Michael Clegg und Martin Guttmann verfolgen demgegenüber seit den frühen 1980er Jahren einen analytischen Ansatz, für den die poststrukturalistische Soziologie und spezifische historische Themen zentral sind. Sie zeigen skulpturale und installative Arbeiten, die dem Tun und dem Denken Regularien vorgeben, wie mit ihnen zu verfahren ist – um uns dann in der Erfahrung des Werkes unerwartete Zwänge und Disruptionen erleben zu lassen. Cognitive Exercise III: Continuous drawing / Exquisite Corpse (2006) ist ein Turm aus fünf schwarzen Kuben, die sich einzeln drehen lassen und dazu einladen, sie mit Kreide zu bemalen. Das soziale Miteinander in einem kreativen Prozess zeitigt Ergebnisse, die sich jeder Planung und Kontrolle entziehen. Humiliation II (2019) greift ein Folter- und Reglementierungsinstrument auf, das im Mittelalter populär war. Insbesondere wenn Frauen in den Augen von Männern zu viel stritten oder plauderten, zwangen letztere erstere in eine Art Holzfass, um ihren Disput dort auszutragen. Das Objekt bietet sich an, eben jene Position der Aushandlung in einem skulpturalen Regime selbst einzunehmen. Ein Arrangement aus Schlagzeug und Metronom, Cognitive Exercise No. B2: Syncopating with the machine beat (2006), nötigen das Subjekt, den individuellen Ausdruckswillen einer maschinellen Logik anzupassen.
Auch Clegg & Guttmanns fotografische Portraits sind Instrumente, mit denen die Künstler sich und ihr Gegenüber in Regelwerke einbinden, die zu Akzeptanz oder Dissens, Kollaboration oder Zurückweisung führen. Jedes Portrait beruht auf Spielregeln, die das Verhalten der Beteiligten bei der Entstehung der Fotografie steuern und im Werk selbst wirksam sind. So bei den Rejected Commissions (1980er): Es sind Auftragsarbeiten, deren Auftraggeber – zum Beispiel Klaus Wowereit, Allegory of Government (2011) – sich in Szene setzen, aber erst im Nachhinein entscheiden, ob sie ihr Abbild mögen und kaufen oder nicht. Wowereit kaufte nicht. Bei den Collaboration Portraits hingegen arbeiten die Fotografen mit ihrem Modell zusammen. So entstand 1993 Cardinal Red in Kollaboration mit Franz Erhard Walther, der für die Aufnahme seine eigene Arbeit Roter Wechselgesangaktivierte. Anschließend gab Walther die Arbeit Clegg & Guttmann und bekam im Tausch das Foto. In ihren neuesten Fotografien, den Projection Portraits von 2019, kontaminieren projizierte Bilder die Körper und Gesichter der portraitierten Personen. Sie deformieren deren Darstellung, machen die Repräsentation zu einer Anomalie des Selbst, zu einer Schlitterpartie der sozialen Rollenzuschreibung und der psychologischen Spekulation.
Mit der Balance zwischen Selbstbestimmung und den Tücken der Interaktion ist das also so eine Sache. Die Regime von Identität und Repräsentation, von Selbstausdruck und Fremdbestimmung legen manche Schlingen um den Hals und die Gedanken des Subjekts, sie können aber auch Mittel sein, um sich aus solchen Schlingen zu befreien. Während Franz Erhard Walther das Augenmerk darauf legt, dass bestimmte Formen der Übereinkunft eine demokratische Gemeinschaft zusammenhalten, in der jeder seine Position erkennen und akzeptieren kann, sehen Clegg & Guttmann das Soziale als unablässig durchzogen vom Tauziehen widerstreitender Kräfte: „Wann immer etwas demokratisch erscheint, muss man die Gewalt suchen, die Menschen dazu bringt, sich in eine Richtung zu bewegen.“