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Alexander Koch

Texte

Texte

Seit Ende der Neunzigerjahre fragen meine Texte nach der gesellschaftlichen Dimension der Kunst und nach ihrer politischen Position, ob als Essay, Ausstellungstext, kunsttheoretische Schrift oder kulturpolitische Stellungnahme. Zwei Themen ziehen sich durch. Das eine ist der Ausstieg aus der Kunst: Mit „General Strike“ (2011) habe ich die Grundlagen einer Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs vorgelegt, meinen wohl eigenständigsten Beitrag zur Kunsttheorie. Das andere ist die Kunst im Bürgerauftrag; der Essay „Kunst im Bürgerauftrag“ (2022) führt in Methode und Geschichte der Neuen Auftraggeber ein. Zu meinen wichtigsten Texten zähle ich zudem „Solidarische Mobilmachung“ (2016), in dem ich mit Richard Rorty begründe, wie sich das Ästhetische politisch denken lässt, und „Zehn Schöne Inseln“ (2013), ein Modell der Binnengrenzen des Kunstfeldes – meine Mehr-Felder-Theorie.

Daneben stehen monografische Essays, etwa zu Santiago Sierra und Michael E. Smith, eine Polemik zur Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei, die mir seinerzeit viel Ärger eingebracht hat, und ein früher Essay über Édouard Manet und das kuratorische (Un-)Bewusstsein. Ein eigenes Genre bilden meine Ausstellungstexte aus meiner Zeit als Galerist von KOW, 2009 bis 2025; einige davon zähle ich zu meinen besten. Und schließlich finden sich hier Leseproben aus „Der letzte Tag des Jahres“, meinem literarischen Debüt.

2026

Über Desintegration. Nazım Ünal Yılmaz und die Pferde

Bomber und Flakscheinwerfer im Himmel, Panik am Boden. Fliehende Menschen, wehende Fahnen und rasende Pferde. Die Farben sind expressiv überhöht, die Figuration ist karnevalesk, mitunter comicartig. Es herrscht totaler Irrsinn.

Als ich Nazim Ünal Yılmaz Diptychon Circus Maximus aus dem Jahr 2024 sah, musste ich an das Triptychon Das Tausendjährige Reich (1938) des Dresdener Künstlers Hans Grundig (1901–1958) denken, weil es verblüffende thematische, und formale Ähnlichkeiten gibt. Grundig malte sein Triptychon am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, als ein irre gewordenes Deutsches Volk mit ganzer Kraft in die Apokalypse rannte. Die mittlere Bildtafel zeigt das zerbombte, brennende Dresden in geradezu prophetischer Vorausschau, sieben Jahre bevor die deutsche Barockstadt im apokalyptischen Bombenhagel am 13. Februar 1945 zerstört wurde. … weiterlesen

2024

Pınar Öğrenci. Glück auf in Deutschland!

Pınar Ögrencis Werk versteht es, uns die Vergangenheit so in den Schoß zu legen, dass wir uns um sie kümmern müssen. Mit ihrem Projekt Glück auf in Deutschland! stieg Ögrenci 2024 hinab in die Archive der Gastarbeitergeschichte des Ruhrgebiets und brachte Leben und Bilder zu Tage, die unbekannt sind.

Körper und Stimmen von Menschen tauchen auf, die jahrzehntelang Deutschland mit aufgebaut haben und bis heute migrantisiert im Hintergrund stehen. Ögrenci zeigt, wie wenige Jahre nach dem Ende des Faschismus eine neue migrantische Arbeiterklasse in Deutschland erneut von denjenigen Unternehmen missbraucht und gedemütigt wurde, die den Naziterror industriell ermöglicht haben.

Im wichtigsten fotografischen Archiv zur Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets im Ruhrmuseum Essen suchte Ögrenci nach den … weiterlesen

2024

Alice Creischer. Sursursurplus

Wenn es um die Frage geht, wie sich eine verantwortliche künstlerische Position im auf und ab der Zeiten formulieren kann, ist Alice Creischer eine bedeutende Stimme der politischen Kunst in Deutschland. Ihre Ausstellung bei KOW handelt von Kunst im Klimakatastrophenkapitalismus und findet – horcht auf! – eine Lösung.

Mehr, immer mehr! Das geht nicht anders. Die Maschine der Produktion lässt sich nicht abschalten. Auch nicht die Maschine der Produktion der Kunst. Denn Kunstfällt ja nicht einfach vom Himmel wie Pflaumen vom Baum. Kunst ist Produktion. Sie ist sogar Teil der Überproduktion, des zu Vielen, das der Mensch im Kapitalismus hervorbringt. Kunst vernutzt und überhitzt den Planeten, verbrennt zu viele Ressourcen und verursacht dadurch Knappheit andernorts. Wie vieles anderes, das Menschen heute tun, verhält sie sich katastrophal, ja Kunst … weiterlesen

2024

Clemens von Wedemeyer. Social Geometry

Wie ordnen wir uns an? Wie werden wir angeordnet? Und wie lässt sich das zeigen? Clemens von Wedemeyers neue Filme tauchen ein in die Frage nach der Netzwerkhaftigkeit unserer Existenz und problematisieren deren Darstellbarkeit.

Hauptwerk der Ausstellung ist ein abstrakter Animationsfilm. Vor schwarzem Grund nehmen weiße Punkte und Linien immer neue, immer kompliziertere und immer fulminantere Formen an: Beziehungen zwischen Individuen, menschliche Netzwerkwelten, soziale Geometrien. Die eindrückliche Stimme der britischen Musikerin Anne Clark lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was wir in der Abstraktion sehen werden: A group of friends. A class system. A revolution, erupting. Doch je komplexer die Konstellationen, umso deutlicher werden die Grenzen der modellhaften Darstellung – was sich sozial ereignet, mögen vielleicht Maschinen noch nachvollziehen, Menschen nicht. … weiterlesen

2023

Peter Friedl. Teatro Popular,

Peter Friedl ist Historiker. Und wie für Historiker üblich, erzählt Friedl Geschichte(n). Er erzählt sie, so könnte man sagen, aber nicht durch, und schon gar nicht zu Ende. Vielmehr schafft Friedl Schauplätze – griechisch „theatra –, an denen es etwas zu sehen gibt. Situationen, in denen sich etwas ereignet, oder sollte man präziser sagen: geneigt ist, sich zu ereignen.

Wir stehen an skulpturalen Orten vor plastischen Figuren oder deren Hüllen, die augenscheinlich viel zu sagen und zu berichten haben – man traut es ihnen zu, sieht es ihnen an. So wie man es einer Schauspielerin zutraut und ansieht, die voll kostümiert die Garderobe in Richtung Bühne verlässt, und noch bevor das Stück beginnt, sieht man es kommen, ohne schon zu wissen, was gespielt werden wird.

Tatsächlich besteht das von Friedl bei KOW aufgestellte … weiterlesen

2023

A Protocol With Universal Scope?

Original Englisch. Keine Deutsche Fassung vorhanden.

"Anyone who wishes to do so, alone or in association with others, can take responsibility for commissioning a work from an artist". Can this fundamental idea of the New Patrons' Protocol be universal in scope, when the notion of the universal has been corrupted by the colonial fantasy of Western societies, which believed themselves entitled to dictate their own criteria of value to the whole globe?

But this protocol was not conceived as a lesson to the world, but as an answer to a question. In a democracy like France, what policy can be pursued to best respond to the reality of cultural needs? And it was only when it appeared that a remarkable response could be provided thanks to this Protocol designed by an artist, that this mode of action was gradually proposed and taken up in neighboring European countries … weiterlesen

2023

Simon Lehners Safe Crash

Einen sicheren Unfall, einen Safe Crash, den gibt es nicht. Unfall ist Unfall. Außer im Kino, denn da ist ja alles gestellt. Die Schauspieler am Lenkrad sind sicher, wenn es für die Kameras kracht. Und genau dies ist im linken der zwei Bilder von Simon Lehner zu sehen: Ein verunfalltes Auto, es scheint noch frisch vom Geschehenen zu qualmen, und daneben eine grinsende Figur, die sich vor dem Publikum nach gelungener Performance verneigt mit dem typischen Bühnendiener der ehrenwerten Gaukler. Rechts im Bild steht eine professionelle Kamera. Ein grünes Kreuz am Boden markiert eine Bühnenposition. Die Szene, die wir sehen, ist ein Filmset. Alles gut also.

Aber wir sehen noch mehr. Die männliche Figur, die beim Verneigen noch ihren Sprechtext in der Hand hält – was auf eine Vorprobe hindeutet, nicht den eigentlichen, finalen Dreh – ist von einem Raster aus Quadraten strukturiert, wie sie bei … weiterlesen

2023

Marco Castillo. Casa Negra

Seit 2019 lebt Marco Castillo mit seiner Familie im Exil in Mexiko. Seine neue Ausstellung thematisiert die Zensur und Repression in Kuba, die sich in den letzten Jahren verstärkt haben und sich in ihrer Ausübung und Wirkung von der Gewalt manch anderer Regime dadurch unterscheiden, dass sie – nun ja, man könnte sagen: partizipativer sind. Ausdruck einer „guten“, linken Regierung und ihrer engagierten Citoyens, deren gemeinsame innere Gewaltmaßnahmen im Ausland oft unbekannt sind.

Casa Negra, 2022

Castillos neuer Film Casa Negra (2023) zeigt eine von Fidel Castro eingeführte und seit den Sechzigerjahren übliche Praxis der kollektiven Brandmarkung von „Abweichlern“, kritischen oder sonst wie anders denkenden Menschen, die in den Augen des Regimes und mancher Mitbürgerinnen und -bürger Feinde … weiterlesen

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

2022

Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst. Vorwort

Aus einer zweijährigen Kooperation mit dem Commons Institute heraus entstand diese Publikation, die grundlegende Aspekte von Kunst und Commoning vorstellt. Zusammen mit Anne Kersten schrieb ich das Vorwort.

Erschienen in: Vera Hofmann, Johannes Euler, Linus Zurmühlen, Silke Helfrich (Hg.), Commoning Art. Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst, Bielefeld 2022

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2022

CATPC & Renzo Martens. Balot

CATPC und Renzo Martens machen mit ihrer Ausstellung bei KOW einen nächsten Schritt in ihrer langjährigen Zusammenarbeit, die tief in koloniale Zusammenhänge und Mechaniken der Kunstwelt eindringt, um sie zu begreifen und zu verändern. Zu sehen sind sechs neue Dokumentarfilme (2022), Martens’ viel diskutierter Film White Cube (2020) und der Launch eines NFTs als neues Werkzeug der Entkolonialisierung in Form digitaler Restitution (2022).

In Lusanga, einer Palmölplantage in der Demokratischen Republik Kongo, entstand seit 2014 ein neues Ökosystem. Als Congolese Plantation Workers Art League (CATPC) haben ehemalige Plantagenarbeiter*innen eine Allianz gebildet, um sich gemeinsam ihre Kultur, ihr Land und ihre Selbstbestimmung zurückzuholen. Ihre Mittel sind die einer nachhaltigen künstlerischen und wirtschaftlichen Praxis, die kolonialer Enteignung … weiterlesen

2022

Kunst im Bürgerauftrag. Neue Auftraggeber

Einführung in das Buch der Gesellschaft der Neuen Auftraggeber, das 2022 umfangreichen Einblick in laufende Projekte gab.

Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, das den Zauber eines Aufbruchs in die eigene Lebenswelt trägt, erfordert Mut und Geduld. Es erfordert auch Leidenschaft. Außerdem braucht es Sachverstand und obendrein Geld, das meist schwer zu beschaffen ist. Kurz: Ein Kunstwerk in Auftrag zu geben, ist kompliziert. Wie also kann es sein, dass die Menschen in den Projekten der „Neuen Auftraggeber“ – Sie sehen siebzehn Beispiele in diesem Buch – es dennoch getan und dabei vieles geschafft haben, das sie sich zuvor vielleicht kaum zugetraut hätten?

Die Antwort liegt in der Methode der Neuen Auftraggeber, dem ersten Programms für zeitgenössische Kunst im Bürgerauftrag, das vor 33 Jahren in Frankreich begründet wurde. Seine … weiterlesen

2021

Nicht alle Macht geht vom Volke aus, manch Kunstwerk schon. Über Wandel und kulturelle Selbstwirksamkeit

1987 entschied die Regierung, dem im bundesdurchschnitt viel zu geringen Bildungsniveau in Bremen mit folgender Maßnahme zu begegnen: Man schickte zwei Drittel der Führungspersönlichkeiten an Schulen und Unis in Frührente und ersetzte sie durch Personal aus dem bildungsstarken Bayern, um bessere Standards einzuführen. Eine Buschzulage, wie man umgangssprachlich sagte, schuf dafür Anreize, denn niemand wäre freiwillig aus Bayern nach Bremen gegangen. Alle fanden diese Maßnahme eine gute Idee.

Undenkbar, nicht wahr? Kein Mensch wäre in der Bundesrepublik jemals auf eine solche Idee gekommen. Und in Bremen hätte man das auch nicht gut gefunden, sondern würde einen Aufschrei durch die Welt geschickt haben, der in Medienmeldungen etwa so gelautet hätte: Deutsche Regierung nimmt Bundesland Souveränität und richtet koloniale Verwaltungsstrukturen ein! … weiterlesen

2021

Sophie Gogl. Jars

Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich darf nicht! Nicht jetzt. Vielleicht morgen wieder. Ständig müssen wir aufschieben, was wir wollen würden, tun müssten, wünschen könnten. Das Handeln hat sich lange nicht mehr so angefühlt wie eine ungewisse Tätigkeit, die gerade jetzt mutmaßlich unangebracht ist und übermorgen vielleicht ebenso.

Vielleicht ist man zu Hause. Vielleicht gehen einem die Kinder auf den Geist. Vielleicht sitzt man allein in der Galerie und hat keine Ahnung, was wirklich zu planen ist. Vielleicht bekommt man auch gar keine Antworten mehr auf seine Emails, weil die Leute irgendwo verschwunden sind. Inselleben. Und im Innern beginnen die Gedanken an der gleichen Stelle hocken zu bleiben, wo sie gestern schon hockten, und man verscheucht die Spinnweben zwischen ihnen.

KOW zeigt Sophie Gogl. Ihre erste Ausstellung bei KOW, zum … weiterlesen

2021

Bin ich Künstler*in oder kann das weg? Eine Trennungsgeschichte mit politischem Ende

Man kann alles Mögliche trennen. Müll, Ehen, Spreu vom Weizen, mal ist es schwierig, mal ganz leicht, so wie das Blatt Klopapier, dass man von der Rolle reißt. Öl und Wasser trennen sich sogar zuverlässig und ganz reibungslos freiwillig.

Auf Seiten der Erkenntnistheorie (Was kann ich wissen?) formulierte George Spencer-Brown 1969 sein logisches Paradigma: „Draw a distinction!“, mach eine Unterscheidung! Er meinte damit folgendes: Immer dann, wenn wir etwas bezeichnen, entschließen wir uns dazu, dieses eine durch unsere Bezeichnung von allem anderen zu trennen. In der täglichen Praxis geschieht das meist unbewusst. Wer A sagt hat nicht B gesagt, ob aus Gewohnheit oder in voller Absicht. Wer etwas als Kunst bezeichnet, trennt das Bezeichnete von Maschinenbau, Ehe und Klopapier, und was Menschen sonst noch tun und brauchen. Aber – und das ist das Entscheidende – wir trennen nicht Kunst … weiterlesen

2020

Dierk Schmidt. Kolonnen – Hohenzollern ist jetzt ein Verb

Man tut sich schwer mit dem Thema Restitution. Die ehemalig Kolonisierten fordern, man solle ihnen die Kulturgüter zurückgeben, die während der Kolonialzeit gestohlen wurden oder auf fraglichen Wegen in deutsche Sammlungen gelangten. Die Bundesrepublik dagegen bringt vor, das alles sei nicht so einfach – und baut gar das alte Preußenschloss wieder auf, von dem aus ein Stück Kolonialgeschichte mitgeschrieben wurde, um darin eben jene Kulturgüter im Namen Humboldts künftig zu verwahren.

Und nun das. Kaum war 2013 der Grundstein für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gelegt, meldeten sich die ehemaligen Hausherren zurück, die preußischen Prinzen aus dem Stamm der Hohenzollern, und forderten ihrerseits selbst Restitution: 5.000 Stücke ehemaligen Kronguts aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 266 Gemälde, u.a. von Lucas … weiterlesen

2020

Jedem Auftrag wohnt mindestens ein Bürger inne

Das höchste Gut einer Gesellschaft ist ihre Vorstellungskraft. Denn was sie sich nicht vorstellen kann zu sein, das wird sie auch nicht werden. Was sie nicht für möglich hält, wird nicht geschehen – zumindest solange nicht, bis sich das, was vorstellbar ist, verschiebt. Gesellschaftlicher Wandel ist wesentlich eine Entwicklung der kollektiven Einbildungskraft, eine Aus- und Umgestaltung des sozialen Imaginären.

Dieses Imaginäre ist ohne die Formen und Stimmen der Kunst und Kultur nicht denkbar, mehr noch: was ist die kollektive Einbildungskraft einer Gemeinschaft von Menschen anderes, als ihre Kultur?

Die Neuen Auftraggeber sind ein Weg, am Vorstellbaren zu arbeiten und dessen Grenzen zu erweitern. Indem Bürger*innen in Dörfern und Städten Künstler*innen damit beauftragen, neue Werke zu entwickeln, die unmittelbar ein Stück ihres … weiterlesen

2020

Die Gestaltung der Nähe: Kulturwandel und Konfliktarbeit im Bürgerauftrag

Neurologisch betrachtet, lässt sich „Heimat“ als eine physiologische Veränderung im Gehirn beschreiben, die durch wiederholte Reizeinwirkung entsteht. Kurz: Heimat ist neuronale Prägung. Synaptische Loops der eintrainierten Wiederkennung von Bekanntem. Wie alles im Gehirn ist diese Prägung nicht in Stein gemeißelt, sondern bleibt beweglich, dynamisch, gestaltbar. Das allein sollte genügen, um jede inhaltliche Fixierung und Essenzialisierung des Heimatbegriffs zurückzuweisen.

Das gilt auch für den Begriff der Identität. Gleichzeitig zeigt sich, dass Heimaten und die mit ihnen verknüpften Lebenswirklichkeiten aus der Interaktion mit einer Umwelt bestehen, die sich ihrerseits ständig wandelt. So sind Heimaten einerseits immer von Gestern, Spuren der Erinnerung, und andererseits Gegenstand einer fortwährenden Transformation, die in die Zukunft weist. … weiterlesen

2020

Willst du eine Zukunft? Ein Protokoll für neue kulturelle Gemeingüter

Dass wir dringend gute Lösungen für plantare Probleme brauchen, weiß heute jeder. Doch dann klingt es immer etwas anrüchig, wenn irgendwer behauptet, er kenne eine wirklich gute Lösung für ein planetares Problem. Man gerät schnell in Verdacht, anmaßend oder, wahrscheinlicher noch, ein Populist zu sein. Deshalb habe ich mich heute morgen gefreut, als ich ein Interview mit Judith Butler im New Yorker las, in dem sie sagt: Sometimes you have to imagine in a radical way that makes you seem a little crazy, that puts you in an embarrassing light, in order to open up a possibility that others have already closed down with their knowing realism. I’m prepared to be mocked and dismissed[1]. Auf geht’s also. Denn ich werde sicherlich etwas lächerlich aussehen, wenn ich sage, dass mir zumindest eine gute Idee für planetare Probleme einfällt. Es ist nicht meine Idee. Aber ich finde sie gut. … weiterlesen

2019 ff.

Der letzte Tag des Jahres

Die folgenden Leseproben aus dem 260-seitigen Manuskript veröffentliche ich hier zum Einblick in den noch nicht publizierten Text.

Leseproben

Seite 3 ff.

Maria Magdalena starb am letzten Tag des Jahres. Wir kannten und drei Tage und fünf Abende lang, ehe uns eine Welle in den Atlantik riss. Maria ertrank, ich nicht. Das ist jetzt fünf Tage her. Heute morgen rief meine Mutter an, in ihrer Lokalzeitung habe es gestanden. Eine der radikalsten Theatermacherinnen des Landes sei viel zu früh verstorben. Da habe auch gestanden, ein Mann hätte noch versucht, die Frau zu retten. Ob das stimme, fragte sie. Das stimmt nicht, wie nun auch meine Mutter weiß. Ich habe nicht versucht, dich zu retten. Dazu war keine Zeit. … weiterlesen

2019

Leon Ferrari. Toasted Angels, Sounds of Steel

Das Weiße Haus ist bewohnt von Regenwürmern. Sie kriechen durchs Oval Office, in die privaten Gemächer, hängen von dem Fahnenmast auf dem Dach, schmieren ihren Schleim auf die amerikanische Flagge. Das Video Casa Blanca von 2005 ist der Auftakt unserer Ausstellung. Wird hier ein stolzes Symbol geschändet? Eine Ikone beschmiert? Was hatte León Ferrari im Sinn? Blasphemie?

Ferrari tat, was er konnte. Was er nicht konnte, tat er nicht. Das klingt banaler, als es ist. Denn was Ferrari tat, war eng verbunden mit den politischen Entwicklungen seit den 1950er Jahren, für die er zum je gegebenen Zeitpunkt seine Sprache fand, mit den Mitteln, die er hatte. Eine Sprache – mehrere Sprachen –, die vom Privaten ins Öffentliche drangen, um von Krieg und Diktatur, von Drangsalierung, und von Freiheit zu erzählen. Ferraris künstlerische Laufbahn begann … weiterlesen

2019

Citizens Commissioning Art: An innovative social and cultural policy practice

The New Patrons program has initiated an unprecedented social practice. In the past three decades, this practice has renewed civic collaboration and responsibility throughout Europe and beyond. It has suggested to society a new methodology to respond to the cultural needs of various communities in a wide range of settings and in broadly diverse artistic and scientific formats.

Art and democracy have one thing in common: their modes of action and representation need to be conceived and practiced afresh every day. Nothing about them can be taken for granted, and only society itself can be the legitimate protagonist of this process of continual historic creation. And yet there is a vitally important sector in which society, as a community of individuals, has very limited say: the commissioning of common cultural goods. Thirty years ago, the New … weiterlesen

2018

Alice Creischer. His Master’s Voice

Alice Creischers Ausstellung ist ein Stück deutscher Gegenwart. Und dabei auch ein Stück politischer und künstlerischer Kontinuität. Im Untergeschoss der Galerie stottern die Werke sich durch gesellschaftliche Entwicklungen während der letzten dreißig und mehr Jahre, die so häufig kritisch beschrieben wurden, dass man heute kaum noch weiß, wie man wieder, und weiter, und noch einmal darüber sprechen kann, während der scheinbar unaufhaltsame politische Klimawandel dem kritischen Denken immer wieder, und noch einmal, die Sprache verschlägt. Kann doch alles nicht wahr sein. Ist es aber. Und es zeigt sich ungeschminkt.

Creischers Ausstellung ist ein Kopfschütteln über die eigene deutsche Geschichte und wohl auch über das permanente Nachdenken darüber. Im Krieg gegen die Franzosen brachten sich die Deutschen endlich unter eine Krone. 1871 gründeten sie … weiterlesen

2017

Ekstase der Zerstörung. Michael E. Smiths „And Babies“

Fünfzehn tote Kugelfische, sechs LED-Leuchten, ein schwarzer Pullover, eine Kehrschaufel und der rote Schnabel eines Storches: Mit diesem Inventar hat Michael E. Smith im Neuen Museum Nürnberg einen Raum eingerichtet. Die Atmosphäre ist schlicht und still, das Licht ist ausgeschaltet. Doch allmählich ordnet sich dieser Raum zu einem erschreckenden Bild, verformt sich zu einem Mahnmal der Gewalt, ja der Verheerungen menschlicher Vernunft.

Panik

Entlang des strengen Rasters der Bodenplatten sind die fünfzehn präparierten Fischkadaver gleichmäßig hintereinander gereiht. Wie an einer Perlenkette, die den Museumssaal durchzieht. Kugelfische gelten als ebenso zierlich wie gefährlich. Aber hier liegen sie als harmlose Präparate am Boden, die zur Selbstverteidigung ein letztes Mal ihre leeren Hüllen zu … weiterlesen

2017

Heinrich Dunst. Things, Not Words

Da kratzt etwas am Fundament. Schwärme von Denkern untergraben derzeit ein Weltbild, in dessen Mitte der Menschen sitzt. Was Sloterdijk einmal polemisch als die absteigende Entwicklungslinie vom Gott zum Menschen und vom Menschen zum Schlumpf bezeichnet hat, könnte man als eine Reihe narzisstischer Kränkungen des abendländischen Subjekts beschreiben: Kopernikus zerbrach die Illusion, das Universum kreise um die Erde; Kant machte Schluss mit dem Glauben, Erkenntnis sei mehr als das, was sich in unserem Kopf abspielt; Freud zeigte, dass wir selbst in unserem eigenen Kopf nicht Herr im Haus sind. Und nun sagt man uns, dass wir den Unterschied zwischen dem Menschen und einer Kaffeemaschine maßlos überschätzt haben. Lange galt die soziale Welt als eine von Subjekten bewohnte und die Realität als das, was diese Subjekte – vor allem sprachlich – als solche begreifen. Doch nun wankt dieser … weiterlesen

2017

On the Possibility of Light. Chto Delat

Mehr Licht! Baut mehr Leuchttürme! Trinkt Phosphor! Etwas muss den Autokraten und Neofeudalisten, die in den USA, der Türkei, Polen, England und anderen Ländern das Licht ausmachen, entgegenscheinen. Aber was? Was ist zu tun? Chto Delat?!

Seit 14 Jahren trägt das Kollektiv aus Moskauer und Sankt Petersburger Künstlern, Intellektuellen und Aktivisten diese Frage programmatisch in seinem Namen. Doch 2014 wusste die Gruppe keine Antwort mehr darauf – in ihrer AUSSTELLUNG BEI KOW begrub sie ihre Hoffnungen, dem Ukrainekrieg und Putins Neonationalismus ließe sich noch künstlerisch-kritisch begegnen, versiegelte sie in einer Zeitkapsel und schickte sie in eine unbekannte Zukunft. Es war ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und Marginalität. Der Schock, der jetzt den Westen erreicht hat, saß den Russen also schon länger in den Knochen. Sie haben ihn verarbeitet und kommen nun zurück nach … weiterlesen

2020

Die Schokoladenskulpturen von CATPC

Die Plastiken des Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (CATPC) erstaunten das deutsche und internationale Publikum, als sie im Mai 2015 in Berlin bei KOW zu sehen waren. Die formale und erzählerische Ausdrucksstärke der sieben präsentierten Werke von Mathieu Kasiama, Mbuku Kimpala, Thomas Leba, Jérémie Mabiala, Daniel Manenga, Emery Muhumba und Cedrick Tamasala schien professionellen Beobachtern wie privaten Liebhaberinnen offensichtlich, während die technische Herstellung der Plastiken und ihre ökonomische und konzeptionelle Verknüpfung mit den Aktivitäten des Institut für Human Activity, IHA, und mit der künstlerischen Praxis Renzo Martens Fragen aufwarf, von denen ich hier einige beantworten will.

Um die in Schokolade gegossenen Büsten und Statuen korrekt beschreiben und verstehen zu können, muss ihre Herkunft aus … weiterlesen

2016

Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen / Deutschland. Mario Pfeifer

Leider ist das alles nicht so einfach. Rechts-, Mitte-, Links-Populismus, post-faktisches Zeitalter, gespaltene und manipulierte Gesellschaften – das fühlt sich an wie eine apokalyptische Abwärtsspirale, doch apokalyptische Gefühlslagen helfen nicht. Spaltung hilft nicht. Fakt ist: Was heute manche erschüttert, macht andere heiter und mutig. Wo aufkommende Regierungsformen bei den einen Fluchtinstinkte wecken, sehen sich andere endlich repräsentiert. Wo elaborierter Kritik der Sauerstoff ausgeht, kommen ungehörte Stimmen zu neuem Volumen. Doch verarscht fühlen sich am Ende vielleicht alle. Rechtsruck? Linker Widerstand? Rationalität der Mitte? Verfangen in alten Politik- und Glaubenssystemen, zünden Leute quer durch die mentalen Spektren Konfliktlinien im Gemeinsinn an, die antagonistische Dämonen beschwören.

Mario Pfeifer ist einen anderen Weg gegangen. Er hat neun … weiterlesen

2016

Solidarische Mobilmachung. Kunst, Vokabularpolitik und Resolidarisierung NACH Richard Rorty

Kontingenz, Ironie und Solidarität, dieses Buch von Richard Rorty, erschienen 1989, ist seit fast 20 Jahren die wichtigste Quelle für mein Denken über die soziale Funktion der Kunst. Und seit fast 20 Jahren wundere ich mich, wieso dieses Buch in der Kunstwelt so wenig gelesen wird.1 Denn es hilft uns ein großes Stück weiter, die Frage in ein sinnvolles Licht zu rücken, warum und wie die Kunst an der Gestaltung sozialer Wirklichkeit beteiligt ist. In Diskussionen über das Politische der Kunst, über ihre gesellschaftliche Relevanz und ihren gesellschaftlichen Auftrag, falle ich immer wieder auf Rorty zurück. Oft kopfschüttelnd, weil mir nicht einleuchtet, warum diese Diskussionen noch einmal um Probleme kreisen, die man nach Rorty nicht mehr haben muss und nicht mehr haben sollte. Ich werde Rortys Position rekapitulieren um vorzuschlagen, dass nach ihm über Kunst zu sprechen bedeutet … weiterlesen

2016

Die Sammlung „Der Schrank“ von Ramon Haze

Es ist eine der herausragenden Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts – vielleicht die Einzige. Von Marcel Duchamp über Andreas Baader bis zu Jeff Koons umspannt sie fast 100 Jahre einer Kulturepoche, die uns fremd geworden ist. Die 154 Sammlungsstücke geben Einblick in die Ding- und Begriffswelt einer Ära, in der sich einst Gefühle und Gedanken, Wissen und Visionen in Formen ausdrückten: in künstlerischen Objekten und Bildwerken, die kollektiv betrachtet und bewertet wurden.

Heute indes braucht es archäologischen Feinsinn um nachvollziehen zu können, wie es möglich war, dass manche Gegenstände Bedeutung als Kunstwerke erlangten und andere nicht. Und so ist die Ausstellung bei KOW vor allem eine Würdigung des Lebenswerks von Ramon Haze, der die Exponate dieser Kollektion zusammentrug und ihren verschollenen Sinn rekonstruierte. … weiterlesen

2016

Hiwa K. This Lemon Tases of Apple

Zitronen werden herumgereicht. Ihr Saft lindert das Brennen in den Atemwegen. Es ist der 17. April 2011, letzter Tag des öffentlichen Aufruhrs vor Niederschlagung des Irakischen Frühlings, der in den internationalen Medien kaum Erwähnung fand. Inmitten der von Tränengas durchsetzten Proteste zwei Musikanten: Hiwa K an der Mundharmonika, Daroon Othman an der Gitarre.

Sie spielen die Filmmusik von "Once Upon a Time in the West" ("Spiel mir das Lied vom Tod"), jene alarmierende Melodie aus zwei diskordanten Tönen, die auf den Straßen von Sulaimany, Kurdistan, jeder kennt. Sie trägt die enttäuschten Hoffnungen vieler Jahre auf die Straße und treibt den Marsch der Demonstranten mit einer düsteren, einigenden Kraft voran. Während Hiwa Ks Spiel auf der Mundharmonika mischt sich das Tränengas in seinen Atem; im Körper des Performers fallen … weiterlesen

2015

Mario Pfeifer. Approximation in the Digital Age to a Humanity Condemned to Disappear

Am Ende der Welt läuft Techno. Tintenfische drehen sich im Stroboskoplicht, die Meeresspinnenindustrie tickt wie ein Schweizer Uhrwerk und echte Männer gelten was, wenn ihnen der Fang in die Reuse geht. Der Sonnenaufgang ist in Patagonien so atemberaubend wie in der Panoramabar im Berghain.

Satte Farben, gut getaktete Schnitte und Übergänge, packende Rhythmen: Mario Pfeifers "Approximation" trifft als dreiteilige Videoinstallation den ästhetischen Zeitgeist mit fulminanten Bildern in hochauflösender 4-K-Technologie. Sie entstanden am Ende der Erdscheibe, da wo Menschen manchmal über den Rand fallen und im Nirgendwo verschwinden. Diesmal sind es Feuerlandindianer, die es vielleicht noch gibt, vielleicht auch schon nicht mehr. Pfeifer hat sie gefilmt – hat er? Was auf drei Projektionen im Untergeschoss von KOW zu sehen ist, ist keine Dokumentation, sondern eine Betrachtungsweise. … weiterlesen

2015

Candice Breitz. Love Story

“Alec, you’re famous! People will listen to you,” says Alec Baldwin to himself, a few moments before sharing the details of his arrest in Cairo, his journey to Italy on a desperately overcrowded fishing boat, and his eventual arrival in the unfamiliar city of Berlin on a rainy day in September 2015. Cut. Julianne Moore briefly fixes her hair. And then recounts the brutal attack that she and her children survived back home, shattering what had been a comfortable life in the Democratic Republic of the Congo, and leaving her with no choice but to smuggle herself and her children – via an endless journey in the back of a windowless truck – towards an uncertain future in an unknown country. In our first encounter with Love Story, Moore and Baldwin address us via a large projection, to speak of past anguish and hope for the future, of forced migration and loss, but also of the comfort of … weiterlesen

2016

Gestures of Disappearance, Once More. Looking Back on a Prologue, its Melancholy, and its Method

A broken love means most to the one who walks away from it – because the leaver is so profoundly invested in the connection that he or she tries to influence and mold it until the very end. Severing the ties to another human being gives that bond a final form. Breaking up as the last gesture of a love? I’m not sure how much there is to this logic. But it rings true of many artists who broke up with art. Only an artist who is deeply in love with her art can be wracked by such passionate doubts about it even to the point of despair that she finds serious motives to leave it behind or at least put her reservations into practice. This was the point of departure for Gestures of Disappearance.

To contemporary readers, “in love with art” may sound like a romantic cliché, but what the four artists in this exhibition have in common is a core drive that is quintessentially … weiterlesen

2015

Hito Steyerl. Left to Our Own Devices

Hito Steyerls erste Galerieausstellung in Deutschland – wir zeigen fünf Videoinstallationen aus den Jahren 2012 bis 2015 – ist in das Licht eines Bruce Lee-Zitates getaucht: „Be water, my friend!“. In A Warrior‘s Journey rät der Kung-Fu-Meister einem Gefährten, der in den Kampf zieht, so gestaltlos zu sein wie Wasser, dass sich blitzschnell neuen Situationen anpassen und jede Form annehmen kann. „Be formless, shapeless, like water!“.

Es ist eine Formel fürs Überleben im Angesicht einer Übermacht. Eine Losung, die im Handbuch jeder Guerilla-, Hacker- und Aktivistenbewegung stehen könnte – aber auch in den Handbüchern für Abhörprogramme, Finanzmarktprodukte und hybride Kriegsführung. Überall da, wo es von Vorteil ist, seine Position im nu in eine andere zu konvertieren. Bruce Lees Aufruf zum Einschmelzen aller angreifbaren Eigenschaften findet … weiterlesen

2014

Eugenio Dittborn. Pinturas Aeropostales

In den letzten Wochen erreichten uns knapp 50 Briefe aus Santiago de Chile. Ihr Inhalt: Rund 150 Quadratmeter Stoff, zusammengefaltet für den Versand in FedEx-Umschlägen. Es sind die Einzelteile von zwölf Werken Eugenio Dittborns aus der Zeit von 1986 bis 2014. Pinturas Aeropostales – Airmail Paintings.

Bilder, die entstanden, um von Chile aus per Luftpost um die Welt zu reisen und nun bei uns Station zu machen. Malerei, Siebdruck und Textilcollagen auf je drei Quadratmeter großen Baumwoll-, Filz- und manchmal auch Papierbahnen, die wir aus den Umschlägen ziehen, entfalten und auf unseren Wänden zusammenfügen. Es wird ein monographischer Überblick über das Werk des 1943 geborenen Chilenen, sein erster Solo-Auftritt in einer europäischen Galerie.

Dauernd sind zahllose Bilder unterwegs um den Globus, ob … weiterlesen

2013

Abstraktion aus Notwehr. Santiago Sierras solidarische Grausamkeit

Lange war Abstraktion in der Kunst vor allem eine Geschichte des ästhetischen Essentialismus: des Glaubens, eine bestimmte Systematik der Formen müsse in der Lage sein, das Wesen der Dinge und ihrer Erscheinungen so grundsätzlich zu erfassen und bildnerisch anzuordnen, dass sich etwas Allgemeines, etwas Wahres, etwas Letztes darüber würde sagen lassen. Etwas, das sich aus dem Hier und Jetzt einer konkreten Lebenswelt erhebt.

Diesen Glauben hat Richard Rorty mit Blick auf die Verwendung sprachlicher Zeichen als die Suche des (v.a. westlichen) Denkens nach „abschließenden Vokabularen“ bezeichnet.[1] Der amerikanische Pragmatist verstand darunter die Sehnsucht nach zeitlosen Formeln der Erkenntnis, die Hoffnung auf letzte Gewissheit. Santiago Sierra und Richard Rorty ist gemeinsam, dass sie diese Hoffnung aufgaben, dieses Kontrollbedürfnis, die Welt als einen unveränderlich überschaubaren Ort begreifen zu müssen. Beide haben sich für eine andere, in ihren Augen fundamentalere Hoffnung entschieden, dass nämlich die Welt ein gerechterer Ort werden könnte, als sie es derzeit ist, und dass es diejenigen Verhältnisse zu ändern gälte, die der Grund dafür sind. Dass die Philosophie dazu wenig beitragen würde,  war für Rorty ausgemacht. Sierra traut seinerseits der Kunst nicht mehr zu. Trotzdem haben beide innerhalb ihrer jeweiligen Disziplin die Frage danach, was wir erkennen können und wie sich die Zeichen dieser Erkenntnis organisieren lassen, radikal politisiert und das Interesse an Wahrheit eingetauscht gegen ein Interesse an Selbstbestimmung und Solidarität.

Kenner des Werkes von Santiago Sierra mag überraschen, eine solidarische Passion damit verknüpft zu sehen, gilt es doch Manchen eher als krawallig. Ich glaube, gerade der Begriff der Abstraktion kann erhellen, welches Ziel Sierras Kunst verfolgt, und Richard Rortys philosophischer und politischer Anti-Essentialismus scheint mir dabei geeignet, die äußerst klare und scharfe ethische Position Sierras zu kennzeichnen und letztlich das Solidaritätsprinzip seines Werkes zu beschreiben. Das wird das Interesse dieses Textes sein.

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Für den Fortgang ästhetischer Abstraktion markierte die Minimal Art eine Wende. In Abgrenzung zur starken Betonung subjektiver Gefühlswelten im Abstrakten Expressionismus fanden die Minimalisten in standardisierten Formen und Materialien aus der industriellen Massenproduktion ein rationales Vokabular, hinter dem die gestalterische Subjektivität der Autoren verschwinden konnte. Ein Vorgang, für den Sierra eine Art Hass-Liebe zu empfinden scheint. Denn einerseits erschloss sich der Kunst dabei ein formaler Direktzugang zu den anonymen Prinzipien einer standardisierten Arbeits- und Warenwelt, denen Sierras Interesse gilt. Andererseits lehnte der Minimalismus jegliche Verantwortung für die inhaltliche und zumal politische Bedeutung seiner Anordnungen ab, blendete ihren gesellschaftlichen Kontext kategorisch aus und kam zu einem essentialistischen Werkbegriff, der etwa in einem Kubus allein dessen formale, ja mathematische Logik erkennen wollte, einen geometrischen Raumkörper, der nichts ist als nur er selbst.

Genau diese Haltung des Rekurses auf die intrinsischen Eigenschaften einer Sache hatte Rorty abgelehnt als die Zwangsvorstellung, mit den geeigneten Vernunftmitteln würde sich darüber etwas Absolutes sagen lassen, etwas, das mehr wäre als nur eine historische und kontingente Beschreibung durch ein Subjekt. Ein solches Raunen der Ewigkeit durchzieht den Minimalismus ebenso wie Teile der Analytischen Philosophie, deren formale Logik Rorty zunehmend als weltfremd empfand. Er schlug daher vor, wir sollten unsere Vernunft nicht auf die Suche nach ewigen Aussagen schicken, sondern sie auf die Frage verwenden, wie wir menschliche Grausamkeit begrenzen könnten und wie sich schließlich „das aufklärerische Projekt der Entmystifizierung des menschlichen Lebens“ vervollständigen ließe, „die Menschheit aus den Fesseln ‚ontotheologischer‘ Metaphern vergangener Traditionen zu befreien und so die Machtbeziehungen von Kontrolle und Unterwerfung, die diesen Metaphern innewohnen, zu ersetzen durch die Beschreibung von Beziehungen, die auf Toleranz und Freiheit aufbauen.“[2]

Vergleichbar sah Sierra in der selbstbezüglichen Ästhetik der Minimal Art „eine ungeheuren Anmaßung und Selbstzufriedenheit der westlichen Kultur“ und setzte sich von ihr ab, indem er die Grausamkeiten hervorhob, die sich hinter ihrer Rationalität verbargen. Im formalen Vokabular des Minimalismus, dessen objektivistische Rhetorik Individualität nivellierte, fand er das geeignete Instrumentarium, um die entmenschlichten Abstraktionen des Kapitalismus dingfest zu machen. Dabei erweiterte er zugleich substanziell den über dieses Vokabular erreichbaren Gegenstandsbereich: Seine Skulpturen und Aktionen rekurrieren nicht nur auf formale und materielle Prinzipien der Industrieproduktion, sondern von Beginn an auch auf die logistischen Abläufe des Güterverkehrs, auf die repressive Organisation abhängiger Beschäftigungsverhältnisse, auf soziale Normierung und Ausgrenzung mittels legislativer, judikativer und exekutiver Gewalt, und vor allem auf die Integration amoralischer Interessen durch deren wirtschaftliche, politische und technologische Standardisierung und Legitimation.

Sierra nutzt die formalen Abstraktionsleistungen seiner am Minimalismus geschulten Praxis nicht, um sich über die historische Kontingenz und die Gefühle zerspaltener und unterworfener Subjekte zu erheben, sondern um deren strukturelle Unterdrückung unmissverständlich zu machen. „Nicht leere Gefäße zu entdecken ist das Interessante, sondern sie zu verwenden (…), und damit befinde ich mich in derselben Situation wie viele andere, die den Minimalismus als ein Arsenal von Instrumenten sehen, deren sie sich bedienen können, aber seine inhaltliche Leere nicht ertragen.“[3] Anstatt minimalistische Ideologien abzuwandeln oder zu kritisieren, reproduziert Sierra sie mit dem einzigen Unterschied, dass er ihre „Leere“ mit sozialer Realität füllt: mit Materialien, die klar innerhalb einer gesellschaftlichen Problematik zu verorten waren, oder mit den Körpern und Leben von Menschen, deren physische und mentale Stigmatisierung, Segregation, Unfreiheit und Ausbeutung nicht ihm, sondern einer systemischen Logik anzulasten ist, die er ebenso unbeteiligt wiedergibt, wie es zuvor die Minimalisten taten. Nur mit dem Unterschied, dass er anders als diese seinen formalen Bezugsrahmen vor allem auf politische und ökonomische Systeme ausrichtet, deren Grausamkeit – und manchmal auch den Widerstand dagegen – sein Werk appropriiert.

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Einige Beispiele aus dem Werk Santiago Sierras:

PRISM. Workshop, Hamburg, Deutschland, 1990

Am Beginn seines Frühwerkes klärte Sierra einige grundlegende Differenzen mit der minimalistischen Doktrin. Mit PRISM, ebenso wie mit CUBIC CONTAINER aus dem gleichen Jahr, baute er Kuben, die sich typologisch auf Donald Judd zurückführen lassen. Während es ein Sakrileg wäre, eines von Judds „Spezifischen Objekten“ einmal liegend und einmal stehend zu präsentieren, zeigen Sierras Fotografien von PRISM gezielt diese beiden unterschiedliche Zustände ein und desselben Objekts und schließen damit reine Selbstbezüglichkeit kategorisch aus. Die Entpersönlichung von Judds Werken trieb dieser so weit, dass er Fingerabdrücke darauf als ihre Zerstörung empfand. Sierra hingegen stellt seinen Raumkörper aus einer gebrauchten LKW-Plane her, in deren schmutziger Oberfläche sich die zurückgelegten Wegstrecken und Arbeitsprozesse im Warentransfer dokumentierten.

WALKS. Hamburg, Deutschland, 1990

    

Sierras erste fotografische Serie hält in 36 Bildern 18 Situationen fest, die der damalige Student an der Hamburger Akademie bei Spaziergängen im Stadtraum vorfand: Stapel von Paletten, Steinplatten und andern Baumaterialien, deren Anordnung die strukturelle Systematik von Carl Andre, Sol LeWitt, Donald Judd und anderen Vertretern der Minimal Art wachruft. Dem rationalen Gleichmaß von deren Werken folgen Sierras Fundstücke freilich nicht. Sie zeigen gerade umgekehrt, wie sehr der minimalistische Formalismus seine Bezüge zur industriellen Produktion idealisierte und stilisierte, und folglich weder in der Lage war noch ein Interesse daran hatte, in der geometrischen Standardisierung industrieller Maße eine vor allem ökonomische Rationalität effizienter Fertigungs-, Transport, und Konstruktionsprozesse zu erkennen, in welche sich die ausführenden Arbeiter einzufügen hatten. Jedes der von Sierra vorgefundenen Motive dokumentiert eine Abweichung von dieser Rationalität als Interferenz von Produktivitätsanforderungen einerseits und einer subtil widerständigen Subjektivität andererseits, die sich nur so weit ins formale Diktat fügt wie eben nötig. Wie schon PRISM bietet auch WALKS programmatisch je zwei verschiedene Blickperspektiven auf ein und den selben Gegenstand und widerspricht so auf der Wahrnehmungs- ebenso wie auf der Darstellungsebene dem minimalistischen Essentialismus, der sich von der individuellen Blickrichtung auf das Gegebene unabhängig wähnte.

250 CM LINE TATTOOED ON 6 PAID PEOPLE. Espacio Aglutinador, Havanna, Kuba, Dezember 1999; HIRING AND ARRANGEMENT OF 30 WORKERS IN RELATION TO THEIR SKIN COLOR. Project Space, Kunsthalle Wien, Österreich, September 2002

    

Santiago Sierra zahlte sechs arbeitslosen jungen Männern je 30 Dollar, damit sie sich eine Linie auf den Rücken tätowieren lassen. Um eine Gesamtlänge von 250 cm zu erreichen, stellte Sierra sechs Rücken zusammen und ließ eine horizontale Tätowierung über sie legen. Den Körper eines Menschen für 30 Dollar zu kaufen für die Ausführung eines Kunstwerkes, das ihn vermutlich nur bedingt interessiert, dessen Spur er aber sein Leben lang nicht mehr loswerden wird, erscheint pervers. Ebenso wie eine zweite Arbeit aus dem Jahr 2002, HIRING AND ARRANGEMENT OF 30 WORKERS IN RELATION TO THEIR SKIN COLOR. Sierra ließ von der Wiener Kunsthalle 30 Arbeiterinnen und Arbeiter mit helleren und dunkleren Hautfarben anheuern, sortierte sie gemäß der Tönung ihrer Haut und platzierte sie in Unterwäsche mit dem Gesicht zur Wand. Den beiden Werken von 1999 und 2002 ist gemeinsam, das sie menschliche Körper jeweils abstrakten formalen Prinzipien unterwerfen, die ihre Individualität zum Preis einer unangemessen scheinenden Entlohnung negieren – Prinzipien, die sich in minimalistischen und konzeptuellen Kunstpraxen ebenso finden wie in alltäglichen Praxen sozialer Normierung, Segregation und Stigmatisierung. Erstere macht sich Sierra zu eigen, um letztere komprimiert zu reproduzieren. Seine Vorgehensweise ist so gesehen überaus gewöhnlich und geradezu nicht mehr als eine Anwendung vorgefundener sozialer und ästhetischer Muster, deren Kombination jedoch schwer erträglich ist.

Wenn Richard Rorty hoffte, die Menschen „von den Fesseln ‚ontotheologischer‘ Metaphern vergangener Traditionen zu befreien und so die Machtbeziehungen von Kontrolle und Unterwerfung, die diesen Metaphern innewohnen“, zu überwinden, so zeigen sich die beiden Arbeiten Sierras als geeigneter Beitrag, dieses aufklärerische Projekt voranzubringen. Denn sein Umgang mit dem ästhetischen Vokabular von Linie und Farbskala macht eine „ontotheologische“ Rezeption unerträglich. Eine angenommene Gerade von 250 cm Länge, so zeigt er, ist in ihrer normativen Begrenzung nicht lediglich eine mathematische Größe oder eine künstlerische „Idee“, sondern hat in einer von Menschen bewohnten Welt Bedingungen und Konsequenzen, die schmerzhaft sein können und es auch sind. Gleichermaßen ist die Aufteilung des Wahrnehmungsraums in Skalen der Farbabstufung weit mehr als eine rein formale Systematik, wenn solche Skalen eine Entsprechung in sozialen Hierarchien finden, die Menschen nach rassischen und nationalen Herkunftskriterien sortieren.

WORKERS WHO CANNOT BE PAID, REMUNERATED TO REMAIN INSIDE CARDBOARD BOXES. Kunst Werke, Berlin, Deutschland, September 2000

    

Sechs aus Pappkarton improvisierte, hochformatige Kuben in Reihe gestellt. Darin auf einem Stuhl sitzend, und von außen nicht sichtbar, sechs im Werktitel als Arbeiter klassifizierte Menschen, die nicht bezahlt werden können und doch dafür entlohnt werden, dass sie sechs Wochen lang täglich sechs Stunden im Inneren der Gehäuse still verbleiben. Bezahlt werden konnten die tschetschenischen Einwanderer deshalb nicht, weil ihnen die deutsche Gesetzgebung verbot, als Asylbewerber Lohn entgegenzunehmen, den sie also informell für ihre gegebene Zeit erhielten. Zu beachten ist, dass Sierra die Personen im Werktitel nicht als Asylbewerber bezeichnet, sondern als Arbeiter. Sierra stellt also keineswegs ihren Wunsch oder ihre Fähigkeit zu arbeiten in Frage, sondern es ist ihr juristischer Status, der sie daran hindert und den Sierra hintergeht, indem er die im Rahmen seiner Aktion erbrachte Leistung unsichtbar entlohnt. Hier wie ihn ähnlichen Aktionen unterstellte die Presse gerne, Sierra würde die Notlage der Menschen ausnutzen, die er ausstellte, und dies sei grausam.

Beurteil man das Geschehen aber sachlich, muss man festhalten, dass Sierra einen objektiven Zustand wiedergibt. Die engagierten Personen befinden sich – in ihrem Leben wie in Sierras Werk – in einer normierten Situation, die ihre Körper und ihren Handlungsspielraum eng umschließt und in der ihnen nichts weiter bleibt, als auszuharren. Die Isolation, in der sie sitzen, entspricht ihrem sozialen Status. Dazu gehört auch, dass das Kunstpublikum sich in aller Regel nicht ernsthaft für sie interessiert – und wenn dann wiederum nur „abstrakt“, als sozialkritisches Thema. Vermutlich waren nur wenige von denen, die die Aktion sahen, zuvor einem Asylbewerber physisch und ggf. emotional so nah wie in dem Moment, als sie oder er in der Ausstellung an einem der Kartons lauschte, ob auch wirklich jemand darin saß, und sich dann vielleicht ergriffen oder auch empört darüber zeigte, dass es so war. Wenn Sierra die sechs Arbeiter in einer Reihung von sechs Kuben für sein Publikum unsichtbar macht und im Raum abkapselt, ist seine Anordnung exakt realistisch.

PERSON SAYING A PHRASE. New Street, Birmingham, Großbritannien, Februar 2002

Die Menschen, die an Santiago Sierras Aktionen teilnehmen, sind niemals Statisten, sondern gehören ausnahmslos der Personengruppe an, die das jeweilige Werk thematisiert: Arbeiter, Arbeitslose, Prostituierte, Kriegsveteranen, Roma, Huicholes, Weiße und Schwarze, Frauen und Männer. Zahlreiche Werke nennen im Titel oder im Untertitel, dass sie für die Teilnahme an seinen Projekten bezahlt wurden, und oftmals auch wie viel. (Sierras Website www.santiago-sierra.comist übrigens ein vollständiges Werkverzeichnis und ein zentrales Dokumentationsmedium seiner künstlerischen Praxis. Hier sind alle nötigen Informationen zu den einzelnen Projekten öffentlich zugänglich.) Sierras Bezahlung ist meist so gering, wie die Personen bereit sind zu akzeptieren. Warum, macht wohl keine Arbeit so deutlich wie PERSON SAYING A PHRASE. Sierra lässt auf einer Birminghamer Straße einen Mann, der vermutlich obdachlos, jedenfalls arm ist, einen Satz nachsprechen, den der Künstler ihm vor laufender Kamera selbst diktiert: „My participation in this piece could generate seventy-two thousand dollars profit, I am paid five pounds.“ Sierra spricht das Ausbeutungsverhältnis im Inneren seines Werkes selbst aus, bzw. lässt es aussprechen.

Die Differenz zwischen den beiden Summen ist eklatant, die Nötigung des Mannes, diese Wahrheit zu sagen, ist es auch. Am Ende der einminütigen Videoaufzeichnung scheint er entsprechend konsterniert, zuvor offenbar nicht wissend, welchen Satz er gegen fünf Pfund zu sagen haben würde. Sierras Aktion gleicht in ihrer Form den Kurzbefragungen und Überrumpelungen von Menschen auf der Straße, die ein fester Bestandteil zahlreicher Fernsehformate sind. Und sie ist ein performativer Akt der Ausbeutung, der nur möglich ist aufgrund einer kapitalistischen Wertschöpfungskette, in welcher sich der erzielte Endpreis eines Produktes – hier eines Kunstwerkes von Sierra – von der realen Investition in dieses Produkt vollständig entkoppeln lässt und eine gerechte Aufteilung des Erlöses zwischen den an der Produktion beteiligten Akteuren nicht vorgesehen ist. Sierra zeigt sich hier selbst in der Rolle des Ausbeutenden und kommentiert: „Was in der Welt der Kunst erlaubt ist, deckt sich natürlich mit dem, was in der Welt des Kapitalismus erlaubt ist. Wir teilen uns ein und dieselbe Wirklichkeit.“ Da Sierra jedoch den gleichen Satz ausspricht wie sein Gegenüber, lässt die Spiegelung der beiden Aussagen mindestens symbolisch offen, ob nicht auch Sierra für seine Teilnahme an der Arbeit nur fünf Pfund erhält, oder zumindest seinerseits in einem Ausbeutungsverhältnis steht.

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Wenn weite Teile des Werkes Santiago Sierras von zweifelhafter Moralität sind, so hat die Kritik daran diesen Umstand in der Vergangenheit meist unzureichend durchdacht, und hat insbesondere die für dieses Werk so entscheidende Bezugnahme auf Verfahren des Minimalismus verkürzt dargestellt. Sofern sich diese Kritik ablehnend äußerte, reichte sie vom Konstatieren einer nihilistischen Haltung, die nichts anderes weiß als die sozialen Grausamkeiten zu wiederholen, an denen sie selbst nichts ändern kann, bis zum Vorwurf des blanken Zynismus auf Seiten des Künstlers, aus dieser Grausamkeit zum Schaden anderer Profit zu schlagen. Es gilt aber, zunächst vier Dinge zu verstehen:

Die Zahlung niedriger Löhne zum Ziele der Profitmaximierung, die soziale Deklassierung, Verdrängung und Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsteile und dergleichen mehr sind weitläufig standardisierte Alltagspraxen. Sierras Vorgehen unterscheidet sich von den gesellschaftlichen Prozessen, die es strukturell appropriiert, allein dadurch, das es sie komprimiert wiedergibt, und dies als Kunst.

Wenn es als ein „Skandal“ angesehen wird, gewisse Realitäten ohne doppelten Boden und ohne jede moralische Kommentierung der Öffentlichkeit „als Kunst“ vorzusetzen, kann das nur bedeuten, dass deren Wiedergabe im Reich der Ästhetik und innerhalb kultureller Institutionen als illegitim angesehen wird, während sie ansonsten als Norm nicht nur hingenommen, sondern ja allgemein anerkannt und als gesellschaftlicher Standard praktiziert werden. Nur dass man solche Standards in der Regel nicht unmittelbar sieht, und zwar gerade deshalb, weil sie für viele weitgehend nur als abstrakte Anordnungen des Sozialen wahrnehmbar sind, nicht als greifbare Lebenswirklichkeit. Im Falle des Geldes handelt es sich zudem und eine Abstraktion per se.

Santiago Sierras Praxis ist allem voran eine dokumentarische. Er registriert reale Vorgänge und hält sie in geeigneten Darstellungs- und Speichermedien fest. Er ist Kellner, nicht Koch. Dass etwa Menschen bereit sind, sich gegen geringe Bezahlung in erniedrigende Situationen zu begeben, belegt nicht Sierras Skrupellosigkeit, sondern dass diese Menschen offensichtlich bereit sind, sich für Geld erniedrigen zu lassen und dies nicht erst im Auftrag Sierras tun, sondern oftmals tagtäglich, was gewiss auf die gesellschaftlichen Umstände zurückzuführen ist, in denen sie leben, und nicht auf ihren Masochismus.

Dass die Mitspieler in Sierras Projekten diese selbst als unfair, ausbeuterisch oder belastend empfinden, ist eine Unterstellung, die zumindest überprüft werden müsste. In der Zusammenarbeit mit Kriegsveteranen, die sich im Auftrag Sierras für mehrere Stunden und Tage schamhaft in die Ecke eines Kunstraumes stellten, erlebte ich es genau umgekehrt. Zitat: „Ich bin Sierra dankbar für diese Möglichkeit. Denn das ist ja mein Leben. Normalerweise interessiert sich nur niemand dafür. Das hier gibt mir die Gelegenheit, einmal aus dieser Unsichtbar herauszutreten.“ Und ein anderer sagte: „Das ist doch eine Wahrheit. Wir schämen uns doch. Ich finde es völlig richtig, dazu auch zu stehen, auch wenn das schwierig ist.“ Mit diesen Aussagen will ich nicht behaupten, es gäbe immer eine Identifikation der Akteure mit den ausgeführten Handlungen, und selbst dann wäre fraglich, wie weit sie mit dem Kontext vertraut sind, in dem sie diese vollziehen. Man unterschätzt aber ggf. das Bewusstsein der Akteure über ihre eigene Situation und auch ihre Solidarität mit Sierras Versuch, sie zu artikulieren.

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Richard Rorty geriet mit Habermas in eine lange währende Auseinandersetzung darüber, ob sich die Universalität der Menschenrechte auf eine letztlich essentialistische Weise würden rechtfertigen lassen, was Rorty in Habermas’ Rekurs auf eine „ideale Kommunikationssituation“ gegeben sah, die er für illusorisch hielt. Rorty hingegen bezog eine für viele schwer akzeptierbare Position, die später auch von Chantal Mouffe gestützt wurde: Die Menschenrechte lassen sich durch nichts rechtfertigen, sie sind nicht mehr und nicht weniger als eine Weise, wie Menschen ihren Umgang miteinander gemeinsam abstimmen, dabei die Auffassung teilen, dass Grausamkeiten jeder Art das Schlimmste sind, was Menschen Menschen antun können, und sich also dazu verabreden, sie zu vermeiden. Die ganze übrige politische und kulturelle Debatte über die Menschenrechte kann dann nur noch darum geführt werden, was wir für grausam halten und was nicht, wer „wir“ sind und wie sich dieses Wir auf Personenkreise ausweiten lässt, die die Sache heute anders sehen.

Rorty delegierte damit die moralische Übereinkunft zwischen Menschen, ihrem Zusammenleben eine bestimmte Form zu geben, radikal an diese Menschen selbst und weigerte sich, dafür Hilfestellung von irgendeiner anderen normativen Instanz zu verlangen, zum Beispiel der Vernunft. Den Glauben daran, Menschen trügen etwas tief in sich, dass sie von Natur aus zum guten und gerechten Handeln befähige, wies Rorty mit der – programmatisch anti-essentialistischen – Bemerkung zurück: „There is nothing deep inside us except what we have put there ourselves.“[4] Nicht in transzendentalen Rechten, sondern in der Literatur – und ich weite hier sein Argument auf alle Künste aus – sah er infolge das beste Instrument, um Menschen die Kämpfe und Leiden anderer nahezubringen und ihnen Grausamkeit so unerträglich zu machen, dass deren Vermeidung ihnen wirklich etwas bedeutet. Sich während der Rezeption eines Werkes in Perspektiven einzudenken, die gar nicht die eigenen sind, sich mit fremden Schicksalen zu solidarisieren, Empathie zu empfinden für Leute, die man vielleicht gar nicht versteht, erschien Rorty weitaus bedeutender für das humanistischeProjekt als philosophische Begründungsversuche einer universalen Ethik.

Diese Position deckt sich in meinen Augen vollständig mit der ethischen Haltung, die Santiago Sierras Werk einnimmt, und mit der Weise, wie diese Haltung ihre Form findet. Sierra verweigert es, irgendeine moralische Haltung zu den Ereignissen vorzugeben oder auch nur zu suggerieren, die er künstlerisch aufruft. Dabei macht er sich einen Kerngedanken des Minimalismus zu eigen, wonach die Bedeutung eines Werkes nicht in diesem selbst zu finden sei, sondern durch die Eigenleistung von Betrachtern in dieses hineingelegt werde. Sierra politisiert diese aktive Betrachterposition indes drastisch: Indem er seine eigene Praxis moralisch entleert, delegiert er die Einschätzung von deren Moralität an die Rezipienten. Das Publikum seiner Aktionen, Skulpturen, Filme und Fotografien sieht sich mit Grausamkeiten konfrontiert, die es in der Regel nicht selber erleiden muss, zumindest nicht gerade jetzt, und deren ethische Rechtfertigung es oftmals als hoch fragwürdig empfinden muss. Es gerät dabei fast zwangsläufig mit dem Werk in Konflikt, empfindet es vielleicht als feindselig und neigt dazu, spontan und leidenschaftlich Position für ihm sonst eher fern stehende Individuen zu beziehen oder bestimmte soziale und ökonomische Vorgänge abzulehnen, die ihm üblicherweise weniger aufstoßen. Was zunächst wie eine künstlerische Provokation erscheinen kann, zielt letztlich frontal auf die Konstruktion einer emanzipierten Betrachterposition und die Verhandlung dessen, was wir für moralisch vertretbar halten und was nicht.[5]

Sierras künstlerische Gesellschaftskritik vollzieht sich somit nicht als Darbietung einer kritischen und auch nicht einer zynischen Haltung des Künstlers oder seiner Kunst, sondern als Nötigung des Kunstpublikums, die Ausbeutung, Unterdrückung und Beschämung von Menschen, die Sierra in Museen, Galerien und auf Biennalen real initiiert, als einen Konflikt zu empfinden, der den Schein sozialer Harmonie zerbricht und jene Verhandlung unterschiedlicher ethischer Maßstäbe fordert, die heute immer weniger möglich scheint und doch den Kern des Politischen ausmacht. Dafür wählt Sierra gerade nicht den klassischen, üblichen Weg der Abstraktion als einen Weg vom Konkreten zum Allgemeinen, von einem gegebenen Menschen oder Material zu einer diesem übergeordneten Formel. Er nimmt statt dessen den umgekehrten Weg von real existierenden Abstraktionen inmitten der gesellschaftlichen Normalität und schließt sie kurz mit einem konkreten Körper und seinen Emotionen, mit einem realen Leben und seiner Zeit, mit einer spezifischen Herkunft und ihren Folgen.

Sierra betrachtet soziale Gewalt nicht als Abkehr von dem, was gesellschaftlich opportun ist, sondern als Ausdruck der von uns mitgetragenen normativen Herrschafts- und Wirtschaftsformen: Kapitalismus und Liberalismus. Er solidarisiert sich mit denen, die heute wahlweise als Effizienz- oder als Störfaktoren berechnet werden, und fordert die Anerkennung der Gefühle und der (verlorenen) Kämpfe der Menschen, die unsere eigenen wirtschaftlichen und politischen Ordnungen in eben jene beschämende Lage bringen, die Sierra uns als solche präsentiert. Jedoch verweigert er seinem Publikum die Absolution durch eine kritische Kunst, die repressive Verhältnisse aufklärerisch denunzieren, aber nicht ändern kann. Er unterbricht damit auch den Selbstbetrug der Kunstszene, die gerne glaubt, über einen Ort zu verfügen, der über diese Verhältnisse erhaben sei.

Sofern Sierras Kunst grausam ist, ist sie es, weil Abstraktionen grausam sind, sobald sie Subjekte erfassen und kontrollieren oder gleich negieren. Und da der Kunst jede Macht fehlt, Praxen sozialer Grausamkeit zu unterbinden, bleibt ihr nach Sierra doch, ihren eigenen ästhetischen Formalismus mit der sanktionierten Barbarei gemein zu machen und Dritten eine Chance zu geben, sich davon zu distanzieren.

Alexander Koch, Juni 2013

Erschienen in: Vlado Velko (Hg.), Public Abstraction, Arnsberg/ Köln 2015

[1] Vergl. Richard Rorty, „Contingency, Irony, and Solidarity“, Cambridge University Press, Cambridge 1989, S. 3 ff.

[2] Edward Grippe, „Richard Rorty (1931–2007)“, Internet Encyclopedia of Philosophy (http://www.iep.utm.edu/rorty/).

[3] Zitiert nach Gabriele Mackert und Gerald Matt, „Santiago Sierra“. Kunsthalle Wien project space, Wien: Kunsthalle Wien, 2002.

[4] Richard Rorty, “Consequences of Pragmatism”, University of Minnesota Press, Minneapolis 1982.

[5] Claire Bishop hat Sierra (wie auch Thomas Hirschhorn) daher als Schlüsselfigur eines politisch, ja im eigentlichen Sinne demokratischgewendeten Begriffs relationaler Ästhetik diskutiert. In unmissverständlicher Abgrenzung von Nicolas Bourriauds weichgespülter Vorstellung von sozialer Interaktion stellte Bishop mit Blick auf Mouffe und Laclau klar, dass nicht Konsens und Harmonie die Prinzipien einer demokratischen Gesellschaftsordnung bilden, sondern die Auffassung, dass viele unserer Ansichten unvereinbar sind und diese Unvereinbarkeit gleichwohl legitim ist. Sierra, so Bishop, mache relationale Antagonismen sichtbar, die der Schein sozialer Harmonie unterdrücke, und schaffe damit eine konkrete Ausgangsbasis dafür, unser Verhältnis zur Welt und zu uns selbst neu zu überdenken. Vgl. Claire Bishop, „Antagonism and Relational Aesthetics“, October 110 (Herbst 2004), S. 51–79.

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Wels statt Buddha. Michael E. Smiths Materialismus der Grundbedürfnisse

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Besser draußen als drinnen? Eine Frage der Reform

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2013

Dignity. Barbara Hammer

Das Lebenswerk der 1939 in Hollywood geborenen Experimentalfilmerin, Dokumentaristin und bildenden Künstlerin Barbara Hammer hat die Geschichte des Queer Cinema mitgeschrieben. Seit 1968 hat die erste lesbische Filmaktivistin über 80 Produktionen mit dezidiert feministischer Perspektive vorgelegt.

Zeigte unsere erste Ausstellung von Barbara Hammer 2011 vor allem ihren Beitrag zur (Selbst-)Repräsentation lesbischer Liebe und Sexualität in den Siebzigerjahren, konzentrieren wir uns nun auf einen Parallelstrang ihres Schaffens seit Mitte der Achtzigerjahre: Die Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod.

Im Zentrum der gemeinsam mit der Künstlerin entwickelten Ausstellung steht „Sanctus“ (1990). Hammer verwendet Röntgenfilmaufnahmen, die Dr. James Sibley Watson in den Fünfzigerjahren herstellte, indem er Körper in Bewegungen … weiterlesen

2012

Tobias Zielony. Manitoba

Von 1874 bis 1996 führte der kanadische Staat mit kirchlicher Unterstützung sogenannte Residential Schools – Internate zur Umerziehung der kanadischen Ureinwohner. Rund 250.000 Kinder wurden in dieser Zeit gewaltsam aus ihren Familien gerissen, von der indigenen Kultur abgeschnitten und zu „guten Christen“ umerzogen.

Man verbot ihnen die Muttersprachen, sexueller Missbrauch und Zwangssterilisation waren üblich, mehr als 50.000 Kinder starben. Jüngste Funde von Kindermassengräbern wurden nicht oder nur zaghaft untersucht. Zwar entschuldigten sich die kanadische Regierung 2008 und der Vatikan 2009 für das Umerziehungsprogramm, den systematischen Genozid an der indigenen Bevölkerung – u.a. durch tödliche Impfprogramme – leugnen sie aber.

Die Jugendlichen, die Tobias Zielony seit 2008 in der … weiterlesen

2011

Schmutz, der die Sonne fängt. Chris Martins sozialer Horizont einer spirituellen Abstraktion

Malerei und Buddhismus sind gute Kumpel. Wenn sie durch New Yorker Galerien und Kneipen ziehen, sinniert Malerei regelmäßig über den Unterschied zwischen guten und schlechten Bildern – und Buddhismus entgegnet mit alten tibetischen Weisheiten, an denen Malereis Ambitionen abperlen wie der Regen an den Ölflecken auf dem Asphalt. Dreck knirscht unter ihren Schuhen, wenn Chris Martin Malerei und Buddhismus durch die Straßen von Chelsea schickt. Und während die beiden in seinem Artikel „Buddhism, Landscape and the absolute Truth about Abstract Painting“ für die Zeitschrift Brooklyn Rail launig über das Wesen der Kunst streiten, mischen sich ihre Alkoholfahnen unter den fauligen, süßlichen Geruch des nächtlichen Manhattan.

Malerei und Buddhismus – ebenso wie Abstraktion und Spiritualität – erscheinen in Martins Artikel und auch in seinem … weiterlesen

2011

General Strike. Grundlagen zu Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs

Das Interesse an Künstlerinnen und Künstlern, die sich von der Kunst abwandten und ihre Praxis aufgaben, ist relativ neu. Als ich 2002 eine Ausstellung zu Gesten des Verschwindens konzipierte (1), die u.a. Lee Lozano und Arthur Cravan zeigte, stießen die meisten meiner theoretischen und historischen Recherchen ins Leere. Zwar fanden sich biografische Einzeltexte zu Künstlern, systematischere Darstellungen zu künstlerischen Rückzugsbewegungen aber nicht. Sie waren, wie es schien, ein ungeschriebenes Kapitel der Kunstgeschichte. So wurde es notwendig, den Topos des Ausstiegs aus der Kunst theoretisch und historiografisch erst einmal zu begründen. Im Folgenden führe ich die Argumente verschiedener, zwischen 2005 und 2008 von mir verfasster und veröffentlichter Texte (2) zusammen, um eine Begriffsbestimmung vorzunehmen und Konsequenzen daraus abzuleiten. Diese Bestimmung hat den Anspruch … weiterlesen

2011

Die kommende Übernahme. Für eine Entkoppelung von kulturpolitischer Definitionsmacht und Kulturadministration

Im politischen Selbstverständnis Europas und insbesondere Deutschlands ist Kultur als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstbestimmung historisch verankert. Heute, in unseren neoliberal gewendeten Demokratien, lässt sich indes der emanzipatorische Charakter kultureller Produktion für die Selbstbestimmung demokratischer Gemeinwesen immer schwerer erkennen.

Währenddessen verhalten wir KulturproduzentInnen uns gegenüber der Kulturpolitik nur reaktiv. Die politische Administration setzt die Parameter – wir kritisieren sie. Wir müssen uns fragen, ob das die richtige Haltung für eine Teilnahme an der kulturpolitischen Diskussion ist.

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2011

Option Lots. Eine Recherche von Brandlhuber+

Manchmal ist ein Leerraum beredter als seine Umhüllung, zeugt eine bauliche von einer systemischen Lücke. Im Umkreis weniger hundert Meter rings um sein Architekturbüro in der Brunnenstrasse 9 in Berlin Mitte registrierte Arno Brandlhuber jüngst 58 Hohlräume zwischen Gebäuden, 7.635 m3 Volumen auf zusammen 404 m2 Grundfläche. 58 schmale, oft keilförmig zulaufenden Stücke unbebautes Land mit durchschnittlichen Längen um die zehn und Breiten zwischen 0,4 und 2,5 Metern, nicht unähnlich den „Fake Estates“ von Gordon Matta-Clark. Der amerikanische Künstler ersteigerte 1973/74 fünfzehn meist kaum einen Meter breite Grundstückstreifen in New York City, die durch Ungenauigkeiten bei der Landvermessung und Stadtplanung entstanden waren. Der Form nach vergleichbar, verdanken sich die Berliner „Fake Estates“ indes Erich Honecker.

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2009

Franz Erhard Walthers Partizipatorischer Minimalismus

Zwischen 1963 bis 1969 entwarf Franz Erhard Walther die 58 Objekte seines 1. Werksatzes, der zu einem Klassiker der deutschen Nachkriegskunst wurde. Er passte in die »Bonner Republik«. Kaum 20 Jahre nach dem Ende des Faschismus war in Deutschland der Wunsch nach neuen, progressiven und zugleich unaufdringlichen Symbolen der Verständigung und des Gemeinsinns groß. Der 1. Werksatz bot sie. Zugleich fand er Anerkennung in den Augen internationaler Avantgarden, vor allem in den USA. Bereits 1969 zeigte ihn das Museum of Modern Art, 1972 Szeemanns Documenta 5. So konnte Walthers 1. Werksatz eine der künstlerischen Insignien für ein neues, ein demokratisches und weltoffenes deutsches Selbstbild werden.

Darin glich Walthers Rolle der von Beuys. Aber Beuys war eine andere Generation. Der Schamane aus Düsseldorf stellte sich – fußend auf alten, heroischen Künstlerbildern und einem … weiterlesen

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

2008

Unterlassenkreativität oder Was tut das künstlerische Nichttun, was das künstlerische Tun nicht tut?

Erschienen in:
Barbara Gronau, Alice Lagaay (Hgg.):
Performanzen des Nichttuns, Passagen Verlag, Wien 2008

Diesen für mich wichtigen Text habe ich nicht mehr vorliegen.

2006

Archiver la disparition. Eclipsés, redécouverts: Que résulte-t-il de la mise en lumière de la disparition ?

Je me propose ici de répondre à cette question en trois temps. Le texte qui suit comporte donc trois parties, la première étant plus personnelle, la seconde plus systématique, au cours de laquelle je proposerai une terminologie constitutive du Kunstausstieg, qui signifie le retrait de l’art. Dans la troisième partie, je présenterai quelques contradictions que je vois poindre dès lors qu’on aborde la question de savoir comment nous pourrions appréhender un phénomène obscurci par le fait même des disparitions. Laissez-moid’abord proposer une introduction personnelle sur mon travail au sujet de ce que j’appelle le Kunstausstieg. Kunstausstieg — mot que la langue allemande permet d’inventer — signifie quitter l’art/ se retirer de l’art/sortir de ou abandonner l’art. Et j’appelle la personne qui agit ainsi le Kunstaussteiger. Nous reviendrons plus tard sur cette terminologie. … weiterlesen

2005

Le prêt à porter de l’image. Anmerkungen zur Genese der Leipziger und Dresdner Erfolgsmalerei

Mit dem Fall der Mauer begann der Umbau des Kunstfeldes im Osten Deutschlands. Ikonographische, formalästhetische, wie auch soziale, ökonomische und institutionelle Regelwerke, die sich nach 1945 unter den Rahmenbedingungen einer sozialistischen Kulturagenda herausgebildet und die Kunstproduktion bis ans Ende der 80er Jahre mitgetragen hatten, waren perdu.

Von internationalen Entwicklungen weitgehend abgeschirmt und ohne Teilnahme an den intellektuellen Debatten des Feldes, hatte sich zwischen „Lust und Last"[1] eine eher introvertierte kulturelle Binnenlandschaft mit einem der älteren Moderne verpflichteten – somit vor staatssozialistischen Anfeindungen gefeiten – Traditionsgerüst entwickelt.

Anfang der 90er Jahre sollte sich zügig der Abgleich zwischen dem je lokalen Status quo und den internationalen, westlichen Standards des Kunstmarktes, des Ausstellungswesens, der … weiterlesen

2002/2004

Hoppla! Wir sind Olympia? Künstlerische Strategie in kuratorischer Praxis oder Warum wir keine Ausstellungsbegriffe haben

Unsere Kuratorenausstellungen haben sich angewöhnt, als erzählerisch-didaktische Themenblöcke aufzutreten, in denen über Gott und die Welt gesprochen wird. Von sich selbst zu sprechen, vermeiden sie weitgehend. Teils zu Recht. Dabei unterlassen sie es aber auch, die Chance wahrzunehmen, sich als zeitgenössische Medien zu emanzipieren. In dem gleichen Maße, wie die Kuratorenschaft sich scheut, die Reflexion der Parameter, die konstitutiv sind für die je spezifische Verfasstheit ihrer Ausstellungen, offensiv und explizit zum Gegenstand von deren jeweiliger Argumentation zu machen, trägt sie dazu bei, dass eine angemessene Ausdifferenzierung von Praktiken und Begrifflichkeiten ausbleibt, die der neuen gesellschaftlichen Rolle der Ausstellungsmacherei Rechnung trüge. Einer der Gründe dafür liegt in falschen Berührungsängsten und Unterscheidungen, die noch immer in dem Verhältnis von … weiterlesen

2004

Das Geheimnis des Pradastrumpfs. Notiz zur Ökonomisierung der Sichtbarkeit

Stef Burghards künstlerische Haltung korrespondiert – wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen, deren Praxis sich ab Mitte der 90er zu formulieren begann – mit einem Denken, das der Analyse der ökonomischen und institutionellen Parameter künstlerischen Arbeitens verpflichtet ist. Eine Haltung, die es gelernt hat, auch die eigene Künstlerrolle in diesem Zusammenhang zumindest von einer theoretischen Warte aus erneut mit Skepsis zu betrachten und ihre aktuellen Implikationen zu überprüfen. Nicht selten stellte sich heraus, dass der dabei formulierte Anspruch, System- und Selbstkritik zu den Grundlagen des eigenen Handelns zu machen, und das Verlangen, Kunst dennoch als eine persönliche Handlungsperspektive weiterhin zu bejahen, soweit auseinander brachen, dass der verbleibende Spielraum im zeitgenössischen Diskursklima eng wurde.

So zog Burghard es bisweilen vor, auf den eigenen … weiterlesen

Eröffnungsrede des Symposiums 1998

In den Falten der Kunst. Kunst und Interkontextualität

In den Falten der Kunst Eröffnungsrede

Ich begrüße Sie zu schau-vogel-schau. Zu diesem Projekt, das von Marcel Bühler und mir konzipiert wurde, gehört nicht nur das Symposium, das nun beginnt, sondern auch der Arbeitsprozess, der uns und Sie hierhergeführt hat und den wir weiterführen werden bis zur Herausgabe einer Publikation.

Dieser Prozess begann damit, dass wir uns die ebenso einfache wie selbstverständliche Frage stellten, was wir als junge Künstler heute unter Kunst und unter künstlerischer Arbeit verstehen wollen. Wir haben die Verfolgung dieser Frage zum Ausgangspunkt dieses Projektes gemacht. In dessen Verlauf wurde sie zu der Frage nach der interkontextuellen künstlerischen Kompetenz, die wir heute an die von uns eingeladenen Referenten und an Sie im Publikum weitergeben.

Was diese Frage alles einschließt, was genau sie meint, das … weiterlesen