heimatbegriffs zurückzuweisen.

Das gilt auch für den Begriff der Identität. Gleichzeitig zeigt sich, dass Heimaten und die mit ihnen verknüpften Lebenswirklichkeiten aus der Interaktion mit einer Umwelt bestehen, die sich ihrerseits ständig wandelt. So sind Heimaten einerseits immer von Gestern, Spuren der Erinnerung, und andererseits Gegenstand einer fortwährenden Transformation, die in die Zukunft weist. … weiterlesen

2020

Willst du eine Zukunft? Ein Protokoll für neue kulturelle Gemeingüter

Dass wir dringend gute Lösungen für plantare Probleme brauchen, weiß heute jeder. Doch dann klingt es immer etwas anrüchig, wenn irgendwer behauptet, er kenne eine wirklich gute Lösung für ein planetares Problem. Man gerät schnell in Verdacht, anmaßend oder, wahrscheinlicher noch, ein Populist zu sein. Deshalb habe ich mich heute morgen gefreut, als ich ein Interview mit Judith Butler im New Yorker las, in dem sie sagt: Sometimes you have to imagine in a radical way that makes you seem a little crazy, that puts you in an embarrassing light, in order to open up a possibility that others have already closed down with their knowing realism. I’m prepared to be mocked and dismissed[1]. Auf geht’s also. Denn ich werde sicherlich etwas lächerlich aussehen, wenn ich sage, dass mir zumindest eine gute Idee für planetare Probleme einfällt. Es ist nicht meine Idee. Aber ich finde sie gut. … weiterlesen

2019 ff.

Der letzte Tag des Jahres

Die folgenden Leseproben aus dem 260-seitigen Manuskript veröffentliche ich hier zum Einblick in den noch nicht publizierten Text.

Leseproben

Seite 3 ff.

Maria Magdalena starb am letzten Tag des Jahres. Wir kannten und drei Tage und fünf Abende lang, ehe uns eine Welle in den Atlantik riss. Maria ertrank, ich nicht. Das ist jetzt fünf Tage her. Heute morgen rief meine Mutter an, in ihrer Lokalzeitung habe es gestanden. Eine der radikalsten Theatermacherinnen des Landes sei viel zu früh verstorben. Da habe auch gestanden, ein Mann hätte noch versucht, die Frau zu retten. Ob das stimme, fragte sie. Das stimmt nicht, wie nun auch meine Mutter weiß. Ich habe nicht versucht, dich zu retten. Dazu war keine Zeit. … weiterlesen

2019

Leon Ferrari. Toasted Angels, Sounds of Steel

Das Weiße Haus ist bewohnt von Regenwürmern. Sie kriechen durchs Oval Office, in die privaten Gemächer, hängen von dem Fahnenmast auf dem Dach, schmieren ihren Schleim auf die amerikanische Flagge. Das Video Casa Blanca von 2005 ist der Auftakt unserer Ausstellung. Wird hier ein stolzes Symbol geschändet? Eine Ikone beschmiert? Was hatte León Ferrari im Sinn? Blasphemie?

Ferrari tat, was er konnte. Was er nicht konnte, tat er nicht. Das klingt banaler, als es ist. Denn was Ferrari tat, war eng verbunden mit den politischen Entwicklungen seit den 1950er Jahren, für die er zum je gegebenen Zeitpunkt seine Sprache fand, mit den Mitteln, die er hatte. Eine Sprache – mehrere Sprachen –, die vom Privaten ins Öffentliche drangen, um von Krieg und Diktatur, von Drangsalierung, und von Freiheit zu erzählen. Ferraris künstlerische Laufbahn begann … weiterlesen

2019

Citizens Commissioning Art: An innovative social and cultural policy practice

The New Patrons program has initiated an unprecedented social practice. In the past three decades, this practice has renewed civic collaboration and responsibility throughout Europe and beyond. It has suggested to society a new methodology to respond to the cultural needs of various communities in a wide range of settings and in broadly diverse artistic and scientific formats.

Art and democracy have one thing in common: their modes of action and representation need to be conceived and practiced afresh every day. Nothing about them can be taken for granted, and only society itself can be the legitimate protagonist of this process of continual historic creation. And yet there is a vitally important sector in which society, as a community of individuals, has very limited say: the commissioning of common cultural goods. Thirty years ago, the New … weiterlesen

2018

Alice Creischer. His Master’s Voice

Alice Creischers Ausstellung ist ein Stück deutscher Gegenwart. Und dabei auch ein Stück politischer und künstlerischer Kontinuität. Im Untergeschoss der Galerie stottern die Werke sich durch gesellschaftliche Entwicklungen während der letzten dreißig und mehr Jahre, die so häufig kritisch beschrieben wurden, dass man heute kaum noch weiß, wie man wieder, und weiter, und noch einmal darüber sprechen kann, während der scheinbar unaufhaltsame politische Klimawandel dem kritischen Denken immer wieder, und noch einmal, die Sprache verschlägt. Kann doch alles nicht wahr sein. Ist es aber. Und es zeigt sich ungeschminkt.

Creischers Ausstellung ist ein Kopfschütteln über die eigene deutsche Geschichte und wohl auch über das permanente Nachdenken darüber. Im Krieg gegen die Franzosen brachten sich die Deutschen endlich unter eine Krone. 1871 gründeten sie … weiterlesen

2017

Ekstase der Zerstörung. Michael E. Smiths „And Babies“

Fünfzehn tote Kugelfische, sechs LED-Leuchten, ein schwarzer Pullover, eine Kehrschaufel und der rote Schnabel eines Storches: Mit diesem Inventar hat Michael E. Smith im Neuen Museum Nürnberg einen Raum eingerichtet. Die Atmosphäre ist schlicht und still, das Licht ist ausgeschaltet. Doch allmählich ordnet sich dieser Raum zu einem erschreckenden Bild, verformt sich zu einem Mahnmal der Gewalt, ja der Verheerungen menschlicher Vernunft.

Panik

Entlang des strengen Rasters der Bodenplatten sind die fünfzehn präparierten Fischkadaver gleichmäßig hintereinander gereiht. Wie an einer Perlenkette, die den Museumssaal durchzieht. Kugelfische gelten als ebenso zierlich wie gefährlich. Aber hier liegen sie als harmlose Präparate am Boden, die zur Selbstverteidigung ein letztes Mal ihre leeren Hüllen zu … weiterlesen

2017

Heinrich Dunst. Things, Not Words

Da kratzt etwas am Fundament. Schwärme von Denkern untergraben derzeit ein Weltbild, in dessen Mitte der Menschen sitzt. Was Sloterdijk einmal polemisch als die absteigende Entwicklungslinie vom Gott zum Menschen und vom Menschen zum Schlumpf bezeichnet hat, könnte man als eine Reihe narzisstischer Kränkungen des abendländischen Subjekts beschreiben: Kopernikus zerbrach die Illusion, das Universum kreise um die Erde; Kant machte Schluss mit dem Glauben, Erkenntnis sei mehr als das, was sich in unserem Kopf abspielt; Freud zeigte, dass wir selbst in unserem eigenen Kopf nicht Herr im Haus sind. Und nun sagt man uns, dass wir den Unterschied zwischen dem Menschen und einer Kaffeemaschine maßlos überschätzt haben. Lange galt die soziale Welt als eine von Subjekten bewohnte und die Realität als das, was diese Subjekte – vor allem sprachlich – als solche begreifen. Doch nun wankt dieser … weiterlesen

2017

On the Possibility of Light. Chto Delat

Mehr Licht! Baut mehr Leuchttürme! Trinkt Phosphor! Etwas muss den Autokraten und Neofeudalisten, die in den USA, der Türkei, Polen, England und anderen Ländern das Licht ausmachen, entgegenscheinen. Aber was? Was ist zu tun? Chto Delat?!

Seit 14 Jahren trägt das Kollektiv aus Moskauer und Sankt Petersburger Künstlern, Intellektuellen und Aktivisten diese Frage programmatisch in seinem Namen. Doch 2014 wusste die Gruppe keine Antwort mehr darauf – in ihrer AUSSTELLUNG BEI KOW begrub sie ihre Hoffnungen, dem Ukrainekrieg und Putins Neonationalismus ließe sich noch künstlerisch-kritisch begegnen, versiegelte sie in einer Zeitkapsel und schickte sie in eine unbekannte Zukunft. Es war ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und Marginalität. Der Schock, der jetzt den Westen erreicht hat, saß den Russen also schon länger in den Knochen. Sie haben ihn verarbeitet und kommen nun zurück nach … weiterlesen

2020

Die Schokoladenskulpturen von CATPC

Die Plastiken des Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (CATPC) erstaunten das deutsche und internationale Publikum, als sie im Mai 2015 in Berlin bei KOW zu sehen waren. Die formale und erzählerische Ausdrucksstärke der sieben präsentierten Werke von Mathieu Kasiama, Mbuku Kimpala, Thomas Leba, Jérémie Mabiala, Daniel Manenga, Emery Muhumba und Cedrick Tamasala schien professionellen Beobachtern wie privaten Liebhaberinnen offensichtlich, während die technische Herstellung der Plastiken und ihre ökonomische und konzeptionelle Verknüpfung mit den Aktivitäten des Institut für Human Activity, IHA, und mit der künstlerischen Praxis Renzo Martens Fragen aufwarf, von denen ich hier einige beantworten will.

Um die in Schokolade gegossenen Büsten und Statuen korrekt beschreiben und verstehen zu können, muss ihre Herkunft aus … weiterlesen

2016

Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen / Deutschland. Mario Pfeifer

Leider ist das alles nicht so einfach. Rechts-, Mitte-, Links-Populismus, post-faktisches Zeitalter, gespaltene und manipulierte Gesellschaften – das fühlt sich an wie eine apokalyptische Abwärtsspirale, doch apokalyptische Gefühlslagen helfen nicht. Spaltung hilft nicht. Fakt ist: Was heute manche erschüttert, macht andere heiter und mutig. Wo aufkommende Regierungsformen bei den einen Fluchtinstinkte wecken, sehen sich andere endlich repräsentiert. Wo elaborierter Kritik der Sauerstoff ausgeht, kommen ungehörte Stimmen zu neuem Volumen. Doch verarscht fühlen sich am Ende vielleicht alle. Rechtsruck? Linker Widerstand? Rationalität der Mitte? Verfangen in alten Politik- und Glaubenssystemen, zünden Leute quer durch die mentalen Spektren Konfliktlinien im Gemeinsinn an, die antagonistische Dämonen beschwören.

Mario Pfeifer ist einen anderen Weg gegangen. Er hat neun … weiterlesen

2016

Solidarische Mobilmachung. Kunst, Vokabularpolitik und Resolidarisierung NACH Richard Rorty

Kontingenz, Ironie und Solidarität, dieses Buch von Richard Rorty, erschienen 1989, ist seit fast 20 Jahren die wichtigste Quelle für mein Denken über die soziale Funktion der Kunst. Und seit fast 20 Jahren wundere ich mich, wieso dieses Buch in der Kunstwelt so wenig gelesen wird.1 Denn es hilft uns ein großes Stück weiter, die Frage in ein sinnvolles Licht zu rücken, warum und wie die Kunst an der Gestaltung sozialer Wirklichkeit beteiligt ist. In Diskussionen über das Politische der Kunst, über ihre gesellschaftliche Relevanz und ihren gesellschaftlichen Auftrag, falle ich immer wieder auf Rorty zurück. Oft kopfschüttelnd, weil mir nicht einleuchtet, warum diese Diskussionen noch einmal um Probleme kreisen, die man nach Rorty nicht mehr haben muss und nicht mehr haben sollte. Ich werde Rortys Position rekapitulieren um vorzuschlagen, dass nach ihm über Kunst zu sprechen bedeutet … weiterlesen

2016

Die Sammlung „Der Schrank“ von Ramon Haze

Es ist eine der herausragenden Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts – vielleicht die Einzige. Von Marcel Duchamp über Andreas Baader bis zu Jeff Koons umspannt sie fast 100 Jahre einer Kulturepoche, die uns fremd geworden ist. Die 154 Sammlungsstücke geben Einblick in die Ding- und Begriffswelt einer Ära, in der sich einst Gefühle und Gedanken, Wissen und Visionen in Formen ausdrückten: in künstlerischen Objekten und Bildwerken, die kollektiv betrachtet und bewertet wurden.

Heute indes braucht es archäologischen Feinsinn um nachvollziehen zu können, wie es möglich war, dass manche Gegenstände Bedeutung als Kunstwerke erlangten und andere nicht. Und so ist die Ausstellung bei KOW vor allem eine Würdigung des Lebenswerks von Ramon Haze, der die Exponate dieser Kollektion zusammentrug und ihren verschollenen Sinn rekonstruierte. … weiterlesen

2016

Hiwa K. This Lemon Tases of Apple

Zitronen werden herumgereicht. Ihr Saft lindert das Brennen in den Atemwegen. Es ist der 17. April 2011, letzter Tag des öffentlichen Aufruhrs vor Niederschlagung des Irakischen Frühlings, der in den internationalen Medien kaum Erwähnung fand. Inmitten der von Tränengas durchsetzten Proteste zwei Musikanten: Hiwa K an der Mundharmonika, Daroon Othman an der Gitarre.

Sie spielen die Filmmusik von "Once Upon a Time in the West" ("Spiel mir das Lied vom Tod"), jene alarmierende Melodie aus zwei diskordanten Tönen, die auf den Straßen von Sulaimany, Kurdistan, jeder kennt. Sie trägt die enttäuschten Hoffnungen vieler Jahre auf die Straße und treibt den Marsch der Demonstranten mit einer düsteren, einigenden Kraft voran. Während Hiwa Ks Spiel auf der Mundharmonika mischt sich das Tränengas in seinen Atem; im Körper des Performers fallen … weiterlesen

2015

Mario Pfeifer. Approximation in the Digital Age to a Humanity Condemned to Disappear

Am Ende der Welt läuft Techno. Tintenfische drehen sich im Stroboskoplicht, die Meeresspinnenindustrie tickt wie ein Schweizer Uhrwerk und echte Männer gelten was, wenn ihnen der Fang in die Reuse geht. Der Sonnenaufgang ist in Patagonien so atemberaubend wie in der Panoramabar im Berghain.

Satte Farben, gut getaktete Schnitte und Übergänge, packende Rhythmen: Mario Pfeifers "Approximation" trifft als dreiteilige Videoinstallation den ästhetischen Zeitgeist mit fulminanten Bildern in hochauflösender 4-K-Technologie. Sie entstanden am Ende der Erdscheibe, da wo Menschen manchmal über den Rand fallen und im Nirgendwo verschwinden. Diesmal sind es Feuerlandindianer, die es vielleicht noch gibt, vielleicht auch schon nicht mehr. Pfeifer hat sie gefilmt – hat er? Was auf drei Projektionen im Untergeschoss von KOW zu sehen ist, ist keine Dokumentation, sondern eine Betrachtungsweise. … weiterlesen

2015

Candice Breitz. Love Story

“Alec, you’re famous! People will listen to you,” says Alec Baldwin to himself, a few moments before sharing the details of his arrest in Cairo, his journey to Italy on a desperately overcrowded fishing boat, and his eventual arrival in the unfamiliar city of Berlin on a rainy day in September 2015. Cut. Julianne Moore briefly fixes her hair. And then recounts the brutal attack that she and her children survived back home, shattering what had been a comfortable life in the Democratic Republic of the Congo, and leaving her with no choice but to smuggle herself and her children – via an endless journey in the back of a windowless truck – towards an uncertain future in an unknown country. In our first encounter with Love Story, Moore and Baldwin address us via a large projection, to speak of past anguish and hope for the future, of forced migration and loss, but also of the comfort of … weiterlesen

2016

Gestures of Disappearance, Once More. Looking Back on a Prologue, its Melancholy, and its Method

A broken love means most to the one who walks away from it – because the leaver is so profoundly invested in the connection that he or she tries to influence and mold it until the very end. Severing the ties to another human being gives that bond a final form. Breaking up as the last gesture of a love? I’m not sure how much there is to this logic. But it rings true of many artists who broke up with art. Only an artist who is deeply in love with her art can be wracked by such passionate doubts about it even to the point of despair that she finds serious motives to leave it behind or at least put her reservations into practice. This was the point of departure for Gestures of Disappearance.

To contemporary readers, “in love with art” may sound like a romantic cliché, but what the four artists in this exhibition have in common is a core drive that is quintessentially … weiterlesen

2015

Hito Steyerl. Left to Our Own Devices

Hito Steyerls erste Galerieausstellung in Deutschland – wir zeigen fünf Videoinstallationen aus den Jahren 2012 bis 2015 – ist in das Licht eines Bruce Lee-Zitates getaucht: „Be water, my friend!“. In A Warrior‘s Journey rät der Kung-Fu-Meister einem Gefährten, der in den Kampf zieht, so gestaltlos zu sein wie Wasser, dass sich blitzschnell neuen Situationen anpassen und jede Form annehmen kann. „Be formless, shapeless, like water!“.

Es ist eine Formel fürs Überleben im Angesicht einer Übermacht. Eine Losung, die im Handbuch jeder Guerilla-, Hacker- und Aktivistenbewegung stehen könnte – aber auch in den Handbüchern für Abhörprogramme, Finanzmarktprodukte und hybride Kriegsführung. Überall da, wo es von Vorteil ist, seine Position im nu in eine andere zu konvertieren. Bruce Lees Aufruf zum Einschmelzen aller angreifbaren Eigenschaften findet … weiterlesen

2014

Eugenio Dittborn. Pinturas Aeropostales

In den letzten Wochen erreichten uns knapp 50 Briefe aus Santiago de Chile. Ihr Inhalt: Rund 150 Quadratmeter Stoff, zusammengefaltet für den Versand in FedEx-Umschlägen. Es sind die Einzelteile von zwölf Werken Eugenio Dittborns aus der Zeit von 1986 bis 2014. Pinturas Aeropostales – Airmail Paintings.

Bilder, die entstanden, um von Chile aus per Luftpost um die Welt zu reisen und nun bei uns Station zu machen. Malerei, Siebdruck und Textilcollagen auf je drei Quadratmeter großen Baumwoll-, Filz- und manchmal auch Papierbahnen, die wir aus den Umschlägen ziehen, entfalten und auf unseren Wänden zusammenfügen. Es wird ein monographischer Überblick über das Werk des 1943 geborenen Chilenen, sein erster Solo-Auftritt in einer europäischen Galerie.

Dauernd sind zahllose Bilder unterwegs um den Globus, ob … weiterlesen

2013

Abstraktion aus Notwehr. Santiago Sierras solidarische Grausamkeit

Lange war Abstraktion in der Kunst vor allem eine Geschichte des ästhetischen Essentialismus: des Glaubens, eine bestimmte Systematik der Formen müsse in der Lage sein, das Wesen der Dinge und ihrer Erscheinungen so grundsätzlich zu erfassen und bildnerisch anzuordnen, dass sich etwas Allgemeines, etwas Wahres, etwas Letztes darüber würde sagen lassen. Etwas, das sich aus dem Hier und Jetzt einer konkreten Lebenswelt erhebt.

Diesen Glauben hat Richard Rorty mit Blick auf die Verwendung sprachlicher Zeichen als die Suche des (v.a. westlichen) Denkens nach „abschließenden Vokabularen“ bezeichnet.[1] Der amerikanische Pragmatist verstand darunter die Sehnsucht nach zeitlosen Formeln der Erkenntnis, die Hoffnung auf letzte Gewissheit. Santiago Sierra und Richard Rorty ist gemeinsam, dass sie diese Hoffnung aufgaben, dieses … weiterlesen

2013

Wels statt Buddha. Michael E. Smiths Materialismus der Grundbedürfnisse

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Ein fast leerer Ausstellungsraum ohne eigenes Licht und ohne eigentliche Verwendung. Dass darin etwas »gezeigt« wird, kann man nicht wirklich behaupten. Flüchtig nehmen wir zwei beleuchtete Plastikwannen wahr und gehen einen Raum weiter. Einen Moment später sagt mein Kollege Nikolaus: »Irgendetwas fühlte sich da drinnen nicht gut an.« Also gehen wir noch einmal zurück. Das Gefühl, das Nikolaus meinte, rührte von einem atmosphärischen Nullpunkt her, so als hätte jemand den Stecker herausgezogen und alle Lebensfunktionen des Ortes abgestellt. Und die wenigen Dinge, die sich ausmachen ließen, schienen sich an die Ränder des Saales zu drücken und dort mit sich allein zu bleiben. Als wir sie schließlich eine Weile lang genauer ansehen, fällt zwischen uns ein Satz, der uns seither begleitet: »Hier zeigt jemand die verwundete Seele … weiterlesen

2013

Zehn Schöne Inseln. Die Binnengrenzen des Kunstfeldes – Ein Beschreibungsmodell

Dabei ziehen, verschieben und schleifen sie Grenzen zwischen einander und bringen so hervor, was Pierre Bourdieu soziale Felder nannte: Austragungsorte von Kämpfen, in denen um Einfluß auf gesellschaftliche Interessensobjekte gerungen wird. Von Arena zu Arena, von Feld zu Feld, sind die Spielregeln der Auseinandersetzung verschieden, ebenso der Glaube der Beteiligten an den Wert der Objekte, um die sie konkurrieren, und der Kapitalien, die sie dabei gegeneinander ausspielen. Neue soziale Felder entstehen durch Spezialisierung und Arbeitsteilung der Akteure eines bereits bestehenden Feldes, durch Diversifizierung von Interessensgegenständen oder durch Verschiebungen in der Kapitalstruktur. Sie begründen neue Spiele, neue Wertsphären, neue Konkurrentenkonstellationen. Haben die innere Ökonomie eines Feldes, seine Funktionsweise und die gemeinsamen Glaubensgrundsätze seiner Akteure eine … weiterlesen

2013

Besser draußen als drinnen? Eine Frage der Reform

Die Besten sind vielleicht schon weg. Ich meine: gegangen. Vielleicht stehen die, die gar keine Kompromisse machen wollten zwischen dem gesellschaftlichen Anspruch ihrer Kunst und der Notwendigkeit, diesen Anspruch dann auch zu Markte tragen zu müssen, überhaupt nicht mehr auf der Bühne: stellen nicht mehr aus, produzieren nicht, verkaufen nicht – sind raus. Betraten einige der besten Künstlerinnen und Künstler unserer Epoche womöglich das große Kunstparkett gar nicht erst, weil sie mit einem institutionellen und wirtschaftlichen Betrieb, an dem sie ihre Zweifel hatten, nicht kooperieren wollten? Ziemlich sicher hätten wir dann nie von ihnen gehört – und wahrscheinlich ein Stück vom Besten verpasst.

Tatsächlich gibt es solche Aussteigerinnen und Aussteiger aus der Kunst reichlich. Ich habe einige Jahre ihre Biografien und Motive studiert1, dabei zeigt sich vor allem eines … weiterlesen

2013

Dignity. Barbara Hammer

Das Lebenswerk der 1939 in Hollywood geborenen Experimentalfilmerin, Dokumentaristin und bildenden Künstlerin Barbara Hammer hat die Geschichte des Queer Cinema mitgeschrieben. Seit 1968 hat die erste lesbische Filmaktivistin über 80 Produktionen mit dezidiert feministischer Perspektive vorgelegt.

Zeigte unsere erste Ausstellung von Barbara Hammer 2011 vor allem ihren Beitrag zur (Selbst-)Repräsentation lesbischer Liebe und Sexualität in den Siebzigerjahren, konzentrieren wir uns nun auf einen Parallelstrang ihres Schaffens seit Mitte der Achtzigerjahre: Die Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod.

Im Zentrum der gemeinsam mit der Künstlerin entwickelten Ausstellung steht „Sanctus“ (1990). Hammer verwendet Röntgenfilmaufnahmen, die Dr. James Sibley Watson in den Fünfzigerjahren herstellte, indem er Körper in Bewegungen … weiterlesen

2012

Tobias Zielony. Manitoba

Von 1874 bis 1996 führte der kanadische Staat mit kirchlicher Unterstützung sogenannte Residential Schools – Internate zur Umerziehung der kanadischen Ureinwohner. Rund 250.000 Kinder wurden in dieser Zeit gewaltsam aus ihren Familien gerissen, von der indigenen Kultur abgeschnitten und zu „guten Christen“ umerzogen.

Man verbot ihnen die Muttersprachen, sexueller Missbrauch und Zwangssterilisation waren üblich, mehr als 50.000 Kinder starben. Jüngste Funde von Kindermassengräbern wurden nicht oder nur zaghaft untersucht. Zwar entschuldigten sich die kanadische Regierung 2008 und der Vatikan 2009 für das Umerziehungsprogramm, den systematischen Genozid an der indigenen Bevölkerung – u.a. durch tödliche Impfprogramme – leugnen sie aber.

Die Jugendlichen, die Tobias Zielony seit 2008 in der … weiterlesen

2011

Schmutz, der die Sonne fängt. Chris Martins sozialer Horizont einer spirituellen Abstraktion

Malerei und Buddhismus sind gute Kumpel. Wenn sie durch New Yorker Galerien und Kneipen ziehen, sinniert Malerei regelmäßig über den Unterschied zwischen guten und schlechten Bildern – und Buddhismus entgegnet mit alten tibetischen Weisheiten, an denen Malereis Ambitionen abperlen wie der Regen an den Ölflecken auf dem Asphalt. Dreck knirscht unter ihren Schuhen, wenn Chris Martin Malerei und Buddhismus durch die Straßen von Chelsea schickt. Und während die beiden in seinem Artikel „Buddhism, Landscape and the absolute Truth about Abstract Painting“ für die Zeitschrift Brooklyn Rail launig über das Wesen der Kunst streiten, mischen sich ihre Alkoholfahnen unter den fauligen, süßlichen Geruch des nächtlichen Manhattan.

Malerei und Buddhismus – ebenso wie Abstraktion und Spiritualität – erscheinen in Martins Artikel und auch in seinem … weiterlesen

2011

General Strike. Grundlagen zu Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs

Das Interesse an Künstlerinnen und Künstlern, die sich von der Kunst abwandten und ihre Praxis aufgaben, ist relativ neu. Als ich 2002 eine Ausstellung zu Gesten des Verschwindens konzipierte (1), die u.a. Lee Lozano und Arthur Cravan zeigte, stießen die meisten meiner theoretischen und historischen Recherchen ins Leere. Zwar fanden sich biografische Einzeltexte zu Künstlern, systematischere Darstellungen zu künstlerischen Rückzugsbewegungen aber nicht. Sie waren, wie es schien, ein ungeschriebenes Kapitel der Kunstgeschichte. So wurde es notwendig, den Topos des Ausstiegs aus der Kunst theoretisch und historiografisch erst einmal zu begründen. Im Folgenden führe ich die Argumente verschiedener, zwischen 2005 und 2008 von mir verfasster und veröffentlichter Texte (2) zusammen, um eine Begriffsbestimmung vorzunehmen und Konsequenzen daraus abzuleiten. Diese Bestimmung hat den Anspruch … weiterlesen

2011

Die kommende Übernahme. Für eine Entkoppelung von kulturpolitischer Definitionsmacht und Kulturadministration

Im politischen Selbstverständnis Europas und insbesondere Deutschlands ist Kultur als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstbestimmung historisch verankert. Heute, in unseren neoliberal gewendeten Demokratien, lässt sich indes der emanzipatorische Charakter kultureller Produktion für die Selbstbestimmung demokratischer Gemeinwesen immer schwerer erkennen.

Währenddessen verhalten wir KulturproduzentInnen uns gegenüber der Kulturpolitik nur reaktiv. Die politische Administration setzt die Parameter – wir kritisieren sie. Wir müssen uns fragen, ob das die richtige Haltung für eine Teilnahme an der kulturpolitischen Diskussion ist.

Wir gehen noch immer vom Paradigma repräsentativer Politik aus. Politischen Institutionen wird dabei die Legitimation zugesprochen, bestimmte Anordnungen unserer eigenen Praxen im sozialen Raum öffentlich zu vertreten und über deren … weiterlesen

2011

Option Lots. Eine Recherche von Brandlhuber+

Manchmal ist ein Leerraum beredter als seine Umhüllung, zeugt eine bauliche von einer systemischen Lücke. Im Umkreis weniger hundert Meter rings um sein Architekturbüro in der Brunnenstrasse 9 in Berlin Mitte registrierte Arno Brandlhuber jüngst 58 Hohlräume zwischen Gebäuden, 7.635 m3 Volumen auf zusammen 404 m2 Grundfläche. 58 schmale, oft keilförmig zulaufenden Stücke unbebautes Land mit durchschnittlichen Längen um die zehn und Breiten zwischen 0,4 und 2,5 Metern, nicht unähnlich den „Fake Estates“ von Gordon Matta-Clark. Der amerikanische Künstler ersteigerte 1973/74 fünfzehn meist kaum einen Meter breite Grundstückstreifen in New York City, die durch Ungenauigkeiten bei der Landvermessung und Stadtplanung entstanden waren. Der Form nach vergleichbar, verdanken sich die Berliner „Fake Estates“ indes Erich Honecker.

1980 verordnete die Staatsführung der DDR ihren … weiterlesen

2009

Franz Erhard Walthers Partizipatorischer Minimalismus

Zwischen 1963 bis 1969 entwarf Franz Erhard Walther die 58 Objekte seines 1. Werksatzes, der zu einem Klassiker der deutschen Nachkriegskunst wurde. Er passte in die »Bonner Republik«. Kaum 20 Jahre nach dem Ende des Faschismus war in Deutschland der Wunsch nach neuen, progressiven und zugleich unaufdringlichen Symbolen der Verständigung und des Gemeinsinns groß. Der 1. Werksatz bot sie. Zugleich fand er Anerkennung in den Augen internationaler Avantgarden, vor allem in den USA. Bereits 1969 zeigte ihn das Museum of Modern Art, 1972 Szeemanns Documenta 5. So konnte Walthers 1. Werksatz eine der künstlerischen Insignien für ein neues, ein demokratisches und weltoffenes deutsches Selbstbild werden.

Darin glich Walthers Rolle der von Beuys. Aber Beuys war eine andere Generation. Der Schamane aus Düsseldorf stellte sich – fußend auf alten, heroischen Künstlerbildern und einem … weiterlesen

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

2008

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

Erschienen in:
Barbara Gronau, Alice Lagaay (Hgg.):
Performanzen des Nichttuns, Passagen Verlag, Wien 2008

Diesen für mich wichtigen Text habe ich nicht mehr vorliegen.

2006

Archiver la disparition. Eclipsés, redécouverts: Que résulte-t-il de la mise en lumière de la disparition ?

Je me propose ici de répondre à cette question en trois temps. Le texte qui suit comporte donc trois parties, la première étant plus personnelle, la seconde plus systématique, au cours de laquelle je proposerai une terminologie constitutive du Kunstausstieg, qui signifie le retrait de l’art. Dans la troisième partie, je présenterai quelques contradictions que je vois poindre dès lors qu’on aborde la question de savoir comment nous pourrions appréhender un phénomène obscurci par le fait même des disparitions. Laissez-moid’abord proposer une introduction personnelle sur mon travail au sujet de ce que j’appelle le Kunstausstieg. Kunstausstieg — mot que la langue allemande permet d’inventer — signifie quitter l’art/ se retirer de l’art/sortir de ou abandonner l’art. Et j’appelle la personne qui agit ainsi le Kunstaussteiger. Nous reviendrons plus tard sur cette terminologie. … weiterlesen

2005

Le prêt à porter de l’image. Anmerkungen zur Genese der Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei

Mit dem Fall der Mauer begann der Umbau des Kunstfeldes im Osten Deutschlands. Ikonographische, formalästhetische, wie auch soziale, ökonomische und institutionelle Regelwerke, die sich nach 1945 unter den Rahmenbedingungen einer sozialistischen Kulturagenda herausgebildet und die Kunstproduktion bis ans Ende der 80er Jahre mitgetragen hatten, waren perdu.

Von internationalen Entwicklungen weitgehend abgeschirmt und ohne Teilnahme an den intellektuellen Debatten des Feldes, hatte sich zwischen „Lust und Last"[1] eine eher introvertierte kulturelle Binnenlandschaft mit einem der älteren Moderne verpflichteten – somit vor staatssozialistischen Anfeindungen gefeiten – Traditionsgerüst entwickelt.

Anfang der 90er Jahre sollte sich zügig der Abgleich zwischen dem je lokalen Status quo und den internationalen, westlichen Standards des Kunstmarktes, des Ausstellungswesens, der … weiterlesen

2002/2004

Hoppla! Wir sind Olympia? Künstlerische Strategie in kuratorischer Praxis oder Warum wir keine Ausstellungsbegriffe haben

Unsere Kuratorenausstellungen haben sich angewöhnt, als erzählerisch-didaktische Themenblöcke aufzutreten, in denen über Gott und die Welt gesprochen wird. Von sich selbst zu sprechen, vermeiden sie weitgehend. Teils zu Recht. Dabei unterlassen sie es aber auch, die Chance wahrzunehmen, sich als zeitgenössische Medien zu emanzipieren. In dem gleichen Maße, wie die Kuratorenschaft sich scheut, die Reflexion der Parameter, die konstitutiv sind für die je spezifische Verfasstheit ihrer Ausstellungen, offensiv und explizit zum Gegenstand von deren jeweiliger Argumentation zu machen, trägt sie dazu bei, dass eine angemessene Ausdifferenzierung von Praktiken und Begrifflichkeiten ausbleibt, die der neuen gesellschaftlichen Rolle der Ausstellungsmacherei Rechnung trüge. Einer der Gründe dafür liegt in falschen Berührungsängsten und Unterscheidungen, die noch immer in dem Verhältnis von … weiterlesen

2004

Das Geheimnis des Pradastrumpfs. Notiz zur Ökonomisierung der Sichtbarkeit

Stef Burghards künstlerische Haltung korrespondiert – wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen, deren Praxis sich ab Mitte der 90er zu formulieren begann – mit einem Denken, das der Analyse der ökonomischen und institutionellen Parameter künstlerischen Arbeitens verpflichtet ist. Eine Haltung, die es gelernt hat, auch die eigene Künstlerrolle in diesem Zusammenhang zumindest von einer theoretischen Warte aus erneut mit Skepsis zu betrachten und ihre aktuellen Implikationen zu überprüfen. Nicht selten stellte sich heraus, dass der dabei formulierte Anspruch, System- und Selbstkritik zu den Grundlagen des eigenen Handelns zu machen, und das Verlangen, Kunst dennoch als eine persönliche Handlungsperspektive weiterhin zu bejahen, soweit auseinander brachen, dass der verbleibende Spielraum im zeitgenössischen Diskursklima eng wurde.

So zog Burghard es bisweilen vor, auf den eigenen … weiterlesen

Eröffnungsrede des Symposiums 1998

In den Falten der Kunst. Kunst und Interkontextualität

In den Falten der Kunst Eröffnungsrede

Ich begrüße Sie zu schau-vogel-schau. Zu diesem Projekt, das von Marcel Bühler und mir konzipiert wurde, gehört nicht nur das Symposium, das nun beginnt, sondern auch der Arbeitsprozess, der uns und Sie hierhergeführt hat und den wir weiterführen werden bis zur Herausgabe einer Publikation.

Dieser Prozess begann damit, dass wir uns die ebenso einfache wie selbstverständliche Frage stellten, was wir als junge Künstler heute unter Kunst und unter künstlerischer Arbeit verstehen wollen. Wir haben die Verfolgung dieser Frage zum Ausgangspunkt dieses Projektes gemacht. In dessen Verlauf wurde sie zu der Frage nach der interkontextuellen künstlerischen Kompetenz, die wir heute an die von uns eingeladenen Referenten und an Sie im Publikum weitergeben.

Was diese Frage alles einschließt, was genau sie meint, das … weiterlesen