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Alexander Koch

Texte

Texte

Seit Ende der Neunzigerjahre fragen meine Texte nach der gesellschaftlichen Dimension der Kunst und nach ihrer politischen Position, ob als Essay, Ausstellungstext, kunsttheoretische Schrift oder kulturpolitische Stellungnahme. Zwei Themen ziehen sich durch. Das eine ist der Ausstieg aus der Kunst: Mit „General Strike“ (2011) habe ich die Grundlagen einer Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs vorgelegt, meinen wohl eigenständigsten Beitrag zur Kunsttheorie. Das andere ist die Kunst im Bürgerauftrag; der Essay „Kunst im Bürgerauftrag“ (2022) führt in Methode und Geschichte der Neuen Auftraggeber ein. Zu meinen wichtigsten Texten zähle ich zudem „Solidarische Mobilmachung“ (2016), in dem ich mit Richard Rorty begründe, wie sich das Ästhetische politisch denken lässt, und „Zehn Schöne Inseln“ (2013), ein Modell der Binnengrenzen des Kunstfeldes – meine Mehr-Felder-Theorie.

Daneben stehen monografische Essays, etwa zu Santiago Sierra und Michael E. Smith, eine Polemik zur Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei, die mir seinerzeit viel Ärger eingebracht hat, und ein früher Essay über Édouard Manet und das kuratorische (Un-)Bewusstsein. Ein eigenes Genre bilden meine Ausstellungstexte aus meiner Zeit als Galerist von KOW, 2009 bis 2025; einige davon zähle ich zu meinen besten. Und schließlich finden sich hier Leseproben aus „Der letzte Tag des Jahres“, meinem literarischen Debüt.

2026

Über Desintegration. Nazım Ünal Yılmaz und die Pferde

Bomber und Flakscheinwerfer im Himmel, Panik am Boden. Fliehende Menschen, wehende Fahnen und rasende Pferde. Die Farben sind expressiv überhöht, die Figuration ist karnevalesk, mitunter comicartig. Es herrscht totaler Irrsinn.

Als ich Nazim Ünal Yılmaz Diptychon Circus Maximus aus dem Jahr 2024 sah, musste ich an das Triptychon Das Tausendjährige Reich (1938) des Dresdener Künstlers Hans Grundig (1901–1958) denken, weil es verblüffende thematische, und formale Ähnlichkeiten gibt. Grundig malte sein Triptychon am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als ein irre gewordenes Deutsches Volk mit ganzer Kraft in die Apokalypse rannte. Die mittlere Bildtafel zeigt das zerbombte, brennende Dresden in geradezu prophetischer Vorausschau, sieben Jahre bevor die deutsche Barockstadt im apokalyptischen Bombenhagel am 13. Februar 1945 zerstört wurde. … weiterlesen

2024

Pınar Öğrenci. Glück auf in Deutschland!

Pınar Ögrencis Werk versteht es, uns die Vergangenheit so in den Schoß zu legen, dass wir uns um sie kümmern müssen. Mit ihrem Projekt Glück auf in Deutschland! stieg Ögrenci 2024 hinab in die Archive der Gastarbeitergeschichte des Ruhrgebiets und brachte Leben und Bilder zu Tage, die unbekannt sind.

Körper und Stimmen von Menschen tauchen auf, die jahrzehntelang Deutschland mit aufgebaut haben und bis heute migrantisiert im Hintergrund stehen. Ögrenci zeigt, wie wenige Jahre nach dem Ende des Faschismus eine neue migrantische Arbeiterklasse in Deutschland erneut von denjenigen Unternehmen missbraucht und gedemütigt wurde, die den Naziterror industriell ermöglicht haben.

Im wichtigsten fotografischen Archiv zur Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets im Ruhrmuseum Essen suchte Ögrenci nach den … weiterlesen

2024

Alice Creischer. Sursursurplus

Wenn es um die Frage geht, wie sich eine verantwortliche künstlerische Position im auf und ab der Zeiten formulieren kann, ist Alice Creischer eine bedeutende Stimme der politischen Kunst in Deutschland. Ihre Ausstellung bei KOW handelt von Kunst im Klimakatastrophenkapitalismus und findet – horcht auf! – eine Lösung.

Mehr, immer mehr! Das geht nicht anders. Die Maschine der Produktion lässt sich nicht abschalten. Auch nicht die Maschine der Produktion der Kunst. Denn Kunstfällt ja nicht einfach vom Himmel wie Pflaumen vom Baum. Kunst ist Produktion. Sie ist sogar Teil der Überproduktion, des zu Vielen, das der Mensch im Kapitalismus hervorbringt. Kunst vernutzt und überhitzt den Planeten, verbrennt zu viele Ressourcen und verursacht dadurch Knappheit andernorts. Wie vieles anderes, das Menschen heute tun, verhält sie sich katastrophal, ja Kunst … weiterlesen

2024

Clemens von Wedemeyer. Social Geometry

Wie ordnen wir uns an? Wie werden wir angeordnet? Und wie lässt sich das zeigen? Clemens von Wedemeyers neue Filme tauchen ein in die Frage nach der Netzwerkhaftigkeit unserer Existenz und problematisieren deren Darstellbarkeit.

Hauptwerk der Ausstellung ist ein abstrakter Animationsfilm. Vor schwarzem Grund nehmen weiße Punkte und Linien immer neue, immer kompliziertere und immer fulminantere Formen an: Beziehungen zwischen Individuen, menschliche Netzwerkwelten, soziale Geometrien. Die eindrückliche Stimme der britischen Musikerin Anne Clark lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was wir in der Abstraktion sehen werden: A group of friends. A class system. A revolution, erupting. Doch je komplexer die Konstellationen, umso deutlicher werden die Grenzen der modellhaften Darstellung – was sich sozial ereignet, mögen vielleicht Maschinen noch nachvollziehen, Menschen nicht. … weiterlesen

2023

Peter Friedl. Teatro Popular,

Peter Friedl ist Historiker. Und wie für Historiker üblich, erzählt Friedl Geschichte(n). Er erzählt sie, so könnte man sagen, aber nicht durch, und schon gar nicht zu Ende. Vielmehr schafft Friedl Schauplätze – griechisch „theatra –, an denen es etwas zu sehen gibt. Situationen, in denen sich etwas ereignet, oder sollte man präziser sagen: geneigt ist, sich zu ereignen.

Wir stehen an skulpturalen Orten vor plastischen Figuren oder deren Hüllen, die augenscheinlich viel zu sagen und zu berichten haben – man traut es ihnen zu, sieht es ihnen an. So wie man es einer Schauspielerin zutraut und ansieht, die voll kostümiert die Garderobe in Richtung Bühne verlässt, und noch bevor das Stück beginnt, sieht man es kommen, ohne schon zu wissen, was gespielt werden wird.

Tatsächlich besteht das von Friedl bei KOW aufgestellte … weiterlesen

2023

A Protocol With Universal Scope?

Original Englisch. Keine Deutsche Fassung vorhanden.

"Anyone who wishes to do so, alone or in association with others, can take responsibility for commissioning a work from an artist". Can this fundamental idea of the New Patrons' Protocol be universal in scope, when the notion of the universal has been corrupted by the colonial fantasy of Western societies, which believed themselves entitled to dictate their own criteria of value to the whole globe?

But this protocol was not conceived as a lesson to the world, but as an answer to a question. In a democracy like France, what policy can be pursued to best respond to the reality of cultural needs? And it was only when it appeared that a remarkable response could be provided thanks to this Protocol designed by an artist, that this mode of action was gradually proposed and taken up in neighboring European countries … weiterlesen

2023

Simon Lehners Safe Crash

Einen sicheren Unfall, einen Safe Crash, den gibt es nicht. Unfall ist Unfall. Außer im Kino, denn da ist ja alles gestellt. Die Schauspieler am Lenkrad sind sicher, wenn es für die Kameras kracht. Und genau dies ist im linken der zwei Bilder von Simon Lehner zu sehen: Ein verunfalltes Auto, es scheint noch frisch vom Geschehenen zu qualmen, und daneben eine grinsende Figur, die sich vor dem Publikum nach gelungener Performance verneigt mit dem typischen Bühnendiener der ehrenwerten Gaukler. Rechts im Bild steht eine professionelle Kamera. Ein grünes Kreuz am Boden markiert eine Bühnenposition. Die Szene, die wir sehen, ist ein Filmset. Alles gut also.

Aber wir sehen noch mehr. Die männliche Figur, die beim Verneigen noch ihren Sprechtext in der Hand hält – was auf eine Vorprobe hindeutet, nicht den eigentlichen, finalen Dreh – ist von einem Raster aus Quadraten strukturiert, wie sie bei … weiterlesen

2023

Marco Castillo. Casa Negra

Seit 2019 lebt Marco Castillo mit seiner Familie im Exil in Mexiko. Seine neue Ausstellung thematisiert die Zensur und Repression in Kuba, die sich in den letzten Jahren verstärkt haben und sich in ihrer Ausübung und Wirkung von der Gewalt manch anderer Regime dadurch unterscheiden, dass sie – nun ja, man könnte sagen: partizipativer sind. Ausdruck einer „guten“, linken Regierung und ihrer engagierten Citoyens, deren gemeinsame innere Gewaltmaßnahmen im Ausland oft unbekannt sind.

Casa Negra, 2022

Castillos neuer Film Casa Negra (2023) zeigt eine von Fidel Castro eingeführte und seit den Sechzigerjahren übliche Praxis der kollektiven Brandmarkung von „Abweichlern“, kritischen oder sonst wie anders denkenden Menschen, die in den Augen des Regimes und mancher Mitbürgerinnen und -bürger Feinde … weiterlesen

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

2022

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

Aus einer zweijährigen Kooperation mit dem Commons Institute heraus entstand diese Publikation, die grundlegende Aspekte von Kunst und Commoning vorstellt. Zusammen mit Anne Kersten schrieb ich das Vorwort.

Erschienen in: Vera Hofmann, Johannes Euler, Linus Zurmühlen, Silke Helfrich (Hg.), Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst, Bielefeld 2022

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2022

CATPC & Renzo Martens. Balot

CATPC und Renzo Martens machen mit ihrer Ausstellung bei KOW einen nächsten Schritt in ihrer langjährigen Zusammenarbeit, die tief in koloniale Zusammenhänge und Mechaniken der Kunstwelt eindringt, um sie zu begreifen und zu verändern. Zu sehen sind sechs neue Dokumentarfilme (2022), Martens’ viel diskutierter Film White Cube (2020) und der Launch eines NFTs als neues Werkzeug der Entkolonialisierung in Form digitaler Restitution (2022).

In Lusanga, einer Palmölplantage in der Demokratischen Republik Kongo, entstand seit 2014 ein neues Ökosystem. Als Congolese Plantation Workers Art League (CATPC) haben ehemalige Plantagenarbeiter*innen eine Allianz gebildet, um sich gemeinsam ihre Kultur, ihr Land und ihre Selbstbestimmung zurückzuholen. Ihre Mittel sind die einer nachhaltigen künstlerischen und wirtschaftlichen Praxis, die kolonialer Enteignung … weiterlesen

2022

Kunst im Bürgerauftrag. Neue Auftraggeber

Einführung in das Buch der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, das 2022 umfangreichen Einblick in laufende Projekte gab.

Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, das den Zauber eines Aufbruchs in die eigene Lebenswelt trägt, erfordert Mut und Geduld. Es erfordert auch Leidenschaft. Außerdem braucht es Sachverstand und obendrein Geld, das meist schwer zu beschaffen ist. Kurz: Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, ist kompliziert. Wie also kann es sein, dass die Menschen in den Projekten der „Neuen Auftraggeber“ – Sie sehen siebzehn Beispiele in diesem Buch – es dennoch getan und dabei vieles geschafft haben, das sie sich zuvor vielleicht kaum zugetraut hätten?

Die Antwort liegt in der Methode der Neuen Auftraggeber, dem ersten Programms für zeitgenössische Kunst im Bürgerauftrag, das vor 33 Jahren in Frankreich begründet wurde. Seine … weiterlesen

2021

Nicht alle Macht geht vom Volke aus, manch Kunstwerk schon. Über Wandel und kulturelle Selbstwirksamkeit

1987 entschied die Regierung, dem im bundesdurchschnitt viel zu geringen Bildungsniveau in Bremen mit folgender Maßnahme zu begegnen: Man schickte zwei Drittel der Führungspersönlichkeiten an Schulen und Unis in Frührente und ersetzte sie durch Personal aus dem bildungsstarken Bayern, um bessere Standards einzuführen. Eine Buschzulage, wie man umgangssprachlich sagte, schuf dafür Anreize, denn niemand wäre freiwillig aus Bayern nach Bremen gegangen. Alle fanden diese Maßnahme eine gute Idee.

Undenkbar, nicht wahr? Kein Mensch wäre in der Bundesrepublik jemals auf eine solche Idee gekommen. Und in Bremen hätte man das auch nicht gut gefunden, sondern würde einen Aufschrei durch die Welt geschickt haben, der in Medienmeldungen etwa so gelautet hätte: Deutsche Regierung nimmt Bundesland Souveränität und richtet koloniale Verwaltungsstrukturen ein! … weiterlesen

2021

Sophie Gogl. Jars

Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich darf nicht! Nicht jetzt. Vielleicht morgen wieder. Ständig müssen wir aufschieben, was wir wollen würden, tun müssten, wünschen könnten. Das Handeln hat sich lange nicht mehr so angefühlt wie eine ungewisse Tätigkeit, die gerade jetzt mutmaßlich unangebracht ist und übermorgen vielleicht ebenso.

Vielleicht ist man zu Hause. Vielleicht gehen einem die Kinder auf den Geist. Vielleicht sitzt man allein in der Galerie und hat keine Ahnung, was wirklich zu planen ist. Vielleicht bekommt man auch gar keine Antworten mehr auf seine Emails, weil die Leute irgendwo verschwunden sind. Inselleben. Und im Innern beginnen die Gedanken an der gleichen Stelle hocken zu bleiben, wo sie gestern schon hockten, und man verscheucht die Spinnweben zwischen ihnen.

KOW zeigt Sophie Gogl. Ihre erste Ausstellung bei KOW, zum … weiterlesen

2021

Bin ich Künstler*in oder kann das weg? Eine Trennungsgeschichte mit politischem Ende

Man kann alles Mögliche trennen. Müll, Ehen, Spreu vom Weizen, mal ist es schwierig, mal ganz leicht, so wie das Blatt Klopapier, dass man von der Rolle reißt. Öl und Wasser trennen sich sogar zuverlässig und ganz reibungslos freiwillig.

Auf Seiten der Erkenntnistheorie (Was kann ich wissen?) formulierte George Spencer-Brown 1969 sein logisches Paradigma: „Draw a distinction!“, mach eine Unterscheidung! Er meinte damit folgendes: Immer dann, wenn wir etwas bezeichnen, entschließen wir uns dazu, dieses eine durch unsere Bezeichnung von allem anderen zu trennen. In der täglichen Praxis geschieht das meist unbewusst. Wer A sagt hat nicht B gesagt, ob aus Gewohnheit oder in voller Absicht. Wer etwas als Kunst bezeichnet, trennt das Bezeichnete von Maschinenbau, Ehe und Klopapier, und was Menschen sonst noch tun und brauchen. Aber – und das ist das Entscheidende – wir trennen nicht Kunst … weiterlesen

2020

Dierk Schmidt. Kolonnen – Hohenzollern ist jetzt ein Verb

Man tut sich schwer mit dem Thema Restitution. Die ehemalig Kolonisierten fordern, man solle ihnen die Kulturgüter zurückgeben, die während der Kolonialzeit gestohlen wurden oder auf fraglichen Wegen in deutsche Sammlungen gelangten. Die Bundesrepublik dagegen bringt vor, das alles sei nicht so einfach – und baut gar das alte Preußenschloss wieder auf, von dem aus ein Stück Kolonialgeschichte mitgeschrieben wurde, um darin eben jene Kulturgüter im Namen Humboldts künftig zu verwahren.

Und nun das. Kaum war 2013 der Grundstein für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gelegt, meldeten sich die ehemaligen Hausherren zurück, die preußischen Prinzen aus dem Stamm der Hohenzollern, und forderten ihrerseits selbst Restitution: 5.000 Stücke ehemaligen Kronguts aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 266 Gemälde, u.a. von Lucas … weiterlesen

2020

Jedem Auftrag wohnt mindestens ein Bürger inne

Das höchste Gut einer Gesellschaft ist ihre Vorstellungskraft. Denn was sie sich nicht vorstellen kann zu sein, das wird sie auch nicht werden. Was sie nicht für möglich hält, wird nicht geschehen – zumindest solange nicht, bis sich das, was vorstellbar ist, verschiebt. Gesellschaftlicher Wandel ist wesentlich eine Entwicklung der kollektiven Einbildungskraft, eine Aus- und Umgestaltung des sozialen Imaginären.

Dieses Imaginäre ist ohne die Formen und Stimmen der Kunst und Kultur nicht denkbar, mehr noch: was ist die kollektive Einbildungskraft einer Gemeinschaft von Menschen anderes, als ihre Kultur?

Die Neuen Auftraggeber sind ein Weg, am Vorstellbaren zu arbeiten und dessen Grenzen zu erweitern. Indem Bürger*innen in Dörfern und Städten Künstler*innen damit beauftragen, neue Werke zu entwickeln, die unmittelbar ein Stück ihres … weiterlesen

2020

Die Gestaltung der Nähe: Kulturwandel und Konfliktarbeit im Bürgerauftrag

Neurologisch betrachtet, lässt sich „Heimat“ als eine physiologische Veränderung im Gehirn beschreiben, die durch wiederholte Reizeinwirkung entsteht. Kurz: Heimat ist neuronale Prägung. Synaptische Loops der eintrainierten Wiederkennung von Bekanntem. Wie alles im Gehirn ist diese Prägung nicht in Stein gemeißelt, sondern bleibt beweglich, dynamisch, gestaltbar. Das allein sollte genügen, um jede inhaltliche Fixierung und Essenzialisierung des Heimatbegriffs zurückzuweisen.

Das gilt auch für den Begriff der Identität. Gleichzeitig zeigt sich, dass Heimaten und die mit ihnen verknüpften Lebenswirklichkeiten aus der Interaktion mit einer Umwelt bestehen, die sich ihrerseits ständig wandelt. So sind Heimaten einerseits immer von Gestern, Spuren der Erinnerung, und andererseits Gegenstand einer fortwährenden Transformation, die in die Zukunft weist. … weiterlesen

2020

Willst du eine Zukunft? Ein Protokoll für neue kulturelle Gemeingüter

Dass wir dringend gute Lösungen für plantare Probleme brauchen, weiß heute jeder. Doch dann klingt es immer etwas anrüchig, wenn irgendwer behauptet, er kenne eine wirklich gute Lösung für ein planetares Problem. Man gerät schnell in Verdacht, anmaßend oder, wahrscheinlicher noch, ein Populist zu sein. Deshalb habe ich mich heute morgen gefreut, als ich ein Interview mit Judith Butler im New Yorker las, in dem sie sagt: Sometimes you have to imagine in a radical way that makes you seem a little crazy, that puts you in an embarrassing light, in order to open up a possibility that others have already closed down with their knowing realism. I’m prepared to be mocked and dismissed[1]. Auf geht’s also. Denn ich werde sicherlich etwas lächerlich aussehen, wenn ich sage, dass mir zumindest eine gute Idee für planetare Probleme einfällt. Es ist nicht meine Idee. Aber ich finde sie gut. … weiterlesen

2019 ff.

Der letzte Tag des Jahres

„Der letzte Tag des Jahres“ entstanden weitgehend in den Tagen zwischen dem 5. und dem 12. Januar 2019, unmittelbar nach dem Unfall auf Fuerteventura, bei dem Maria Magdalena Ludewig ertrank. Die folgenden Leseproben aus dem 260-seitigen Manuskript veröffentliche ich hier zum Einblick in den noch nicht publizierten Text.

Leseproben

Seite 3 ff.

Maria Magdalena starb am letzten Tag des Jahres. Wir kannten und drei Tage und fünf Abende lang, ehe uns eine Welle in den Atlantik riss. Maria ertrank, ich nicht. Das ist jetzt fünf Tage her. Heute morgen rief meine Mutter an, in ihrer Lokalzeitung habe es gestanden. Eine der radikalsten Theatermacherinnen des Landes sei viel zu früh verstorben. Da habe auch gestanden, ein Mann hätte noch versucht, die Frau zu retten. Ob das stimme, fragte sie. Das stimmt nicht, wie nun auch meine Mutter weiß. Ich habe nicht versucht, dich zu retten. Dazu war keine Zeit.

Das Wort Radikal sei in dem Artikel übrigens nicht gestanden, sagte meine Mutter in einem zweiten Telefonat, nachdem ich ihr die ersten Sätze dieses Textes geschickt hatte, um zu fragen, ob ich sie darin vorkommen lassen könne, womit sie einverstanden war. Sie meinte aber, wenn man schon im ersten Satz erfahre, dass jemand tot sei, dann bekäme ich ein Problem mit dem Spannungsbogen, und Kraftworte wie Radikal solle ich generell vermeiden. Sie fände aber gut, dass ich schreibe. Das lenke mich ab. Ich fand das unmöglich und beendete das Gespräch.

Mit dem Wort Radikal hat sie aber recht. Das stand nicht in den Zeitungartikeln. Das stammt von mir. Für einen Pressetext wäre es zu laut und zu anmaßend gewesen. Aber du warst nun einmal laut und anmaßend. Das will nur niemand sagen. Man kann jetzt vieles nicht mehr sagen. Hier haben alle Angst, Maria. Ich auch. Vor dem Salzgeschmack in der Lunge, vor dem Sog hinaus aufs Meer, und vor den Altären in den Kirchen, die Maria Magdalena zeigen, die den toten Geliebten beweint, wo doch heute ich es bin, der in vertauschten Rollen auf dich schaut.

***

Jetzt sind es also schon sechs Jahre. Sechs Jahre, dass sie tot ist. Sechs Jahre, in denen ich an diesem Text gearbeitet habe. An Details. Einige Worte, etwas Satzbau, manchmal fiel mir noch etwas ein, das ich zuvor nicht erinnerte. Gelegentlich war ein Absatz verzichtbar. Um mehr zu verändern, hatte ich nicht viele Möglichkeiten, weil das, was ich geschrieben habe, zu dem gehört, was geschehen ist.

Man hat mir geraten, ich solle aus dem Material einen Roman machen. Das geht aber nicht. Auch Autofiktion geht nicht. Nicht, weil mir Authentizität oder gar Wahrheit viel bedeuten würden, sondern weil ich mir das alles ja nicht ausgedacht habe, Der Text ist entstanden, wie er entstanden ist, teils unter Schock. Insofern ist er ein Dokument. Die ersten 170 Seiten (mein Manuskript hat 257 Seiten) habe ich in den Tagen zwischen dem 5. und dem 12. Januar 2019 geschrieben, in der zweiten Woche nach Marias Tod. Dass ich jetzt eine Art Präambel schreibe, ehe der Text fortfährt, liegt daran, dass der Icherzähler der Geschichte in seiner eigenen Zeit schreibt, in einem vergangenen Hier und Jetzt, welches der Autor der Erzählung, ich, heute nicht mehr zur Verfügung hat, während ich Ende Dezember 2024 mit dem Laptop in einem Café in Istanbul, wo ich nun manchmal lebe, das Manuskript noch einmal überarbeite und nicht so tun kann, als gäbe es mich nicht. Mich, sechs Jahre später, der sich selbst noch einmal liest als denjenigen, der überlebt hat und für den es damals nur noch Worte gab. Heute gibt es für mich wieder eine Welt, eine Welt allerdings, die so viel schlimmer geworden ist, als Maria und ich es damals hätten ahnen können, wobei mich das, was nach uns geschah, nicht wirklich überrascht hat. Maria hätte es auch nicht überrascht.

Zum Jahresende hin hole ich den Text, der nun folgt, immer wieder hervor und klopfe gegen einige Seiten, weil ich nervös bin. Auch diesmal. An Sylvester schaue ich regelmäßig auf die Uhr. Nicht kurz vor Mitternacht. Den Zeitpunkt kennt jeder, er kommt zuverlässig und man kann ihn kaum verpassen. Mein Zeitpunkt liegt am Nachmittag irgendwo um 16 Uhr. Genau weiß ich das nicht. Das macht es so unangenehm. Es ist nicht so, dass ich darauf warte. Ich weiß nur, dass sich die Zeiger dorthin bewegen und mein Puls wird langsam schneller und das Atmen schwerer, weil mir alles wieder einfällt. Und dann brauche ich mein Buch. Um mich zu vergewissern. Es ist noch immer nicht publiziert. Die ersten Verlage, denen ich das Manuskript geschickt habe, wollten es nicht drucken. Es sei schon gut, hat man mitunter gesagt, nur sei das Genre nicht klar und damit auch das Marktsegment. Kein Roman, kein Sachbuch, keine Biografie (Machen Sie doch eine Novelle daraus!). Oder, auch nett: Wären Sie berühmt, wäre das ein toller Stoff. Auch für einen Film. Aber Sie kennt ja niemand (Was ich übertrieben finde). Die eine wiederkehrende Frage, warum ich diesen Text denn unbedingt veröffentlichen möchte, erstaunt mich jedes Mal. Ich kann dann nur antworten: Warum sonst hätte ich ihn schreiben sollen?

Da aber vorerst niemand meine Erzählung lesen kann, weil sie in keiner Buchhandlung liegt, lese ich sie selbst, damit sie da ist. Wird sie gedruckt, kann ich damit aufhören und sie zu den anderen Büchern ins Regal stellen. Einstweilen beginne ich jedes Jahr wieder von vorne.

 

Seite 16 ff.

Unsere Leben waren ähnlich, wenn ich auch ihres farbiger fand. Geld hatten wir beide nicht viel, und was reinkam war schnell wieder weg. Doch hatten wir das Privileg, in der Kunstwelt hierhin und dorthin eingeladen zu werden und gelegentlich am Saum des Überschwangs mit am Tisch zu sitzen, wenn der Champagner floss. Wir arbeiteten beide gut und gerne siebzig Stunden die Woche, wobei wir zu diesen Stunden auch die langen Abende mit Künstlerinnen und Intellektuellen zählten, Recherchereisen, oder in Kneipen sitzend an Kulis kauen und Konzepte schreiben. Im Grunde mochte jeder von uns seine Existenz und konnte sich sowieso keine andere vorstellen. Und doch war ich ausgelaugt, wie ich sagte. Ich pendelte seit Jahren als Handlungsreisender zwischen verschiedenen sozialen Welten hin und her, wie es in unserem Beruf üblich war, ohne je irgendwo wirklich dazuzugehören oder gar anzukommen. Es konnte vorkommen, dass ich morgens bei einer wohlhabenden Kunstsammlerin brunchte, danach eine Gruppe junger Kurden für ein Buchprojekt über ihre Flucht aus dem Irak traf, und abends die letzten Münzen in der Hosentasche für ein Bier in der Kreuzberger Eckkneipe ausgab. Maria kannte das. Wie ich managte sie jedes Jahr hunderttausende Euro von Fördergeldern, durchwanderte die armen und reichen Milieus der großen Städte und fühlte sich manchmal stark, wenn sie einige Stücke aus dem Kuchen des Kapitals herauspulte, um sie eigenhändig dorthin zu bringen, wo man sie wirklich brauchte, wie wir fanden, ohne selbst viel davon abzubekommen. Es klingt wie ein Klischee, ich weiß. Aber wir lebten so und viele unserer Bekannten lebten ähnlich.

Jetzt, da wir sprachen, durchquerte ich die Widersprüche in mir, die mit der Zeit immer beklemmender geworden waren. Täglich schoben sich die Wände des Kommerzes und die Lebenslügen der liberalen Kulturelite, zu der wir selbst zählten, näher um mich zusammen und rückten dem Glauben an die sozialen Ambitionen auf die Pelle, die ich mit der Kunst stets verbunden hatte. Während ich nicht sicher war, ob ich nicht längst selbst in einer Lebenslüge lebte. Einige Generationen lang war die Kunst für einen Teil der Menschen in den westlichen Gesellschaften, und nicht nur dort, eine zweite Heimat gewesen, wo sich freier atmen ließ und wo die Bilder einer humaneren Zukunft geschmiedet wurden, von denen manche im Laufe der Geschichte sogar wahr geworden waren. Doch seit etwa dreißig Jahren verwaltete der Kulturbetrieb das zunehmend anachronistisch gewordene Phantasma eines sogenannten Möglichkeitsraumes, dem die Möglichkeiten ausgingen. Ich erzählte Maria von einem Künstler aus dem kurdischen Teil des Irak, mit dem ich befreundet war und auch arbeitete, und der international Beachtung gefunden hatte – nun aber nicht mehr weiterwusste. Er hatte kürzlich einen Vortrag über seine Arbeit gehalten, bei dem ich zugegen gewesen war, und sich während seiner Beschreibung der aktuellen Lage im Nahen Osten jäh selbst unterbrochen. Er hörte plötzlich auf zu sprechen, stand minutenlang stumm da, sah uns an und sagte schließlich, den Tränen nahe: Da wo ich herkomme, aus Kurdistan, werden in wenigen Jahrzehnten keine Menschen mehr leben können, so wie an anderen Orten der Welt auch. Der Klimawandel wird sie vertreiben, so wie sie heute schon von den Inseln im Pazifik vertrieben werden, die der Meeresspiegel schon überspült. Und Europa macht bereits die Grenzen dicht und bewaffnet sich gegen Fremde, weil ein paar Millionen Flüchtlinge um ihr Leben rennen. Aber es werden hunderte Millionen sein, die um ihr Leben rennen werden. Und dann war er wieder still geworden und von der Bühne gegangen. Ich ging ihm hinterher, wollte ihn irgendwie auffangen, aber er wollte das nicht. Es war kein Einzelfall. Viele meiner Freunde und Kolleginnen hatten ihre Illusionen aufgebraucht und waren, wie ich auch, in Therapie oder nahe dem Burnout. Eine Epidemie der inneren Erschöpfung hatte Regisseure und Dramaturgen, Kuratorinnen und Tänzerinnen, Künstlerinnen und Schriftsteller erfasst und ließ sie, während sie weitermachten, immer öfter mit leeren Blicken in der Gegend stehen. Die Politik ließ uns verzweifeln, der Populismus und die neuen Meinungsregime machten uns fassungslos, und unsere privaten Beziehungen trugen uns nirgends dauerhaft hin.

Mir war nach Besinnung. Ich wusste nur nicht, worauf mich besinnen. Als der Zug in Berlin einfuhr und sich die Fenster mit der Stadtkulisse füllten, sagte ich zu Maria: Weißt du – seit zwei Jahren höre ich keine Musik mehr. Früher habe ich andauernd Musik gehört. Aber heute kommt es nicht mehr dazu. Ich weiß nicht mehr, welche. Dann musst du mich besuchen kommen, offerierte Maria munter. Bei mir läuft immer Musik. Und zwar gute Musik! Ich nahm die Offerte an.

Aber zunächst flog sie nach Athen. Sie hatte nahe dem Zentrum, in Kerameikos, eine Wohnung gemietet, was meinen Neid hervorrief, liebte ich doch Athen und hatte mir jüngst aus dem Kopf schlagen müssen, dort zu überwintern. Ich schrieb ihr in den folgenden Wochen einige Nachrichten über Facebook, sie antwortete gelegentlich, ständig flog einer von uns irgendwohin zu einer Ausstellung, einem Festival, einer Tagung, unser ökologischer Fußabdruck war eine Katastrophe, aber wir kämpften ja für die gute Sache, wie wir uns entgegen unserer Zweifel noch gerne erzählten, so wie alle im Kulturbetrieb, die an der Frontlinie einer Bewegung zu handeln glauben, die von einer gerechteren Welt träumt. Und Flugzeuge waren nun einmal die Pferde unserer Kavallerie. Ein paar Tausend Kilometer später lud mich Maria zum Essen ein. Sie war zurück in Berlin. Es war der erste Dezember.

Seite 61 ff.

Wir marschierten weiter und erreichten eine Stelle, an der die Wellenzungen besonders bizarre Sandsteinreliefs in den Steilhang gewaschen hatten. Wir schauten empor zu einer Art hervorstehender Balustrade, die wie ein langer Naturbalkon hoch über unseren Köpfen aufragte und an deren oberster Kante filigrane Ornamente ein Geländer andeuteten, das während des Jugendstil ein Designer auf LSD hätte entworfen haben können. Bleib mal stehen, sagte ich. Genau da wo Du jetzt stehst hat Antoni Gaudí zum ersten Mal die Idee gehabt, diese sonderbar rundgelutschten Architekturen zu bauen, für die er dann berühmt wurde. Obwohl – da wo Du stehst, da standen seine beiden Kinder, er stand etwas weiter links und zeichnete die Balustrade ab. Kennst Du den Park Güell in Barcelona? Da gibt es diese Terrassenkonstruktion, die eine künstliche Höhlenarchitektur überwölbt. Und oben an den Rändern bilden diese bunten, etwas kitschigen Kachelornamente eine geländerartige Mauer. Sieht fast so aus wie hier. Und weißt Du, warum? Der Park Güell geht auf die Zeichnungen zurück, die er hier gemacht hat. Ist alles nur aus der Natur geklaut. Und die Kinder haben genörgelt, weil sie weiterwollten und nicht länger auf den zeichnenden Vater warten, sagte Maria. Wie alt waren die beiden noch? Acht und zwölf, sagte ich. Und wie hießen die? Peter und Ludwig, sagte ich. Die Familie seiner Frau kam ja ursprünglich aus Dortmund. Sie hieß Lisa. Ja, sagte Maria. Die hatte doch diesen aristokratischen Hintergrund und eigentlich die Kohle, oder? Lass uns dahinten noch um die Felsnase rumgehen, und dann laufen wir langsam zurück, ja? Hinter vielen dieser Leute, sprach ich im Gehen weiter, die es schon jung weit brachten, standen in Wahrheit vermögende und starke Frauen. Auch die ganze Idee mit der Romantik und den Höhlen stammt eigentlich von Frau Gaudí, geborene Halberstädt. Sie hatte halt mehr Kultur als er, sagte Maria und hüpfte über einen Felsspalt. War doch nett von ihr, dass sie ihm half. Außer bei der Sagrada Família, sagte ich und hüpfte hinterher. Da stieg Lisa aus. Die ist viel zu groß, Antonin, hat sie immer wieder zu ihm gesagt. Das Ding wird niemals fertig. Nimm doch wenigstens ein paar dieser Türme weg! Aber nein, er musste auch noch einen Weihnachtsbaum mitten auf die Brücke zwischen den Türmen bauen. Sie fand das alles aberwitzig.

Und dann begann sie diese Affäre mit dem 19jährigen Hundertwasser, fuhr ich fort, was zu einer architekturgeschichtlichen Katastrophe führte. Jetzt konnte Maria nicht mehr an sich halten, ich auch nicht. Wir brachen in schallendes Lachen aus und hielten uns die Bäuche. Wir warfen uns schalkhafte Blicke zu, dann machte Maria weiter: Sie brannte mit Hundertwasser einen Sommer lang nach Rumänien durch, während ihr Mann an der Sagrada Família baute. Hundertwasser hatte ja diese rumänischen Wurzeln und sie auch. Sie suchten nach alten Familienspuren; und sie mochte ihn. Er war blutjung. Ja, sagte ich, am Ende war er ihr dann aber doch zu dumm. Versuchte dauernd, ihren Gatten zu imitieren, anstatt sich selber etwas auszudenken. Sie hatte noch einige andere Liebhaber, wusste Maria, und ihre späten Jahre verbrachte sie auf ihrem Landsitz bei Barcelona, wo sie diesen berühmten Rosengarten anlegte. Kennst Du den? Ja, die Rosen, sagte ich. Hast Du diesen schrecklichen Bahnhof von Hundertwasser mal gesehen?, fragte Maria und fegte mit den Turnschuhen durch Gestrüpp, das trocken am Boden lag. Irgendwo in dieser kleinen deutschen Stadt, Peine oder Uelzen? Ich guckte sie zweifelnd an. Uelzen? In Echt? Ist wahr!, sagte sie, den Bahnhof gibt es wirklich. Wir schauten kurz irritiert. Na und?, sagte ich. Alles andere ist doch genauso wahr! Es ist nur anders wahr! Maria lachte. Anders wahr, das fand sie gut. Ich dachte gleich, das passte zu ihren Inselrecherchen.

Wir waren mittlerweile wieder oberhalb der Küste in der Steppenlandschaft unterwegs zurück zum Auto. Wo Zaha Hadid wohl ihre Formensprache herhat, sagte ich in die Weite. Irgendwas mit Orient, sagte Maria. Und Mies van der Rohe? Es gab da diese prägende Reise, als der junge Mies von Berlin aus mit dem Zug seinen jüdischen Onkel in Odessa besuchen fuhr. Es war eine lange Reise gewesen. Begeistert zeichnete er vom Zugfenster aus die weiten Ebenen der Ukraine und die schlanken weißen Stämme der russischen Birkenwälder. Es gibt da dieses Skizzenbuch. Es besteht nur aus gezeichneten Horizontalen und Vertikalen. Hatte alles nichts mit Mondrian oder Moderne oder so zu tun, stellte ich fest. Er hatte einfach der Natur zugeschaut. Maria war sicher, dass das Skizzenbuch in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt wurde. So wie ein anderes Buch, dass sie dringend für eine Recherche gebraucht und dort mehrfach angefragt hatte. Man hatte das Buch nirgends finden können, ihr aber schlussendlich mit Nachdruck versichert, es sei da. Das Buch sei da, und Punkt. Man wisse nur nicht, wo. Ja, sagte ich. So ist das mit Mies’ Skizzenbuch auch.

Wir sammelten noch eine Reihe weiterer Geschichten darüber, woher große Architekten in jungen Jahren die grundlegenden Ideen nahmen, die ihr späteres Werk geprägt und berühmt gemacht hatten. Ich erinnere mich an Chipperfield, den wir beide langweilig und konservativ fanden. Alte Schweizer Schieferhütten, begann Maria. Diese schwarzen Schindeln mit etwas grünem Moos darauf, weißt Du? Chipperfield hatte Familie in der Schweiz und verbrachte dort als junger Mensch einige Zeit. Ziemlich reich, ziemlich dekadent. Er langweilte sich. Bis er die alten, halb verfallenen Schieferhütten entdeckte und glaubte, den schweren Geist ihrer Geschichtlichkeit mit zeitgenössischer Architektur zusammenbringen zu müssen. Fürchterlich, sagte ich. Ja, sagte Maria, aber war so.

Daniel Liebeskind litt seit früher Kindheit unter grundlosen Kopfgeburten. Rem Koolhaas hingegen fanden wir gut, da war irgendwas mit Marihuana und Kommune in seiner frühen Biografie. Wir scheiterten aber bei dem Versuch, uns an Architektinnen zu erinnern, die wir kannten. Wir kamen immer nur auf Männer. Oh!, kennst Du John Lautner?, fragte ich mit plötzlicher Emphase. Nein? Den muss ich dir zeigen. Der ist bomfazionös. Maria: Der ist was? Ich: Bomfazionös! Ich hatte schon den ganzen Tag über sonderliche Kraftworte verwendet, die mir ewig nicht über die Lippen gekommen und die auch sonst eher selten im Sprachgebrauch waren. Ich hatte einige Jahre in meiner Partnerschaft Englisch gesprochen, nicht Deutsch, und auch beruflich sprach ich viel Englisch und Französisch. Jetzt entdeckte ich im Gespräch mit Maria wieder die Feinheiten meiner Muttersprache. Maria sprach ausdrucksstark und manchmal sehr präzise. Sie lachte mich etwas aus über die komischen Wörter, die herauszukramen mein Sprachzentrum sich jetzt offenbar ein Vergnügen machte. Wir hatten Spaß. Gott, was hatten wir Spaß bei diesem langen Spaziergang, und wir gelangten zu der Auffassung, dass wir unbedingt, ja zwangsläufig gemeinsam ein Buch über die Geschichten der jungen Architekten schreiben mussten. Wir konnten es gar nicht nicht schreiben, jetzt, da all diese herrlichen Ideen in der Welt waren und wir wussten, was niemand wusste, und was nun keiner mehr erfahren wird. Denn alleine kann ich dieses fulminante Buch nicht schreiben. Dazu fehlt mir ohne sie die Fantasie.

Wir stiegen in den Wagen. Es war bereits drei Uhr, wir hatten Hunger und noch eine Strecke zu fahren. Maria war wieder DJane. Sie kam erneut mit Beethoven, aber ich wünschte mir etwas Anderes. Was denn? Ich weiß nicht, sagte ich… Etwas wie… Champagner?, sagte ich, während ich meine Arme durchstreckte und das Lenkrad fest umfasste. Oh, Champagner!, sagte sie und begann vor sich hin zu murmeln. Sie schien eine immense Plattensammlung auf ihrem iPad zu haben. Und vielleicht auch was mit Stimmen, fügte ich hinzu, und wechselte den Gang. Stimmen hab ich, war sie sicher und fingerte über das Glasdisplay. Sie spielte Lieder von Schubert und Gustav Mahler an. Ich erlaubte mir, das als Rotwein zu bezeichnen, nicht als Champagner. Sie versuchte etwas Anderes. Frank Sinatra, I did it my way. Alter Rosé, sagte ich, aber er schon unterwegs zu Weiß. Irgendein Hip-Hop Stück bezeichnete ich als Bier. Sie fand das unfair. Ein paar weitere Versuche kamen nur knapp in die Nähe von Sekt. Tom Waits!, sagte ich schließlich. Tom Waits?? Das ist doch nicht Champagner! Ich weiß sagte ich, das ist Whiskey mit Zigarre, aber es gibt da diese geile Liveplatte, Nighthawks at the Diner, die passt massiv zu Autofahren. Sie spielte stattdessen Walzing Matilda. Irgendwie lag Maria, was Musik anging, ständig eine halbe emotionale Tonlage tiefer als ich. Wir sangen aus Leibeskräften mit Tom, während wir auf glatten Straßen in den Nachmittag fuhren.

Seite 109 ff.

Eine weitere Welle rollte heran. Sie brach sich entlang mehrerer Felsen weiter vorn, aber diesmal wurden wir von ihren letzten Ausläufern erreicht. Einige dicke Spritzer schafften es bis hinauf auf unsere Plattform und prasselten gegen unsere Körper. Wir jauchzten auf und hielten uns bei der Hand. Fuck, das ist kalt!, sagte Maria lachend. Wir schauten uns an und an unseren Klamotten herab. Links waren wir trocken, rechts gebadet. Sie schüttelte ihr Haar, sah mich mit frischem Gesicht kurz an und dann schauten wir beide wieder hinaus. Wir sahen eine nächste Welle aus dem Meer kommen. Sie schindete Eindruck bei mir. Ich blickte kurz auf den Weg zurück hinter zum Strand, er war nass und erschien mir augenblicklich in der Kürze der Zeit zum Weglaufen nicht geheuer. Ich blickte auf die herankommende Welle. Sie baute sich immer weiter auf. Wir hatten guten Halt und standen mit dem Rücken an den Fels gelehnt. Ich sah auf Marias orangene Turnschuhe, sie stand solide. Ich umfasste sie fest mit beiden Armen, drückte sie an meine Brust und spürte ihr feuchtes Haar an meinen Lippen, roch seinen Duft, fühlte sie bei mir und sagte: Achtung! Jetzt werden wir nass!

Wir wurden nass. Über den Lavafelsen ging das Wasser laut und krachend nieder und zerbarst vielfach in alle Richtungen. Gischt erreichte uns und drosch heftig auf uns ein und dann, zwei, drei Sekunden später, erfasste uns ohne Vorankündigung eine geschlossene Wassermasse wie aus dem nichts und riss uns von der Plattform weg um uns blitzschnell hinabzuziehen – die nächsten Sekunden und Minuten sind kaum beschreibbar. Alle Perspektive wurde getilgt. Ich war sofort von Maria getrennt, mein Körper fiel abwärts und schlug hart mit dem Rücken irgendwo auf, um sofort tiefer hinuntergezogen und sehr schnell meterweit unter Wasser hinweg in eine unbekannte Richtung gesogen zu werden. Ich wurde überallhin herumgedreht und geschleudert, stieß gegen Stein und es toste lärmend in meinen Ohren. Ich bewegte ziellos die Arme ohne zu verstehen, wo oben und wo unten war, hatte dann plötzlich den Kopf kurz an der Luft, sog sie ein so schnell ich konnte, ehe ich erneut hinabgezogen und wahllos strudelnd gewunden und geschoben, gezerrt wurde hinein in die See. Es schien metertief hinunter und wieder hinauf zu gehen, mein Körper drehte sich um die eigene Achse, dann fühlte ich plötzlich Fels, krallte mich mit den Händen daran fest und das Wasser um mich herum glitt von mir ab.

Ich hob in Panik den Kopf und stellte mich auf den rechten Arm gestützt halb aufrecht, sah mich schnell um und verstand, dass ich auf einem der Lavafelsen mitten im Meer stand. Ich wusste, dass ich nur wenig Zeit hatte. Ich sah in Richtung der nächsten Welle, die bereits herankam, blickte auf das Toben ringsherum, schaute in Richtung Land und in die Bucht und rief Maria!!, Mariiaaa!! Um Gottes Willen!! Dann sah ich sie. Hundert oder zweihundert Meter entfernt weiter draußen im schäumenden Meer. Ich sah ihren Kopf Überwasser klein und dunkel inmitten eines großen Wahnsinns. Ich verstand nicht, warum sie plötzlich so weit weg war und rief sie: Maariiaaa! Und jetzt weiß ich nicht, ob ich sie wirklich habe rufen hören oder ob ich mir das einbilde. Wenn sie rief, war es kein Wort, sondern ein tiefer röhrender Ton. Aber vielleicht ist er nur in meiner Vorstellung. Ich glaube, sie war zu weit weg, als dass ich sie hätte hören können. Ich sah, wie sich die nächste Welle an sie heranwälzte und dachte, sie hat keine Chance. Sie hat keine Chance! Und ich schrie in Panik. Ich wandte den Kopf nach rechts und sah, was als nächstes kommen würde, und das jetzt kam. Sie war vielleicht zwei Meter fünfzig hoch, was nach wenig klingt aber viel ist, wenn man ein Meter dreiundsiebzig groß ist, und man irrt sich leicht darüber, welche Wucht und Masse Wasser hat. Es trifft einen wie eine tobende Wand. Ich wusste, dass ich von dem Felsen im Meer, auf dem ich stand, hinweggeworfen werden würde. Ich kniete nieder, senkte den Kopf und hielt mich mit den Fingerspitzen am Fels fest. Das kannst du nicht überleben, dachte ich,  schloss die Augen und atmete tief ein.

Es ging rasend schnell. Ich wurde mit einem gewaltigen Schlag sofort weit unter Wasser gerissen. In den Massen war mein Körper nichts. Ich presste die Lippen aufeinander und hatte die Augen aufgerissen. Mein Hemd zog sich in einem Ruck über den Kopf und verschwand, gleichzeitig gingen meine Schuhe fort von den Füßen. Die Beine voran sog es mich weg. Ich wurde unter Fels gezogen, fühle ihn schnell und schroff meine Brust ritzen, es wurde dunkel und tiefer. Das ist eine Höhle, dachte ich, hier kommst du nicht mehr hoch! Ich strudelte herum, mir ging die Luft aus, ständig warf es mich in eine andere Richtung. Ich ruderte mit den Armen, das Wasser um mich war graugrün verwirbelt und weiter oben heller, aber ich kam nicht hinauf. Jetzt kommt tatsächlich dieser Moment, schoss es mir in den Kopf. Jetzt passiert das wirklich. Jetzt ist gleich Schluss.

Das nächste, an das ich mich erinnere ist, dass ich mit dem Oberkörper voran hart gegen einen Felsen geworfen wurde. Ich krallte mich sofort mit den Fingern fest und presste mein Gesicht gegen den Stein. Das Wasser gab meine Beine frei, ich riss den Mund auf und gierte nach Atem. Ich blickte eilig über die Schulter. Die nächste Welle war noch entfernt. Ich hatte die Kraft, schnell an den scharfen Kanten aufwärts zu klettern. Ich wusste nicht, wohin, aber oben war richtig. Ich erreichte die Spitze des Felsens, sah um mich, orientierte mich und verstand nicht, wo ich war. Ich schrie: Um Gottes Willen! Um Gottes Willen! Meine Augen suchten hektisch die Bucht ab, ich rief: Maria!!, und ich sah nichts außer Wasser und Schaum. Dann blickte ich über die Felsspitze – dahinter lag in Ruhe der steinige Strand. Das kann doch gar nicht sein, sagte ich laut. Das ist doch gar nicht möglich! Es war unwirklich. Ich brach in Tränen aus. Warum war ich da? Ich starrte hinab auf den Strand, dann suchte ich erneut mit Blicken nach Maria, rief sie und wandte mich ab. Ich wollte auf die andere Seite des Felsens, an Land.

Als ich auf festem Sand stand, bückte ich mich, um zu atmen. Mir lief Blut in die Augen. Ich sah die nackte aufgescheuerte Brust, meine Jeans war dunkelrot gefärbt und an den Knien zerrissen. Ich stand auf nassen schwarzen Socken. Von meinen Fingerspitzen hingen Hautfetzen, ich zitterte am ganzen Körper. Ich richtete mich auf, atmete mehrmals tief ein, wobei der Brustkorb stach und brannte. Ich machte einen Schritt nach vorn. Die Oberschenkel schmerzten, als seien sie gebrochen. Ich presste eine Handfläche gegen die Rippen der linken Seite, die andere Hand gegen mein Bein. Die Ohren dröhnten. Ich biss die Zähne aufeinander, machte fünf Schritte vorwärts und drehte mich halb gebückt zum Meer um. Ich rief einige Male lange und laut nach Maria. Meine Augen blieben leer. Ich hörte die Brandung. Du hast keine Chance, sagte ich leise und weinte, keine Chance.

Seite 175 ff.

Hier. Das ist alles. Diese vier Worte sagte Ulli Phillip, alias der kleine Prinz, zu Hardy Krüger, alias der Pilot, alias Antoine de Saint-Exupéry, in der Tonaufnahme von 1977 in jenem Moment, da er, Phillip, sich von ihm, Krüger, verabschieden würde. Es ist das Ende der Aufnahme, die wir an unserem letzten Abend hörten. Obwohl – diese vier Worte hörten wir nicht mehr. Wir waren bereits eingeschlafen.

* * *

Zieh es nicht in die Länge, sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen, das ist ärgerlich. Du hast dich entschlossen zu gehen, also gehe. Der Fuchs und der kleine Prinz hatten sich einander angenähert und waren sich vertraut geworden. Und der kleine Prinz zögerte, den Fuchs zu verlassen. Sie waren einander nun wertvoll. Ich weiß wohl, dass ich diesen Text in die Länge ziehe, sagte ich zum kleinen Fuchs, der mich mit vagen Augen ansah. Aber es gelingt mir nicht, Adieu zu sagen, ergänzte ich und sah in seinen jetzt leeren Blick. Wie soll ich abschließen?, fragte ich ihn. Wie soll ich mit Maria fertig werden? So wie Bach es tat, als er seine Kantate Ich hatte viel Bekümmernis ganz am Ende verhunzte? Bumm, tattaa, und aus!? Ich kann das nicht, sagte ich zu meinem Fuchs. Sie ist ja noch nicht einmal unter der Erde. Er blickte weg. Was sollte er sagen.

Außerdem geht meine eigene Geschichte ja noch weiter. Und deine auch noch. Deine Grablegung wird erst in einigen Tagen sein und einstweilen liegst du im Kühlhaus. Und so lange ist deine Anwesenheit auf Erden nicht vorbei. Friedrich schrieb mir heute, dass dein Leichnam endlich morgen nach Berlin komme und die Beisetzung am Samstag den 19. Januar stattfinde. Verdammt spät. Wie sieht dein Körper nach drei Wochen in der Leichenhalle aus? Hast du noch ein Gesicht, das wir sehen werden? Ist es vom Wasser aufgeschwemmt? Hatten dir die Wellen und Felsen die Knochen gebrochen, den Schädel zerschlagen oder das Rückgrat, ehe du starbst? Ich weiß, du konntest dich noch einige Minuten über Wasser halten, aber das sagt nicht viel. Es hatte eine Autopsie gegeben, ehe man dich für den Transport nach Deutschland freigab und deren Ergebnis ich nicht kenne. Sicher war es eine Routine der Behörden, festzustellen, dass du wirklich Wasser in der Lunge hattest und ich dich nicht etwa beidhändig erwürgt und ins Meer geworfen hatte. Man kann nie wissen. Ich hoffe, sie haben dich ordentlich wieder zugenäht[1]. Aber ehrlich gesagt interessiert das niemanden mehr. Ab kommenden Samstag, nachdem wir alle Sand auf dich geworfen haben werden, wird es endgültig vorbei sein mit deinem Leib. Zum Glück träume ich nichts. Ich trinke genug, um einige Stunden traumlos schwarz durch die Nacht zu schlafen. Wer darf träumen?, hattest du mich gefragt. Und wer hat das Glück, es nicht zu tun, sage ich dir. Du stehst jetzt auf meiner Liste von Verlusten, Maria. Von denen, die schwierig sind.

[1] Haben sie nicht, wie ich Monate später von Friedrich erfuhr. Er war vom Anblick der Leiche schockiert gewesen.

Seite 253 ff.

Florentiner Spiegel

Ich schaue in die weichen Züge eines versteinerten Gesichts. Sie neigt den Kopf und sieht mich ohne Augen an. Von der rechten Schulter fällt ein Überwurf die Taille hinab und bringt mit einem Schwung um ihre Hüfte ihre Scham in meinen Blick. Sie steht direkt neben mir. Barbusig und ohne Arme. Vor mir reckt eine Sphinx ihren Hals in die Höhe und sieht in die Weite. Auch ihre Brüste sind nackt. Spitz und straff schauen sie zu mir. Ihre kleinen Terrakottaflügel ragen aufwärts von den Schulterblättern und enden bald nach einer Abwärtskurve oberhalb des Pos, der auf Löwenpfoten sitzt. Von einem flachen Sockel auf dem Boden reichen Schienbeine hinauf zu Knien und wenden sich zur Rundung zweier Schenkel, die hinabgleiten zum Unterleib einer Frau, die über dem Becken abgebrochen ist. Ich sehe auf Granit. Ich drehe mich um. Auf der anderen Seite meines Bettes sitzt ein hoher Pudel neben mir. Er wacht mit stolzem Kopf. Sein Fell ist manieristisch grau gekräuselt und steif wie Beton. Neben der Tür liegt ein Fuß aus Travertin, auf einem schmalen Podest in Reichweite der Gipsabguss eines weiblichen Dekolletés. Ich habe einen Stuhl vor die Tür gestellt, damit sie nicht aufgeht. Sie hat weder Schloss noch Klinke. Ich bin nackt unter der Bettdecke und liege selbst auf einem Sockel. Zwei Meter lang, 80 Zentimeter breit, 60 Zentimeter hoch, mit einer Matratze darauf. Als hätte ich die Nacht im Museum verbracht. Oder als sei ich nun selber ein Relikt aus der Vergangenheit. Aber noch Fleisch statt Stein. Abgelegt in einer Dachkammer unter Skulpturen. Das Fenster über mir sieht den Himmel durch ein altes Gestühl aus weiß gestrichenen Balken. Ich habe unruhig geschlafen.

Ich lese seit einigen Tagen die Erzählung von Philippe Lançon. Der Fetzen. Er ist Journalist bei Libération und gehört zu den Autoren der Pariser Satirezeitung Charlie Hebdo. Er war am 7. Januar 2015 mit im Raum, als während der Redaktionssitzung zehn seiner Kollegen und Kolleginnen von zwei Männern mit Kalaschnikows erschossen wurden. Elf weitere Personen wurden verletzt, teils schwer. Er war einer davon. Es dauerte nur zwei Minuten. Während des Attentats zerfetzen ihm Kugeln den rechten und den linken Arm, eine weitere riss einen Teil des Gesichts weg. Kinn und Kiefer. Das lässt sich nicht vergleichen. Und doch verbindet mich etwas mit ihm und dem Buch. Er überlebt, die Gefährten nicht. Er sieht sie um sich, immer wieder, tot oder sterbend oder gerade so überlebend im Kugelhagel von Leuten, die er nicht kennt und die Allah Akbar rufen, so als sei das eine Erklärung. Er findet allmählich zurück ins Leben, aber als ein anderer. Er begreift schnell, dass ein Philippe Lançon starb, während ein unbekannter Philippe Lançon überlebt und erst langsam zu sich kommt. Acht Monate lang lebt er in Kliniken mit entsetzlichen Schmerzen nach siebzehn Gesichtsoperationen und Transplantationen. Das entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Ich kann mir nicht ausmalen, wie es ist, wenn einem der Kiefer weggeschossen wird und nach dem ersten Schock allmählich das Körperbewusstsein zurückkehrt und mit ihm die Schreie der Nerven beginnen, die auch das Morphium nicht betäubt. Was ich mir aber vorstellen kann ist, warum er sich der Chirurgin beinahe intim verbunden fühlt, die ihm, einer Bildhauerin gleich, wieder ein Gesicht geben wird. Und auch, warum er nach wenigen Tagen wieder zu schreiben beginnt. Kafka liest und Thomas Mann, Bach hört, die Goldbergvariationen von Glenn Gould. Er schreibt Artikel und Kolumnen, die letzte Brücke zu seinem alten Leben. Mit seinem Buch beginnt er erst zwei Jahre später, schreibt aus der Distanz des Rückblicks. Die Erzählung endet am 13. November 2015, dem Tag des Anschlags auf das Bataclan. Der Kreis des Terrors schließt sich um ihn. Als das Buch erscheint, wird es emphatisch rezensiert. Auch, weil er die Attentäter nicht verurteilt oder stigmatisiert. Was ihn fast umbrachte, ist die Welt, über die er seit Jahren geschrieben hatte.

Ich bin nach Florenz gefahren, um meinen eigenen Text abzuschießen und nachzuschauen, wer ich geworden bin. Es ist an der Zeit. Lançons Abstand habe ich noch nicht, und ob sich irgendwo ein Kreis schließen wird, weiß ich nicht. Ich weiß, dass mich die Krankenkasse unter den Kennziffern F48, F21 und F55 abrechnet: Posttraumatische Belastungsstörung, Anpassungsstörung und mittelschwere Depression. Sie müssen jetzt mal raus aus ihrem Gegrübel, hat meine Therapeutin gesagt, und die Überhöhung ihrer Maria nervt auch ein bisschen. Fahren Sie mal richtig weg. Am besten irgendetwas mit Natur, damit ihr Realitätssinn wiederkehrt, meinte sie. Bloß nichts mit Kunst und Kultur. Und nehmen Sie sich Zeit.

Also schickte ich einem Freund, der beim Goethe-Institut arbeitet, eine Nachricht. Ob er eine Idee hätte, wo ich für einige Wochen hinkönne. Vielleicht ein Stipendium irgendwo. Ich hatte noch nie ein Stipendium. Immerhin schreibe ich an einem Buch, das könnte man doch unterstützen. Mein Freund leitete die Nachricht an eine Bekannte weiter, die ein deutsches Kulturinstitut am Stadtrand von Florenz führt, und sie bot mir per Email ein leerstehendes Zimmer an. Da bin ich jetzt. Umgeben von steinernen Hunden und tönernen Frauen in einer wundersamen kleinen Kammer unterm Dach. Das ist zwar nicht, was meiner Therapeutin vorschwebte, denn hier gibt es statt Natur ausschließlich Kunst und Kultur. Vor allem aber finde ich noch keinen Platz zum Schreiben. In der Villa, in der ich wohne, gibt es keinen Schreibtisch, drinnen kann ich nicht rauchen, draußen ist es klamm. In der Altstadt war ich noch nicht. Ich hänge herum in Vorstadtcafés. Lese und Schreibe auf dem Handy. Vielleicht reise ich wieder ab.

1. Juni

Der morgendliche Café in der Villa schmeckt nicht. Also bin ich die Treppen hinuntergegangen und der Steinmauer gefolgt, die vom Anwesen aus zu der steilen Straße führt, über die man hinunter zur Piazzale di Porta Romana gelangt, wobei man einen guten Blick über die Florentiner Ebene hat, aus der sich die große Kuppel des Domes langsam erhebt wie ein behäbiger Ballon. Hat man die Piazzale erreicht, bleibt zum Laufen nur ein Streifen Bürgersteig, der rings um den großen Kreisverkehr führt, von dem aus neun Straßen Autos, Busse und Mopeds hinein ins Zentrum und hinaus aufs Land verteilen. Ich habe mich vor einem Café auf einen der Stühle gesetzt und einen Espresso bestellt und ihn getrunken. Es hat genieselt. So wie seit Tagen. Auch in Florenz ist der Frühsommer ins Wasser gefallen, aber es ist warm genug, um tagsüber draußen in kurzen Hosen und Jackett unterwegs zu sein. Als ich zahle und aufstehen will, um einen Spaziergang entlang der äußeren Stadtmauer zu beginnen, bemerke ich auf dem Rasenrund in der Mitte des Kreisverkehrs einen Fuchs. Ich halte inne. Ich bin überrascht. Ich sehe zu ihm. Sein Fell ist dunkel und feucht, er schnüffelt über das Gras, dann blickt er mit gesenktem Kopf in meine Richtung. Ich stehe auf und mache einen Schritt auf ihn zu. Hey! rufe ich über die vorbeifahrenden Autos zu ihm herüber. Und du? Was ist mit dir? Du mit deinem weichen Schwanz? Sag du doch mal was dazu! Er wendet sich ab. Hey!, rufe ich. Er huscht weg und über die Straße hinüber zum Stadttor und ich sehe noch, wie er sich an den alten Ziegelsteinen entlangdrückt und an den Fahrzeugen vorbei durch eine Gasse in Richtung Altstadt verschwindet. Ich rufe: Verdammt, ihr könnt doch nicht dauernd alle weggehen! Hey! Etwas bäumt sich in mir auf. Ich bahne mir durch den Verkehr einen Weg zum Stadttor und laufe die Gasse hinunter, in die der Fuchs gelaufen ist. Da hinten ist er. Hey! rufe ich, Bleib hier!, und laufe so gut ich kann, und denke kurz, ob ich nicht auf Italienisch rufen soll, was mir dann absurd vorkommt. Er läuft immer schneller hinunter in Richtung Altstadt. Verdammter Scheiß, jetzt komm her!, rufe ich im Rennen. Ich werde zornig, bekomme ein Seitenstechen, gehe in Trab über und verliere ihn schließlich aus den Augen. Ich bleibe stehen und beuge mich vor und atme durch, die Hände auf den Knien. Der Tinnitus pfeifft auf beiden Seiten des Gehirns. Vieni qui! Jetzt fällt es mir ein. Vieni qui. Komm her.

Dann hupt es hinter mir. Ein kleiner Elektrobus, der kaum durch die Gasse passt, rollt mit surrendem Motor heran, die Reifen ploppen auf dem Kopfsteinpflaster. Ich hebe eine Hand zum Zeichen, dass ich mitfahren will und steige ein. Der Bus ist voll wie ein Ei. Permesso!, zischt es neben mir, man drängelt, und der anfahrende Bus gibt die Stöße des Pflasters weiter an die Becken und Bäuche der umstehenden Fahrgäste. Draußen sehe ich im Vorbeifahren einen Dönerladen und daneben eine gemauerte Wandnische mit einer bunt bemalten Frauenfigur darin. Magdalena, denke ich, oder Maria oder Katharina oder Susanne. Irgendeine dieser verdrehten Figuren aus dem Wimmelbild feixender Bibelpuppen, die irgendwelche Leute installiert haben, um alles schön zu ihren Gunsten auszulegen, das eigene Maß und Recht auf Gold zu malen, in Wolken zu betten, in Nischen zu zimmern und einzurahmen in Smaragde aus Galle und Rubine aus Kot. Ich muss schmunzeln, wie gerne ich über die Kirche lästerte. Ich schaue den Gang entlang nach vorne durch die zitternde Windschutzscheibe. Von Füchsen ist nichts zu sehen. Am Ende der abschüssigen Gasse, die der Bus herunterbrettert, taucht der Arno auf und die Stadtsilhouette kommt näher.

Bevor wir die Brücke über den Arno passierten, rufe ich Descendere!, und als die Brücke schon hinter uns liegt nochmals: Descendere!!, und der Bus hält abrupt an der Piazza di Santo Stefano. Er kippt mich mit einer Körpertraube aus, durch die Wolken fällt Sonnenschein vor mich hin auf den vom Regen frisch gewachsten Bürgersteig. Es schillert. Um mich herum hunderte Beine und rollende Koffer. Über mir ockerfarbene Sandsteinfassaden. Darüber glänzendes Licht. Welch fabulöser Glanz! Eine tolle Masse beginnt, mich über das Kopfsteinpflaster durch die Straßen zu schieben, hinein in diesen alten Kanon, den ich nun betrete, und den emporgehaltene Regenschirme in allen Sprachen verkünden. Sie deklarieren den Menschen und seine Ideale, und zeigen zwischen Putten und Voluten, unter Kuppeln und Gewölben, auf Altären und auf Tafelbildern unter Heiligen und Seligen ein ums andere Mal die falsche Maria Magdalena!

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2019

Leon Ferrari. Toasted Angels, Sounds of Steel

Das Weiße Haus ist bewohnt von Regenwürmern. Sie kriechen durchs Oval Office, in die privaten Gemächer, hängen von dem Fahnenmast auf dem Dach, schmieren ihren Schleim auf die amerikanische Flagge. Das Video Casa Blanca von 2005 ist der Auftakt unserer Ausstellung. Wird hier ein stolzes Symbol geschändet? Eine Ikone beschmiert? Was hatte León Ferrari im Sinn? Blasphemie?

Ferrari tat, was er konnte. Was er nicht konnte, tat er nicht. Das klingt banaler, als es ist. Denn was Ferrari tat, war eng verbunden mit den politischen Entwicklungen seit den 1950er Jahren, für die er zum je gegebenen Zeitpunkt seine Sprache fand, mit den Mitteln, die er hatte. Eine Sprache – mehrere Sprachen –, die vom Privaten ins Öffentliche drangen, um von Krieg und Diktatur, von Drangsalierung, und von Freiheit zu erzählen. Ferraris künstlerische Laufbahn begann … weiterlesen

2019

Citizens Commissioning Art: An innovative social and cultural policy practice

The New Patrons program has initiated an unprecedented social practice. In the past three decades, this practice has renewed civic collaboration and responsibility throughout Europe and beyond. It has suggested to society a new methodology to respond to the cultural needs of various communities in a wide range of settings and in broadly diverse artistic and scientific formats.

Art and democracy have one thing in common: their modes of action and representation need to be conceived and practiced afresh every day. Nothing about them can be taken for granted, and only society itself can be the legitimate protagonist of this process of continual historic creation. And yet there is a vitally important sector in which society, as a community of individuals, has very limited say: the commissioning of common cultural goods. Thirty years ago, the New … weiterlesen

2018

Alice Creischer. His Master’s Voice

Alice Creischers Ausstellung ist ein Stück deutscher Gegenwart. Und dabei auch ein Stück politischer und künstlerischer Kontinuität. Im Untergeschoss der Galerie stottern die Werke sich durch gesellschaftliche Entwicklungen während der letzten dreißig und mehr Jahre, die so häufig kritisch beschrieben wurden, dass man heute kaum noch weiß, wie man wieder, und weiter, und noch einmal darüber sprechen kann, während der scheinbar unaufhaltsame politische Klimawandel dem kritischen Denken immer wieder, und noch einmal, die Sprache verschlägt. Kann doch alles nicht wahr sein. Ist es aber. Und es zeigt sich ungeschminkt.

Creischers Ausstellung ist ein Kopfschütteln über die eigene deutsche Geschichte und wohl auch über das permanente Nachdenken darüber. Im Krieg gegen die Franzosen brachten sich die Deutschen endlich unter eine Krone. 1871 gründeten sie … weiterlesen

2017

Ekstase der Zerstörung. Michael E. Smiths „And Babies“

Fünfzehn tote Kugelfische, sechs LED-Leuchten, ein schwarzer Pullover, eine Kehrschaufel und der rote Schnabel eines Storches: Mit diesem Inventar hat Michael E. Smith im Neuen Museum Nürnberg einen Raum eingerichtet. Die Atmosphäre ist schlicht und still, das Licht ist ausgeschaltet. Doch allmählich ordnet sich dieser Raum zu einem erschreckenden Bild, verformt sich zu einem Mahnmal der Gewalt, ja der Verheerungen menschlicher Vernunft.

Panik

Entlang des strengen Rasters der Bodenplatten sind die fünfzehn präparierten Fischkadaver gleichmäßig hintereinander gereiht. Wie an einer Perlenkette, die den Museumssaal durchzieht. Kugelfische gelten als ebenso zierlich wie gefährlich. Aber hier liegen sie als harmlose Präparate am Boden, die zur Selbstverteidigung ein letztes Mal ihre leeren Hüllen zu … weiterlesen

2017

Heinrich Dunst. Things, Not Words

Da kratzt etwas am Fundament. Schwärme von Denkern untergraben derzeit ein Weltbild, in dessen Mitte der Menschen sitzt. Was Sloterdijk einmal polemisch als die absteigende Entwicklungslinie vom Gott zum Menschen und vom Menschen zum Schlumpf bezeichnet hat, könnte man als eine Reihe narzisstischer Kränkungen des abendländischen Subjekts beschreiben: Kopernikus zerbrach die Illusion, das Universum kreise um die Erde; Kant machte Schluss mit dem Glauben, Erkenntnis sei mehr als das, was sich in unserem Kopf abspielt; Freud zeigte, dass wir selbst in unserem eigenen Kopf nicht Herr im Haus sind. Und nun sagt man uns, dass wir den Unterschied zwischen dem Menschen und einer Kaffeemaschine maßlos überschätzt haben. Lange galt die soziale Welt als eine von Subjekten bewohnte und die Realität als das, was diese Subjekte – vor allem sprachlich – als solche begreifen. Doch nun wankt dieser … weiterlesen

2017

On the Possibility of Light. Chto Delat

Mehr Licht! Baut mehr Leuchttürme! Trinkt Phosphor! Etwas muss den Autokraten und Neofeudalisten, die in den USA, der Türkei, Polen, England und anderen Ländern das Licht ausmachen, entgegenscheinen. Aber was? Was ist zu tun? Chto Delat?!

Seit 14 Jahren trägt das Kollektiv aus Moskauer und Sankt Petersburger Künstlern, Intellektuellen und Aktivisten diese Frage programmatisch in seinem Namen. Doch 2014 wusste die Gruppe keine Antwort mehr darauf – in ihrer AUSSTELLUNG BEI KOW begrub sie ihre Hoffnungen, dem Ukrainekrieg und Putins Neonationalismus ließe sich noch künstlerisch-kritisch begegnen, versiegelte sie in einer Zeitkapsel und schickte sie in eine unbekannte Zukunft. Es war ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und Marginalität. Der Schock, der jetzt den Westen erreicht hat, saß den Russen also schon länger in den Knochen. Sie haben ihn verarbeitet und kommen nun zurück nach … weiterlesen

2020

Die Schokoladenskulpturen von CATPC

Die Plastiken des Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (CATPC) erstaunten das deutsche und internationale Publikum, als sie im Mai 2015 in Berlin bei KOW zu sehen waren. Die formale und erzählerische Ausdrucksstärke der sieben präsentierten Werke von Mathieu Kasiama, Mbuku Kimpala, Thomas Leba, Jérémie Mabiala, Daniel Manenga, Emery Muhumba und Cedrick Tamasala schien professionellen Beobachtern wie privaten Liebhaberinnen offensichtlich, während die technische Herstellung der Plastiken und ihre ökonomische und konzeptionelle Verknüpfung mit den Aktivitäten des Institut für Human Activity, IHA, und mit der künstlerischen Praxis Renzo Martens Fragen aufwarf, von denen ich hier einige beantworten will.

Um die in Schokolade gegossenen Büsten und Statuen korrekt beschreiben und verstehen zu können, muss ihre Herkunft aus … weiterlesen

2016

Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen / Deutschland. Mario Pfeifer

Leider ist das alles nicht so einfach. Rechts-, Mitte-, Links-Populismus, post-faktisches Zeitalter, gespaltene und manipulierte Gesellschaften – das fühlt sich an wie eine apokalyptische Abwärtsspirale, doch apokalyptische Gefühlslagen helfen nicht. Spaltung hilft nicht. Fakt ist: Was heute manche erschüttert, macht andere heiter und mutig. Wo aufkommende Regierungsformen bei den einen Fluchtinstinkte wecken, sehen sich andere endlich repräsentiert. Wo elaborierter Kritik der Sauerstoff ausgeht, kommen ungehörte Stimmen zu neuem Volumen. Doch verarscht fühlen sich am Ende vielleicht alle. Rechtsruck? Linker Widerstand? Rationalität der Mitte? Verfangen in alten Politik- und Glaubenssystemen, zünden Leute quer durch die mentalen Spektren Konfliktlinien im Gemeinsinn an, die antagonistische Dämonen beschwören.

Mario Pfeifer ist einen anderen Weg gegangen. Er hat neun … weiterlesen

2016

Solidarische Mobilmachung. Kunst, Vokabularpolitik und Resolidarisierung NACH Richard Rorty

Kontingenz, Ironie und Solidarität, dieses Buch von Richard Rorty, erschienen 1989, ist seit fast 20 Jahren die wichtigste Quelle für mein Denken über die soziale Funktion der Kunst. Und seit fast 20 Jahren wundere ich mich, wieso dieses Buch in der Kunstwelt so wenig gelesen wird.1 Denn es hilft uns ein großes Stück weiter, die Frage in ein sinnvolles Licht zu rücken, warum und wie die Kunst an der Gestaltung sozialer Wirklichkeit beteiligt ist. In Diskussionen über das Politische der Kunst, über ihre gesellschaftliche Relevanz und ihren gesellschaftlichen Auftrag, falle ich immer wieder auf Rorty zurück. Oft kopfschüttelnd, weil mir nicht einleuchtet, warum diese Diskussionen noch einmal um Probleme kreisen, die man nach Rorty nicht mehr haben muss und nicht mehr haben sollte. Ich werde Rortys Position rekapitulieren um vorzuschlagen, dass nach ihm über Kunst zu sprechen bedeutet … weiterlesen

2016

Die Sammlung „Der Schrank“ von Ramon Haze

Es ist eine der herausragenden Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts – vielleicht die Einzige. Von Marcel Duchamp über Andreas Baader bis zu Jeff Koons umspannt sie fast 100 Jahre einer Kulturepoche, die uns fremd geworden ist. Die 154 Sammlungsstücke geben Einblick in die Ding- und Begriffswelt einer Ära, in der sich einst Gefühle und Gedanken, Wissen und Visionen in Formen ausdrückten: in künstlerischen Objekten und Bildwerken, die kollektiv betrachtet und bewertet wurden.

Heute indes braucht es archäologischen Feinsinn um nachvollziehen zu können, wie es möglich war, dass manche Gegenstände Bedeutung als Kunstwerke erlangten und andere nicht. Und so ist die Ausstellung bei KOW vor allem eine Würdigung des Lebenswerks von Ramon Haze, der die Exponate dieser Kollektion zusammentrug und ihren verschollenen Sinn rekonstruierte. … weiterlesen

2016

Hiwa K. This Lemon Tases of Apple

Zitronen werden herumgereicht. Ihr Saft lindert das Brennen in den Atemwegen. Es ist der 17. April 2011, letzter Tag des öffentlichen Aufruhrs vor Niederschlagung des Irakischen Frühlings, der in den internationalen Medien kaum Erwähnung fand. Inmitten der von Tränengas durchsetzten Proteste zwei Musikanten: Hiwa K an der Mundharmonika, Daroon Othman an der Gitarre.

Sie spielen die Filmmusik von "Once Upon a Time in the West" ("Spiel mir das Lied vom Tod"), jene alarmierende Melodie aus zwei diskordanten Tönen, die auf den Straßen von Sulaimany, Kurdistan, jeder kennt. Sie trägt die enttäuschten Hoffnungen vieler Jahre auf die Straße und treibt den Marsch der Demonstranten mit einer düsteren, einigenden Kraft voran. Während Hiwa Ks Spiel auf der Mundharmonika mischt sich das Tränengas in seinen Atem; im Körper des Performers fallen … weiterlesen

2015

Mario Pfeifer. Approximation in the Digital Age to a Humanity Condemned to Disappear

Am Ende der Welt läuft Techno. Tintenfische drehen sich im Stroboskoplicht, die Meeresspinnenindustrie tickt wie ein Schweizer Uhrwerk und echte Männer gelten was, wenn ihnen der Fang in die Reuse geht. Der Sonnenaufgang ist in Patagonien so atemberaubend wie in der Panoramabar im Berghain.

Satte Farben, gut getaktete Schnitte und Übergänge, packende Rhythmen: Mario Pfeifers "Approximation" trifft als dreiteilige Videoinstallation den ästhetischen Zeitgeist mit fulminanten Bildern in hochauflösender 4-K-Technologie. Sie entstanden am Ende der Erdscheibe, da wo Menschen manchmal über den Rand fallen und im Nirgendwo verschwinden. Diesmal sind es Feuerlandindianer, die es vielleicht noch gibt, vielleicht auch schon nicht mehr. Pfeifer hat sie gefilmt – hat er? Was auf drei Projektionen im Untergeschoss von KOW zu sehen ist, ist keine Dokumentation, sondern eine Betrachtungsweise. … weiterlesen

2015

Candice Breitz. Love Story

“Alec, you’re famous! People will listen to you,” says Alec Baldwin to himself, a few moments before sharing the details of his arrest in Cairo, his journey to Italy on a desperately overcrowded fishing boat, and his eventual arrival in the unfamiliar city of Berlin on a rainy day in September 2015. Cut. Julianne Moore briefly fixes her hair. And then recounts the brutal attack that she and her children survived back home, shattering what had been a comfortable life in the Democratic Republic of the Congo, and leaving her with no choice but to smuggle herself and her children – via an endless journey in the back of a windowless truck – towards an uncertain future in an unknown country. In our first encounter with Love Story, Moore and Baldwin address us via a large projection, to speak of past anguish and hope for the future, of forced migration and loss, but also of the comfort of … weiterlesen

2016

Gestures of Disappearance, Once More. Looking Back on a Prologue, its Melancholy, and its Method

A broken love means most to the one who walks away from it – because the leaver is so profoundly invested in the connection that he or she tries to influence and mold it until the very end. Severing the ties to another human being gives that bond a final form. Breaking up as the last gesture of a love? I’m not sure how much there is to this logic. But it rings true of many artists who broke up with art. Only an artist who is deeply in love with her art can be wracked by such passionate doubts about it even to the point of despair that she finds serious motives to leave it behind or at least put her reservations into practice. This was the point of departure for Gestures of Disappearance.

To contemporary readers, “in love with art” may sound like a romantic cliché, but what the four artists in this exhibition have in common is a core drive that is quintessentially … weiterlesen

2015

Hito Steyerl. Left to Our Own Devices

Hito Steyerls erste Galerieausstellung in Deutschland – wir zeigen fünf Videoinstallationen aus den Jahren 2012 bis 2015 – ist in das Licht eines Bruce Lee-Zitates getaucht: „Be water, my friend!“. In A Warrior‘s Journey rät der Kung-Fu-Meister einem Gefährten, der in den Kampf zieht, so gestaltlos zu sein wie Wasser, dass sich blitzschnell neuen Situationen anpassen und jede Form annehmen kann. „Be formless, shapeless, like water!“.

Es ist eine Formel fürs Überleben im Angesicht einer Übermacht. Eine Losung, die im Handbuch jeder Guerilla-, Hacker- und Aktivistenbewegung stehen könnte – aber auch in den Handbüchern für Abhörprogramme, Finanzmarktprodukte und hybride Kriegsführung. Überall da, wo es von Vorteil ist, seine Position im nu in eine andere zu konvertieren. Bruce Lees Aufruf zum Einschmelzen aller angreifbaren Eigenschaften findet … weiterlesen

2014

Eugenio Dittborn. Pinturas Aeropostales

In den letzten Wochen erreichten uns knapp 50 Briefe aus Santiago de Chile. Ihr Inhalt: Rund 150 Quadratmeter Stoff, zusammengefaltet für den Versand in FedEx-Umschlägen. Es sind die Einzelteile von zwölf Werken Eugenio Dittborns aus der Zeit von 1986 bis 2014. Pinturas Aeropostales – Airmail Paintings.

Bilder, die entstanden, um von Chile aus per Luftpost um die Welt zu reisen und nun bei uns Station zu machen. Malerei, Siebdruck und Textilcollagen auf je drei Quadratmeter großen Baumwoll-, Filz- und manchmal auch Papierbahnen, die wir aus den Umschlägen ziehen, entfalten und auf unseren Wänden zusammenfügen. Es wird ein monographischer Überblick über das Werk des 1943 geborenen Chilenen, sein erster Solo-Auftritt in einer europäischen Galerie.

Dauernd sind zahllose Bilder unterwegs um den Globus, ob … weiterlesen

2013

Abstraktion aus Notwehr. Santiago Sierras solidarische Grausamkeit

Lange war Abstraktion in der Kunst vor allem eine Geschichte des ästhetischen Essentialismus: des Glaubens, eine bestimmte Systematik der Formen müsse in der Lage sein, das Wesen der Dinge und ihrer Erscheinungen so grundsätzlich zu erfassen und bildnerisch anzuordnen, dass sich etwas Allgemeines, etwas Wahres, etwas Letztes darüber würde sagen lassen. Etwas, das sich aus dem Hier und Jetzt einer konkreten Lebenswelt erhebt.

Diesen Glauben hat Richard Rorty mit Blick auf die Verwendung sprachlicher Zeichen als die Suche des (v.a. westlichen) Denkens nach „abschließenden Vokabularen“ bezeichnet.[1] Der amerikanische Pragmatist verstand darunter die Sehnsucht nach zeitlosen Formeln der Erkenntnis, die Hoffnung auf letzte Gewissheit. Santiago Sierra und Richard Rorty ist gemeinsam, dass sie diese Hoffnung aufgaben, dieses … weiterlesen

2013

Wels statt Buddha. Michael E. Smiths Materialismus der Grundbedürfnisse

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Ein fast leerer Ausstellungsraum ohne eigenes Licht und ohne eigentliche Verwendung. Dass darin etwas »gezeigt« wird, kann man nicht wirklich behaupten. Flüchtig nehmen wir zwei beleuchtete Plastikwannen wahr und gehen einen Raum weiter. Einen Moment später sagt mein Kollege Nikolaus: »Irgendetwas fühlte sich da drinnen nicht gut an.« Also gehen wir noch einmal zurück. Das Gefühl, das Nikolaus meinte, rührte von einem atmosphärischen Nullpunkt her, so als hätte jemand den Stecker herausgezogen und alle Lebensfunktionen des Ortes abgestellt. Und die wenigen Dinge, die sich ausmachen ließen, schienen sich an die Ränder des Saales zu drücken und dort mit sich allein zu bleiben. Als wir sie schließlich eine Weile lang genauer ansehen, fällt zwischen uns ein Satz, der uns seither begleitet: »Hier zeigt jemand die verwundete Seele … weiterlesen

2013

Zehn Schöne Inseln. Die Binnengrenzen des Kunstfeldes – Ein Beschreibungsmodell

Dabei ziehen, verschieben und schleifen sie Grenzen zwischen einander und bringen so hervor, was Pierre Bourdieu soziale Felder nannte: Austragungsorte von Kämpfen, in denen um Einfluß auf gesellschaftliche Interessensobjekte gerungen wird. Von Arena zu Arena, von Feld zu Feld, sind die Spielregeln der Auseinandersetzung verschieden, ebenso der Glaube der Beteiligten an den Wert der Objekte, um die sie konkurrieren, und der Kapitalien, die sie dabei gegeneinander ausspielen. Neue soziale Felder entstehen durch Spezialisierung und Arbeitsteilung der Akteure eines bereits bestehenden Feldes, durch Diversifizierung von Interessensgegenständen oder durch Verschiebungen in der Kapitalstruktur. Sie begründen neue Spiele, neue Wertsphären, neue Konkurrentenkonstellationen. Haben die innere Ökonomie eines Feldes, seine Funktionsweise und die gemeinsamen Glaubensgrundsätze seiner Akteure eine … weiterlesen

2013

Besser draußen als drinnen? Eine Frage der Reform

Die Besten sind vielleicht schon weg. Ich meine: gegangen. Vielleicht stehen die, die gar keine Kompromisse machen wollten zwischen dem gesellschaftlichen Anspruch ihrer Kunst und der Notwendigkeit, diesen Anspruch dann auch zu Markte tragen zu müssen, überhaupt nicht mehr auf der Bühne: stellen nicht mehr aus, produzieren nicht, verkaufen nicht – sind raus. Betraten einige der besten Künstlerinnen und Künstler unserer Epoche womöglich das große Kunstparkett gar nicht erst, weil sie mit einem institutionellen und wirtschaftlichen Betrieb, an dem sie ihre Zweifel hatten, nicht kooperieren wollten? Ziemlich sicher hätten wir dann nie von ihnen gehört – und wahrscheinlich ein Stück vom Besten verpasst.

Tatsächlich gibt es solche Aussteigerinnen und Aussteiger aus der Kunst reichlich. Ich habe einige Jahre ihre Biografien und Motive studiert1, dabei zeigt sich vor allem eines … weiterlesen

2013

Dignity. Barbara Hammer

Das Lebenswerk der 1939 in Hollywood geborenen Experimentalfilmerin, Dokumentaristin und bildenden Künstlerin Barbara Hammer hat die Geschichte des Queer Cinema mitgeschrieben. Seit 1968 hat die erste lesbische Filmaktivistin über 80 Produktionen mit dezidiert feministischer Perspektive vorgelegt.

Zeigte unsere erste Ausstellung von Barbara Hammer 2011 vor allem ihren Beitrag zur (Selbst-)Repräsentation lesbischer Liebe und Sexualität in den Siebzigerjahren, konzentrieren wir uns nun auf einen Parallelstrang ihres Schaffens seit Mitte der Achtzigerjahre: Die Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod.

Im Zentrum der gemeinsam mit der Künstlerin entwickelten Ausstellung steht „Sanctus“ (1990). Hammer verwendet Röntgenfilmaufnahmen, die Dr. James Sibley Watson in den Fünfzigerjahren herstellte, indem er Körper in Bewegungen … weiterlesen

2012

Tobias Zielony. Manitoba

Von 1874 bis 1996 führte der kanadische Staat mit kirchlicher Unterstützung sogenannte Residential Schools – Internate zur Umerziehung der kanadischen Ureinwohner. Rund 250.000 Kinder wurden in dieser Zeit gewaltsam aus ihren Familien gerissen, von der indigenen Kultur abgeschnitten und zu „guten Christen“ umerzogen.

Man verbot ihnen die Muttersprachen, sexueller Missbrauch und Zwangssterilisation waren üblich, mehr als 50.000 Kinder starben. Jüngste Funde von Kindermassengräbern wurden nicht oder nur zaghaft untersucht. Zwar entschuldigten sich die kanadische Regierung 2008 und der Vatikan 2009 für das Umerziehungsprogramm, den systematischen Genozid an der indigenen Bevölkerung – u.a. durch tödliche Impfprogramme – leugnen sie aber.

Die Jugendlichen, die Tobias Zielony seit 2008 in der … weiterlesen

2011

Schmutz, der die Sonne fängt. Chris Martins sozialer Horizont einer spirituellen Abstraktion

Malerei und Buddhismus sind gute Kumpel. Wenn sie durch New Yorker Galerien und Kneipen ziehen, sinniert Malerei regelmäßig über den Unterschied zwischen guten und schlechten Bildern – und Buddhismus entgegnet mit alten tibetischen Weisheiten, an denen Malereis Ambitionen abperlen wie der Regen an den Ölflecken auf dem Asphalt. Dreck knirscht unter ihren Schuhen, wenn Chris Martin Malerei und Buddhismus durch die Straßen von Chelsea schickt. Und während die beiden in seinem Artikel „Buddhism, Landscape and the absolute Truth about Abstract Painting“ für die Zeitschrift Brooklyn Rail launig über das Wesen der Kunst streiten, mischen sich ihre Alkoholfahnen unter den fauligen, süßlichen Geruch des nächtlichen Manhattan.

Malerei und Buddhismus – ebenso wie Abstraktion und Spiritualität – erscheinen in Martins Artikel und auch in seinem … weiterlesen

2011

General Strike. Grundlagen zu Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs

Das Interesse an Künstlerinnen und Künstlern, die sich von der Kunst abwandten und ihre Praxis aufgaben, ist relativ neu. Als ich 2002 eine Ausstellung zu Gesten des Verschwindens konzipierte (1), die u.a. Lee Lozano und Arthur Cravan zeigte, stießen die meisten meiner theoretischen und historischen Recherchen ins Leere. Zwar fanden sich biografische Einzeltexte zu Künstlern, systematischere Darstellungen zu künstlerischen Rückzugsbewegungen aber nicht. Sie waren, wie es schien, ein ungeschriebenes Kapitel der Kunstgeschichte. So wurde es notwendig, den Topos des Ausstiegs aus der Kunst theoretisch und historiografisch erst einmal zu begründen. Im Folgenden führe ich die Argumente verschiedener, zwischen 2005 und 2008 von mir verfasster und veröffentlichter Texte (2) zusammen, um eine Begriffsbestimmung vorzunehmen und Konsequenzen daraus abzuleiten. Diese Bestimmung hat den Anspruch … weiterlesen

2011

Die kommende Übernahme. Für eine Entkoppelung von kulturpolitischer Definitionsmacht und Kulturadministration

Im politischen Selbstverständnis Europas und insbesondere Deutschlands ist Kultur als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstbestimmung historisch verankert. Heute, in unseren neoliberal gewendeten Demokratien, lässt sich indes der emanzipatorische Charakter kultureller Produktion für die Selbstbestimmung demokratischer Gemeinwesen immer schwerer erkennen.

Währenddessen verhalten wir KulturproduzentInnen uns gegenüber der Kulturpolitik nur reaktiv. Die politische Administration setzt die Parameter – wir kritisieren sie. Wir müssen uns fragen, ob das die richtige Haltung für eine Teilnahme an der kulturpolitischen Diskussion ist.

Wir gehen noch immer vom Paradigma repräsentativer Politik aus. Politischen Institutionen wird dabei die Legitimation zugesprochen, bestimmte Anordnungen unserer eigenen Praxen im sozialen Raum öffentlich zu vertreten und über deren … weiterlesen

2011

Option Lots. Eine Recherche von Brandlhuber+

Manchmal ist ein Leerraum beredter als seine Umhüllung, zeugt eine bauliche von einer systemischen Lücke. Im Umkreis weniger hundert Meter rings um sein Architekturbüro in der Brunnenstrasse 9 in Berlin Mitte registrierte Arno Brandlhuber jüngst 58 Hohlräume zwischen Gebäuden, 7.635 m3 Volumen auf zusammen 404 m2 Grundfläche. 58 schmale, oft keilförmig zulaufenden Stücke unbebautes Land mit durchschnittlichen Längen um die zehn und Breiten zwischen 0,4 und 2,5 Metern, nicht unähnlich den „Fake Estates“ von Gordon Matta-Clark. Der amerikanische Künstler ersteigerte 1973/74 fünfzehn meist kaum einen Meter breite Grundstückstreifen in New York City, die durch Ungenauigkeiten bei der Landvermessung und Stadtplanung entstanden waren. Der Form nach vergleichbar, verdanken sich die Berliner „Fake Estates“ indes Erich Honecker.

1980 verordnete die Staatsführung der DDR ihren … weiterlesen

2009

Franz Erhard Walthers Partizipatorischer Minimalismus

Zwischen 1963 bis 1969 entwarf Franz Erhard Walther die 58 Objekte seines 1. Werksatzes, der zu einem Klassiker der deutschen Nachkriegskunst wurde. Er passte in die »Bonner Republik«. Kaum 20 Jahre nach dem Ende des Faschismus war in Deutschland der Wunsch nach neuen, progressiven und zugleich unaufdringlichen Symbolen der Verständigung und des Gemeinsinns groß. Der 1. Werksatz bot sie. Zugleich fand er Anerkennung in den Augen internationaler Avantgarden, vor allem in den USA. Bereits 1969 zeigte ihn das Museum of Modern Art, 1972 Szeemanns Documenta 5. So konnte Walthers 1. Werksatz eine der künstlerischen Insignien für ein neues, ein demokratisches und weltoffenes deutsches Selbstbild werden.

Darin glich Walthers Rolle der von Beuys. Aber Beuys war eine andere Generation. Der Schamane aus Düsseldorf stellte sich – fußend auf alten, heroischen Künstlerbildern und einem … weiterlesen

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

2008

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

Erschienen in:
Barbara Gronau, Alice Lagaay (Hgg.):
Performanzen des Nichttuns, Passagen Verlag, Wien 2008

Diesen für mich wichtigen Text habe ich nicht mehr vorliegen.

2006

Archiver la disparition. Eclipsés, redécouverts: Que résulte-t-il de la mise en lumière de la disparition ?

Je me propose ici de répondre à cette question en trois temps. Le texte qui suit comporte donc trois parties, la première étant plus personnelle, la seconde plus systématique, au cours de laquelle je proposerai une terminologie constitutive du Kunstausstieg, qui signifie le retrait de l’art. Dans la troisième partie, je présenterai quelques contradictions que je vois poindre dès lors qu’on aborde la question de savoir comment nous pourrions appréhender un phénomène obscurci par le fait même des disparitions. Laissez-moid’abord proposer une introduction personnelle sur mon travail au sujet de ce que j’appelle le Kunstausstieg. Kunstausstieg — mot que la langue allemande permet d’inventer — signifie quitter l’art/ se retirer de l’art/sortir de ou abandonner l’art. Et j’appelle la personne qui agit ainsi le Kunstaussteiger. Nous reviendrons plus tard sur cette terminologie. … weiterlesen

2005

Le prêt à porter de l’image. Anmerkungen zur Genese der Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei

Mit dem Fall der Mauer begann der Umbau des Kunstfeldes im Osten Deutschlands. Ikonographische, formalästhetische, wie auch soziale, ökonomische und institutionelle Regelwerke, die sich nach 1945 unter den Rahmenbedingungen einer sozialistischen Kulturagenda herausgebildet und die Kunstproduktion bis ans Ende der 80er Jahre mitgetragen hatten, waren perdu.

Von internationalen Entwicklungen weitgehend abgeschirmt und ohne Teilnahme an den intellektuellen Debatten des Feldes, hatte sich zwischen „Lust und Last"[1] eine eher introvertierte kulturelle Binnenlandschaft mit einem der älteren Moderne verpflichteten – somit vor staatssozialistischen Anfeindungen gefeiten – Traditionsgerüst entwickelt.

Anfang der 90er Jahre sollte sich zügig der Abgleich zwischen dem je lokalen Status quo und den internationalen, westlichen Standards des Kunstmarktes, des Ausstellungswesens, der … weiterlesen

2002/2004

Hoppla! Wir sind Olympia? Künstlerische Strategie in kuratorischer Praxis oder Warum wir keine Ausstellungsbegriffe haben

Unsere Kuratorenausstellungen haben sich angewöhnt, als erzählerisch-didaktische Themenblöcke aufzutreten, in denen über Gott und die Welt gesprochen wird. Von sich selbst zu sprechen, vermeiden sie weitgehend. Teils zu Recht. Dabei unterlassen sie es aber auch, die Chance wahrzunehmen, sich als zeitgenössische Medien zu emanzipieren. In dem gleichen Maße, wie die Kuratorenschaft sich scheut, die Reflexion der Parameter, die konstitutiv sind für die je spezifische Verfasstheit ihrer Ausstellungen, offensiv und explizit zum Gegenstand von deren jeweiliger Argumentation zu machen, trägt sie dazu bei, dass eine angemessene Ausdifferenzierung von Praktiken und Begrifflichkeiten ausbleibt, die der neuen gesellschaftlichen Rolle der Ausstellungsmacherei Rechnung trüge. Einer der Gründe dafür liegt in falschen Berührungsängsten und Unterscheidungen, die noch immer in dem Verhältnis von … weiterlesen

2004

Das Geheimnis des Pradastrumpfs. Notiz zur Ökonomisierung der Sichtbarkeit

Stef Burghards künstlerische Haltung korrespondiert – wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen, deren Praxis sich ab Mitte der 90er zu formulieren begann – mit einem Denken, das der Analyse der ökonomischen und institutionellen Parameter künstlerischen Arbeitens verpflichtet ist. Eine Haltung, die es gelernt hat, auch die eigene Künstlerrolle in diesem Zusammenhang zumindest von einer theoretischen Warte aus erneut mit Skepsis zu betrachten und ihre aktuellen Implikationen zu überprüfen. Nicht selten stellte sich heraus, dass der dabei formulierte Anspruch, System- und Selbstkritik zu den Grundlagen des eigenen Handelns zu machen, und das Verlangen, Kunst dennoch als eine persönliche Handlungsperspektive weiterhin zu bejahen, soweit auseinander brachen, dass der verbleibende Spielraum im zeitgenössischen Diskursklima eng wurde.

So zog Burghard es bisweilen vor, auf den eigenen … weiterlesen

Eröffnungsrede des Symposiums 1998

In den Falten der Kunst. Kunst und Interkontextualität

In den Falten der Kunst Eröffnungsrede

Ich begrüße Sie zu schau-vogel-schau. Zu diesem Projekt, das von Marcel Bühler und mir konzipiert wurde, gehört nicht nur das Symposium, das nun beginnt, sondern auch der Arbeitsprozess, der uns und Sie hierhergeführt hat und den wir weiterführen werden bis zur Herausgabe einer Publikation.

Dieser Prozess begann damit, dass wir uns die ebenso einfache wie selbstverständliche Frage stellten, was wir als junge Künstler heute unter Kunst und unter künstlerischer Arbeit verstehen wollen. Wir haben die Verfolgung dieser Frage zum Ausgangspunkt dieses Projektes gemacht. In dessen Verlauf wurde sie zu der Frage nach der interkontextuellen künstlerischen Kompetenz, die wir heute an die von uns eingeladenen Referenten und an Sie im Publikum weitergeben.

Was diese Frage alles einschließt, was genau sie meint, das … weiterlesen