{"id":956,"date":"2019-12-06T17:19:08","date_gmt":"2019-12-06T16:19:08","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=956"},"modified":"2026-02-23T20:08:00","modified_gmt":"2026-02-23T19:08:00","slug":"der-letzte-tag-des-jahres","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/der-letzte-tag-des-jahres\/","title":{"rendered":"Der letzte Tag des Jahres"},"content":{"rendered":"<h2>Leseproben<\/h2>\n<p><strong>Seite 1 ff.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Maria Magdalena starb am letzten Tag des Jahres. Wir kannten uns drei Tage und f\u00fcnf Abende lang, ehe uns eine Welle in den Atlantik riss. Maria ertrank, ich nicht. Das ist jetzt f\u00fcnf Tage her. Gestern ver\u00f6ffentlichte das Staatstheater Wiesbaden eine Pressemitteilung. Eine der radikalsten Theatermacherinnen und Kuratorinnen des Landes sei viel zu fr\u00fch verstorben. Heute fr\u00fch kam eine Nachricht von meiner Mutter. Auch in ihrer Lokalzeitung im Sauerland habe es gestanden. Da habe auch gestanden, ein Mann h\u00e4tte noch versucht, die Frau zu retten. Ob das stimme, fragte sie. Das stimmt nicht, wie nun auch meine Mutter wei\u00df, nachdem wir telefonierten. Ich habe nicht versucht, Dich zu retten. Dazu war keine Zeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Wort Radikal sei da \u00fcbrigens nicht gestanden in dem Artikel, sagte meine Mutter in einem zweiten Telefonat, nachdem ich ihr die ersten S\u00e4tze dieses Textes geschickt hatte, um sie zu fragen, ob ich sie darin vorkommen lassen k\u00f6nne. Sie meinte, wenn man schon im ersten Satz wei\u00df, dass Du tot bist, dann bek\u00e4me ich Probleme mit dem Spannungsbogen. Sie f\u00e4nde es aber gut, dass ich schreibe, meinte sie, das lenke mich ab. Ich fand das unm\u00f6glich und beendete das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit dem Wort Radikal hat sie aber recht. Das stand nicht in dem Artikel. Das stammt von mir. F\u00fcr einen Pressetext w\u00e4re es sicher zu laut und zu anma\u00dfend gewesen. Aber Du warst nun mal laut und anma\u00dfend. Das will nur niemand sagen. Hier haben alle Angst, Maria. Ich jetzt auch. Vor dem Salzgeschmack in der Lunge, vor dem Sog hinaus aufs Meer, und vor all den Alt\u00e4ren in den Kirchen und Museen, die Maria Magdalena zeigen, die den toten Geliebten beweint, wo doch heute ich es bin, der in vertauschten Rollen auf Dich schaut.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>***<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist jetzt vier Jahre her. Vier Jahre, an denen ich an diesem Text gearbeitet habe. An Details. Einige Worte, etwas Satzbau, manchmal fiel mir noch etwas ein, das ich zuvor nicht erinnern konnte. Gelegentlich war ein Absatz verzichtbar. Um mehr zu ver\u00e4ndern, hatte ich nicht viele M\u00f6glichkeiten, weil das, was ich geschrieben habe, mit zu dem geh\u00f6rt, was geschehen ist. Man hat mir immer wieder geraten, ich solle aus dem Material einen Roman machen, aber das geht f\u00fcr mich nicht. Auch Autofiction geht nicht. Nicht, weil ich an Wahrheit oder Authentizit\u00e4t glaube, sondern weil ich mir das alles ja nicht ausgedacht habe und der Text nun einmal so entstanden ist, wie er entstanden ist, teils unter Schock, wie ich heute wei\u00df. Insofern ist er ein Dokument. Die ersten 150 Seiten (mein Manuskript hat 220 Seiten) habe ich in wenigen Tagen zwischen dem 5. und dem 12. Januar geschrieben. Dass ich jetzt eine Art Pr\u00e4ambel schreibe, liegt daran, dass der Icherz\u00e4hler der Geschichte in seiner eigenen Zeit schreibt, in einem Hier und Jetzt, das vergangen ist, und das der Autor der Erz\u00e4hlung, ich, heute nicht mehr zur Verf\u00fcgung hat, w\u00e4hrend ich Ende Dezember mit dem Laptop in einem Caf\u00e9 in Istanbul sitze, wo ich jetzt manchmal lebe, und das Manuskript noch einmal \u00fcberarbeite und nicht so tun kann, als g\u00e4be es mich nicht. Mich, vier Jahre sp\u00e4ter, der sich selbst noch einmal liest als jemanden, f\u00fcr den es damals nur noch Worte gab, w\u00e4hrend es heute f\u00fcr mich wieder eine Welt gibt. Eine Welt allerdings, die jedes Jahr wunder wird und lauter schreit, als Maria und ich es damals h\u00e4tten ahnen k\u00f6nnen, wobei mich das, was nach uns geschah, nicht wirklich \u00fcberrascht hat. Maria h\u00e4tte es wahrscheinlich auch nicht \u00fcberrascht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum Jahresende hin hole ich den Text, der nun folgt, immer wieder hervor und klopfe gegen einige S\u00e4tze, weil ich nerv\u00f6s bin. Auch diesmal. An Sylvester schaue ich regelm\u00e4\u00dfig auf die Uhr. Nicht kurz vor Mitternacht. Den Zeitpunkt kennt jeder, er kommt zuverl\u00e4ssig und auf die Sekunde und man kann ihn kaum verpassen. Mein Zeitpunkt liegt am Nachmittag irgendwo um 16 Uhr. Genau wei\u00df ich das nicht. Das macht es so unangenehm. Es ist nicht so, dass ich darauf warte. Ich wei\u00df nur, dass sich der Zeiger dorthin bewegt, und mein Puls wird dann allm\u00e4hlich schneller, weil mir alles wieder einf\u00e4llt. Und dann brauche ich mein Buch. Um mich zu vergewissern. Es ist noch immer nicht publiziert. Die Verlage, denen ich das Manuskript geschickt habe, wollten es nicht drucken. Es sei schon ganz gut, hat man mitunter gesagt. Nur sei das Genre und damit das Marktsegment nicht klar (Machen Sie doch eine Novelle daraus!), oder, auch nett: W\u00e4ren Sie ber\u00fchmt, w\u00e4re das ein toller Stoff. Auch f\u00fcr einen Film. Aber Sie kennt ja niemand (Was ich \u00fcbertrieben finde, aber sei\u2019s drum). Solange also niemand meine Erz\u00e4hlung lesen kann, weil sie in keiner Buchhandlung liegt, lese ich sie selbst, damit sie da ist. Wird sie gedruckt, kann ich damit aufh\u00f6ren und sie zu den anderen B\u00fcchern ins Regal stellen. Einstweilen beginne ich jedes Jahr wieder von vorne.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p><span style=\"font-family: var(--global--font-secondary); font-size: var(--global--font-size-base);\">Unsere Leben waren \u00e4hnlich, wenn ich auch meines grauer fand. Geld hatten wir beide nicht viel, und was reinkam war gleich wieder fort. Doch hatten wir das Privileg, in der Kunstwelt hierhin und dorthin eingeladen zu werden und gelegentlich am Saum des \u00dcberschwangs mit am Tisch zu sitzen, wenn der Champagner floss. Sie arbeitete wie ich gut und gerne siebzig Stunden die Woche, wobei zu diesen Stunden auch die langen Abende mit K\u00fcnstlerinnen und Intellektuellen z\u00e4hlten, Recherchereisen, oder in Kneipen sitzend an Kulis kauen und Konzepte schreiben. Im Grunde mochte jeder von uns seine Existenz und konnte sich sowieso keine andere vorstellen. Und doch war ich ausgelaugt, wie ich sagte. Ich pendelte seit Jahren als Handlungsreisender zwischen verschiedenen sozialen Welten hin und her, wie es in unserem Beruf \u00fcblich war, ohne je irgendwo wirklich dazuzugeh\u00f6ren oder gar anzukommen. Es konnte vorkommen, dass ich morgens bei einer wohlhabenden Kunstsammlerin brunchte, danach eine Gruppe junger Kurden f\u00fcr ein Buchprojekt \u00fcber Flucht und Vertreibung traf, und abends die letzten M\u00fcnzen in der Hosentasche f\u00fcr ein Bier in der Eckkneipe ausgab. Maria kannte das. Wie ich managte sie jedes Jahr hunderttausende Euro von F\u00f6rdergeldern, durchwanderte die armen und reichen Milieus der gro\u00dfen St\u00e4dte und f\u00fchlte sich manchmal stark, wenn sie mit ihren Fingern einige St\u00fccke aus dem Kuchen des Kapitals pulte, um sie dorthin zu bringen, wo man sie wirklich brauchte, wie wir fanden, ohne selbst viel davon abzubekommen. Es klingt wie ein Klischee, ich wei\u00df. Aber wir lebten so.<\/span><\/p>\n<div>\n<p class=\"p1\">\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"p1\">Jetzt, da wir sprachen, durchquerte ich die Widerspr\u00fcche in mir, die mit der Zeit immer beklemmender geworden waren. T\u00e4glich schoben sich die W\u00e4nde des Kommerzes und die Lebensl\u00fcgen der liberalen Kulturelite, zu der wir selbst z\u00e4hlten, n\u00e4her um mich zusammen und r\u00fcckten dem Glauben an die sozialen Ambitionen auf die Pelle, die ich mit der Kunst stets verbunden hatte. W\u00e4hrend ich nicht sicher war, ob ich nicht l\u00e4ngst selbst in einer Lebensl\u00fcge lebte. Einige Generationen lang war die Kunst f\u00fcr einen Teil der Menschen in den westlichen Gesellschaften eine zweite Heimat gewesen, wo sich freier atmen lie\u00df und wo die Bilder einer humaneren Zukunft geschmiedet wurden, von denen manche im Laufe der Geschichte sogar wahr geworden waren. Doch seit etwa drei\u00dfig Jahren verwaltete der Kulturbetrieb das zunehmend anachronistisch gewordene Phantasma eines sogenannten M\u00f6glichkeitsraumes, dem die M\u00f6glichkeiten ausgingen. Ich erz\u00e4hlte Maria von einem befreundeten K\u00fcnstler, mit dem ich arbeitete und der j\u00fcngst international Beachtung gefunden hatte \u2013 der nun aber nicht mehr weiterwusste. Er hatte vor Wochen einen Vortrag \u00fcber seine Arbeit gehalten, bei dem ich zugegen gewesen war, und sich w\u00e4hrend einer Beschreibung der aktuellen Lage im Nahen Osten j\u00e4h selbst unterbrochen. Er hatte pl\u00f6tzlich minutenlang geschwiegen, geatmet, das irritierte Publikum ohne Regung angesehen und dann schlie\u00dflich, den Tr\u00e4nen nahe, gesagt: Da wo ich herkomme, aus Kurdistan-Irak, werden in wenigen Jahrzehnten keine Menschen mehr leben k\u00f6nnen, so wie an anderen Orten der Welt auch. Der Klimawandel wird sie vertreiben, so wie sie heute schon von den Inseln im Pazifik vertrieben werden, die der Meeresspiegel bereits \u00fcbersp\u00fclt hat. Und Europa macht schon die Grenzen dicht und bewaffnet sich gegen Fremde, weil ein paar Millionen Fl\u00fcchtlinge um ihr Leben rennen. Aber es werden hunderte Millionen sein, die um ihr Leben rennen werden. Und dann hatte er wieder geschwiegen und war still von der B\u00fchne gegangen. Er war kein Einzelfall. Viele meiner Freunde und Kolleginnen hatten ihre Illusionen aufgebraucht und waren, wie ich auch, in Therapie oder nahe dem Burnout. Eine Epidemie der inneren Ersch\u00f6pfung hatte Regisseure und Dramaturgen, Kuratorinnen und T\u00e4nzerinnen, K\u00fcnstlerinnen und Schriftsteller erfasst und lie\u00df sie, w\u00e4hrend sie weitermachten, immer \u00f6fter mit leeren Blicken in der Gegend stehen. Die Politik lie\u00df uns verzweifeln, der Populismus machte uns fassungslos und unsere privaten Beziehungen trugen uns nirgends dauerhaft hin.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"p1\">\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"p1\">Mir war nach Besinnung. Ich wusste nur nicht, worauf mich besinnen. Als der Zug in Berlin einfuhr und sich die Fenster mit der Stadtkulisse f\u00fcllten, sagte ich zu Maria: Wei\u00dft Du \u2013 seit zwei Jahren h\u00f6re ich keine Musik mehr. Fr\u00fcher habe ich dauernd Musik geh\u00f6rt. Aber heute kommt es nicht mehr dazu. Ich wei\u00df nicht mehr, welche. Dann musst Du mich besuchen kommen, stellte Maria munter fest. Bei mir l\u00e4uft immer Musik. Und zwar gute Musik! Ich nahm sie beim Wort. Aber zun\u00e4chst flog sie nach Athen. Sie hatte in Kerameikos eine Wohnung gemietet, was meinen Neid erweckte. Liebte ich doch Athen und hatte es mir j\u00fcngst aus dem Kopf schlagen m\u00fcssen, dort zu \u00fcberwintern. Ich schrieb ihr in den n\u00e4chsten Wochen ein paar Nachrichten \u00fcber Facebook, sie antwortete gelegentlich, st\u00e4ndig flog einer von uns irgendwohin zu einer Ausstellung, einem Festival, einem Symposium, unser \u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck war eine Katastrophe. Aber wir k\u00e4mpften ja f\u00fcr die gute Sache, wie wir uns entgegen unserer Zweifel noch gerne erz\u00e4hlten, so wie alle im Kulturbetrieb, die an der Frontlinie einer Bewegung zu handeln glauben, die von einer gerechteren Welt tr\u00e4umt. Und Flugzeuge waren nun einmal die Pferde unserer Kavallerie. Ein paar Tausend Kilometer sp\u00e4ter lud mich Maria zum Essen ein. Sie war zur\u00fcck in Berlin. Es war der erste Dezember.<\/p>\n<\/div>\n<h2 style=\"font-weight: 400;\">Die jungen Architekten<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Seite 61 ff.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir marschierten weiter und erreichten eine Stelle, an der die Wellenzungen besonders bizarre Sandsteinreliefs in den Steilhang gewaschen hatten. Wir schauten empor zu einer Art hervorstehender Balustrade, die wie ein langer Naturbalkon hoch \u00fcber unseren K\u00f6pfen aufragte und an deren oberster Kante filigrane Ornamente ein Gel\u00e4nder andeuteten, das w\u00e4hrend des Jugendstil ein Designer auf LSD h\u00e4tte entworfen haben k\u00f6nnen. Bleib mal stehen, sagte ich. Genau da wo Du jetzt stehst hat Antoni Gaud\u00ed zum ersten Mal die Idee gehabt, diese sonderbar rundgelutschten Architekturen zu bauen, f\u00fcr die er dann ber\u00fchmt wurde. Obwohl \u2013 da wo Du stehst, da standen seine beiden Kinder, er stand etwas weiter links und zeichnete die Balustrade ab. Kennst Du den Park G\u00fcell in Barcelona? Da gibt es diese Terrassenkonstruktion, die eine k\u00fcnstliche H\u00f6hlenarchitektur \u00fcberw\u00f6lbt. Und oben an den R\u00e4ndern bilden diese bunten, etwas kitschigen Kachelornamente eine gel\u00e4nderartige Mauer. Sieht fast so aus wie hier. Und wei\u00dft Du, warum? Der Park G\u00fcell geht auf die Zeichnungen zur\u00fcck, die er hier gemacht hat. Ist alles nur aus der Natur geklaut. Und die Kinder haben gen\u00f6rgelt, weil sie weiterwollten und nicht l\u00e4nger auf den zeichnenden Vater warten, sagte Maria. Wie alt waren die beiden noch? Acht und zw\u00f6lf, sagte ich. Und wie hie\u00dfen die? Peter und Ludwig, sagte ich. Die Familie seiner Frau kam ja urspr\u00fcnglich aus Dortmund. Sie hie\u00df Lisa. Ja, sagte Maria. Die hatte doch diesen aristokratischen Hintergrund und eigentlich die Kohle, oder? Lass uns dahinten noch um die Felsnase rumgehen, und dann laufen wir langsam zur\u00fcck, ja? Hinter vielen dieser Leute, sprach ich im Gehen weiter, die es schon jung weit brachten, standen in Wahrheit verm\u00f6gende und starke Frauen. Auch die ganze Idee mit der Romantik und den H\u00f6hlen stammt eigentlich von Frau Gaud\u00ed, geborene Halberst\u00e4dt. Sie hatte halt mehr Kultur als er, sagte Maria und h\u00fcpfte \u00fcber einen Felsspalt. War doch nett von ihr, dass sie ihm half. Au\u00dfer bei der Sagrada Fam\u00edlia, sagte ich und h\u00fcpfte hinterher. Da stieg Lisa aus. Die ist viel zu gro\u00df, Antonin, hat sie immer wieder zu ihm gesagt. Das Ding wird niemals fertig. Nimm doch wenigstens ein paar dieser T\u00fcrme weg! Aber nein, er musste auch noch einen Weihnachtsbaum mitten auf die Br\u00fccke zwischen den T\u00fcrmen bauen. Sie fand das alles aberwitzig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann begann sie diese Aff\u00e4re mit dem 19j\u00e4hrigen Hundertwasser, fuhr ich fort, was zu einer architekturgeschichtlichen Katastrophe f\u00fchrte. Jetzt konnte Maria nicht mehr an sich halten, ich auch nicht. Wir brachen in schallendes Lachen aus und hielten uns die B\u00e4uche. Wir warfen uns schalkhafte Blicke zu, dann machte Maria weiter: Sie brannte mit Hundertwasser einen Sommer lang nach Rum\u00e4nien durch, w\u00e4hrend ihr Mann an der Sagrada Fam\u00edlia baute. Hundertwasser hatte ja diese rum\u00e4nischen Wurzeln und sie auch. Sie suchten nach alten Familienspuren; und sie mochte ihn. Er war blutjung. Ja, sagte ich, am Ende war er ihr dann aber doch zu dumm. Versuchte dauernd, ihren Gatten zu imitieren, anstatt sich selber was auszudenken. Sie hatte noch einige andere Liebhaber, wusste Maria, und ihre sp\u00e4ten Jahre verbrachte sie auf ihrem Landsitz bei Barcelona, wo sie diesen ber\u00fchmten Rosengarten anlegte. Kennst Du den? Ja, die Rosen, sagte ich. Hast Du diesen schrecklichen Bahnhof von Hundertwasser mal gesehen?, fragte Maria und fegte mit den Turnschuhen durch Gestr\u00fcpp, das trocken am Boden lag. Irgendwo in dieser kleinen deutschen Stadt, Peine oder Uelzen? Ich guckte sie zweifelnd an. Uelzen? In Echt? Ist wahr!, sagte sie, den Bahnhof gibt es wirklich. Wir schauten kurz irritiert. Na und?, sagte ich. Alles andere ist doch genauso wahr! Es ist nur anders wahr! Maria lachte. Anders wahr, das fand sie gut. Ich dachte gleich, das passte zu ihren Inselrecherchen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir waren mittlerweile wieder oberhalb der K\u00fcste in der Steppenlandschaft unterwegs zur\u00fcck zum Auto. Wo Zaha Hadid wohl ihre Formensprache herhat, sagte ich in die Weite. Irgendwas mit Orient, sagte Maria. Und Mies van der Rohe? Es gab da diese pr\u00e4gende Reise, als der junge Mies von Berlin aus mit dem Zug seinen j\u00fcdischen Onkel in Odessa besuchen fuhr. Es war eine lange Reise gewesen. Begeistert zeichnete er vom Zugfenster aus die weiten Ebenen der Ukraine und die schlanken wei\u00dfen St\u00e4mme der russischen Birkenw\u00e4lder. Es gibt da dieses Skizzenbuch. Es besteht nur aus gezeichneten Horizontalen und Vertikalen. Hatte alles nichts mit Mondrian oder Moderne oder so zu tun, stellte ich fest. Er hatte einfach der Natur zugeschaut. Maria war sicher, dass das Skizzenbuch in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt wurde. So wie ein anderes Buch, dass sie dringend f\u00fcr eine Recherche gebraucht und dort mehrfach angefragt hatte. Man hatte das Buch nirgends finden k\u00f6nnen, ihr aber schlussendlich mit Nachdruck versichert, es sei da. Das Buch sei da, und Punkt. Man wisse nur nicht, wo. Ja, sagte ich. So ist das mit Mies\u2019 Skizzenbuch auch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sammelten noch eine Reihe weiterer Geschichten dar\u00fcber, woher gro\u00dfe Architekten in jungen Jahren die grundlegenden Ideen nahmen, die ihr sp\u00e4teres Werk gepr\u00e4gt und ber\u00fchmt gemacht hatten. Ich erinnere mich an Chipperfield, den wir beide langweilig und konservativ fanden. Alte Schweizer Schieferh\u00fctten, begann Maria. Diese schwarzen Schindeln mit etwas gr\u00fcnem Moos darauf, wei\u00dft Du? Chipperfield hatte Familie in der Schweiz und verbrachte dort als junger Mensch einige Zeit. Ziemlich reich, ziemlich dekadent. Er langweilte sich. Bis er die alten, halb verfallenen Schieferh\u00fctten entdeckte und glaubte, den schweren Geist ihrer Geschichtlichkeit mit zeitgen\u00f6ssischer Architektur zusammenbringen zu m\u00fcssen. F\u00fcrchterlich, sagte ich. Ja, sagte Maria, aber war so.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Daniel Liebeskind litt seit fr\u00fcher Kindheit unter grundlosen Kopfgeburten. Rem Koolhaas hingegen fanden wir gut, da war irgendwas mit Marihuana und Kommune in seiner fr\u00fchen Biografie. Wir scheiterten aber bei dem Versuch, uns an Architektinnen zu erinnern, die wir kannten. Wir kamen immer nur auf M\u00e4nner. Oh!, kennst Du John Lautner?, fragte ich mit pl\u00f6tzlicher Emphase. Nein? Den muss ich dir zeigen. Der ist bomfazion\u00f6s. Maria: Der ist was? Ich: Bomfazion\u00f6s! Ich hatte schon den ganzen Tag \u00fcber sonderliche Kraftworte verwendet, die mir ewig nicht \u00fcber die Lippen gekommen und die auch sonst eher selten im Sprachgebrauch waren. Ich hatte einige Jahre in meiner Partnerschaft Englisch gesprochen, nicht Deutsch, und auch beruflich sprach ich viel Englisch und Franz\u00f6sisch. Jetzt entdeckte ich im Gespr\u00e4ch mit Maria wieder die Feinheiten meiner Muttersprache. Maria sprach ausdrucksstark und manchmal sehr pr\u00e4zise. Sie lachte mich etwas aus \u00fcber die komischen W\u00f6rter, die herauszukramen mein Sprachzentrum sich jetzt offenbar ein Vergn\u00fcgen machte. Wir hatten Spa\u00df. Gott, was hatten wir Spa\u00df bei diesem langen Spaziergang, und wir gelangten zu der Auffassung, dass wir unbedingt, ja zwangsl\u00e4ufig gemeinsam ein Buch \u00fcber die Geschichten der jungen Architekten schreiben mussten. Wir konnten es gar nicht nicht schreiben, jetzt, da all diese herrlichen Ideen in der Welt waren und wir wussten, was niemand wusste, und was nun keiner mehr erfahren wird. Denn alleine kann ich dieses fulminante Buch nicht schreiben. Dazu fehlt mir ohne sie die Fantasie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir stiegen in den Wagen. Es war bereits drei Uhr, wir hatten Hunger und noch eine Strecke zu fahren. Maria war wieder DJane. Sie kam erneut mit Beethoven, aber ich w\u00fcnschte mir etwas Anderes. Was denn? Ich wei\u00df nicht, sagte ich&#8230; Etwas wie&#8230; Champagner?, sagte ich, w\u00e4hrend ich meine Arme durchstreckte und das Lenkrad fest umfasste. Oh, Champagner!, sagte sie und begann vor sich hin zu murmeln. Sie schien eine immense Plattensammlung auf ihrem iPad zu haben. Und vielleicht auch was mit Stimmen, f\u00fcgte ich hinzu, und wechselte den Gang. Stimmen hab ich, war sie sicher und fingerte \u00fcber das Glasdisplay. Sie spielte Lieder von Schubert und Gustav Mahler an. Ich erlaubte mir, das als Rotwein zu bezeichnen, nicht als Champagner. Sie versuchte etwas Anderes. Frank Sinatra, I did it my way. Alter Ros\u00e9, sagte ich, aber er schon unterwegs zu Wei\u00df. Irgendein Hip-Hop St\u00fcck bezeichnete ich als Bier. Sie fand das unfair. Ein paar weitere Versuche kamen nur knapp in die N\u00e4he von Sekt. Tom Waits!, sagte ich schlie\u00dflich. Tom Waits?? Das ist doch nicht Champagner! Ich wei\u00df sagte ich, das ist Whiskey mit Zigarre, aber es gibt da diese geile Liveplatte, <em>Nighthawks at the Diner<\/em>, die passt massiv zu Autofahren. Sie spielte stattdessen <em>Walzing Matilda<\/em>. Irgendwie lag Maria, was Musik anging, st\u00e4ndig eine halbe emotionale Tonlage tiefer als ich. Wir sangen aus Leibeskr\u00e4ften mit Tom, w\u00e4hrend wir auf glatten Stra\u00dfen in den Nachmittag fuhren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In Betancuria, dem historischen Herzen der Insel, das eng in ein Tal gedr\u00e4ngt lag und mit seiner \u00fcppigen Vegetation inmitten der W\u00fcstenei einer Oase glich, kehrten wir ein. Wir setzten uns in das erste Caf\u00e9 am Platze und bestellten Wein und Tapas. Es musste einige Sehensw\u00fcrdigkeiten geben, die zu besehen aber nicht unser Ziel war. Stattdessen blickten wir unfreiwillig auf eine Art Bewegungslehrpfad, der vor uns lag. Rings um eine Schotterfl\u00e4che standen mannshohe Schautafeln mit aufgebrachten Texten, die wir nicht lesen konnten. Davor befanden sich obskure Instrumente aus Holz und Metall, die offenbar Touristen \u00fcber die Funktionen ihrer K\u00f6rpergelenke aufkl\u00e4ren sollten. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass jemand so etwas machte und a\u00dfen kleine Leckereien. Ich bin in den letzten Jahren ein ziemlich guter Koch geworden, sagte ich. Habe ich dir das schon mal erz\u00e4hlt? Oh, das hast Du mir schon dreimal erz\u00e4hlt, lachte Maria. Aber mach dir keine Sorgen, bis jetzt hast Du es immer etwas anders erz\u00e4hlt. Ich melde mich schon, wenn mir langweilig wird. Erz\u00e4hle ich manche Sachen doppelt und dreifach?, fragte ich nach. Joa, kann vorkommen, sagte sie, aber macht nichts. Habe ich dir schon erz\u00e4hlt, dass die Schwulen sagen, ich h\u00e4tte einen sch\u00f6nen Schwanz?, sagte ich, und Maria fingerte nach meinem Oberschenkel, wir lachten. Dann erregte etwas pl\u00f6tzlich Marias Aufmerksamkeit. Sie ergriff mein Handgelenk und wies mit Blicken in Richtung des Lehrpfads. Da sa\u00df auf einer grauen Metallbank ein Mann Mitte vierzig. Er blickte fest geradeaus, w\u00e4hrend er mit beiden Beinen und gro\u00dfem Ernst eine Fahrradtretvorrichtung bediente, die am Boden befestigt war. Er trat t\u00fcchtig in die Pedale und hatte dabei einen Lolli im Mund, der seine rechte Backe ausbeulte. Mit dem Arm hielt er eine \u00fcbergro\u00dfe Damenhandtasche im Luis-Vuitton-Stil an die Rippen gedr\u00fcckt und gab sich eindr\u00fccklich seinen Exerzitien hin, w\u00e4hrend er m\u00f6glicherweise auf seine Frau wartete, oder auf nichts. Im Hintergrund gesellte sich bald ein Paar hinzu, das konversationsreich an einer Schautafel stand und immer wieder einen Griff aus schwarzem Plastik bet\u00e4tigte. Er lie\u00df sich um 90 Grad nach links und um 90 Grad nach rechts drehen, zusammen also faszinierende 180 Grad. Dabei hatte das Handgelenk jene Drehung zu leisten, wie man sie etwa vollzieht, wenn man einen Schl\u00fcssel im Schloss umdreht. Die beiden er\u00f6rterten mit minuti\u00f6sen Gesten die Mechanik ihrer H\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beckett auf dem Sportplatz, sagte ich. Warte, unterbrach mich Maria. Gleich dreht der Typ da dr\u00fcben an den Titten, wetten? Die Tittendrehmaschine, wie Maria sie nannte, bestand aus zwei nebeneinander angeordneten, zirka 50 cm gro\u00dfen hellblauen Scheiben, die sich mit einem Knauf jeweils sowohl nach links wie auch nach rechts drehen lie\u00dfen. Wozu, blieb uns verschlossen. Ein etwa zw\u00f6lfj\u00e4hriger Junge begab sich an das Instrument und begann mit hochkonzentriertem Gesichtsausdruck, die Scheiben in kreisende Bewegungen zu versetzen. Maria hatte M\u00fche, sich auf dem Stuhl zu halten und unterdr\u00fcckte ihr Gel\u00e4chter. Man musste schon sehr gro\u00dfz\u00fcgig sein, fand ich, um bei diesem Vorgang an rotierende Titten zu denken, aber Maria hatte sich entschieden und schnappte nach Luft. Alter, sagte sie, ich bin so horny, dass ich \u00fcberall Titten und Schw\u00e4nze sehe. Im Ernst?, fragte ich mit einer Mischung aus Unglauben und Geschmeicheltsein. Wir schauten noch eine ganze Weile diesem ungeschriebenen Kabarettst\u00fcck zu, das au\u00dfer uns niemand sah und dem sich immer neue Darstellerinnen und Darsteller hingaben. Hier und da rissen wir wie Kinder schnell die Hand vor den Mund, um nicht laut herauszuprusten. Irgendjemand muss auch \u00fcber uns gelacht haben. Dann leerten wir unseren leichten wei\u00dfen Wein, bestellten noch zwei Caf\u00e9, gingen jeder auf die Toilette und machten uns auf, um weiterzufahren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Maria spielte Mozarts Requiem. Bester Laune summten wir diesem gewaltigen Musikst\u00fcck hinterher. Gegen 18 Uhr erreichten wir unser Domizil bei Tejeia. Die kleine Hacienda lag am Ende eines Feldweges in der Landschaft und barg einige bescheide Ferienwohnungen. Unsere hatte eine offene Terrasse hinaus auf die H\u00fcgel und ein weites, wei\u00dfes Bett. Maria ging Duschen. Bald kam sie in ein blaues Handtuch geh\u00fcllt zu mir hinaus auf die Terrasse und zog mich begleitet von kleinen K\u00fcssen hinein.<\/p>\n<h2 style=\"font-weight: 400;\">Verzeichnis einiger Verluste<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Seite 132 ff.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Maria.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute ist der 12. Januar. Ich habe eine andere Einspielung des Requiems gefunden. Wahrscheinlich ist es die popul\u00e4rste Version, die man Online finden kann. F\u00fcr 12 Euro 99. Ich habe nicht dein feines Geh\u00f6r f\u00fcr besondere Variationen. Aber diese hat die Kraft und die Gewalt, die wir meinten. Herbert von Karajan, Wiener Philharmoniker, Wiener Singverein. Ich h\u00f6re sie gerade \u00fcber Kopfh\u00f6rer von meinem Laptop im Lombardi in Berlin. Ich h\u00f6re sie andauernd. Sie ist voller Sch\u00f6nheit, voller Verzweiflung und voller Musik. Dunkelblau wie weit unten das Meer. Da, wo einem die Luft ausgeht. Ich habe auch die andere Fassung gefunden, die Du an deinem letzten Morgen gespielt hast. Ehrlich gesagt: ich mag sie nicht. Sie ist raffinert in den Stimmen und im Rhythmus. Aber sie reicht mir nicht. Es fehlt etwas. Du hattest recht. Es ist immer gut, mehrere Requiems im Gep\u00e4ck zu haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In meinem Koffer fand ich deinen Mantel. Ich muss ihn noch Friedrich geben. In einer Seitentasche war der schwarze Lippenstift. Wir konnten ihn am Stra\u00dfenrand, wo wir ihn suchten, gar nicht finden! Ansonsten habe ich noch drei weitere Dinge von dir bei mir. Die kleine Flasche von deinem selbstgebrannten Schnaps, die Du mir schenktest, das illustrierte Lexikon der Angst, auch ein Geschenk von dir, und eines deiner B\u00fccher, das zu entwenden ich mir erlaubt habe. Das Verzeichnis einiger Verluste von Judith Schalansky. Falls es jemand vermisst, dachte ich, w\u00e4re es halt ein weiterer Verlust mehr, aber einer, den man verschmerzen kann. Ich wei\u00df, Du w\u00e4rest einverstanden. Du selbst wirst es nicht vermissen. Ich muss Dir sicher nicht erst sagen, dass ich nun mein eigenes Verzeichnis von Verlusten zu verwalten habe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dein Tattoo ist weg. Du trugst es \u00fcber dem Po auf dem Stei\u00df. Nat\u00fcrlich erinnere ich es. Es gefiel mir, ich fand es sogar geil. Aber h\u00e4ttest Du es der Welt zeigen wollen, h\u00e4ttest Du eine andere Stelle daf\u00fcr gew\u00e4hlt. Das macht es noch nicht zu einem Geheimnis, aber ich werde es nicht beschreiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dein Geruch ist fort. Neulich hatte ich mich getraut, deinen Mantel aus meinem Koffer zu nehmen, ihn langsam an meine Nase zu f\u00fchren und dann einzuatmen. Es war dein Geruch! Er war etwas staubig. Das ist nicht despektierlich gemeint. Du hattest diesen Geruch eines Parfums, das ich an Frauen \u00f6fters beobachtet hatte und von dem ich keine Ahnung habe, ob Du es benutztest, oder ob Du einfach nur so rochst. Oder ob die anderen Frauen auch so rochen, auch ohne Parfum, aber das glaube ich nicht. Es war ein mild herber Geruch wie der von trockenem Gras, mit nur wenigen s\u00fc\u00dfen T\u00f6nen darin, die mich ein bisschen an Aprikosen erinnerten, aber mehr noch an die New Yorker U-Bahnsch\u00e4chte im Sommer. Etwas s\u00fc\u00df-staubig eben. Er war gewiss weiblich, aber auch distanziert. Er war selbstbewusst. Nicht auf der Verf\u00fchrungsschiene, aber halt auf der Geruchsschiene. Ich hatte ihn, um ehrlich zu sein, nie gemocht. Ich mochte ihn an dir. Und ich hatte den Mantel in mein Gesicht gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da war w\u00e4hrend unserer ersten Liebesnacht ein kleiner Pickel an deiner Wange. Du hattest ihn am Abend aufgekratzt, er blutete. Auch der ist weg. Es war nicht wichtig. Ein Detail. Aber es hatte mir etwas \u00fcber dich erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe dich nie Cello spielen geh\u00f6rt. Obwohl Du mir schon am ersten Abend vorspielen wolltest, da ich lange genug insistiert hatte. Ich h\u00e4tte dich bewundert. Aber es kam nicht dazu.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe nie mit dir getanzt. Dabei wollten wir das unbedingt. Wir wussten, wir w\u00fcrden zusammen tanzen k\u00f6nnen und ich bin besonders sauer, dass uns das entging.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe nicht ein einziges Foto von dir. Es gibt auch von uns oder von unserer Reise kein Bild, nicht auf den iPhones, nicht auf dem iPad. Das Einzige, das uns gemeinsam zeigt, ist dieser Text. Und den musste ich nun alleine schreiben. Es tut mir leid, dass deine Stimme darin nicht angemessen wiedergegeben ist. Du warst pr\u00e4senter, als Du nun in meinen Worten bist. Mal lauter und mal gewandter, mal frecher oder emotionaler. Du hast auch insgesamt mehrt gesprochen, als es jetzt scheint. Manchmal war es schwer, sich bei dir Geh\u00f6r zu verschaffen, was f\u00fcr meinen Narzissmus nicht immer komfortabel war. Aber tats\u00e4chlich hattest Du immer etwas zu sagen, das man h\u00f6ren wollte. Ich kriege das nur nicht richtig hin. Die meisten S\u00e4tze, die ich im Text aus deinem Mund kommen lasse, hast Du genau so gesagt, oder fast genau so. Ich erinnere sie. Aber ich erinnere nicht genug von ihnen. Ich habe versucht, alles gut wiederzugeben, Maria. Aber ich kann nur meine eigene Erinnerung erz\u00e4hlen. Das geht nicht anders. Und ich wei\u00df wohl, dass dir das nicht gerecht wird. Es ist nicht wahr, was ich sage. Es ist anders wahr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das markanteste Bild, das mir bleibt, ist der kurze Moment auf dem Felsen im Meer, von dem aus ich dich noch einmal sah, w\u00e4hrend sich die n\u00e4chste Welle uns n\u00e4herte. Seit den ersten Tagen in Berlin habe ich immer wieder diese gleiche Szene vor Augen, aber so, als h\u00e4tte ich sie aus gut f\u00fcnfzig Meter Entfernung vom Land aus gesehen. Ich sehe mich ganz deutlich selbst halb aufrechtstehend in der Situation, verzweifelt und in Panik \u00fcber das Meer schreien. Ich kann diesen distanzierten Blick nat\u00fcrlich nicht gehabt haben, denn ich stand in Wahrheit mitten in dem Bild, auf dem Felsen, und von dort aus sah ich dich. Das hei\u00dft Maria, und das ich wichtig jetzt, dass ich vielleicht ganz falsche Bilder habe. Vielleicht von allem! Da k\u00f6nnten nur Einbildungen sein. Wenn ich hier stand, mein innerer Sekundenfilm aber von einem anderen Standpunkt aus aufgenommen wurde, den es gar nicht gab, zumindest nicht f\u00fcr mich, was sind dann alle meine Bilder wert und meine Filme? Ich wei\u00df schon ganz gut, was ich sage oder schreibe. Aber wei\u00df ich, was ich erlebt habe?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und das bringt uns zu einem anderen Thema: Mir wollen keine S\u00e4tze gut gelingen, um zu beschreiben, wie Du aussahst. Ich sehe dein Gesicht oft nur als einen dunklen Punkt, der davontreibt. Es war nicht so, dass ich dieses Gesicht im Augenblick unserer ersten Begegnung sogleich als sch\u00f6n wahrgenommen hatte. Ich hatte es als Eindr\u00fccklich empfunden. Du hattest viele Gesichter und sie wechselten dauernd. Am 18. Dezember warst Du eine Diwa mit Lidschatten und dunklen Lippen, am 19. erst k\u00e4mpferisch und dann weich, und am 29., als Du auf der Insel ankamst, eine Frau, die mich mit einer Idee von Liebe ansah. Deine Haare waren manchmal lausig, deine Kleidung, und das sagte ich schon, mal ganz egal und mal sehr gew\u00e4hlt. T\u00e4glich fallen mir neue Details \u00fcber dich ein und ich muss oben nachlesen um sicherzugehen, dass ich nichts wiederhole. Trotzdem k\u00f6nnte ich dich nicht zeichnen oder malen. Ich habe im Alter von 22 Jahren an der Kunstakademie damit aufgeh\u00f6rt, Stift und Pinsel zu benutzen. Ich fand, die Welt sei interessanter als meine Bilder von ihr. Und dann hatte ich mich mehr mit der Welt besch\u00e4ftigt, anstatt mit meinem Blick auf sie. Das \u00e4ndert sich wohl gerade. Jedenfalls, jetzt, wo ich dich nicht sehen kann, fehlen mir Bilder in gleich welcher Form, denen ich vertrauen kann. Meine Bilder. Ich will daf\u00fcr nicht auf Facebook oder Instagram gehen, um in deine Timeline zu schauen. Und wenn mir jemand einen Nachruf auf dich schickt mit einem Portrait im Artikel, schrecke ich zur\u00fcck. Das bist Du nicht, denke ich, und kann dich nicht sehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir fehlt deine Z\u00e4rtlichkeit. Es war uns wohl vom ersten Augenblick an klargeworden, wie z\u00e4rtlich wir miteinander waren. Und neben allem anderen, dass uns aneinander begeistert haben mag, war es am Ende auch das, wie mir schien, worauf wir in unseren Leben gewartet hatten: Auf die Ruhe einer innigen Ber\u00fchrung, auf die Verlass ist, der man trauen kann. Du h\u00e4ttest niemals all das an einen Mann gebunden, was Du f\u00fcr dich selber geschaffen und erreicht hattest. Niemals. Du h\u00e4ttest immer dein eigenes Leben gelebt, so unabh\u00e4ngig es eben ging. Du hattest mit vielem nichts am Hut, das ablief. Du lebtest deinen eigenen Film und hattest daf\u00fcr die Kamera st\u00e4ndig auf die Welt um dich herum gerichtet, ohne ein fertiges Skript f\u00fcr die Wirklichkeit zu haben. Du wolltest immer Ernst machen und f\u00fclltest die Zeit zwischen einem Ernst und dem n\u00e4chsten mit Spiel. Aber Du wolltest einen Partner, mit dem Du das teilen konntest. Es macht auf Dauer keinen Spa\u00df alleine.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir kamen nicht dazu, uns zu sagen, dass wir uns lieben. So etwas sagt man ja auch nicht so schnell. In zu vielen meiner Beziehungen fielen die Worte sogar nie, weil sie nicht wirklich wahr gewesen w\u00e4ren. Jetzt w\u00e4ren sie wahr gewesen nach einer kleinen Weile, sagt mir mein Gef\u00fchl. Nach dieser kleinen Zeit, die wir noch gebraucht h\u00e4tten, auf die wir uns ein bisschen unbewusst und ein bisschen bewusst so unb\u00e4ndig gefreut hatten. Auf das entdecken, wer wir zusammen sein w\u00fcrden. Wir wussten beide, dass der andere wusste, wie es ist, wenn es dunkel wird und wie es ist, wenn es wieder hell wird. Wir h\u00e4tten uns da getroffen. Wir h\u00e4tten uns gegenseitig sachte die Augenlider zugedr\u00fcckt, damit wir schlafen w\u00fcrden, bis der n\u00e4chste Tag kommt. Und dann h\u00e4tten wir sie morgens wieder aufgeschlagen und uns erleichtert angeschaut mit kleinen Schatten um die Augen. Und jemand h\u00e4tte leise und ernst gesagt: Ich liebe dich. Und der andere h\u00e4tte das gleiche gesagt. Und beide h\u00e4tten es genau so gemeint. Und h\u00e4tten es noch manchmal gesagt. Manchmal einfach nebenbei, weil Einer frischen Oregano mitgebracht hat f\u00fcrs Kochen. Und man k\u00fcsst die Hand, die den Oregano auspackt und sagt: Ich liebe dich. Und manchmal beim Tanzen, nachdem man sich herumgewirbelt hat und die schwei\u00dfnassen Gesichter kurz zueinander bringt f\u00fcr eine ausgelassene Liebkosung, und im farbigen Licht sagt, Ich liebe dich, Maria. Ich liebe dich, Alexander. Und weiter w\u00e4r\u2019s gegangen, wenn die Musik f\u00fcr uns gespielt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich hatte noch keinen Spitznamen f\u00fcr dich. Spitznamen sind sch\u00f6n. Eine verbale Liebkosung, die jedes Mal, wenn man sie sagt, davon erz\u00e4hlt, dass man sich z\u00e4rtlich kennt. Ein Name, den man zu zweit versteht. Man kann auch manchmal Darling oder Schatzi sagen, aber das ist noch nicht der Spitzname. Den findet man irgendwann am Wegesrand bei einer beil\u00e4ufigen Gelegenheit. Ich hatte eine Freundin, die wuselige r\u00f6tliche Haare hatte und einen frechen Charakter. Ohne nachzudenken hatte ich sie irgendwann Frufru gerufen. Mir gefiel einfach das Wort. Frufru. Ich hatte sie gefragt, ob es auf Griechisch etwas bedeutete. Pumuckl, hatte sie gesagt, Frufru hei\u00dft Pumuckl! Ich fand, es passte zu ihr, und so wurde Frufru ihr Spitzname. Aber so weit waren Du und ich noch nicht. Du hattest mich dreimal Spatzl genannt. Das fand ich etwas automatisch. Ich erinnere mich, dass ich zusammenzuckte. Spatzl klang mir zu sehr nach Wiesbaden. Aber dir und mir w\u00e4re schon etwas eingefallen. Jetzt bleiben wir der Einfachheit halber bei Maria und Alexander.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Uns entgeht f\u00fcr allemal die Erfahrung, die das Schlafen miteinander \u00fcber die Monate und Jahre immer sch\u00f6ner macht. Wenn man jeden Winkel aneinander kennt, jede Regung und alle Rhythmen, alle T\u00f6ne schon hundert Mal geh\u00f6rt hat und miteinander geschmeidiger wird \u00fcber die Zeit. Wenn man es kennt und kann, nach einer Reise, die den einen fortgef\u00fchrt und den andern dagelassen hatte, \u00fcbereinander herzufallen, und ein andermal tr\u00f6stend ineinander zu kriechen wie die Erdh\u00f6rnchen in ihren Bau. Nein. Wird nicht sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch nicht deine freundlichen R\u00fcffel. Ach komm. Stell dich nicht so an. Mach mal halblang. Sure Darling. Glaubst Du doch selbst nicht. Sch\u00f6n w\u00e4r\u2019s. Tu doch nicht so. Das ging dir alles leicht \u00fcber die Lippen und fand seinen Platz so hier und da mitten im Gespr\u00e4ch. Das war der kumpelhafte Charme des Dialogs mit dir, den Du mit Dosen von Spott wach und kritisch hieltst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da ist das Buch, das Du zuletzt nicht fertiggelesen hast. Erst jetzt entdeckte ich es in meinem Koffer, in den es f\u00e4lschlich gelangt war. <em>Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widerspr\u00fcche des Kapitalismus <\/em>von Eva Illouz. Bis Seite 78 hast Du mit leichtem Bleistift hier und da Zeilen unterstrichen und Anmerkungen gemacht. Weiter kamst Du nicht. In dem Kapitel \u00fcber die S\u00e4kularisierung der Liebe markiertest Du: <em>Vor allem bei der Brautwerbung l\u00e4sst sich zeigen, dass die romantische Liebe dazu beitrug, dass der Liebende als zentrales Symbol eines letzten und h\u00f6chsten Sinns an die Stelle Gottes trat.<\/em> Illouz beschreibt, wie liebende Paare ab dem Ende des 19. Jahrhunderts himmlische G\u00f6tter entthronten und an ihrer statt das je geliebte Gegen\u00fcber anbeteten \u2013\u00a0und daf\u00fcr teuer bezahlten. Denn die neuen irdischen Liebesrituale spielten sich auf den Handelspl\u00e4tzen der Freizeitwirtschaft ab, im Kino, in den Restaurants und in den Tanzsalons. Und all das hatte einen Preis. Die Liebespraktiken wurden zur Ware, schildet Illouz. <em>Die wirtschaftlichen Voraussetzungen f\u00fcr eine Nachmittagswanderung am Strand<\/em><em>regulieren unsichtbar die M\u00f6glichkeiten der freien und scheinbar unbedingten Zweisamkeit: Der Strand, das Wandern und das einfache Picknick erfordern allesamt ein Auto, ein verf\u00fcgbares Einkommen und verf\u00fcgbare Zeit.<\/em> Das romantische Rendezvous erscheint ihr als die Schl\u00fcsselszene einer hedonistischen Norm des liberalen Paarungskapitalismus. Hast Du das im Flugzeug noch gelesen, um dich auf unser Treffen vorzubereiten? Ging dir das durch den Kopf, als wir im Mietwagen Lieder sangen, und als wir Hand in Hand auf den Klippen nach Muscheln suchten? Ich denke nicht. Trotzdem h\u00e4tte ich gerne noch von Dir gewusst, was Du \u00fcber dieses Buch dachtest.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Warst Du mit deiner Kindheit wirklich schon durch, wie Du behauptetest? Hing dir da von damals noch etwas nach? Es war schwierig f\u00fcr dich, als dein Vater nach Braunschweig berufen wurde und Du im Pfarrhaus mitten im Nichts der Innenstadt wohntest, wo es f\u00fcr Teenager kein Leben gab. Du hast gelitten. Dann, mit 17 glaube ich, hast Du den Schl\u00fcssel vom Kirchturm geklaut und Freunde eingeladen, mit dir ganz oben auf der Spitze Geburtstag zu feiern. Ihr wart \u00fcber klapperige Leitern hinaufgeklettert und hattet sp\u00e4t abends laut herumgegr\u00f6lt, so dass man euch durch die ganze bl\u00f6de Stadt h\u00f6ren konnte. Die Polizei kam. Sie wollte von deinem Vater den Schl\u00fcssel zum Kirchturm, um euch dort einzukassieren, aber er konnte den Schl\u00fcssel nirgends finden, den Du ja geklaut hattest. Als euch die Polizei schlie\u00dflich heruntergeholt hatte, gab dein Vater dir die einzige Ohrfeige deines Lebens. Er hatte v\u00f6llig recht, sagtest Du zu mir. Es war echt nicht seine Schuld.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deine Eltern haben jetzt keine Tochter mehr. Friedrich und Sarah keine Schwester. Du beschriebst mir Vater und Mutter als liebevoll und deine Kindheit als gl\u00fccklich. Ich glaubte dir das nicht uneingeschr\u00e4nkt. War das wahr? War da nichts mehr zu tun? Wenn man seine Vulkane nicht kehrt, brechen sie irgendwann aus. Waren deine alle rein? Ich selbst hatte das mal geglaubt. Aber mit Ende Drei\u00dfig holte die Vergangenheit mich ein. Ich hatte pl\u00f6tzlich meinen Vater als schwarzen Schatten in der Ecke meines Zimmers stehen sehen mit zerplatzter Brust und dem Gewehr in der Hand, und machte eine Therapie. Die vergessenen Erinnerungen kamen wieder. Man hatte mich auf seine Beerdigung nicht mitgenommen und alle hatten so getan, als sei gar nichts geschehen. Ich konnte nie von ihm Abschied nehmen. Er war einfach verschwunden und mit der Zeit ein Phantom geworden. Aber vielleicht war deine Kindheit wirklich gl\u00fccklich. Ich wei\u00df nichts dar\u00fcber. Ihr wart manchmal in den Alpen wandern und Du hast mir beschrieben, wie dein Vater dir Schokolade gab, um dich beim stundenlangen Laufen bei der Stange zu halten. Und wenn die Schokolade aus war, nahm er dich an der Hand und erz\u00e4hlte dir Geschichten, die er f\u00fcr dich erfand. Ich romantisierte dieses Bild sofort, ich fand es wundervoll. Ich habe solche Erinnerungen nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dein Roman wurde nicht fertig und wird wohl nie erscheinen. Wei\u00df eigentlich jemand, wo auf einer deiner Festplatten das Manuskript liegt? Kennt jemand das Passwort daf\u00fcr? \u00dcberhaupt: Was macht man jetzt mit allem, was Du von dir \u00fcbriggelassen hast? Notizb\u00fccher, Konzepte, Dokumentationen deiner Arbeit? Und was ist eigentlich mit deinen Theaterst\u00fccken? Gibt es da etwas, das man ohne dich wird spielen k\u00f6nnen? Ist es eigentlich gut? Hast Du ein junges Werk gehabt, das dich \u00fcberlebt? Ich habe keine Ahnung. Ich war nur einmal durch Zufall in einer deiner Inszenierungen. Vor zehn Jahren, als Du das St\u00fcck \u00fcber Prostitution gemacht hast, in dem Ilan eine Hauptrolle spielte. Sie hatte mich eingeladen und ich sa\u00df vorne in der ersten Reihe. Ich wei\u00df nicht mehr, ob ich die Inszenierung gelungen fand oder nicht. Der Spiegel hatte sie verrissen. Ich habe ja von Theater nie viel verstanden, wie Du wei\u00dft. Du musst nat\u00fcrlich auch da gewesen sein. Doch damals hatte ich nur auf Ilan geschaut.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wiesbaden muss jetzt ohne dich auskommen. Sei\u2019s drum. Du wirst denen keinen goldenen Erdogan mehr auf den Marktplatz stellen und damit eine polizeiliche Panik ausl\u00f6sen, weil alle Angst hatten, am n\u00e4chsten Tag w\u00fcrden T\u00fcrken und Kurden sich vor Ort wegen des Denkmals die K\u00f6pfe einschlagen, was dann eh nicht passierte. Man hatte pl\u00f6tzlich erst die Skulptur und dann auch dich als eine Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Sicherheit betrachtet, und wollte euch loswerden. Du hast die ganze Nacht und bis zum Morgen wie ein Tiger die Polizei und die Feuerwehr davon abgehalten, Erdogan abzubauen, und auf der Kunstfreiheit beharrt. Dann warst Du vor Ersch\u00f6pfung zusammengebrochen, hattest aber f\u00fcr den Augenblick gewonnen. Man baute dann Erdogan am darauffolgenden Tag dennoch ab und die ganze Geschichte ging durch die Medien. Ich hatte selber eine \u00e4hnliche Situation w\u00e4hrend der documenta 14 in Kassel durchlebt und gegen die lokale Politik halb verloren und halb gewonnen. Auch diese Art von Kampf verband uns. Die Wiesbadener jedenfalls k\u00f6nnen jetzt ruhig schlafen. Aber sie werden nicht mehr die M\u00f6glichkeit einer Insel bekommen. Zumindest nicht deine M\u00f6glichkeit. Sie m\u00fcssen auch auf deine Nachbarschaftsbesuche verzichten ohne vielleicht zu wissen, was sie daran hatten. Du gingst von T\u00fcr zu T\u00fcr und erkl\u00e4rtest den Leuten, warum es eine Biennale in ihrer Stadt gab und warum sie wertvoll ist. Mit Engelsgeduld. Das ist nicht leicht, wei\u00df ich, aber Du machtest das, wof\u00fcr ich dich bewunderte, wie ich dir sagte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist mir so schwer vorstellbar, wie ich wieder jemanden finden soll, der so nah an den Idealen und an der Realit\u00e4t meines eigenen Lebens ist. Ich kann nicht sagen, wie unglaublich Du mir fehlst. Nicht nur mir, aber jetzt gerade mal vor allem mir. Du wirst nicht der Punkt werden k\u00f6nnen, auf den ich mich zur Not beziehen kann. Nicht die Hoffnung auf einen Sinn, wenn aller anderer Sinn verfliegt. Kein Ort, an dem ich mich vor der Welt wenn n\u00f6tig verstecken kann. Du wirst nicht die Person sein k\u00f6nnen, an die ich glaube, wenn schon an sonst nichts. Und Du wirst mich auch nicht daran erinnern, und mich im Zweifelsfall ermahnen, an mich selbst zu glauben. Weil dein Glauben an mich einen K\u00f6rper br\u00e4uchte, der noch atmen und beben kann. Aus diesem Grund wirst Du mir auch nicht mehr vertrauen k\u00f6nnen. Wirst mich nicht besch\u00fctzen. Wirst keine Insel sein, die sich betreten l\u00e4sst, und sei es auch nur f\u00fcr den Moment. Kein Boot irgendwohin und insbesondere kein Anker, schon gar kein Hafen oder eine Reise ins Unbekannte. Selbst das, was f\u00fcr mich am Fernsten lag, noch einmal Vater zu werden und eine Familie zu gr\u00fcnden, war vorstellbar. Es war viel zu fr\u00fch, das auch nur zu erw\u00e4gen. Aber es w\u00e4re eine Erw\u00e4gung geworden. Und ich h\u00e4tte dringend drauf bestanden, dass es eine Tochter sei. Als Du starbst schoss mir kurz durch den Kopf, ob Du schwanger gewesen sein k\u00f6nntest. Wie um alles noch schlimmer zu machen. Als ich am 29. Dezember ein Kondom \u00fcberziehen wollte, nahmst Du es mir aus der Hand und sagtest: Jetzt ist doch eh alles egal. Der Satz geht mir immer wieder durch den Kopf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe keine Ahnung, wie vielen Freundinnen und Kolleginnen, Kollegen und Freunden Du ebenso fehlst, wie mir. Ich werde einige von ihnen auf deiner Trauerfeier zum ersten Mal treffen. \u00dcbrigens brauchst Du diese Feier gar nicht, dachte ich gestern. Sie ist f\u00fcr diejenigen, die da sind. Die m\u00fcssen ja mit deinem toten K\u00f6rper, mit deinem toten Leben, mit ihren Erinnerungen und mit sich selber klarkommen, nicht Du. Wei\u00dft Du, es ist auch nicht wahr, dass ich dieses Buch f\u00fcr dich schreibe. Nat\u00fcrlich widme ich es dir. Aber Du wirst es nicht lesen. Es kann nicht f\u00fcr dich sein. Es ist f\u00fcr uns hier.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist dir bewusst, dass wir nie jemanden getroffen haben, den wir gemeinsam kannten? Weder im Guten noch im Schlechten? Keine weinselige Diskussion bei Hirschragout im Freundeskreis. Keine gute Miene zum langweiligen Smalltalk auf irgendeinem Empfang, kein gemeinsamer \u00c4rger \u00fcber irgendein Arschloch. Ich habe dich nie in Gesellschaft erlebt, ob ausgelassen oder genervt. Oder zugeh\u00f6rt, wie Du eine Pressekonferenz gibst oder eine Rede h\u00e4ltst. Wir waren auch nie zusammen auf einer Party. Geschweige denn in einem Swingerclub oder einem SM-Laden, wo wir uns gegenseitig h\u00e4tten die Hintern versohlen k\u00f6nnen. Nicht, dass das wichtig w\u00e4re. Aber es h\u00e4tte Spa\u00df gemacht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir haben keinmal in aller Ruhe in deiner Badewanne zusammen gelegen mit Kerzen, Musik und Rotwein. Wir sind nicht samstags mit dem Boot auf deine eigene Insel am Tegeler See geschippert, wo dein Garten lag. Wer wickelt den jetzt eigentlich ab? Und wir waren Lichtjahre davon entfernt, gemeinsame Zeit und Arbeit in einem Kibbuz zu teilen. H\u00e4tten wir wahrscheinlich nie, aber wer wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich kenne deine Tulpen nicht. Nicht deine H\u00fcte und M\u00e4ntel, nicht deinen K\u00fchlschrank, und auch nicht deine Bibliothek. Wir waren nie in einer Ausstellung zusammen, nie im Kino oder im Konzert. Ich wei\u00df gar nicht, welche Filme Du magst. Ich wei\u00df auch nicht, ob ich deinen Kunstgeschmack eigentlich geteilt h\u00e4tte. Deinen Erdogan fand ich gut und viele andere Sachen, von denen Du erz\u00e4hlt hast. Aber ob Du meine Liebe zu Henrike Naumann und zu Hiwa K verstanden h\u00e4ttest, oder ob wir mit gemeinsamer Ergriffenheit im Pariser Louvre vor dem Flo\u00df der Medusa von Gericault gestanden h\u00e4tten, unter der Pyramide aus Lebenden und Toten im Meer, denen die Hoffnung am Horizont entschwindet, das kann ich nicht mehr herausfinden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich wei\u00df fast nichts \u00fcber dich, Maria. Wir kannten uns gut siebzig Stunden lang und von denen haben wir rund zwanzig gemeinsam verschlafen. Ich kenne nicht einmal deinen Schnaps. Die kleine Flasche, die Du mir gabst, hebe ich noch auf. Darin ist etwas Unbekanntes. Ich wei\u00df nicht, wann ich sie trinken werde. Vielleicht schmeckt es ja furchtbar, aber das glaube ich nicht. Ich finde, bei deiner Beerdigung sollte man all deine eingelagerten Flaschen bis auf den letzten Tropfen austrinken, solange, bis man die V\u00f6gel singen h\u00f6rt. Das h\u00e4ttest Du gut gefunden. \u00dcberhaupt h\u00e4ttest Du alles gut gefunden, dass die Leute vom Heulen abh\u00e4lt. Du h\u00e4ttest sicher nichts gegen gemeinsames Heulen gehabt, aber Du w\u00fcrdest lieber gesehen haben, wie sie einen Kirchturm besteigen und ordentlich L\u00e4rm f\u00fcr dich machen. Ohne, dass jemand eine Ohrfeige daf\u00fcr kassiert. Und falls Du zum Abschied Glocken h\u00e4ttest f\u00fcr dich l\u00e4uten h\u00f6ren wollen, h\u00e4tten die schmettern m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wobei Schmettern nicht wirklich der Wortklang ist, den ich f\u00fcr die Glocken meine. Mir gehen die Kraftworte aus. Mein Sprachzentrum hat keinen Anlass mehr, nach ihnen zu suchen oder welche zu erfinden. Ganz sicher bin ich derzeit kein gro\u00dfer Dichter. Mir f\u00e4llt nichts Neues ein. Mir f\u00e4llt nur Altes ein. Wir haben keine Barsche oder Kaninchen zusammen in den Ofen geschoben um etwas zu essen, dass anders schmeckte als Alltag. Oder eine Landkarte vor uns auf dem Tisch ausgebreitet, um zu tr\u00e4umen, wo wir hinwollen. Wir haben nie gemeinsam ein Ziel erreicht. Wir waren nicht einmal zusammen in Athen, nie in Berlin Mitte und auch nie in einer W\u00fcste. Nur auf einem St\u00fcck Land im Atlantik, das wir nicht kannten und um das ich k\u00fcnftig einen Bogen machen werde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich werde nicht mehr erfahren, wie lange wir zusammengeblieben w\u00e4ren. Tage, Monate, viele Jahre? Es fing gut an. Wir haben uns ja nicht einmal je gestritten, wie Du wei\u00dft. Wann auch? Du meintest ja, Du m\u00f6gest Streiten. Weil es hilfreich sei, und das ist gewiss wahr. Aber es mache auch Spa\u00df, meintest Du, und das fand ich nicht. Ich h\u00e4tte Angst vor dir gehabt. Du warst stark in Rhetorik und kein Zuckerschlecken. Ich habe dich nicht im Konflikt kennengelernt. Ich kenne dich nicht im Ausnahmezustand. Ich kenne dich nur auf die Weise, in der ich dich kannte. Ich wei\u00df deinen Geburtstag nicht, nur deinen Todestag. Ich habe nie ein neues Jahr mit dir erlebt. Ich habe noch nicht einmal deine Emailadresse.<\/p>\n<h2 style=\"font-weight: 400;\">Das F\u00e4llige<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Etwas besch\u00e4ftigt mich noch. Das sage ich dir, mir, und jedem, der sich wundert. Ich schickte dir per Telefon ein Zitat von Max Frisch und wir sprachen dar\u00fcber. Die kleine Passage in seinem Tagebuch von 1946 endete damit, dass es immer das F\u00e4llige sei, das uns zuf\u00e4llt. <em>Das Verbl\u00fcffende, das Erregende jedes Zufalls, <\/em>schrieb er,<em> besteht darin, dass wir unser eigenes Gesicht erkennen<\/em>. Der Zufall, so Frisch, offenbare uns uns selbst. Er zeige uns, wof\u00fcr wir je zu einer Zeit empf\u00e4nglich seien, was uns ins Auge springe, statt ihm zu entgehen. Es m\u00f6ge zwar sein, dass wir manches, dass eigentlich auch zu uns geh\u00f6rte, \u00fcbersehen und \u00fcberh\u00f6ren, weil wir nicht immer bereit daf\u00fcr sind, unser Selbst mit dem Lauf der Dinge zu synchronisieren. Aber uns w\u00fcrde nie ein Zufall widerfahren, der nicht zu uns passte, der nicht f\u00fcr uns f\u00e4llig w\u00e4re. Also sei es am Ende immer das F\u00e4llige, was uns zufalle.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er meinte also, wir seien gewisserma\u00dfen reif f\u00fcr das, was uns jeweils widerfahre. Ich habe diese Passage aus Frischs Tagebuch immer geliebt. Aber jetzt funktioniert sie nicht mehr. War das, was geschah, f\u00fcr dich f\u00e4llig? War es jetzt angesagt f\u00fcr dich, Du reif daf\u00fcr? Hast Du dich darin erkennen k\u00f6nnen? Das kann man nicht im Ernst je sagen. Es w\u00e4re der blanke Zynismus. Was mache ich also mit Frisch? Was mache ich mit Albert Camus, der schrieb, am Strand von Algerien schiene die Sonne am Mittag so hei\u00df, dass ein Mann in der Lage sei, einen namenlosen Araber aus heiterem Himmel einfach so zu erschie\u00dfen? Auch dar\u00fcber sprachen wir. Was soll ich anfangen mit diesem und mit all den anderen literarischen Toden, von denen wir tausende finden w\u00fcrden, und was mit all ihren literarischen Gr\u00fcnden? Was mit den S\u00e4tzen, die mir sagen, warum etwas sei? Es geht nicht. Und deshalb muss ich jetzt weg und selber schreiben. Schreiben ist nun mein Privileg. Wie jede Kunst das Privileg der Lebenden ist. So wie alles, das wir tun, anstatt es nicht mehr zu tun. Und mehr ist nicht. Au\u00dfer dem Schreiben habe ich gerade nichts. Und Du hast gar nichts. Aber das ist egal, denn Du bist tot. Es ist so. Du brauchst nichts.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was soll ich dir noch sagen? Ich h\u00f6re in einer Kneipe unser Requiem auf Kopfh\u00f6rern und schreibe dir. Ich schreibe dir meine eigene Totenmesse, damit man dich erinnert. Damit ich dich erinnere. Keine Presseerkl\u00e4rung kann dich wiedergeben. Ich kann es auch nicht. Und der liebe Gott gibt dich sicher nicht wieder. Wir waren unterwegs zu etwas, das wir nicht kannten, und wir brauchten eine Insel, um dorthin zu gelangen. Aber wir kamen nirgends an. Eine Welle trug uns fort.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Tag 15<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Hier. Das ist alles.<\/em> Diese vier Worte sagte Ulli Phillip, alias der kleine Prinz, zu Hardy Kr\u00fcger, alias der Pilot, alias Antoine Saint-Exup\u00e9ry, in der Tonaufnahme von 1977 in jenem Moment, da er, Phillip, sich von ihm, Kr\u00fcger, verabschieden w\u00fcrde. Es ist das Ende der Aufnahme, die wir an unserem letzten Abend h\u00f6rten. Obwohl \u2013 diese vier Worte h\u00f6rten wir nicht mehr. Wir waren bereits eingeschlafen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>* * *<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Zieh es nicht in die L\u00e4nge<\/em>, sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen, <em>das ist \u00e4rgerlich. Du hast dich entschlossen zu gehen, also gehe.<\/em> Der Fuchs und der kleine Prinz hatten sich einander angen\u00e4hert und waren sich vertraut geworden. Und der kleine Prinz z\u00f6gerte, den Fuchs zu verlassen. Sie waren einander nun wertvoll. Ich wei\u00df wohl, dass ich diesen Text in die L\u00e4nge ziehe, sagte ich zum kleinen Fuchs, der mich mit halb leeren Augen ansah. Aber es gelingt mir nicht, Adieu zu sagen, erg\u00e4nzte ich und sah in seinen jetzt leeren Blick. Wie soll ich abschlie\u00dfen?, fragte ich ihn. Wie soll ich mit Maria fertig werden? So wie Bach es tat, als er seine Kantate <em>Ich hatte viel Bek\u00fcmmernis<\/em> ganz am Ende verhunzte? Bumm, tattaa, und aus!? Ich kann das nicht, sagte ich zu meinem Fuchs. Sie ist ja noch nicht einmal unter der Erde. Er blickte weg. Was sollte er sagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Au\u00dferdem geht meine eigene Geschichte ja noch weiter. Und deine auch noch. Deine Grablegung wird erst in wenigen Tagen sein und einstweilen liegst Du im K\u00fchlhaus. Und so lange ist deine Anwesenheit auf Erden nicht vorbei. Friedrich schrieb mir heute endlich, dass dein Leichnam morgen nach Berlin komme und die Beisetzung am Samstag den 19. Januar stattfinde. Verdammt sp\u00e4t. Wie sieht dein K\u00f6rper nach drei Wochen in der Leichenhalle aus? Hast Du noch ein Gesicht, das wir sehen werden? Ist es vom Wasser aufgeschwemmt? Hatten dir die Wellen und Felsen die Knochen gebrochen, den Sch\u00e4del zerschlagen oder das R\u00fcckgrat, ehe Du starbst? Ich wei\u00df, Du konntest dich noch einige Minuten \u00fcber Wasser halten, aber das sagt nicht viel. Es hatte eine Autopsie gegeben, ehe man dich f\u00fcr den Transport nach Deutschland freigab und deren Ergebnis ich nicht kenne. Sicher war es eine Routine der Beh\u00f6rden, festzustellen, dass Du wirklich Wasser in der Lunge hattest und ich dich nicht etwa beidh\u00e4ndig erw\u00fcrgt und ins Meer geworfen hatte. Man kann nie wissen. Ich hoffe, sie haben dich ordentlich wieder zugen\u00e4ht. Aber ehrlich gesagt interessiert das niemanden mehr. Ab kommenden Samstag, nachdem wir alle Sand auf dich geworfen haben werden, wird es endg\u00fcltig vorbei sein mit deinem Leib. Zum Gl\u00fcck tr\u00e4ume ich nichts. Ich trinke genug, um einige Stunden traumlos schwarz durch die Nacht zu schlafen. Wer darf tr\u00e4umen?, hattest Du mich gefragt. Und wer hat das Gl\u00fcck, es nicht zu tun, sage ich dir. Du stehst jetzt auf meiner Liste von Verlusten, Maria. Von denen, die schwierig sind.<\/p>\n<h2>Amazing Grace<\/h2>\n<p><strong>Seite 160ff.<\/strong><\/p>\n<p>Gegen Ende der Feier dann sprach endlich Amelie. Seit deinen fr\u00fchen Theatertagen war sie Mentorin und Freundin gewesen, und wenn jemand dein k\u00fcnstlerisches Werk kannte, dann sie. Wie sich nun herausgestellt hatte, trug das letzte St\u00fcck, das Du vor deinem Tod inszeniertest, den Titel <em>\u00dcbung in Trauer. Exercise in Mourning<\/em>. Darin Du selbst die Tote spieltest. Ein Kraftakt von 60 Stunden Performance in mehreren Kapiteln, mit verschiedensten Ritualen, rum\u00e4nischen Klagefrauen und Leichenschmaus. Soviel Zeit hatten wir hier nicht. Amelie beendete ihre Rede damit, dass sie die letzte Email vorlas, die Du kurz vor dem Abflug nach Fuerteventura an sie schriebst. <em>Liebe Amelie. Ich fliege jetzt zu Alex auf die Insel. Ich bin wahnsinnig verliebt in ihn und er in mich. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so gl\u00fccklich.<\/em> In einem einzigen Augenblick fielen pl\u00f6tzlich tausende Blumen von der Kirchendecke auf den Sarg herab mit einem unh\u00f6rbaren L\u00e4rm, und mit einem verschluckten Aufschrei kr\u00fcmmte sich mein Oberk\u00f6rper nach vorn, w\u00e4hrend ihn Ragnar und dein Vater auf dem Stuhl hielten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann kam, worauf ich nicht vorbereitet war. Pl\u00f6tzlich standen alle auf. Es gab einen letzten Segen f\u00fcr die, die ihn wollten, und dann schritten rasch sechs Frauen und M\u00e4nner vor zum Sarg, stellten sich auf beiden Seiten neben ihn und jemand rollte ein Metallgestell heran. Die Sechs gingen in die Knie und hoben den Sarg mit einem Ruck hoch. Was macht ihr da!, dachte ich. Nicht bewegen, lasst sie dort! Das Gestell wurde unter den Sarg gerollt, die schwarzen Gurte gel\u00f6st und dann schob man dich langsam in Richtung Ausgang. Ich war nicht mehr in Fassung zu bringen. Von Ragnar gest\u00fctzt ging ich dir hinterher ohne wahrzunehmen. Menschenreihen links und rechts, ich kannte nichts. Die Treppen hinunter. Kies knirschte. Man schob dich in ein helles Auto mit roten R\u00fccklichtern und schloss die Heckklappe zwischen uns. B J-9688. Dann fuhr es so langsam los, dass man hinterhergehen und auf die Blumen schauen konnte. Mein Vater lag auch kurz im Auto. Dudels\u00e4cke pusteten sich auf und spielten in Fl\u00f6ten, ein Trauermarsch zertretener Kreatur, jetzt eine Insel finden und in seentiefem Blau, mir war kalt. Wir gingen. Polizei bewegte sich mit abgedrehten Martinsh\u00f6rnern und leitete die lange Demonstration von St. Elisabeth fort durch die Stra\u00dfen von Mitte. Kurz vor dem Dorotheenfriedhof \u00fcbernahmen Posaunen und Trompeten den Ton von den Dudels\u00e4cken und begleiteten den Einzug weiter zwischen die Gr\u00e4ber.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann wurde es ruhig. Ich kam mit Ragnar unmittelbar vor deinem Grab zum Stehen. Sechs \u00e4ltere, ernsthafte M\u00e4nner in schwarzen M\u00e4nteln und mit Schirmm\u00fctzen standen letztes Spalier. Ein Segen noch, dann gab einer das Kommando und dein Blumensarg glitt rau an Seilen in die Tiefe. Viel tiefer, als ich gedacht h\u00e4tte. Deine Eltern traten als erste heran und warfen zwei Schaufeln Sand. Friedrich und Amelie z\u00fcndeten Partytischbomben, aus denen goldenes Lametta knallte \u2013 oder knallen sollte, denn es gab Ladehemmungen und geriet unfreiwillig absurd. Aber die Geste war gemacht. Dann war ich an der Reihe. Ich trat an den Rand der tiefen Grube und schaute hinab. Aus der Manteltasche zog ich die kleine Flasche Schnaps, die Du mir geschenkt hattest und die ich am Morgen spontan aus meinem Zimmer mitgenommen hatte. Ich schraubte den Verschluss auf, hob die Flasche hoch an den Mund und blickte in den blauen Himmel, nahm einen tiefen Schluck. Es schmeckte rein und klar, fruchtig, ja k\u00f6stlich! Ich setzte die Flasche ab, streckte den Arm weit aus und goss den Alkohol \u00fcber die Blumen auf deinem Sarg. Dann warf ich die Flasche hinunter in die Grube und den Schraubverschluss hinterher. Mach\u2019s gut, sagte ich leise. Und trat ab. Andere kamen und gingen, warfen Sand und Blumen, einige schluchzten. Ich war mit Schluchzen fertig. Unbekannte Gesichter kondolierten mir, auch bekannte. Die Bl\u00e4ser spielten gemeinsam mit den Dudels\u00e4cken ihr letztes St\u00fcck. Amazing Grace. How sweet the sound. Die Stimmung l\u00f6ste sich, die Gespr\u00e4che schweiften ab. Man plauderte. Ich dachte, der Friedhof sei der schwierigste Teil, sagte ich zu Ragnar. Aber es war der Leichteste. Sobald sie in der Erde war, war irgendwie alles gut. Das ist der Sinn des Rituals, antwortete Ragnar. Wenn es gut gemacht ist, schl\u00e4gst Du am Ende ein Kapitel zu. Ich sah ihm in die hellen Augen. F\u00fchlt sich so an, sagte ich und schaute auf die Grube. Wei\u00dft Du, dass Maria selber den besten Kommentar f\u00fcr diese Situation gegeben hat? Als sie mir von ihrem Garten auf der Insel erz\u00e4hlte, sagte sie: Buddel etwas in der Erde ein und warte, bis etwas Anderes herauskommt. Das ist jetzt das n\u00e4chste Kapitel, nicht wahr? Ja, sagte Ragnar. Da wird jetzt etwas Anderes draus. Lass uns Essen gehen.<\/p>\n<h2 style=\"font-weight: 400;\">Florentiner Spiegel<\/h2>\n<p><strong>Seite\u00a0217 ff.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Tag 148<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich schaue in die weichen Z\u00fcge eines versteinerten Gesichts. Sie neigt den Kopf und sieht mich ohne Augen an. Von der rechten Schulter f\u00e4llt ein \u00dcberwurf die Taille hinab und bringt mit einem Schwung um die H\u00fcfte ihre Scham in meinen Blick. Sie steht direkt neben mir. Barbusig und ohne Arme. Vor mir reckt eine Sphinx ihren Hals in die H\u00f6he und sieht in die Weite. Auch ihre Br\u00fcste sind nackt. Spitz und straff schauen sie zu mir. Ihre kleinen Terrakottafl\u00fcgel ragen aufw\u00e4rts von den Schulterbl\u00e4ttern und enden bald nach einer Abw\u00e4rtskurve oberhalb des Pos, der auf L\u00f6wenpfoten sitzt. Von einem flachen Sockel auf dem Boden reichen Schienbeine hinauf zu Knien und wenden sich zur Rundung zweier Schenkel, die hinabgleiten zum Unterleib einer Frau, die \u00fcber dem Becken abgebrochen ist. Ich sehe auf Granit. Ich drehe mich um. Auf der anderen Seite meines Bettes sitzt ein hoher Pudel neben mir. Er wacht mit stolzem Kopf. Sein Fell ist manieristisch grau gekr\u00e4uselt und steif wie Beton. Neben der T\u00fcr liegt ein halber Fu\u00df aus Travertin, auf einem schmalen Podest in Reichweite der Gipsabguss eines weiblichen Dekollet\u00e9s. Ich habe einen Stuhl vor die T\u00fcr gestellt, damit sie nicht aufgeht. Sie hat weder Schloss noch Klinke. Ich bin nackt unter der Bettdecke und liege selbst auf einem Sockel. Zwei Meter lang, 80 Zentimeter breit, 60 Zentimeter hoch, mit einer Matratze darauf. Als h\u00e4tte ich die Nacht im Museum verbracht. Oder als sei ich nun selber ein Relikt aus der Vergangenheit. Aber noch Fleisch statt Stein. Abgelegt in einer Dachkammer unter Skulpturen. Das Fenster \u00fcber mir sieht den Himmel durch ein altes Gest\u00fchl aus wei\u00df gestrichenen Balken. Ich habe unruhig geschlafen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich lese seit einigen Tagen die Erz\u00e4hlung von Philippe Lan\u00e7on. Der Fetzen. Er ist Journalist bei Lib\u00e9ration und geh\u00f6rt zu den Autoren der Pariser Satirezeitung Charlie Hebdo. Er war am 7. Januar 2015 mit im Raum, w\u00e4hrend der Redaktionssitzung zehn seiner Kollegen und Kolleginnen von zwei M\u00e4nnern mit Kalaschnikows erschossen wurden. Elf weitere Personen wurden verletzt, teils schwer. Er war eine davon. Es dauerte zwei Minuten. W\u00e4hrend des Attentats zerfetzen ihm Kugeln den rechten und den linken Arm, eine weitere riss ein Drittel des Gesichts weg. Kinn und Kiefer. Das l\u00e4sst sich nicht vergleichen. Und doch verbindet mich etwas mit ihm und dem Buch. Er \u00fcberlebt, die Gef\u00e4hrten nicht. Er sieht sie um sich, immer wieder, tot oder sterbend oder gerade so \u00fcberlebend im Kugelhagel von Leuten, die er nicht kennt und die Allah Akbar rufen, so als sei das eine Erkl\u00e4rung. Er findet allm\u00e4hlich zur\u00fcck ins Leben, aber als ein anderer. Er begreift schnell, dass ein Philippe Lan\u00e7on starb, w\u00e4hrend ein unbekannter Philippe Lan\u00e7on \u00fcberlebt und erst langsam zu sich kommt. Acht Monate lang lebt er in Kliniken mit entsetzlichen Schmerzen nach siebzehn Gesichtsoperationen und Transplantationen. Das entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Ich kann mir nicht ausmalen, wie es ist, wenn einem der Kiefer weggeschossen wird und nach dem ersten Schock allm\u00e4hlich das K\u00f6rperbewusstsein zur\u00fcckkehrt und mit ihm die Schreie der Nerven beginnen, die auch das Morphium nicht bet\u00e4ubt. Was ich mir aber vorstellen kann ist, warum er sich der Chirurgin beinahe intim verbunden f\u00fchlt, die ihm, einer Bildhauerin gleich, wieder ein Gesicht geben wird. Und auch, warum er nach wenigen Tagen wieder zu schreiben beginnt. Kafka liest und Thomas Mann, Bach h\u00f6rt, die Goldbergvariationen von Glenn Gould. Er schreibt Artikel und Kolumnen, die letzte Br\u00fccke zu seinem alten Leben. Mit seinem Buch beginnt er erst zwei Jahre sp\u00e4ter, schreibt aus der Distanz des R\u00fcckblicks. Die Erz\u00e4hlung endet am 13. November 2015, dem Tag des Anschlags auf das Bataclan. Der Kreis des Terrors schlie\u00dft sich um ihn. Als das Buch erscheint wird es emphatisch rezensiert. Auch, weil er die Attent\u00e4ter nicht verurteilt oder stigmatisiert. Denn was ihn fast umbrachte, ist die Welt, \u00fcber die er seit Jahren geschrieben hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich bin nach Florenz gefahren, um meinen eigenen Text abzuschie\u00dfen und nachzuschauen, wer ich geworden bin. Es ist an der Zeit.\u00a0Lan\u00e7ons Abstand habe ich noch nicht, und ob sich irgendwo ein Kreis schlie\u00dfen wird, wei\u00df ich nicht. Ich wei\u00df, dass mich die Krankenkasse unter den Kennziffern F48, F21 und F55 abrechnet: Posttraumatische Belastungsst\u00f6rung, Anpassungsst\u00f6rung und mittelschwere Depression. Sie m\u00fcssen jetzt mal raus aus ihrem Gegr\u00fcbel, hat meine Therapeutin gesagt, und die \u00dcberh\u00f6hung ihrer Maria nervt auch ein bisschen. Fahren Sie mal richtig weg. Am besten irgendetwas mit Natur, damit ihr Realit\u00e4tssinn wiederkehrt, meinte sie. Blo\u00df nichts mit Kunst und Kultur. Und nehmen Sie sich Zeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also schickte ich einem Freund, der beim Goethe-Institut arbeitet, eine Nachricht. Ob er eine Idee h\u00e4tte, wo ich f\u00fcr einige Wochen hink\u00f6nne. Vielleicht ein Stipendium irgendwo. Ich hatte noch nie ein Stipendium. Immerhin schreibe ich an einem Buch, das k\u00f6nnte man doch unterst\u00fctzen. Mein Freund leitete die Nachricht an eine Bekannte weiter, die ein deutsches Kulturinstitut am Stadtrand von Florenz f\u00fchrt, und sie bot mir per Email ein leerstehendes Zimmer an. Da bin ich jetzt. Umgeben von steinernen Hunden und t\u00f6nernen Frauen in einer wundersamen kleinen Kammer unterm Dach.\u00a0Das ist zwar nicht, was meiner Therapeutin vorschwebte, denn hier gibt es statt Natur ausschlie\u00dflich Kunst und Kultur. Vor allem aber finde ich noch keinen Platz zum Schreiben. In der Villa, in der ich wohne, gibt es keinen Schreibtisch, drinnen kann ich nicht rauchen, drau\u00dfen ist es klamm. In der Altstadt war ich noch nicht. Ich h\u00e4nge herum in Vorstadtcaf\u00e9s. Lese und Schreibe auf dem Handy. Vielleicht reise ich wieder ab.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Tag 152<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der morgendliche Caf\u00e9 in der Villa schmeckt nicht. Also bin ich der Steinmauer gefolgt, die vom Anwesen aus zu der steilen Stra\u00dfe f\u00fchrt, \u00fcber die man hinunter zur Piazzale di Porta Romana gelangt, wobei man einen guten Blick \u00fcber die Florentiner Ebene hat, aus der sich die gro\u00dfe Kuppel des Domes langsam erhebt wie ein beh\u00e4biger Ballon. Hat man die Piazzale erreicht, bleibt zum Laufen nur ein Streifen B\u00fcrgersteig, der rings um den gro\u00dfen Kreisverkehr f\u00fchrt, von dem aus neun Stra\u00dfen Autos, Busse und Mopeds hinein ins Zentrum und hinaus aufs Land verteilen. Ich habe mich vor einem Caf\u00e9 auf einen der St\u00fchle gesetzt und einen Espresso bestellt und ihn getrunken. Es hat genieselt. So wie seit Tagen. Auch in Florenz ist der Fr\u00fchsommer ins Wasser gefallen, aber es ist warm genug, um tags\u00fcber drau\u00dfen in kurzen Hosen und Jackett unterwegs zu sein. Als ich zahle und aufstehen will, um einen Spaziergang entlang der \u00e4u\u00dferen Stadtmauer zu beginnen, bemerke ich auf dem Rasenrund in der Mitte des Kreisverkehrs einen Fuchs. Ich halte inne. Ich sehe zu ihm. Sein Fell ist dunkel und feucht. Er schn\u00fcffelt \u00fcber das Gras, dann blickt er mit gesenktem Kopf in meine Richtung. Ich stehe auf und mache einen Schritt auf ihn zu. Und Du?, rufe ich \u00fcber die vorbeifahrenden Autos zu ihm her\u00fcber. Was ist mit dir? Du mit deinem weichen Schwanz? Sag Du doch mal was dazu! Er wendet sich ab. Hey!, rufe ich. Er huscht \u00fcber die Stra\u00dfe hin\u00fcber zum Stadttor und ich sehe noch, wie er sich an den alten Ziegelsteinen entlangdr\u00fcckt und an den Fahrzeugen vorbei durch eine Gasse in Richtung Altstadt verschwindet. Ich rufe: Verdammt, ihr k\u00f6nnt doch nicht dauernd alle weggehen! Hey! Etwas b\u00e4umt sich in mir auf. Ich bahne mir durch den Verkehr einen Weg zum Stadttor und laufe die Gasse hinunter, in die der Fuchs gelaufen ist. Da hinten ist er. Hey! rufe ich, Bleib hier!, und laufe so gut ich kann, und denke kurz, ob ich nicht auf Italienisch rufen soll, was mir dann absurd vorkommt. Er l\u00e4uft immer schneller hinunter in Richtung Altstadt. Verdammter Schei\u00df, jetzt komm her!, rufe ich im Rennen. Ich werde zornig, bekomme ein Seitenstechen, gehe in Trab \u00fcber und verliere ihn schlie\u00dflich aus den Augen. Ich bleibe stehen und beuge mich vor und atme durch, die H\u00e4nde auf den Knien. Der Tinnitus pfeifft auf beiden Seiten des Gehirns. Vieni qui! Jetzt f\u00e4llt es mir ein. Vieni qui. Komm her.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann hupt es hinter mir. Ein kleiner Elektrobus, der kaum durch die Gasse passt, rollt mit surrendem Motor heran, die Reifen ploppen auf dem Kopfsteinpflaster. Ich hebe eine Hand zum Zeichen, dass ich mitfahren will und steige ein. Der Bus ist voll wie ein Ei. Permesso!, zischt es neben mir, man dr\u00e4ngelt, und der anfahrende Bus gibt die St\u00f6\u00dfe des Pflasters weiter an die Becken und B\u00e4uche der umstehenden Fahrg\u00e4ste. Drau\u00dfen sehe ich im Vorbeifahren einen D\u00f6nerladen und daneben eine gemauerte Wandnische mit einer bunt bemalten Frauenfigur darin. Magdalena, denke ich, oder Maria oder Katharina oder Susanne. Irgendeine dieser verdrehten Figuren aus dem Wimmelbild feixender Bibelpuppen, die irgendwelche Leute installiert haben, um alles sch\u00f6n zu ihren Gunsten auszulegen, das eigene Ma\u00df und Recht auf Gold zu malen, in Wolken zu betten, in Nischen zu zimmern und einzurahmen in Smaragde aus Galle und Rubine aus Kot. Ich muss schmunzeln, wie gerne ich \u00fcber die Kirche l\u00e4sterte. Ich schaue den Gang entlang nach vorne durch die zitternde Windschutzscheibe. Von F\u00fcchsen ist nichts zu sehen. Am Ende der absch\u00fcssigen Gasse, die der Bus herunterbrettert, taucht der Arno auf und die Stadtsilhouette kommt n\u00e4her.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bevor wir die Br\u00fccke \u00fcber den Arno passierten, rufe ich Descendere!, und als die Br\u00fccke schon hinter uns liegt nochmals: Descendere!!, und der Bus h\u00e4lt abrupt an der Piazza di Santo Stefano. Er kippt mich auf den B\u00fcrgersteig und durch die Wolken f\u00e4llt Sonnenschein auf das vom Regen frisch gewaschene Pflaster der Stra\u00dfe vor mich hin. Es schillert. Um mich herum hunderte F\u00fc\u00dfe und Beine und rollende Koffer. \u00dcber mir helle Sandsteinfassaden. Dar\u00fcber Licht. Welch fabul\u00f6ser Glanz! Eine tolle Masse beginnt, mich \u00fcber das Kopfsteinpflaster durch die Stra\u00dfen zu schieben, hinein in diesen alten Kanon, den ich nun betrete, und den hochgehaltene Regenschirme in allen Sprachen verk\u00fcnden. Sie deklarieren den Menschen und seine Ideale, und zeigen zwischen Putten und Voluten, unter Kuppeln und Gew\u00f6lben, auf Alt\u00e4ren und auf Tafelbildern unter Heiligen und Seligen die falsche Maria Magdalena!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;The Last Day of the Year&#8221; is a story &#8211; my literary debut. On December 31, 2018, my girlfriend Maria Magdalena L. drowned in the Atlantic; I myself barely survived. The text recounts the weeks before and after this event. It has not yet been published. I am providing reading samples here \u2013\u00a0not in English though.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-956","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texts","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":true,"content":true,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/956","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=956"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/956\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":972,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/956\/revisions\/972"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=956"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=956"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=956"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}