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Alexander Koch

Texte

Texte

Seit Ende der Neunzigerjahre fragen meine Texte nach der gesellschaftlichen Dimension der Kunst und nach ihrer politischen Position, ob als Essay, Ausstellungstext, kunsttheoretische Schrift oder kulturpolitische Stellungnahme. Zwei Themen ziehen sich durch. Das eine ist der Ausstieg aus der Kunst: Mit „General Strike“ (2011) habe ich die Grundlagen einer Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs vorgelegt, meinen wohl eigenständigsten Beitrag zur Kunsttheorie. Das andere ist die Kunst im Bürgerauftrag; der Essay „Kunst im Bürgerauftrag“ (2022) führt in Methode und Geschichte der Neuen Auftraggeber ein. Zu meinen wichtigsten Texten zähle ich zudem „Solidarische Mobilmachung“ (2016), in dem ich mit Richard Rorty begründe, wie sich das Ästhetische politisch denken lässt, und „Zehn Schöne Inseln“ (2013), ein Modell der Binnengrenzen des Kunstfeldes – meine Mehr-Felder-Theorie.

Daneben stehen monografische Essays, etwa zu Santiago Sierra und Michael E. Smith, eine Polemik zur Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei, die mir seinerzeit viel Ärger eingebracht hat, und ein früher Essay über Édouard Manet und das kuratorische (Un-)Bewusstsein. Ein eigenes Genre bilden meine Ausstellungstexte aus meiner Zeit als Galerist von KOW, 2009 bis 2025; einige davon zähle ich zu meinen besten. Und schließlich finden sich hier Leseproben aus „Der letzte Tag des Jahres“, meinem literarischen Debüt.

2026

Über Desintegration. Nazım Ünal Yılmaz und die Pferde

Bomber und Flakscheinwerfer im Himmel, Panik am Boden. Fliehende Menschen, wehende Fahnen und rasende Pferde. Die Farben sind expressiv überhöht, die Figuration ist karnevalesk, mitunter comicartig. Es herrscht totaler Irrsinn.

Als ich Nazim Ünal Yılmaz Diptychon Circus Maximus aus dem Jahr 2024 sah, musste ich an das Triptychon Das Tausendjährige Reich (1938) des Dresdener Künstlers Hans Grundig (1901–1958) denken, weil es verblüffende thematische, und formale Ähnlichkeiten gibt. Grundig malte sein Triptychon am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als ein irre gewordenes Deutsches Volk mit ganzer Kraft in die Apokalypse rannte. Die mittlere Bildtafel zeigt das zerbombte, brennende Dresden in geradezu prophetischer Vorausschau, sieben Jahre bevor die deutsche Barockstadt im apokalyptischen Bombenhagel am 13. Februar 1945 zerstört wurde. … weiterlesen

2024

Pınar Öğrenci. Glück auf in Deutschland!

Pınar Ögrencis Werk versteht es, uns die Vergangenheit so in den Schoß zu legen, dass wir uns um sie kümmern müssen. Mit ihrem Projekt Glück auf in Deutschland! stieg Ögrenci 2024 hinab in die Archive der Gastarbeitergeschichte des Ruhrgebiets und brachte Leben und Bilder zu Tage, die unbekannt sind.

Körper und Stimmen von Menschen tauchen auf, die jahrzehntelang Deutschland mit aufgebaut haben und bis heute migrantisiert im Hintergrund stehen. Ögrenci zeigt, wie wenige Jahre nach dem Ende des Faschismus eine neue migrantische Arbeiterklasse in Deutschland erneut von denjenigen Unternehmen missbraucht und gedemütigt wurde, die den Naziterror industriell ermöglicht haben.

Im wichtigsten fotografischen Archiv zur Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets im Ruhrmuseum Essen suchte Ögrenci nach den … weiterlesen

2024

Alice Creischer. Sursursurplus

Wenn es um die Frage geht, wie sich eine verantwortliche künstlerische Position im auf und ab der Zeiten formulieren kann, ist Alice Creischer eine bedeutende Stimme der politischen Kunst in Deutschland. Ihre Ausstellung bei KOW handelt von Kunst im Klimakatastrophenkapitalismus und findet – horcht auf! – eine Lösung.

Mehr, immer mehr! Das geht nicht anders. Die Maschine der Produktion lässt sich nicht abschalten. Auch nicht die Maschine der Produktion der Kunst. Denn Kunstfällt ja nicht einfach vom Himmel wie Pflaumen vom Baum. Kunst ist Produktion. Sie ist sogar Teil der Überproduktion, des zu Vielen, das der Mensch im Kapitalismus hervorbringt. Kunst vernutzt und überhitzt den Planeten, verbrennt zu viele Ressourcen und verursacht dadurch Knappheit andernorts. Wie vieles anderes, das Menschen heute tun, verhält sie sich katastrophal, ja Kunst … weiterlesen

2024

Clemens von Wedemeyer. Social Geometry

Wie ordnen wir uns an? Wie werden wir angeordnet? Und wie lässt sich das zeigen? Clemens von Wedemeyers neue Filme tauchen ein in die Frage nach der Netzwerkhaftigkeit unserer Existenz und problematisieren deren Darstellbarkeit.

Hauptwerk der Ausstellung ist ein abstrakter Animationsfilm. Vor schwarzem Grund nehmen weiße Punkte und Linien immer neue, immer kompliziertere und immer fulminantere Formen an: Beziehungen zwischen Individuen, menschliche Netzwerkwelten, soziale Geometrien. Die eindrückliche Stimme der britischen Musikerin Anne Clark lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was wir in der Abstraktion sehen werden: A group of friends. A class system. A revolution, erupting. Doch je komplexer die Konstellationen, umso deutlicher werden die Grenzen der modellhaften Darstellung – was sich sozial ereignet, mögen vielleicht Maschinen noch nachvollziehen, Menschen nicht. … weiterlesen

2023

Peter Friedl. Teatro Popular,

Peter Friedl ist Historiker. Und wie für Historiker üblich, erzählt Friedl Geschichte(n). Er erzählt sie, so könnte man sagen, aber nicht durch, und schon gar nicht zu Ende. Vielmehr schafft Friedl Schauplätze – griechisch „theatra –, an denen es etwas zu sehen gibt. Situationen, in denen sich etwas ereignet, oder sollte man präziser sagen: geneigt ist, sich zu ereignen.

Wir stehen an skulpturalen Orten vor plastischen Figuren oder deren Hüllen, die augenscheinlich viel zu sagen und zu berichten haben – man traut es ihnen zu, sieht es ihnen an. So wie man es einer Schauspielerin zutraut und ansieht, die voll kostümiert die Garderobe in Richtung Bühne verlässt, und noch bevor das Stück beginnt, sieht man es kommen, ohne schon zu wissen, was gespielt werden wird.

Tatsächlich besteht das von Friedl bei KOW aufgestellte … weiterlesen

2023

A Protocol With Universal Scope?

Original Englisch. Keine Deutsche Fassung vorhanden.

"Anyone who wishes to do so, alone or in association with others, can take responsibility for commissioning a work from an artist". Can this fundamental idea of the New Patrons' Protocol be universal in scope, when the notion of the universal has been corrupted by the colonial fantasy of Western societies, which believed themselves entitled to dictate their own criteria of value to the whole globe?

But this protocol was not conceived as a lesson to the world, but as an answer to a question. In a democracy like France, what policy can be pursued to best respond to the reality of cultural needs? And it was only when it appeared that a remarkable response could be provided thanks to this Protocol designed by an artist, that this mode of action was gradually proposed and taken up in neighboring European countries … weiterlesen

2023

Simon Lehners Safe Crash

Einen sicheren Unfall, einen Safe Crash, den gibt es nicht. Unfall ist Unfall. Außer im Kino, denn da ist ja alles gestellt. Die Schauspieler am Lenkrad sind sicher, wenn es für die Kameras kracht. Und genau dies ist im linken der zwei Bilder von Simon Lehner zu sehen: Ein verunfalltes Auto, es scheint noch frisch vom Geschehenen zu qualmen, und daneben eine grinsende Figur, die sich vor dem Publikum nach gelungener Performance verneigt mit dem typischen Bühnendiener der ehrenwerten Gaukler. Rechts im Bild steht eine professionelle Kamera. Ein grünes Kreuz am Boden markiert eine Bühnenposition. Die Szene, die wir sehen, ist ein Filmset. Alles gut also.

Aber wir sehen noch mehr. Die männliche Figur, die beim Verneigen noch ihren Sprechtext in der Hand hält – was auf eine Vorprobe hindeutet, nicht den eigentlichen, finalen Dreh – ist von einem Raster aus Quadraten strukturiert, wie sie bei … weiterlesen

2023

Marco Castillo. Casa Negra

Seit 2019 lebt Marco Castillo mit seiner Familie im Exil in Mexiko. Seine neue Ausstellung thematisiert die Zensur und Repression in Kuba, die sich in den letzten Jahren verstärkt haben und sich in ihrer Ausübung und Wirkung von der Gewalt manch anderer Regime dadurch unterscheiden, dass sie – nun ja, man könnte sagen: partizipativer sind. Ausdruck einer „guten“, linken Regierung und ihrer engagierten Citoyens, deren gemeinsame innere Gewaltmaßnahmen im Ausland oft unbekannt sind.

Casa Negra, 2022

Castillos neuer Film Casa Negra (2023) zeigt eine von Fidel Castro eingeführte und seit den Sechzigerjahren übliche Praxis der kollektiven Brandmarkung von „Abweichlern“, kritischen oder sonst wie anders denkenden Menschen, die in den Augen des Regimes und mancher Mitbürgerinnen und -bürger Feinde … weiterlesen

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

2022

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

Aus einer zweijährigen Kooperation mit dem Commons Institute heraus entstand diese Publikation, die grundlegende Aspekte von Kunst und Commoning vorstellt. Zusammen mit Anne Kersten schrieb ich das Vorwort.

Erschienen in: Vera Hofmann, Johannes Euler, Linus Zurmühlen, Silke Helfrich (Hg.), Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst, Bielefeld 2022

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2022

CATPC & Renzo Martens. Balot

CATPC und Renzo Martens machen mit ihrer Ausstellung bei KOW einen nächsten Schritt in ihrer langjährigen Zusammenarbeit, die tief in koloniale Zusammenhänge und Mechaniken der Kunstwelt eindringt, um sie zu begreifen und zu verändern. Zu sehen sind sechs neue Dokumentarfilme (2022), Martens’ viel diskutierter Film White Cube (2020) und der Launch eines NFTs als neues Werkzeug der Entkolonialisierung in Form digitaler Restitution (2022).

In Lusanga, einer Palmölplantage in der Demokratischen Republik Kongo, entstand seit 2014 ein neues Ökosystem. Als Congolese Plantation Workers Art League (CATPC) haben ehemalige Plantagenarbeiter*innen eine Allianz gebildet, um sich gemeinsam ihre Kultur, ihr Land und ihre Selbstbestimmung zurückzuholen. Ihre Mittel sind die einer nachhaltigen künstlerischen und wirtschaftlichen Praxis, die kolonialer Enteignung … weiterlesen

2022

Kunst im Bürgerauftrag. Neue Auftraggeber

Einführung in das Buch der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, das 2022 umfangreichen Einblick in laufende Projekte gab.

Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, das den Zauber eines Aufbruchs in die eigene Lebenswelt trägt, erfordert Mut und Geduld. Es erfordert auch Leidenschaft. Außerdem braucht es Sachverstand und obendrein Geld, das meist schwer zu beschaffen ist. Kurz: Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, ist kompliziert. Wie also kann es sein, dass die Menschen in den Projekten der „Neuen Auftraggeber“ – Sie sehen siebzehn Beispiele in diesem Buch – es dennoch getan und dabei vieles geschafft haben, das sie sich zuvor vielleicht kaum zugetraut hätten?

Die Antwort liegt in der Methode der Neuen Auftraggeber, dem ersten Programms für zeitgenössische Kunst im Bürgerauftrag, das vor 33 Jahren in Frankreich begründet wurde. Seine … weiterlesen

2021

Nicht alle Macht geht vom Volke aus, manch Kunstwerk schon. Über Wandel und kulturelle Selbstwirksamkeit

1987 entschied die Regierung, dem im bundesdurchschnitt viel zu geringen Bildungsniveau in Bremen mit folgender Maßnahme zu begegnen: Man schickte zwei Drittel der Führungspersönlichkeiten an Schulen und Unis in Frührente und ersetzte sie durch Personal aus dem bildungsstarken Bayern, um bessere Standards einzuführen. Eine Buschzulage, wie man umgangssprachlich sagte, schuf dafür Anreize, denn niemand wäre freiwillig aus Bayern nach Bremen gegangen. Alle fanden diese Maßnahme eine gute Idee.

Undenkbar, nicht wahr? Kein Mensch wäre in der Bundesrepublik jemals auf eine solche Idee gekommen. Und in Bremen hätte man das auch nicht gut gefunden, sondern würde einen Aufschrei durch die Welt geschickt haben, der in Medienmeldungen etwa so gelautet hätte: Deutsche Regierung nimmt Bundesland Souveränität und richtet koloniale Verwaltungsstrukturen ein! … weiterlesen

2021

Sophie Gogl. Jars

Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich darf nicht! Nicht jetzt. Vielleicht morgen wieder. Ständig müssen wir aufschieben, was wir wollen würden, tun müssten, wünschen könnten. Das Handeln hat sich lange nicht mehr so angefühlt wie eine ungewisse Tätigkeit, die gerade jetzt mutmaßlich unangebracht ist und übermorgen vielleicht ebenso.

Vielleicht ist man zu Hause. Vielleicht gehen einem die Kinder auf den Geist. Vielleicht sitzt man allein in der Galerie und hat keine Ahnung, was wirklich zu planen ist. Vielleicht bekommt man auch gar keine Antworten mehr auf seine Emails, weil die Leute irgendwo verschwunden sind. Inselleben. Und im Innern beginnen die Gedanken an der gleichen Stelle hocken zu bleiben, wo sie gestern schon hockten, und man verscheucht die Spinnweben zwischen ihnen.

KOW zeigt Sophie Gogl. Ihre erste Ausstellung bei KOW, zum … weiterlesen

2021

Bin ich Künstler*in oder kann das weg? Eine Trennungsgeschichte mit politischem Ende

Man kann alles Mögliche trennen. Müll, Ehen, Spreu vom Weizen, mal ist es schwierig, mal ganz leicht, so wie das Blatt Klopapier, dass man von der Rolle reißt. Öl und Wasser trennen sich sogar zuverlässig und ganz reibungslos freiwillig.

Auf Seiten der Erkenntnistheorie (Was kann ich wissen?) formulierte George Spencer-Brown 1969 sein logisches Paradigma: „Draw a distinction!“, mach eine Unterscheidung! Er meinte damit folgendes: Immer dann, wenn wir etwas bezeichnen, entschließen wir uns dazu, dieses eine durch unsere Bezeichnung von allem anderen zu trennen. In der täglichen Praxis geschieht das meist unbewusst. Wer A sagt hat nicht B gesagt, ob aus Gewohnheit oder in voller Absicht. Wer etwas als Kunst bezeichnet, trennt das Bezeichnete von Maschinenbau, Ehe und Klopapier, und was Menschen sonst noch tun und brauchen. Aber – und das ist das Entscheidende – wir trennen nicht Kunst … weiterlesen

2020

Dierk Schmidt. Kolonnen – Hohenzollern ist jetzt ein Verb

Man tut sich schwer mit dem Thema Restitution. Die ehemalig Kolonisierten fordern, man solle ihnen die Kulturgüter zurückgeben, die während der Kolonialzeit gestohlen wurden oder auf fraglichen Wegen in deutsche Sammlungen gelangten. Die Bundesrepublik dagegen bringt vor, das alles sei nicht so einfach – und baut gar das alte Preußenschloss wieder auf, von dem aus ein Stück Kolonialgeschichte mitgeschrieben wurde, um darin eben jene Kulturgüter im Namen Humboldts künftig zu verwahren.

Und nun das. Kaum war 2013 der Grundstein für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gelegt, meldeten sich die ehemaligen Hausherren zurück, die preußischen Prinzen aus dem Stamm der Hohenzollern, und forderten ihrerseits selbst Restitution: 5.000 Stücke ehemaligen Kronguts aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 266 Gemälde, u.a. von Lucas … weiterlesen

2020

Jedem Auftrag wohnt mindestens ein Bürger inne

Das höchste Gut einer Gesellschaft ist ihre Vorstellungskraft. Denn was sie sich nicht vorstellen kann zu sein, das wird sie auch nicht werden. Was sie nicht für möglich hält, wird nicht geschehen – zumindest solange nicht, bis sich das, was vorstellbar ist, verschiebt. Gesellschaftlicher Wandel ist wesentlich eine Entwicklung der kollektiven Einbildungskraft, eine Aus- und Umgestaltung des sozialen Imaginären.

Dieses Imaginäre ist ohne die Formen und Stimmen der Kunst und Kultur nicht denkbar, mehr noch: was ist die kollektive Einbildungskraft einer Gemeinschaft von Menschen anderes, als ihre Kultur?

Die Neuen Auftraggeber sind ein Weg, am Vorstellbaren zu arbeiten und dessen Grenzen zu erweitern. Indem Bürger*innen in Dörfern und Städten Künstler*innen damit beauftragen, neue Werke zu entwickeln, die unmittelbar ein Stück ihres … weiterlesen

2020

Die Gestaltung der Nähe: Kulturwandel und Konfliktarbeit im Bürgerauftrag

Neurologisch betrachtet, lässt sich „Heimat“ als eine physiologische Veränderung im Gehirn beschreiben, die durch wiederholte Reizeinwirkung entsteht. Kurz: Heimat ist neuronale Prägung. Synaptische Loops der eintrainierten Wiederkennung von Bekanntem. Wie alles im Gehirn ist diese Prägung nicht in Stein gemeißelt, sondern bleibt beweglich, dynamisch, gestaltbar. Das allein sollte genügen, um jede inhaltliche Fixierung und Essenzialisierung des Heimatbegriffs zurückzuweisen.

Das gilt auch für den Begriff der Identität. Gleichzeitig zeigt sich, dass Heimaten und die mit ihnen verknüpften Lebenswirklichkeiten aus der Interaktion mit einer Umwelt bestehen, die sich ihrerseits ständig wandelt. So sind Heimaten einerseits immer von Gestern, Spuren der Erinnerung, und andererseits Gegenstand einer fortwährenden Transformation, die in die Zukunft weist. … weiterlesen

2020

Willst du eine Zukunft? Ein Protokoll für neue kulturelle Gemeingüter

Dass wir dringend gute Lösungen für plantare Probleme brauchen, weiß heute jeder. Doch dann klingt es immer etwas anrüchig, wenn irgendwer behauptet, er kenne eine wirklich gute Lösung für ein planetares Problem. Man gerät schnell in Verdacht, anmaßend oder, wahrscheinlicher noch, ein Populist zu sein. Deshalb habe ich mich heute morgen gefreut, als ich ein Interview mit Judith Butler im New Yorker las, in dem sie sagt: Sometimes you have to imagine in a radical way that makes you seem a little crazy, that puts you in an embarrassing light, in order to open up a possibility that others have already closed down with their knowing realism. I’m prepared to be mocked and dismissed[1]. Auf geht’s also. Denn ich werde sicherlich etwas lächerlich aussehen, wenn ich sage, dass mir zumindest eine gute Idee für planetare Probleme einfällt. Es ist nicht meine Idee. Aber ich finde sie gut. … weiterlesen

2019 ff.

Der letzte Tag des Jahres

Die folgenden Leseproben aus dem 260-seitigen Manuskript veröffentliche ich hier zum Einblick in den noch nicht publizierten Text.

Leseproben

Seite 3 ff.

Maria Magdalena starb am letzten Tag des Jahres. Wir kannten und drei Tage und fünf Abende lang, ehe uns eine Welle in den Atlantik riss. Maria ertrank, ich nicht. Das ist jetzt fünf Tage her. Heute morgen rief meine Mutter an, in ihrer Lokalzeitung habe es gestanden. Eine der radikalsten Theatermacherinnen des Landes sei viel zu früh verstorben. Da habe auch gestanden, ein Mann hätte noch versucht, die Frau zu retten. Ob das stimme, fragte sie. Das stimmt nicht, wie nun auch meine Mutter weiß. Ich habe nicht versucht, dich zu retten. Dazu war keine Zeit. … weiterlesen

2019

Leon Ferrari. Toasted Angels, Sounds of Steel

Das Weiße Haus ist bewohnt von Regenwürmern. Sie kriechen durchs Oval Office, in die privaten Gemächer, hängen von dem Fahnenmast auf dem Dach, schmieren ihren Schleim auf die amerikanische Flagge. Das Video Casa Blanca von 2005 ist der Auftakt unserer Ausstellung. Wird hier ein stolzes Symbol geschändet? Eine Ikone beschmiert? Was hatte León Ferrari im Sinn? Blasphemie?

Ferrari tat, was er konnte. Was er nicht konnte, tat er nicht. Das klingt banaler, als es ist. Denn was Ferrari tat, war eng verbunden mit den politischen Entwicklungen seit den 1950er Jahren, für die er zum je gegebenen Zeitpunkt seine Sprache fand, mit den Mitteln, die er hatte. Eine Sprache – mehrere Sprachen –, die vom Privaten ins Öffentliche drangen, um von Krieg und Diktatur, von Drangsalierung, und von Freiheit zu erzählen. Ferraris künstlerische Laufbahn begann … weiterlesen

2019

Citizens Commissioning Art: An innovative social and cultural policy practice

The New Patrons program has initiated an unprecedented social practice. In the past three decades, this practice has renewed civic collaboration and responsibility throughout Europe and beyond. It has suggested to society a new methodology to respond to the cultural needs of various communities in a wide range of settings and in broadly diverse artistic and scientific formats.

Art and democracy have one thing in common: their modes of action and representation need to be conceived and practiced afresh every day. Nothing about them can be taken for granted, and only society itself can be the legitimate protagonist of this process of continual historic creation. And yet there is a vitally important sector in which society, as a community of individuals, has very limited say: the commissioning of common cultural goods. Thirty years ago, the New … weiterlesen

2018

Alice Creischer. His Master’s Voice

Alice Creischers Ausstellung ist ein Stück deutscher Gegenwart. Und dabei auch ein Stück politischer und künstlerischer Kontinuität. Im Untergeschoss der Galerie stottern die Werke sich durch gesellschaftliche Entwicklungen während der letzten dreißig und mehr Jahre, die so häufig kritisch beschrieben wurden, dass man heute kaum noch weiß, wie man wieder, und weiter, und noch einmal darüber sprechen kann, während der scheinbar unaufhaltsame politische Klimawandel dem kritischen Denken immer wieder, und noch einmal, die Sprache verschlägt. Kann doch alles nicht wahr sein. Ist es aber. Und es zeigt sich ungeschminkt.

Creischers Ausstellung ist ein Kopfschütteln über die eigene deutsche Geschichte und wohl auch über das permanente Nachdenken darüber. Im Krieg gegen die Franzosen brachten sich die Deutschen endlich unter eine Krone. 1871 gründeten sie … weiterlesen

2017

Ekstase der Zerstörung. Michael E. Smiths „And Babies“

Fünfzehn tote Kugelfische, sechs LED-Leuchten, ein schwarzer Pullover, eine Kehrschaufel und der rote Schnabel eines Storches: Mit diesem Inventar hat Michael E. Smith im Neuen Museum Nürnberg einen Raum eingerichtet. Die Atmosphäre ist schlicht und still, das Licht ist ausgeschaltet. Doch allmählich ordnet sich dieser Raum zu einem erschreckenden Bild, verformt sich zu einem Mahnmal der Gewalt, ja der Verheerungen menschlicher Vernunft.

Panik

Entlang des strengen Rasters der Bodenplatten sind die fünfzehn präparierten Fischkadaver gleichmäßig hintereinander gereiht. Wie an einer Perlenkette, die den Museumssaal durchzieht. Kugelfische gelten als ebenso zierlich wie gefährlich. Aber hier liegen sie als harmlose Präparate am Boden, die zur Selbstverteidigung ein letztes Mal ihre leeren Hüllen zu … weiterlesen

2017

Heinrich Dunst. Things, Not Words

Da kratzt etwas am Fundament. Schwärme von Denkern untergraben derzeit ein Weltbild, in dessen Mitte der Menschen sitzt. Was Sloterdijk einmal polemisch als die absteigende Entwicklungslinie vom Gott zum Menschen und vom Menschen zum Schlumpf bezeichnet hat, könnte man als eine Reihe narzisstischer Kränkungen des abendländischen Subjekts beschreiben: Kopernikus zerbrach die Illusion, das Universum kreise um die Erde; Kant machte Schluss mit dem Glauben, Erkenntnis sei mehr als das, was sich in unserem Kopf abspielt; Freud zeigte, dass wir selbst in unserem eigenen Kopf nicht Herr im Haus sind. Und nun sagt man uns, dass wir den Unterschied zwischen dem Menschen und einer Kaffeemaschine maßlos überschätzt haben. Lange galt die soziale Welt als eine von Subjekten bewohnte und die Realität als das, was diese Subjekte – vor allem sprachlich – als solche begreifen. Doch nun wankt dieser … weiterlesen

2017

On the Possibility of Light. Chto Delat

Mehr Licht! Baut mehr Leuchttürme! Trinkt Phosphor! Etwas muss den Autokraten und Neofeudalisten, die in den USA, der Türkei, Polen, England und anderen Ländern das Licht ausmachen, entgegenscheinen. Aber was? Was ist zu tun? Chto Delat?!

Seit 14 Jahren trägt das Kollektiv aus Moskauer und Sankt Petersburger Künstlern, Intellektuellen und Aktivisten diese Frage programmatisch in seinem Namen. Doch 2014 wusste die Gruppe keine Antwort mehr darauf – in ihrer AUSSTELLUNG BEI KOW begrub sie ihre Hoffnungen, dem Ukrainekrieg und Putins Neonationalismus ließe sich noch künstlerisch-kritisch begegnen, versiegelte sie in einer Zeitkapsel und schickte sie in eine unbekannte Zukunft. Es war ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und Marginalität. Der Schock, der jetzt den Westen erreicht hat, saß den Russen also schon länger in den Knochen. Sie haben ihn verarbeitet und kommen nun zurück nach … weiterlesen

2020

Die Schokoladenskulpturen von CATPC

Die Plastiken des Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (CATPC) erstaunten das deutsche und internationale Publikum, als sie im Mai 2015 in Berlin bei KOW zu sehen waren. Die formale und erzählerische Ausdrucksstärke der sieben präsentierten Werke von Mathieu Kasiama, Mbuku Kimpala, Thomas Leba, Jérémie Mabiala, Daniel Manenga, Emery Muhumba und Cedrick Tamasala schien professionellen Beobachtern wie privaten Liebhaberinnen offensichtlich, während die technische Herstellung der Plastiken und ihre ökonomische und konzeptionelle Verknüpfung mit den Aktivitäten des Institut für Human Activity, IHA, und mit der künstlerischen Praxis Renzo Martens Fragen aufwarf, von denen ich hier einige beantworten will.

Um die in Schokolade gegossenen Büsten und Statuen korrekt beschreiben und verstehen zu können, muss ihre Herkunft aus … weiterlesen

2016

Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen / Deutschland. Mario Pfeifer

Leider ist das alles nicht so einfach. Rechts-, Mitte-, Links-Populismus, post-faktisches Zeitalter, gespaltene und manipulierte Gesellschaften – das fühlt sich an wie eine apokalyptische Abwärtsspirale, doch apokalyptische Gefühlslagen helfen nicht. Spaltung hilft nicht. Fakt ist: Was heute manche erschüttert, macht andere heiter und mutig. Wo aufkommende Regierungsformen bei den einen Fluchtinstinkte wecken, sehen sich andere endlich repräsentiert. Wo elaborierter Kritik der Sauerstoff ausgeht, kommen ungehörte Stimmen zu neuem Volumen. Doch verarscht fühlen sich am Ende vielleicht alle. Rechtsruck? Linker Widerstand? Rationalität der Mitte? Verfangen in alten Politik- und Glaubenssystemen, zünden Leute quer durch die mentalen Spektren Konfliktlinien im Gemeinsinn an, die antagonistische Dämonen beschwören.

Mario Pfeifer ist einen anderen Weg gegangen. Er hat neun … weiterlesen

2016

Solidarische Mobilmachung. Kunst, Vokabularpolitik und Resolidarisierung NACH Richard Rorty

Kontingenz, Ironie und Solidarität, dieses Buch von Richard Rorty, erschienen 1989, ist seit fast 20 Jahren die wichtigste Quelle für mein Denken über die soziale Funktion der Kunst. Und seit fast 20 Jahren wundere ich mich, wieso dieses Buch in der Kunstwelt so wenig gelesen wird.1 Denn es hilft uns ein großes Stück weiter, die Frage in ein sinnvolles Licht zu rücken, warum und wie die Kunst an der Gestaltung sozialer Wirklichkeit beteiligt ist. In Diskussionen über das Politische der Kunst, über ihre gesellschaftliche Relevanz und ihren gesellschaftlichen Auftrag, falle ich immer wieder auf Rorty zurück. Oft kopfschüttelnd, weil mir nicht einleuchtet, warum diese Diskussionen noch einmal um Probleme kreisen, die man nach Rorty nicht mehr haben muss und nicht mehr haben sollte. Ich werde Rortys Position rekapitulieren um vorzuschlagen, dass nach ihm über Kunst zu sprechen bedeutet … weiterlesen

2016

Die Sammlung „Der Schrank“ von Ramon Haze

Es ist eine der herausragenden Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts – vielleicht die Einzige. Von Marcel Duchamp über Andreas Baader bis zu Jeff Koons umspannt sie fast 100 Jahre einer Kulturepoche, die uns fremd geworden ist. Die 154 Sammlungsstücke geben Einblick in die Ding- und Begriffswelt einer Ära, in der sich einst Gefühle und Gedanken, Wissen und Visionen in Formen ausdrückten: in künstlerischen Objekten und Bildwerken, die kollektiv betrachtet und bewertet wurden.

Heute indes braucht es archäologischen Feinsinn um nachvollziehen zu können, wie es möglich war, dass manche Gegenstände Bedeutung als Kunstwerke erlangten und andere nicht. Und so ist die Ausstellung bei KOW vor allem eine Würdigung des Lebenswerks von Ramon Haze, der die Exponate dieser Kollektion zusammentrug und ihren verschollenen Sinn rekonstruierte. … weiterlesen

2016

Hiwa K. This Lemon Tases of Apple

Zitronen werden herumgereicht. Ihr Saft lindert das Brennen in den Atemwegen. Es ist der 17. April 2011, letzter Tag des öffentlichen Aufruhrs vor Niederschlagung des Irakischen Frühlings, der in den internationalen Medien kaum Erwähnung fand. Inmitten der von Tränengas durchsetzten Proteste zwei Musikanten: Hiwa K an der Mundharmonika, Daroon Othman an der Gitarre.

Sie spielen die Filmmusik von "Once Upon a Time in the West" ("Spiel mir das Lied vom Tod"), jene alarmierende Melodie aus zwei diskordanten Tönen, die auf den Straßen von Sulaimany, Kurdistan, jeder kennt. Sie trägt die enttäuschten Hoffnungen vieler Jahre auf die Straße und treibt den Marsch der Demonstranten mit einer düsteren, einigenden Kraft voran. Während Hiwa Ks Spiel auf der Mundharmonika mischt sich das Tränengas in seinen Atem; im Körper des Performers fallen … weiterlesen

2015

Mario Pfeifer. Approximation in the Digital Age to a Humanity Condemned to Disappear

Am Ende der Welt läuft Techno. Tintenfische drehen sich im Stroboskoplicht, die Meeresspinnenindustrie tickt wie ein Schweizer Uhrwerk und echte Männer gelten was, wenn ihnen der Fang in die Reuse geht. Der Sonnenaufgang ist in Patagonien so atemberaubend wie in der Panoramabar im Berghain.

Satte Farben, gut getaktete Schnitte und Übergänge, packende Rhythmen: Mario Pfeifers "Approximation" trifft als dreiteilige Videoinstallation den ästhetischen Zeitgeist mit fulminanten Bildern in hochauflösender 4-K-Technologie. Sie entstanden am Ende der Erdscheibe, da wo Menschen manchmal über den Rand fallen und im Nirgendwo verschwinden. Diesmal sind es Feuerlandindianer, die es vielleicht noch gibt, vielleicht auch schon nicht mehr. Pfeifer hat sie gefilmt – hat er? Was auf drei Projektionen im Untergeschoss von KOW zu sehen ist, ist keine Dokumentation, sondern eine Betrachtungsweise. … weiterlesen

2015

Candice Breitz. Love Story

“Alec, you’re famous! People will listen to you,” says Alec Baldwin to himself, a few moments before sharing the details of his arrest in Cairo, his journey to Italy on a desperately overcrowded fishing boat, and his eventual arrival in the unfamiliar city of Berlin on a rainy day in September 2015. Cut. Julianne Moore briefly fixes her hair. And then recounts the brutal attack that she and her children survived back home, shattering what had been a comfortable life in the Democratic Republic of the Congo, and leaving her with no choice but to smuggle herself and her children – via an endless journey in the back of a windowless truck – towards an uncertain future in an unknown country. In our first encounter with Love Story, Moore and Baldwin address us via a large projection, to speak of past anguish and hope for the future, of forced migration and loss, but also of the comfort of … weiterlesen

2016

Gestures of Disappearance, Once More. Looking Back on a Prologue, its Melancholy, and its Method

A broken love means most to the one who walks away from it – because the leaver is so profoundly invested in the connection that he or she tries to influence and mold it until the very end. Severing the ties to another human being gives that bond a final form. Breaking up as the last gesture of a love? I’m not sure how much there is to this logic. But it rings true of many artists who broke up with art. Only an artist who is deeply in love with her art can be wracked by such passionate doubts about it even to the point of despair that she finds serious motives to leave it behind or at least put her reservations into practice. This was the point of departure for Gestures of Disappearance.

To contemporary readers, “in love with art” may sound like a romantic cliché, but what the four artists in this exhibition have in common is a core drive that is quintessentially … weiterlesen

2015

Hito Steyerl. Left to Our Own Devices

Hito Steyerls erste Galerieausstellung in Deutschland – wir zeigen fünf Videoinstallationen aus den Jahren 2012 bis 2015 – ist in das Licht eines Bruce Lee-Zitates getaucht: „Be water, my friend!“. In A Warrior‘s Journey rät der Kung-Fu-Meister einem Gefährten, der in den Kampf zieht, so gestaltlos zu sein wie Wasser, dass sich blitzschnell neuen Situationen anpassen und jede Form annehmen kann. „Be formless, shapeless, like water!“.

Es ist eine Formel fürs Überleben im Angesicht einer Übermacht. Eine Losung, die im Handbuch jeder Guerilla-, Hacker- und Aktivistenbewegung stehen könnte – aber auch in den Handbüchern für Abhörprogramme, Finanzmarktprodukte und hybride Kriegsführung. Überall da, wo es von Vorteil ist, seine Position im nu in eine andere zu konvertieren. Bruce Lees Aufruf zum Einschmelzen aller angreifbaren Eigenschaften findet … weiterlesen

2014

Eugenio Dittborn. Pinturas Aeropostales

In den letzten Wochen erreichten uns knapp 50 Briefe aus Santiago de Chile. Ihr Inhalt: Rund 150 Quadratmeter Stoff, zusammengefaltet für den Versand in FedEx-Umschlägen. Es sind die Einzelteile von zwölf Werken Eugenio Dittborns aus der Zeit von 1986 bis 2014. Pinturas Aeropostales – Airmail Paintings.

Bilder, die entstanden, um von Chile aus per Luftpost um die Welt zu reisen und nun bei uns Station zu machen. Malerei, Siebdruck und Textilcollagen auf je drei Quadratmeter großen Baumwoll-, Filz- und manchmal auch Papierbahnen, die wir aus den Umschlägen ziehen, entfalten und auf unseren Wänden zusammenfügen. Es wird ein monographischer Überblick über das Werk des 1943 geborenen Chilenen, sein erster Solo-Auftritt in einer europäischen Galerie.

Dauernd sind zahllose Bilder unterwegs um den Globus, ob … weiterlesen

2013

Abstraktion aus Notwehr. Santiago Sierras solidarische Grausamkeit

Lange war Abstraktion in der Kunst vor allem eine Geschichte des ästhetischen Essentialismus: des Glaubens, eine bestimmte Systematik der Formen müsse in der Lage sein, das Wesen der Dinge und ihrer Erscheinungen so grundsätzlich zu erfassen und bildnerisch anzuordnen, dass sich etwas Allgemeines, etwas Wahres, etwas Letztes darüber würde sagen lassen. Etwas, das sich aus dem Hier und Jetzt einer konkreten Lebenswelt erhebt.

Diesen Glauben hat Richard Rorty mit Blick auf die Verwendung sprachlicher Zeichen als die Suche des (v.a. westlichen) Denkens nach „abschließenden Vokabularen“ bezeichnet.[1] Der amerikanische Pragmatist verstand darunter die Sehnsucht nach zeitlosen Formeln der Erkenntnis, die Hoffnung auf letzte Gewissheit. Santiago Sierra und Richard Rorty ist gemeinsam, dass sie diese Hoffnung aufgaben, dieses … weiterlesen

2013

Wels statt Buddha. Michael E. Smiths Materialismus der Grundbedürfnisse

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Ein fast leerer Ausstellungsraum ohne eigenes Licht und ohne eigentliche Verwendung. Dass darin etwas »gezeigt« wird, kann man nicht wirklich behaupten. Flüchtig nehmen wir zwei beleuchtete Plastikwannen wahr und gehen einen Raum weiter. Einen Moment später sagt mein Kollege Nikolaus: »Irgendetwas fühlte sich da drinnen nicht gut an.« Also gehen wir noch einmal zurück. Das Gefühl, das Nikolaus meinte, rührte von einem atmosphärischen Nullpunkt her, so als hätte jemand den Stecker herausgezogen und alle Lebensfunktionen des Ortes abgestellt. Und die wenigen Dinge, die sich ausmachen ließen, schienen sich an die Ränder des Saales zu drücken und dort mit sich allein zu bleiben. Als wir sie schließlich eine Weile lang genauer ansehen, fällt zwischen uns ein Satz, der uns seither begleitet: »Hier zeigt jemand die verwundete Seele … weiterlesen

2013

Zehn Schöne Inseln. Die Binnengrenzen des Kunstfeldes – Ein Beschreibungsmodell

Dabei ziehen, verschieben und schleifen sie Grenzen zwischen einander und bringen so hervor, was Pierre Bourdieu soziale Felder nannte: Austragungsorte von Kämpfen, in denen um Einfluß auf gesellschaftliche Interessensobjekte gerungen wird. Von Arena zu Arena, von Feld zu Feld, sind die Spielregeln der Auseinandersetzung verschieden, ebenso der Glaube der Beteiligten an den Wert der Objekte, um die sie konkurrieren, und der Kapitalien, die sie dabei gegeneinander ausspielen. Neue soziale Felder entstehen durch Spezialisierung und Arbeitsteilung der Akteure eines bereits bestehenden Feldes, durch Diversifizierung von Interessensgegenständen oder durch Verschiebungen in der Kapitalstruktur. Sie begründen neue Spiele, neue Wertsphären, neue Konkurrentenkonstellationen. Haben die innere Ökonomie eines Feldes, seine Funktionsweise und die gemeinsamen Glaubensgrundsätze seiner Akteure eine … weiterlesen

2013

Besser draußen als drinnen? Eine Frage der Reform

Die Besten sind vielleicht schon weg. Ich meine: gegangen. Vielleicht stehen die, die gar keine Kompromisse machen wollten zwischen dem gesellschaftlichen Anspruch ihrer Kunst und der Notwendigkeit, diesen Anspruch dann auch zu Markte tragen zu müssen, überhaupt nicht mehr auf der Bühne: stellen nicht mehr aus, produzieren nicht, verkaufen nicht – sind raus. Betraten einige der besten Künstlerinnen und Künstler unserer Epoche womöglich das große Kunstparkett gar nicht erst, weil sie mit einem institutionellen und wirtschaftlichen Betrieb, an dem sie ihre Zweifel hatten, nicht kooperieren wollten? Ziemlich sicher hätten wir dann nie von ihnen gehört – und wahrscheinlich ein Stück vom Besten verpasst.

Tatsächlich gibt es solche Aussteigerinnen und Aussteiger aus der Kunst reichlich. Ich habe einige Jahre ihre Biografien und Motive studiert1, dabei zeigt sich vor allem eines … weiterlesen

2013

Dignity. Barbara Hammer

Das Lebenswerk der 1939 in Hollywood geborenen Experimentalfilmerin, Dokumentaristin und bildenden Künstlerin Barbara Hammer hat die Geschichte des Queer Cinema mitgeschrieben. Seit 1968 hat die erste lesbische Filmaktivistin über 80 Produktionen mit dezidiert feministischer Perspektive vorgelegt.

Zeigte unsere erste Ausstellung von Barbara Hammer 2011 vor allem ihren Beitrag zur (Selbst-)Repräsentation lesbischer Liebe und Sexualität in den Siebzigerjahren, konzentrieren wir uns nun auf einen Parallelstrang ihres Schaffens seit Mitte der Achtzigerjahre: Die Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod.

Im Zentrum der gemeinsam mit der Künstlerin entwickelten Ausstellung steht „Sanctus“ (1990). Hammer verwendet Röntgenfilmaufnahmen, die Dr. James Sibley Watson in den Fünfzigerjahren herstellte, indem er Körper in Bewegungen … weiterlesen

2012

Tobias Zielony. Manitoba

Von 1874 bis 1996 führte der kanadische Staat mit kirchlicher Unterstützung sogenannte Residential Schools – Internate zur Umerziehung der kanadischen Ureinwohner. Rund 250.000 Kinder wurden in dieser Zeit gewaltsam aus ihren Familien gerissen, von der indigenen Kultur abgeschnitten und zu „guten Christen“ umerzogen.

Man verbot ihnen die Muttersprachen, sexueller Missbrauch und Zwangssterilisation waren üblich, mehr als 50.000 Kinder starben. Jüngste Funde von Kindermassengräbern wurden nicht oder nur zaghaft untersucht. Zwar entschuldigten sich die kanadische Regierung 2008 und der Vatikan 2009 für das Umerziehungsprogramm, den systematischen Genozid an der indigenen Bevölkerung – u.a. durch tödliche Impfprogramme – leugnen sie aber.

Die Jugendlichen, die Tobias Zielony seit 2008 in der … weiterlesen

2011

Schmutz, der die Sonne fängt. Chris Martins sozialer Horizont einer spirituellen Abstraktion

Malerei und Buddhismus sind gute Kumpel. Wenn sie durch New Yorker Galerien und Kneipen ziehen, sinniert Malerei regelmäßig über den Unterschied zwischen guten und schlechten Bildern – und Buddhismus entgegnet mit alten tibetischen Weisheiten, an denen Malereis Ambitionen abperlen wie der Regen an den Ölflecken auf dem Asphalt. Dreck knirscht unter ihren Schuhen, wenn Chris Martin Malerei und Buddhismus durch die Straßen von Chelsea schickt. Und während die beiden in seinem Artikel „Buddhism, Landscape and the absolute Truth about Abstract Painting“ für die Zeitschrift Brooklyn Rail launig über das Wesen der Kunst streiten, mischen sich ihre Alkoholfahnen unter den fauligen, süßlichen Geruch des nächtlichen Manhattan.

Malerei und Buddhismus – ebenso wie Abstraktion und Spiritualität – erscheinen in Martins Artikel und auch in seinem … weiterlesen

2011

General Strike. Grundlagen zu Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs

Das Interesse an Künstlerinnen und Künstlern, die sich von der Kunst abwandten und ihre Praxis aufgaben, ist relativ neu. Als ich 2002 eine Ausstellung zu Gesten des Verschwindens konzipierte (1), die u.a. Lee Lozano und Arthur Cravan zeigte, stießen die meisten meiner theoretischen und historischen Recherchen ins Leere. Zwar fanden sich biografische Einzeltexte zu Künstlern, systematischere Darstellungen zu künstlerischen Rückzugsbewegungen aber nicht. Sie waren, wie es schien, ein ungeschriebenes Kapitel der Kunstgeschichte. So wurde es notwendig, den Topos des Ausstiegs aus der Kunst theoretisch und historiografisch erst einmal zu begründen. Im Folgenden führe ich die Argumente verschiedener, zwischen 2005 und 2008 von mir verfasster und veröffentlichter Texte (2) zusammen, um eine Begriffsbestimmung vorzunehmen und Konsequenzen daraus abzuleiten. Diese Bestimmung hat den Anspruch … weiterlesen

2011

Die kommende Übernahme. Für eine Entkoppelung von kulturpolitischer Definitionsmacht und Kulturadministration

Im politischen Selbstverständnis Europas und insbesondere Deutschlands ist Kultur als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstbestimmung historisch verankert. Heute, in unseren neoliberal gewendeten Demokratien, lässt sich indes der emanzipatorische Charakter kultureller Produktion für die Selbstbestimmung demokratischer Gemeinwesen immer schwerer erkennen.

Währenddessen verhalten wir KulturproduzentInnen uns gegenüber der Kulturpolitik nur reaktiv. Die politische Administration setzt die Parameter – wir kritisieren sie. Wir müssen uns fragen, ob das die richtige Haltung für eine Teilnahme an der kulturpolitischen Diskussion ist.

Wir gehen noch immer vom Paradigma repräsentativer Politik aus. Politischen Institutionen wird dabei die Legitimation zugesprochen, bestimmte Anordnungen unserer eigenen Praxen im sozialen Raum öffentlich zu vertreten und über deren … weiterlesen

2011

Option Lots. Eine Recherche von Brandlhuber+

Manchmal ist ein Leerraum beredter als seine Umhüllung, zeugt eine bauliche von einer systemischen Lücke. Im Umkreis weniger hundert Meter rings um sein Architekturbüro in der Brunnenstrasse 9 in Berlin Mitte registrierte Arno Brandlhuber jüngst 58 Hohlräume zwischen Gebäuden, 7.635 m3 Volumen auf zusammen 404 m2 Grundfläche. 58 schmale, oft keilförmig zulaufenden Stücke unbebautes Land mit durchschnittlichen Längen um die zehn und Breiten zwischen 0,4 und 2,5 Metern, nicht unähnlich den „Fake Estates“ von Gordon Matta-Clark. Der amerikanische Künstler ersteigerte 1973/74 fünfzehn meist kaum einen Meter breite Grundstückstreifen in New York City, die durch Ungenauigkeiten bei der Landvermessung und Stadtplanung entstanden waren. Der Form nach vergleichbar, verdanken sich die Berliner „Fake Estates“ indes Erich Honecker.

1980 verordnete die Staatsführung der DDR ihren … weiterlesen

2009

Franz Erhard Walthers Partizipatorischer Minimalismus

Zwischen 1963 bis 1969 entwarf Franz Erhard Walther die 58 Objekte seines 1. Werksatzes, der zu einem Klassiker der deutschen Nachkriegskunst wurde. Er passte in die »Bonner Republik«. Kaum 20 Jahre nach dem Ende des Faschismus war in Deutschland der Wunsch nach neuen, progressiven und zugleich unaufdringlichen Symbolen der Verständigung und des Gemeinsinns groß. Der 1. Werksatz bot sie. Zugleich fand er Anerkennung in den Augen internationaler Avantgarden, vor allem in den USA. Bereits 1969 zeigte ihn das Museum of Modern Art, 1972 Szeemanns Documenta 5. So konnte Walthers 1. Werksatz eine der künstlerischen Insignien für ein neues, ein demokratisches und weltoffenes deutsches Selbstbild werden.

Darin glich Walthers Rolle der von Beuys. Aber Beuys war eine andere Generation. Der Schamane aus Düsseldorf stellte sich – fußend auf alten, heroischen Künstlerbildern und einem … weiterlesen

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

2008

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

Erschienen in:
Barbara Gronau, Alice Lagaay (Hgg.):
Performanzen des Nichttuns, Passagen Verlag, Wien 2008

Diesen für mich wichtigen Text habe ich nicht mehr vorliegen.

2006

Archiver la disparition. Eclipsés, redécouverts: Que résulte-t-il de la mise en lumière de la disparition ?

Je me propose ici de répondre à cette question en trois temps. Le texte qui suit comporte donc trois parties, la première étant plus personnelle, la seconde plus systématique, au cours de laquelle je proposerai une terminologie constitutive du Kunstausstieg, qui signifie le retrait de l’art. Dans la troisième partie, je présenterai quelques contradictions que je vois poindre dès lors qu’on aborde la question de savoir comment nous pourrions appréhender un phénomène obscurci par le fait même des disparitions. Laissez-moid’abord proposer une introduction personnelle sur mon travail au sujet de ce que j’appelle le Kunstausstieg. Kunstausstieg — mot que la langue allemande permet d’inventer — signifie quitter l’art/ se retirer de l’art/sortir de ou abandonner l’art. Et j’appelle la personne qui agit ainsi le Kunstaussteiger. Nous reviendrons plus tard sur cette terminologie. … weiterlesen

2005

Le prêt à porter de l’image. Anmerkungen zur Genese der Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei

Mit dem Fall der Mauer begann der Umbau des Kunstfeldes im Osten Deutschlands. Ikonographische, formalästhetische, wie auch soziale, ökonomische und institutionelle Regelwerke, die sich nach 1945 unter den Rahmenbedingungen einer sozialistischen Kulturagenda herausgebildet und die Kunstproduktion bis ans Ende der 80er Jahre mitgetragen hatten, waren perdu.

Von internationalen Entwicklungen weitgehend abgeschirmt und ohne Teilnahme an den intellektuellen Debatten des Feldes, hatte sich zwischen „Lust und Last“[1] eine eher introvertierte kulturelle Binnenlandschaft mit einem der älteren Moderne verpflichteten – somit vor staatssozialistischen Anfeindungen gefeiten – Traditionsgerüst entwickelt.

Anfang der 90er Jahre sollte sich zügig der Abgleich zwischen dem je lokalen Status quo und den internationalen, westlichen Standards des Kunstmarktes, des Ausstellungswesens, der künstlerischen Produktions­ und Distributionsmodelle vollziehen. In gleicher Weise waren diskursive Systeme betroffen: Abstraktion, Minimalismus, Dekonstruktion, Kontextualismus, Postmodernismus – vieles, das für die zeitgenössische Kunst bedeutsam, ja vital war, war im Osten unbekannt geblieben oder wurde durch neuerliche Reserve auf Distanz gehalten, so dass es nach der Wende zu eigentümlichen Vermischungen aus Öffnung und Rückzug kam: Versäumtes aufzuarbeiten hätte ewige Nachzüglerei heraufbeschworen, also wurde der aktuelle Anschluss im Quereinstieg gesucht. Auf ehemalige politische und d.h. auch künstlerisch-inhaltliche Bevormundung wurde mit der Verwerfung des Politischen wie des Kunstdiskurses überhaupt reagiert – manifest u.a. an einer ostdeutschen Kunstkritik, die anstelle des ehemals gesellschaftlichen nun das individuelle Subjekt ansang und kunsthistorische geschweige denn -theoretische Rückbindungen ignorierte.

Die Vermittlung zwischen kulturellen Identitäten der DDR-Epoche und den neu verfügbaren Selbstbildbausteinen des angeheirateten Globalismus verlief durchaus konfliktreich – auch dank eines West­Ost-Hierarchiegefälles. Dabei hat sich die ostdeutsche Mentalität, wie sozialpsychologische Befunde nach der Wende ergaben, gewandelt von eifriger Transformationsbereitschaft über die die narzisstische Kränkung und Frustrierung ob der zahlreichen Entwertungen östlicher Errungenschaften, die ‚ostalgischen‘ Sentiments und Ressentiments, bis hin zu schließlich selbsterzeugter Gegenidentität. Umgekehrt machte sich im Westen Ungeduld breit.

Als dann Ende der 90er Jahre das Gerücht aufkam, im Osten rege sich eine neue, Erfolg versprechende Malerei, weckte dies hüben wie drüben Hoffnungen: in den neuen Ländern wiederaufkeimenden Stolz ob der Würdigung lokalen kulturellen Leistungsvermögens, in den alten Ländern Neugier auf die ersten künstlerischen Früchte des kostenintensiven gesellschaftlichen Umbaus. Die Karten waren gelegt.

Während im Kunstfeld (z.B. auf der documenta X) über Funktionsweisen eines globalisierten Raumes kultureller Produktionen debattiert wurde, entdeckten Galeristen, Sammler und Journalisten zwei scheinbar von solcher Komplexität verschont gebliebene gallische Dörfer im Lande Sachsen, deren Bewohner, sofern es sich um Maler handelte, gleich zu Dutzenden als Kinder in den Talenttopf gefallen sein mussten und nun angeblich stattliche Bildwerke hervorbrachten. Tatsächlich avancierte unter feuilletonistischem Applaus eine neuostdeutsche Erfolgsmalerei aus Leipzig und Dresden rasch zu Sammlers Liebling und eroberte Messen wie Museen im Sturm.

Nachdem schon in den Adern der Siebziger- und Achtzigerjahrehelden Gerhard Richter, Georg Baselitz und A.R. Penck sächsisches Malerblut geflossen war – wenngleich auch entschieden in Richtung Westen – waren es nun mit Eberhard Havekost, Frank Nitsche und Thomas Scheibitz erneut „Drei aus Dresden“[2], die man für ihr Bilderkönnen lobte. Zeitgleich lenkte Neo Rauch den Blick der Öffentlichkeit auf seine Heimatstadt Leipzig. Im Windschatten seiner alsbald rasanten Karriere reüssierte eine zweite, teils von Rauch und dessen Lehrer Arno Rink ausgebildete Generation, zu der u.a. Peter Busch, Tim Eitel, Martin Kobe, Christoph Ruckhäberle, Julia Schmid, David Schnell und Matthias Weischer zählten und denen man wahlweise das Label „YGA/ Young German Art“ oder „Neue Leipziger Schule[3]“ anheftete.

Ökonomisch-mediale Voraussetzungen

Ende der 90er Jahre war der zuvor angeschlagene Kunstmarkt wieder gesundet. Malerei aus dem Osten Deutschlands konnte eine gestiegene Nachfrage an frischen, ungesehenen Produkten bedienen. Für Journalisten und Sammler bot die Kunstreise in den Osten willkommene Abwechslung und z.T. erste Gelegenheit, zehn Jahre nach dem Mauerfall einmal die ‚andere‘ Seite kennen zu lernen. Bald meldete die Presse, Sammler aus aller Welt gäben sich die Klinke in die Hand und kauften die Ateliers leer. Da Malerei noch immer dasSpekulationsobjekt der Sammlerschaft ist und der populären Presse kaum Vermittlungsschwierigkeiten bereitet, konvergierten Markt und Medien gerade im Fall der „Neuen Leipziger Schule“ in ihrer Favorisierung von individuell Griffigem, das neu, aber nicht zu neu anmutete, Kontinuität verhieß, das solide und interieurkompatibel wirkte.

Mitte der 90er Jahre war die junge ostdeutsche Kunstlandschaft kaum ökonomisiert. Der Malereierfolg, der dies änderte, wurde vor allem von zwei lokalen Galerien generiert: der Dresdener Galerie der Gebrüder Lehmann, wo Havekost, Nitsche und Scheibitz erste Ausstellungen hatten, und der Leipziger Galerie Eigen+Art, die für die lokale Szene wie für das internationale öffentliche Interesse an der Kunst aus dem Osten entscheidend war. Ohne die Mediengewandtheit und Verkaufsbegabung von Eigen+Art-Galerist Gerd Harry Lybke hätte die „Neue Leipziger Schule“ niemals Verkaufsschlager werden können. Lybkes postsozialistisches Vertriebsprinzip – Sammler trugen sich auf lange Wartelisten ein und bekamen ihren Anteil irgendwann zugeteilt – erhöhte den Eventcharakter des Kunstkaufs zusätzlich. Die entscheidende Öffnung des amerikanischen Marktes erfolgte dann u.a. durch David Zwirner, New York.

Akademien, Ostästhetik und Bilder

Nach der Wende hatte die zeitgenössische Szene – wenn man Berlin aufgrund seiner besonderen Situation hier ausgeblendet lässt – ihr Zentrum in den beiden sächsischen Akademien, der HGB Leipzig und der HfBK Dresden. Hier fand die Erneuerung künstlerischer Praktiken und Diskurse statt, hier war der Verhandlungsraum für identitäre Fragen, hier war zugleich auch die einzig relevante lokale Öffentlichkeit. Im Bereich der Lehre blieben Erneuerung und Westanschluss allerdings weitgehend auf neuere künstlerische Verfahren (Fotografie, Installation, Medienkunst) sowie die Theoriebereiche beschränkt, während die vorhandenen Lehrstühle für Malerei unangetastet blieben, aus alten, regionalen Seilschaften heraus oder mit malerischen Leisetretern neubesetzt wurden. Entsprechend wurde dort weiterhin das Zepter malerischer Kultivierung geschwungen, mit dem sich das Gespenst etwaiger „Intellektualismen“ gut verscheuchen ließ. Kunsttheoretische, intellektuelle, sowie überhaupt auf die Vermittlung neuerer, stärker diversifizierter Ansätze zielende Lehrangebote an beiden Akademien wurden von den infragestehenden Malereistudenten durchweg ignoriert und gemieden. Die (West)Diskussionen dieser Jahre zum „Ende der Malerei“ und die Hinwendung wichtiger Teile der Avantgarde zu anderen Medien ließ den Malern im Osten ihr Handwerk aber gerade als das mutig Unzeitgemäße erscheinen, das der Entwertung hiesiger Errungenschaften trotzte, oder das man (falls man als junger Student vielleicht aus Stuttgart zugereist war) ob der anachronistischen Exerzitien einer ‚echten‘ Malerausbildung aufsuchen und schätzen konnte.

In der altehrwürdigen Dresdner Akademie, die sich aus (spät)romantischen bis klassisch-modernen Traditionen speiste, die ein hochkarätiger handwerklich-technischer wie auch formalästhetischer Wissensspeicher geblieben war und Neuerungen der Malerelentwicklung eher beargwöhnte, teilten sich u.a. Eberhard Havekost und Thomas Scheibitz von 1991-96 ihr Atelier. Hier überlagerten sich nun Abwehr und Verteidigung der lokalen, z.T. hauseigenen Malereiverständnisse. Gegenüber neueren Kunst- und Diskursformen sämtlich reserviert, begünstigte die kennerschaftlich gepflegte Bewunderung bzw. Bemängelung handwerklicher Details doch auch Synergieeffekte und Korrektive in der Malpraxis, in der Sehschulung und Beachtung all jener Finessen, die woanders vielleicht in Vergessenheit geraten wären. Hermetische Gemeinschaftsbildung und männerbündisches Gehabe, die beizeiten die Dresdner wie auch die Leipziger ‚Boygroup‘[4] kennzeichneten und bis in die waidmännischen Zusammenkünfte auf Neo Rauchs Bildern nachklingen, vertrugen sich mit dem seitens der Lehrergeneration nach wie vor hochgestemmten Ideal sinnlicher ‚peinture‘, die man – recht selektiv – ja auch an ehemaligen Dresdner Lehrern wie Dix und Kokoschka schätzte, und die auch mit der hier fortwirkenden moderaten Farbgestik der ‚Brücke‘ vereinbar schien.

Dennoch wurden studentische Ablösungsprozesse nötig: die Abwendung von Elbtallandschaften, von erdigen Gemüsestilleben, vom ‚Pleinair‘ und schließlich der Dresdner Spezialität lasziv-üppiger Frauenakte. Motivisch dominierten stattdessen nun Westsymbole: Highways, Ralley-Streifen und Architekturfassaden eines US-Modernismus und Gestalten mit verspiegelten Sonnenbrillen fanden Einzug in die Bilder, was durchaus deutbar wäre als Überaffirmation an jene Westorientierung, die ja schon einmal – in den 60er Jahren bei westdeutscher Pop Art nebst Auslegern – besondere Sympathie für den American Way of Life bewiesen hatte.

Denkwürdig erscheinen nun weniger diese laut Ostjargon „poppistischen“ Sujets, sondern deren vorzügliche Eignung für eine schlichtweg saubere Malerei des akkuraten Farbauftrags, die all den eleganten ‚Dreck‘ klecksender, überbordender Farbe tunlichst vermied und sich in ihrem gern fotografisch inspirierten, naturalistischen Einsatz bestenfalls delikat irisierende Ränder gestattete. Erklärtes Vorbild der jungen Dresdner Malerszene war nicht zufällig Alex Katz, der es ja seinerseits bis heute versteht, die noble Klarheit reiner Farben à la Matisse mit Atmosphären Hoppers zu verbinden und insofern Übervater auch jener anderen jungen deutschen Maler genannt zu werden verdient, deren Bildgestalten kolorierte technische Zeichnung mit Pop versöhnen.

Mit Katz ist zudem bereits auf die Abwendung vom Expressiven hingewiesen, das stets eine Säule ostdeutscher Malkultur war. Zwar waren die Figurationen von Nitsche dynamisch, umbrechende Ecken bei Scheibitz in Bewegung und die Bildwelten Havekosts schnittig, aber solchem Tribut an schnelle Zeiten (und seinerzeit an Techno) eignete eher ein unsentimentales, letztlich antiexpressives Konstatieren, das an jene aristokratisch distante Attitüde Neusachlicher Autoren in der Weimarer Republik erinnert, die Helmut Lethen unter „Verhaltenslehren der Kälte“[5] rubriziert hatte. Diese im Kern apolitische, geschichtstranszendent sich dünkende Haltung zeigt auch Spuren in Werken Rauchs, Eitels (s.u.) und Biskys. Möglich, dass sich diese Glätte erfolgreicher Dresdner wie Leipziger Malereioberflächen einer Aversion gegen den schweren Geruch ostbohemistischer Romantik und verspäteter Ichfindungskultur nach 1989 verdankte. Dennoch blieb in dieser Malpraxis der Stolz der jungen Künstler auf eine genuin Dresdner oder Leipziger Grundlegung ihrer Fertigkeiten, auf ihr letztendliches Profitieren vom heimischen Umgang mit Farbe und Maltechnik, unüberhörbar.

Die Leipziger Hochschule war ebenso handwerklich beflissen und fleißig wie die Dresdner. Als Zentralinstanz der „Leipziger Schule“ war sie aber ungleich stärker in den ästhetisch-politischen Diskurs des DDR-Sozialismus eingelassen und – dank der zeichnerischen und mithin erzählerischen, bisweilen fabulierend phantastischen Ausrichtung der tonangebenden Maler – ebenso dessen Repräsentant wie später auch Kritiker.

Die vor allem über das FAZ-Feuilleton den Westdeutschen jahrelang nahegebrachten Geschichten von DDR­Künstlern, die nicht jammerten, sondern hart arbeiteten, sich Freiräume gegenüber den Apparatschiks erkämpften und dabei nie das Menschenbild aus dem Blick verloren, traf bei all denen auf Sympathie, die abstrakter wie konzeptueller Westkunst sowie ihrer ausdifferenzierten Filiationen überdrüssig waren. Seit Mitte/Ende der 90er Jahre konnte sich die alt-neue Begeisterung endlich wieder an einer jungen Malerschule entfachen, die nun Genuss ohne Reue versprach, im Klartext: angesichts derer all das, was Manche immer schon an der älteren ‚Leipziger Schule‘ geschätzt hatten, nun ideologisch entlastet auferstand.

Kristallisationsfigur und Zugpferd für diesen Prozess war Neo Rauch, der von 1981-90 bei Vertretern der Leipziger Schule studiert und in den folgenden Jahren selbst direkten Einfluss auf die Ausbildung der nachfolgenden Generation hatte. Nicht willens, Weiterentwicklungen der Abstraktion nach 1945 wie auch sämtlicher konzeptueller Malerei wirklich zu verarbeiten, tauchen sie – nicht anders als bei seinen Schülern – in undurchdachterAneignung, nämlich larmoyant als Zitat, als Trophäe des Nichtbegriffenen, als Alibi in seinen Bildern auf. Insofern kehrt hier die zu Zeiten des Kalten Krieges als Drama erlebte Dipolarität von ‚Figuration und Abstraktion‘ noch einmal als unfreiwillige Posse wieder.

Sodann trumpfte der ältere erzählerische Gestus auf, nur dass es jetzt keine Brigadeführer mehr, sondern Zwitter aus sozialistisch und kapitalistisch Subalternen in der Manier von Comic-Helden waren. Und der in der späten DDR-Malerei bereits geduldete – im Westen als versteckte Dissidenz hochgeschätzte – Habitus des Puppenhaft-Unbeteiligten, demzufolge die Bildakteure eher marionettenhaft zur sozialistisch verordneten Euphorie schritten, brillierte nun bei Rauch bar jeglichen Auftragskontextes, so dass seine monumentalen Gestalten wie aus fehlgeleitet innerem oder rätselhaft äußerem Antriebe grotesk über die Bühnen aus lauter Chiffren moderner Arbeitswelten delirierten. Hierzu passt die in den letzten Jahren sich abzeichnende Tendenz zur Einschleusung privat-mythologischer Figuren (,,Der Hirt“) und die gekonnte Verschachtelung der Perspektivfluchten einer protosurrealistischen Pittura metafisica. Die Akkumulation von Bildversatzstücken aus Werbung, Comic und Kunst vorzugsweise der 50er Jahre, sowie eine ‚ältliche‘, in den Retro-Kanon der aktuellen Mode sich fügende Palette von der typischen Unfrische urbanen Ostalltags hinzugerechnet, konnte Rauchs Malerei den Deutschen aus West und Ost Projektionsflächen für ihr Begehren nach Geschichtsanmutung ohne Geschichte, für Erzählanmutung ohne Erzählung – oder wie ein deutscher Kritiker vor hundert Jahren einmal in Bezug auf Arnold Böcklin sagte: für eine „Bühne ohne Theater“[6] – liefern.

Dieser schwere Duft einer Gewichtigkeit betörte nicht nur ein deutsches Publikum der kulturellen Mitte, sondern auch die nachrückende Generation jüngerer Leipziger Maler, die freilich um Differenz ringt und sich etwa mit der malersoldatischen Unbedingtheit ihres Vorbildes nicht zwangsläufig anfreunden will[7]. Obwohl es hier auch Protagonisten gibt, die wie z.B. David Schnell in geradezu verblüffender Hommage-Bereitschaft nunmehr die fluchtenden Perspektiven Rauchs aus dessen vielschichtiger Malerei herausgreifend diese Raumschluchten dann pittoresk mit fliegenden Zwirnrollen bevölkern (so als sollte Rauchs Faible für Leipziger Dingmagie auf Magritte zurückgeführt werden), gibt es doch auch die eher distanzierten Einflüsse, wie sie sich etwa bei Christoph Ruckhäberle manifestieren: Seine Jugendgruppenporträts verweisen in melancholischem Stelldichein gleichermaßen auf östlichen Betroffenheits­Professionalismus (zurückzuverfolgen bis zum Vorbild vieler DDR-Kunst, dem späten Karl Hofer) wie auf die symbolistischen Affinitäten eines Balthus.

Auch bei Tim Eitel meldet sich der dekorative Farb­Cloisonismus eines Alex Katz: Seine hochgeklappten Horizonte durchlaufen die querformatigen Bilder wie Streifen, zitieren und nutzen damit Strategien amerikanischer Farbfeldmalerei. Wo diese Hintergründe nicht selbstverloren romantischen Rückenfiguren Halt geben, sind sie vielleicht mit einem Mondrian kongruent; oder sie zeigen Innenansichten musealer Räume – dicht davor junge, gut aussehende Menschen, die eigentlich Touristen jener Bilder sind, auf denen sie vorkommen. Ennui haftet an ihnen, doch auch stets der Eindruck, ein klingelndes Handy könnte sie von der sorgsam ihnen zugedachten Folie aus modernistischen Versatzstücken abberufen.

Bei Matthias Weischer schließlich leere Interieurs: Übereck gestellt und programmatisch raumschaffend werden dennoch (wie bei Rauch) Flächenklappungen vorgenommen: Suggestiv Abgebildetes wird zur eigengesetzlichen Farbformation oder es sickert in ornamentierende Kompartimente. Matisse und Bonnard, bei denen Weischer solches hätte lernen können, treten bereits gefiltert durch jene Ästhetik des angenehm altmodischen Patchworks (aus Matrazenstoffen, Oma­Tapeten usw.) in Erscheinung, welche ebenso sehr die Vorliebe für den ‚Dirt‘-Pop eines Rauschenberg, als auch für DDR-Altenheimatmosphäre verrät – beides freilich wiederum gebrochen durch jugendkulturelle Retromode.

Quintessenz

Der Kunstmarkt hat einen guten Magen und unstillbaren Appetit – und zwar auf Erfolgsmalerei, was nach kapitalistischen Kriterien heißt, dass eben nur Erfolg, nichtLeistung zählt, das Prospektive also am Grad des Populären sich bemisst. Der Umbau von Teilen des Kunstfeldes zur Unterhaltungsindustrie, in Kopplung mit dem Spaß des Kapitals am Spekulationsabenteuer, wird heute manifest an Labeln wie „Dresden-Pop“ oder „Neue Leipziger Schule“: Sprachlich gern im Plural, als Teil einer Angebotspalette aufgeführt, sind die vermeintlichen „Vertreter“ solcher Richtungen nicht Initiatoren, sondern eher mitspielende Opfer einer Vermarktung, die nach Kriterien und Zyklen der Fashion Industries verfährt. Das Medienklischee von den ausgegrenzten Malern (von Malerinnen ist selten die Rede), die „nicht marktorientiert“ standhaft in ihren Ateliers gegen die Kälte des sie umzingelnden Konzeptualismus-Mainstreams standhielten[8], ist also kokettes Lamento, erst recht angesichts des generellen Marktvorteils von Malerei. Aufstoßen muss eine solche Fehleinschätzung jenen, die heute den schwierigen Produktionsbedingungen konzeptueller und immaterieller Praktiken sich stellen oder die zu Zeiten der ersten Leipziger Schule deren gesellschaftsanalytischen Ansatz teilten und kritische, dissidente Positionen aufzubauen suchten – wer wollte ihnen verübeln, in Rauchs Bildern weiterhin Helden der Arbeit vor ländlicher Fabrikkulisse nach SED-Fasson zu erkennen und der ideologisch naiven Begeisterung westlicher Kunstbetrachter zu entraten?

Nicht dies, sondern eher schon die benutzerfreundliche Bildwelt der Dresdner Let’s-go-West-Bekenntnisse oder des Leipziger Mythen-Medleys, die nirgends das ihnen mobilisierbare Sehnsuchtsrepertoire überfordert, bewegt die Sammler. Dass letztere gerade im Leipziger Falle gerne auch in Texas und Florida die Schecks ausstellten und schnell bei der Hand waren, in Privatmuseen ganze Säle den jugendlichen „Krauts“ zu widmen, sollte eine Bildlektüre nicht vorschnell vergessen. Wird hier nicht auch der gemeinschaftliche Sieg über „den Kommunismus“ zelebriert? Bei gleichzeitiger Exotisierung dessen, was an diesem – oder wahlweise an dessen Überwindung – ,,typisch“ schien? Das Klischee vom neuen, braven Deutschen – etwas schwermütig, geübt in Erinnerungskultur und fleißiger Träger soliden Handwerks – lässt sich allenthalben aus den Bildern generieren und erhellt wiederum das populär gewordene Eitel-Faible von FDP-Chef Guido Westerwelle.

Unschwer, in all dem sowohl Mentalitäten der „Neuen Mitte“ gespiegelt zu finden, die jetzt Europa ergreifen – inklusive Disneylandisierung von Geschichte, Kinofilmen, die NS-Größen mal ganz privat und in Farbe zeigen, sowie des in Ostdeutschland penetrant augenzwinkernden Umgangs mit sozialistischen Relikten. Indem sich die Erfolgsmalerei aus dem Osten Deutschlands in dieses Klima dynamisierter Folklore fügt – gar nicht aus politischer Zustimmung, sondern weil sie sich entpolitisiert glaubt – ruft sie überkommene Künstlerbilder auf den Plan, die all jenen behagen, denen die globalisierte und vermeintlich intellektualistische Kunstproduktion heutiger Avantgarden ein Dorn im Auge ist.

Christian Janecke und Alexander Koch

Dieser Essay erschien 2005 ausschließlich auf Französisch unter: Le prêt-à-porter de l’image. Remarques sur la genese de la peinture à succes de Dresde et Leipzig. In: La Nouvelle Peinture allemande. Ausstellungskatalog Carre d’Art, Musee d’Art contemporain, Nimes, 2005. Arles/ Paris, editions Actes Sud 2005, S. 20-33

[1] Vgl.: Lust und Last: Leipziger Kunst seit 1945, Ausstellungskat. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (15.5. – 7.9.1997) / Museum der bildenden Künste u. HGB Leipzig (2.10. – 31.12.1997)

[2] Titel des Beitrags von Tim Sommer für art. Das Kunstmagazin, Nr. 9 / Sept. 2000, 5. 10-22

[3] Seit den 70er Jahren werden mit dem Begriff „Leipziger Schule“ DDR-Malereipositionen wie Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer verbunden. Die L.S. stand für hohen künstlerischen Anspruch, verbunden mit bewusster Gesellschaftsanalyse, vorgetragen mit bemerkenswertem handwerklichem Können. Sie ist nicht mit der Leipziger Akademie zu verwechseln.

[4] So der Titel eines Bildes, auf dem Tim Eitel vier seiner Kollegen verewigt hat.

[5] Helmut Lethen: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt a. M. 1994

[6] Vgl.: J. Meier-Graefe: Der Fall Böcklin und die Lehre von den Einheiten. Stuttgart 1905, S. 184

[7] Selten erwähnt wurde der wichtige Einfluss Oliver Kossacks, der Rauchs Nachfolge als Rinks Assistent antrat und künstlerisch klar antipodisch zu diesem steht.

[8] In diesem Sinne haben sich z.B. Neo Rauch wie auch Matthias Weischer in Interviews geäußert.

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2002/2004

Hoppla! Wir sind Olympia? Künstlerische Strategie in kuratorischer Praxis oder Warum wir keine Ausstellungsbegriffe haben

Unsere Kuratorenausstellungen haben sich angewöhnt, als erzählerisch-didaktische Themenblöcke aufzutreten, in denen über Gott und die Welt gesprochen wird. Von sich selbst zu sprechen, vermeiden sie weitgehend. Teils zu Recht. Dabei unterlassen sie es aber auch, die Chance wahrzunehmen, sich als zeitgenössische Medien zu emanzipieren. In dem gleichen Maße, wie die Kuratorenschaft sich scheut, die Reflexion der Parameter, die konstitutiv sind für die je spezifische Verfasstheit ihrer Ausstellungen, offensiv und explizit zum Gegenstand von deren jeweiliger Argumentation zu machen, trägt sie dazu bei, dass eine angemessene Ausdifferenzierung von Praktiken und Begrifflichkeiten ausbleibt, die der neuen gesellschaftlichen Rolle der Ausstellungsmacherei Rechnung trüge. Einer der Gründe dafür liegt in falschen Berührungsängsten und Unterscheidungen, die noch immer in dem Verhältnis von … weiterlesen

2004

Das Geheimnis des Pradastrumpfs. Notiz zur Ökonomisierung der Sichtbarkeit

Stef Burghards künstlerische Haltung korrespondiert – wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen, deren Praxis sich ab Mitte der 90er zu formulieren begann – mit einem Denken, das der Analyse der ökonomischen und institutionellen Parameter künstlerischen Arbeitens verpflichtet ist. Eine Haltung, die es gelernt hat, auch die eigene Künstlerrolle in diesem Zusammenhang zumindest von einer theoretischen Warte aus erneut mit Skepsis zu betrachten und ihre aktuellen Implikationen zu überprüfen. Nicht selten stellte sich heraus, dass der dabei formulierte Anspruch, System- und Selbstkritik zu den Grundlagen des eigenen Handelns zu machen, und das Verlangen, Kunst dennoch als eine persönliche Handlungsperspektive weiterhin zu bejahen, soweit auseinander brachen, dass der verbleibende Spielraum im zeitgenössischen Diskursklima eng wurde.

So zog Burghard es bisweilen vor, auf den eigenen … weiterlesen

Eröffnungsrede des Symposiums 1998

In den Falten der Kunst. Kunst und Interkontextualität

In den Falten der Kunst Eröffnungsrede

Ich begrüße Sie zu schau-vogel-schau. Zu diesem Projekt, das von Marcel Bühler und mir konzipiert wurde, gehört nicht nur das Symposium, das nun beginnt, sondern auch der Arbeitsprozess, der uns und Sie hierhergeführt hat und den wir weiterführen werden bis zur Herausgabe einer Publikation.

Dieser Prozess begann damit, dass wir uns die ebenso einfache wie selbstverständliche Frage stellten, was wir als junge Künstler heute unter Kunst und unter künstlerischer Arbeit verstehen wollen. Wir haben die Verfolgung dieser Frage zum Ausgangspunkt dieses Projektes gemacht. In dessen Verlauf wurde sie zu der Frage nach der interkontextuellen künstlerischen Kompetenz, die wir heute an die von uns eingeladenen Referenten und an Sie im Publikum weitergeben.

Was diese Frage alles einschließt, was genau sie meint, das … weiterlesen