{"id":929,"date":"2020-01-06T15:07:35","date_gmt":"2020-01-06T14:07:35","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=929"},"modified":"2025-10-26T07:58:10","modified_gmt":"2025-10-26T06:58:10","slug":"willst-du-eine-zukunft-ein-protokoll-fuer-neue-kulturelle-gemeingueter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/willst-du-eine-zukunft-ein-protokoll-fuer-neue-kulturelle-gemeingueter\/","title":{"rendered":"Willst du eine Zukunft?  Ein Protokoll f\u00fcr neue kulturelle Gemeing\u00fcter (2020)"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"font-weight: 400;\">Dass wir dringend gute L\u00f6sungen f\u00fcr plantare Probleme brauchen, wei\u00df heute jeder. Doch dann klingt es immer etwas anr\u00fcchig, wenn irgendwer behauptet, er kenne eine wirklich gute L\u00f6sung f\u00fcr ein planetares Problem. Man ger\u00e4t schnell in Verdacht, anma\u00dfend oder, wahrscheinlicher noch, ein Populist zu sein. Deshalb habe ich mich heute morgen gefreut, als ich ein Interview mit Judith Butler im New Yorker las, in dem sie sagt: <em>Sometimes you have to imagine in a radical way that makes you seem a little crazy, that puts you in an embarrassing light, in order to open up a possibility that others have already closed down with their knowing realism. I\u2019m prepared to be mocked and dismissed<a href=\"applewebdata:\/\/07FC2CAF-431C-4726-BACB-CB40A00C81E2#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a>. <\/em>Auf geht\u2019s also. Denn ich werde sicherlich etwas l\u00e4cherlich aussehen, wenn ich sage, dass mir zumindest <em>eine<\/em> gute Idee f\u00fcr planetare Probleme einf\u00e4llt. Es ist nicht meine Idee. Aber ich finde sie gut.<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Les Nouveaux Commanditaires<\/strong><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich h\u00f6rte 2007 zum ersten Mal davon. In einem Berliner Stra\u00dfencaf\u00e9 treffe ich Fran\u00e7ois Hers, einen belgischen K\u00fcnstler aus Paris. Er erz\u00e4hlt mir, dass eine gro\u00dfe private Stiftung, die Fondation de France, die innovative Projekte von Medizin bis Bildung f\u00f6rdert, 1989 einen neuen Ansatz f\u00fcr eine nachhaltige und soziale Kulturf\u00f6rderung suchte und man ihn fragte, ob er eine Idee habe. Er hatte eine: Er schlug vor, ein Programm aufzusetzen, das es B\u00fcrgern erm\u00f6glichen w\u00fcrde, zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler mit neuen Werken zu beauftragen. Kulturmediatoren <em>(cultural mediators and public producers) <\/em>sollten sie dabei begleiten, um das n\u00f6tige Know-how beizusteuern. Er f\u00fchrt aus:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Seit DADA und der Russischen Avantgarde war klar, dass die Kunst an jedem Ort, zu jeder Zeit, in jeder Gestalt und zu jedem Thema ihre Formen finden und ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen kann. Und trotzdem sahen wir, dass fast alles, was wir danach als K\u00fcnstler taten, letztlich in Galerien und in Museen landete. Dass es schlussendlich keinen anderen Ort f\u00fcr uns gab als den Kanon der Institutionen und einen Markt, dessen Bed\u00fcrfnisse ungewiss sind und mit denen der meisten Menschen nichts zu tun haben.<\/em> <em>Die Autonomie der Kunst, bzw. die der K\u00fcnstler, war irgendwann zur Sackgasse geworden. In den westlichen Kulturen setzte sich seit der Romantik das Prinzip durch, dass K\u00fcnstler nichts und niemandem als ihrer eigenen inneren Notwendigkeit, Neues zu schaffen, verpflichtet seien. Ihre Unabh\u00e4ngigkeit von Auftraggebern und \u00e4u\u00dferen Regeln, was sie wie zu tun und zu lassen h\u00e4tten, stand synonym f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit freier B\u00fcrger, die autorit\u00e4re Regime abgesch\u00fcttelt und allm\u00e4hlich Demokratien aufgebaut hatten, in denen sie ihre eigenen Belange selbst verwalteten. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Aber dieser historische Sinn der Kunstautonomie hatte sich irgendwann aufgebraucht. Mit der Globalisierung des Kunstbetriebs wurden Konzepte der b\u00fcrgerlichen Moderne und ihre Autonomiediskurse zu einem internationalen Standard \u2013\u00a0aber in den Achtzigerjahren war uns klar, dass die innere Notwendigkeit des Einzelnen f\u00fcr das demokratische Projekt nicht mehr zentral sein konnte. Jetzt ging es um die Frage, wie einigerma\u00dfen frei gewordene Menschen \u00fcberall auf der Welt ihre Wege finden, selbstbestimmt zusammenzuleben. Auf diese Frage konnte es nur kollektive Antworten geben. Das vertrug sich nicht l\u00e4nger mit der Idee, dass sich die K\u00fcnstler alleine den Kopf zerbrechen sollen, welche Kunst die Gesellschaft wohl ben\u00f6tigt, welche Formen ihr angemessen sind, welche Kritik sie braucht, welche Repr\u00e4sentation.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Also wollte ich als K\u00fcnstler den Spie\u00df umdrehen: Soll uns doch die Gesellschaft selber sagen, was sie braucht! Jeder Einzelne. Wof\u00fcr braucht ihr die Kunst, und uns K\u00fcnstler? Was ist eure Nachfrage (Demand)? Was erwartet ihr von der Malerei, von der Architektur, der Literatur, der Musik, dem Film? Meine intime Notwendigkeit spielt keine Rolle. Ich will wissen, was eure Notwendigkeit ist! Was wollt ihr erreichen? Und was k\u00f6nnen wir als K\u00fcnstler daf\u00fcr tun? Und so entstand das Protokoll der Neuen Auftraggeber. Das Entscheidende daran ist, dass es mit dem Mediator einen neuen Akteur auf die B\u00fchne des Kunstbetriebes schickt, der B\u00fcrger dabei unterst\u00fctzt, K\u00fcnstler mit Projekten zu beauftragen, die sie f\u00fcr wichtig halten. Wir brauchen eine vermittelnde Instanz, damit B\u00fcrger und K\u00fcnstler sinnvoll zusammenfinden und kooperieren k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und damit war die Idee da: Eine neue Kunst im B\u00fcrgerauftrag als Handlungsmodell f\u00fcr eine demokratische Kulturproduktion. Es hatte zwar in der Geschichte immer wieder Kunstwerke gegeben, die von B\u00fcrgern beauftragt worden waren, die nicht zur kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Elite z\u00e4hlten. Aber es hatte noch nie einen systemischen Ansatz gegeben, eine generelle Politik (a general policy), damit Menschen ohne besondere Privilegien eine aktive, entscheidende Rolle im Kunstgeschehen spielen konnten. Die Fondation de France nahm Hers Vorschlag an. 1990 entstanden die <em>Nouveaux Commanditaires<a href=\"applewebdata:\/\/07FC2CAF-431C-4726-BACB-CB40A00C81E2#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a> <\/em>als ein dezentrales Netzwerk von Mediatoren und gemeinn\u00fctzigen Organisationen, die unabh\u00e4ngig in ihren Regionen mit B\u00fcrgern in Dialog traten und sie fragten, was sie sich von der Kunst erwarteten. Bald luden Menschen aus D\u00f6rfern, kleinen St\u00e4dten und Metropolenregionen quer durch ganz Frankreich K\u00fcnstler ein, vor Ort in ihrem Auftrag Projekte zu entwickeln, die auf lokale Herausforderungen neue Antworten geben sollten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Kommentar zum Protokoll der Neuen Auftraggeber<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Protokolle regeln viel. In der analogen und in der digitalen Welt. Sie sorgen daf\u00fcr, dass das Internet funktioniert und legen fest, was Milliarden von Menschen wann und wie sehen. Die Protokolle diplomatischer Dienste bestimmen, wie politische Hierarchien in formale Abl\u00e4ufe gebracht werden und sich ihre Repr\u00e4sentation f\u00fcr unsere Augen vollzieht. Es gibt die geschriebenen Protokolle einer kirchlichen Trauung und die ungeschriebenen eines Tinderdates \u2013 Protokolle ordnen weite Teile des Zusammenlebens, der (Re-)Produktion, der Konsumption, der Repr\u00e4sentation. Sie sollen funktionale Regeln sicherstellen, Fehler vermeiden, Vertrauen und Verl\u00e4sslichkeit herstellen. Jedes neue Protokoll, das als solches anerkannt wird, ist damit ein tiefer Eingriff in die soziale Welt und ein Werkzeug zur Steuerung k\u00fcnftiger Prozesse.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Protokoll der Neuen Auftraggeber ist solch ein Eingriff und solch ein Werkzeug. Jedoch nicht in Form einer Norm oder Festlegung, sondern als Vorschlag f\u00fcr eine gemeinsame Praxis von Menschen, die sich diese Praxis w\u00fcnschen, sie zusammen organisieren und, falls sie dabei miteinander in Konflikt geraten, diesen Konflikt selber zu l\u00f6sen haben, was bedeutet, dass es keine \u00e4u\u00dfere Instanz gibt, die \u2013 helfend oder regulierend \u2013\u00a0eingreift. Das Protokoll der Neuen Auftraggeber kennt keine Autorit\u00e4t au\u00dferhalb der am Prozess beteiligten Akteure. Dabei ist es insofern universell, als es in jeder Gemeinschaft von Menschen, an jedem Ort und zu jeder Zeit, praktiziert werden kann. Es ist rechtlich als ein Kunstwerk verfasst, dass sich jeder aneignen kann, vergleichbar dem Modell der Creative Commons License. Und eben das wird heute flei\u00dfig getan.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Die Geschichte der Selbstbestimmung hat kein Anfang und kein Ende <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als 1992 die ersten Mediatoren von Haus zu Haus zogen, um Einwohner daf\u00fcr zu begeistern, Kunstwerke in Auftrag zu geben, war es zun\u00e4chst nicht mehr als ein Experiment, das viele bel\u00e4chelten. Interessierten sich die B\u00fcrger nicht f\u00fcr wichtigere Dinge als ausgerechnet zeitgen\u00f6ssische Kunst? Und warum sollten sich K\u00fcnstler \u00fcberhaupt mit den Anliegen von B\u00fcrgern befassen? Aber die Geschichte kultureller Selbstbestimmung geht so weit zur\u00fcck wie menschliche Kulturen selbst. Die Zweifel waren m\u00fc\u00dfig. Bald gingen Menschen von selbst auf die Mediatoren zu, suchten das Gespr\u00e4ch, es entstand Projekt nach Projekt. Nach 18 Jahren, zur Jahrtausendwende, waren es bereits viele Dutzend, und aus der Vogelperspektive betrachtet standen sie alle in einer langen Tradition der Selbsterm\u00e4chtigung, die historisch gesehen Generation f\u00fcr Generation durchzieht. 2002 gab es erste Projekte der Nieuwe Opdrachtgevers in Belgien, bald darauf der Nuovi Committenti in Italien, dann den Concomitentes in Spanien. Die Idee sprach sich herum. In immer mehr Regionen Europas inspirierte das Protokoll Kunstvermittler dazu, als Mediatoren aktiv zu werden und B\u00fcrgerauftr\u00e4ge zu unterst\u00fctzen, und es inspirierte B\u00fcrger, K\u00fcnstlern in ihren Ateliers zu sagen, was ihre W\u00fcnsche, Ziele und Probleme sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In Deutschland gr\u00fcndete sich 2007 der Neue Auftraggeber e.V. in einem Berliner Hinterzimmer. Einige Kuratoren und Kulturinteressierte waren die ersten Mitglieder, unter ihnen ich. Etwas erstes Geld kam aus Frankreich, dann aus Bonn, aus L\u00fcbeck, aus Hamburg, Potsdam. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Wir machten mit kleinen Budgets als Mediatoren erste Pionierprojekte und lernten zusammen mit den B\u00fcrgergruppen, den Auftraggebern, und mit den K\u00fcnstlern, den Auftragnehmern. Viel ging schief, manches ging ganz gut. Ein Protokoll mag kurz, klar und einfach sein. Die entsprechende Praxis ist es nicht ohne weiteres. Heute, 2020, sind wir etwas weiter. In unserem Berliner B\u00fcro h\u00e4ngt das Protokoll als Poster an der Wand. Wir arbeiten als Team am runden Tisch und koordinieren das Programm in Deutschland. Mit Unterst\u00fctzung der Kulturstiftung des Bundes und vielen weiteren Partnern begleiten wir derzeit neun Mediatoren, und mehr als hundert B\u00fcrger haben sich in Ost und West zusammengeschlossen, um in ihren D\u00f6rfern und St\u00e4dten neue Werke und Projekte in Auftrag zu geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir kennen neue Kollegen in der Schweiz, in Spanien, in Kamerun, in Schweden und im Libanon. Stand heute sind international 52 Mediatoren in elf L\u00e4ndern aktiv. Mittlerweile sind weltweit \u00fcber 500 Projekte abgeschlossen worden, jedes einzelne von ihnen autonom in Form und Inhalt. Zehntausende B\u00fcrger stehen hinter diesen Projekten, B\u00fcrgermeister und Stadtverwaltungen, Sponsoren und Stiftungen, Vereine und Verb\u00e4nde waren Wegbegleiter und auch Finanzierer. Viele der beauftragten K\u00fcnstler sind weithin bekannt. Manche der Projekte sind ber\u00fchmt geworden, andere gescheitert. Weit \u00fcber 100 Millionen Euro wurden ausgegeben, damit Menschen miteinander sprechen und aus ihren Gespr\u00e4chen neue kulturelle Gemeing\u00fcter entstehen, die niemand von oben befohlen, keine Kommission bestellt und klein Parlament beschlossen hat, und die s\u00e4mtlich im Eigentum von Gemeinschaften sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Protokoll f\u00fcr eine neue Kunst im B\u00fcrgerauftrag funktioniert. L\u00e4ngst gibt es Auftr\u00e4ge, die \u00fcber den Bereich der Kultur hinausgehen. Seit einigen Jahren entstehen neben den k\u00fcnstlerischen Projekten auch wissenschaftliche Forschungen, die bislang noch niemand unternommen hat. Forschungen im B\u00fcrgerauftrag. In der Architektur und Stadtplanung, in der Konflikt- und Entwicklungsarbeit, im Bildungssektor und in der Musikproduktion: das Modell Neue Auftraggeber ist in der Diskussion als eine unter den neueren Methodologien \u2013 man kann es auch eine Kulturtechnik nennen \u2013\u00a0demokratischer Sinnproduktion im 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gerade weil das Protokoll seiner Form nach universell ist (letztlich ist es nicht mehr als der Vorschlag zu einem bestimmten Beziehungsmodell, das einem gef\u00e4llt oder nicht), und die Neuen Auftraggeber keine Organisation sind, sondern ein loses Netzwerk unabh\u00e4ngiger Akteure, die eine gemeinsame Idee miteinander teilen, mehrt sich das Interesse in Regionen der Welt, die kolonialer \u00dcbergriffe und Entwicklungshilfen \u00fcberdr\u00fcssig sind, nicht aber sinnvollen Formen der Kollaboration und des gemeinsamen Handelns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist eine locker verbundene Community of practitioners, in der jeder Einzelne wiederum eingebunden ist in weitere lokale, regionale, nationale und internationale Netzwerke aus B\u00fcrgerinitiativen, sozialen Bewegungen, Politik, F\u00f6rderlandschaft, Wirtschaft, Medien, K\u00fcnstlern, und Fachkollegen. Das internationale Programm der Neuen Auftraggeber ist damit heute ein breitgef\u00e4chertes Geflecht aus komplexen individuellen, kollektiven und institutionellen Beziehungen, das sich in seiner Gesamtheit nicht darstellen l\u00e4sst. Gleichwohl gibt es st\u00e4ndige Knotenpunkte des Austauschs zwischen den Akteuren, und Debatten und Diskurse, die sie verbinden, sowie gemeinsame \u00f6ffentliche Plattformen. Das mag kompliziert klingen, ist es aber eigentlich nicht. Es liegt in der Natur dezentraler, und zumal planetarer Netzwerke, dass sich ihre Komplexit\u00e4t nicht reduzieren l\u00e4sst, warum auch. Politik und F\u00f6rdergebern mag das nicht immer gefallen \u2013zivilgesellschaftlichen und demokratischen Initiativen hingegen schon.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Bottom-Up \u2013\u00a0To the Planetary?<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich Vortr\u00e4ge \u00fcber die Neuen Auftraggeber halte, werde ich regelm\u00e4\u00dfig gefragt, ob das Protokoll der Neuen Auftraggeber auch in Nigeria, Venezuela, Russland, China, Liechtenstein oder Ostdeutschland funktionieren w\u00fcrde. Meine Antwort ist dann immer Ja. Weil alle Initiativen, die sich an das Protokoll anlehnen, lokal sind. Sie entstehen vor Ort, organisieren sich inhaltlich selbst, und alle Entscheidungen, was wie getan werden will, mit wem und mit welchen Mitteln, werden lokal getroffen. Solche Initiativen k\u00f6nnen freilich scheitern, und sie tun es auch dann und wann, und meistens dann, wenn sie politisch verhindert werden, was ein Problem ist, oder sich nicht finanzieren lassen, was ein anderes Problem ist. Beide Probleme sind ernst und systemisch, aber nicht prinzipiell.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn \u00fcberall gibt es Menschen, die eine Zukunft wollen, die anders ist als die Gegenwart. Daher sehe ich sehe keinen Grund, warum das Protokoll der Neuen Auftraggeber nicht prinzipiell an jedem Ort des Planeten funktionieren k\u00f6nnte<a href=\"applewebdata:\/\/07FC2CAF-431C-4726-BACB-CB40A00C81E2#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Zumal es f\u00fcr viele Gesellschaften letztlich nicht viel mehr bedeutet, als den unz\u00e4hligen Formen gemeinschaftlichen Tuns nur eine weitere Spielart hinzuzuf\u00fcgen, die weder besonders kompliziert, noch teuer ist, aber gut ins 21. Jahrhundert passt. Und f\u00fcr andere Gesellschaften, in denen es wenig kulturelle Infrastruktur gibt, bieten die Neuen Auftraggeber um so mehr ein Modell, um Strukturen zu schaffen, die in die Zukunft weisen, in eine demokratischere Zukunft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie geht es also weiter? Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass das bestehende Netzwerk der Neuen Auftraggeber in den kommenden zehn Jahren einige hundert Projekte im B\u00fcrgerauftrag hervorbringen und damit als Kulturtechnik weiter konsolidieren wird. Es braucht nur ein wenig mehr Fantasie um sich vorzustellen, dass bei gegebener Finanzierung und dem n\u00f6tigen politischen Willen weitere Mediatoren in weiteren Regionen der Welt Neue-Auftraggeber-Initiativen starten. Etwas mehr Fantasie braucht es bereits, um sich eine m\u00f6gliche Situation im Jahr 2050 vor Augen zu f\u00fchren: Wenn in den vergangenen 30 Jahren mit einer gem\u00e4\u00dfigt exponentiellen Steigerung<a href=\"applewebdata:\/\/07FC2CAF-431C-4726-BACB-CB40A00C81E2#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>500 Projekte entstanden, dann k\u00f6nnten in den kommenden 30 Jahren bei einer stagnierenden Gr\u00f6\u00dfe des Netzwerkes weitere 1.000 Projekte hinzukommen, bei einer Fortsetzung des zur\u00fcckliegenden Wachstums von j\u00e4hrlichen neuen Initiativen rund 2.000 Projekte, bei Betrachtung von Fu\u00dfnote 3 k\u00f6nnte diese Zahl aber auch ganz woanders liegen. Was uns wieder zu Judith Butler bringt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn es geht nat\u00fcrlich nicht um Zahlen und um Wachstum. Es geht darum<em> to open up a possibility that others have already closed down with their knowing realism. <\/em>Die Suche nach planetaren, und zumal planetaren demokratischen Handlungsans\u00e4tzen ist schwierig. Das Planetare suggeriert sogleich eine N\u00e4he zum Universellen, und das Universelle ist lange schon kolonial korrumpiert. Trotzdem brauchen wir universelle \u2013 planetare \u2013\u00a0Konzepte, um voranzukommen. Jede Idee, die darauf hinausl\u00e4uft, dass Leute da wo sie leben selber entscheiden, wie sie leben wollen, finde ich genauso richtig wie jede Idee, wie sich diese Gemeinschaft einschreiben kann in ein gr\u00f6\u00dferes Bild, in dem m\u00f6glichst viele vorkommen, die den gleichen Planeten bewohnen. Dieses Bild wird sich ohne die Kunst nicht zeichnen lassen. Das Protokoll der Neuen Auftraggeber ist ein Weg, damit dieses Bild so entsteht, dass nicht nur m\u00f6glichst Viele darin vorkommen, sondern tats\u00e4chlich auch m\u00f6glichst viele hinter diesem Bild stehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zahlen sind wichtig, um der Politik und den Geldgebern des Planeten zu erkl\u00e4ren, dass etwas machbar ist, zu welchen Kosten, und mit welchem m\u00f6glichen Ergebnis. Man darf da nicht sch\u00fcchtern sein. Falls eine Bottom-Up gewachsene Bewegung \u2013 und die Neuen Auftraggeber sind nur eine unter vielen \u2013 Aussicht hat, das Lokale, Regionale, und Nationale in eine gr\u00f6\u00dfere gemeinsame Perspektive und Erz\u00e4hlung einzubinden, dann besteht auch eine Chance, jenseits globaler Gro\u00dfinstitutionen, oder parallel zu ihnen,\u00ad voranzukommen mit dem gro\u00dfen Thema der Diversit\u00e4t, der kulturellen Identit\u00e4ten, der Gegenperspektive zu nationalpopulistischen Angriffen. Ich w\u00fcrde nicht das Programm der Neuen Auftraggeber in Deutschland mit aufgebaut und in anderen L\u00e4ndern vorgesellt haben, wenn ich nicht hoffen w\u00fcrde, dass diese gemeinsame Perspektive besteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und sei es nur diese Perspektive: die Idee zu teilen, dass jeder ein Akteur der Geschichte sein kann und soll, und zwar in der Gemeinschaft. Die Idee zu teilen, dass wir in der eigenen Praxis als Mensch, B\u00fcrger, K\u00fcnstler, Wissenschaftler usw. den Paradigmenwechsel vollziehen k\u00f6nnen, uns so weit wie irgend m\u00f6glich der Autorit\u00e4ten zu entledigen,\u00a0auch der der inneren Notwendigkeiten. Es geht darum,\u00a0die Interessen unserer komplizierten Gemeinschaften zu verstehen und es so tats\u00e4chlich zu schaffen, neue Allianzen zu bilden, die im kollektiven Interesse handeln, nicht allein im eigenen. Das klingt pathetisch? Ich sagte ja zu Anfang: <em>I\u2019m prepared to be mocked and dismissed. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Willst Du eine Zukunft? <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lionel Manga und ich sitzen einander gegen\u00fcber. Zwischen uns Mikrofone an St\u00e4ndern, eine Flasche Wein und zwei Gl\u00e4ser. Wir befinden uns im Studio von Radio Nostalgie Cameroun in Douala, und sind live. Ich bin mit Hilfe des Goethe Instituts nach Afrika gegangen, um von den Erfahrungen der Neuen Auftraggeber in Europa zu erz\u00e4hlen. Gerade habe ich ins Mikrofon gesagt, dass die Idee der Neuen Auftraggeber in meinen Augen \u00fcberall auf der Welt funktioniert. Weil es \u00fcberall Menschen gibt, die etwas tun wollen, \u00fcberall K\u00fcnstler, die ebenso etwas tun wollen, \u00fcberall m\u00f6gliche B\u00fcrgerauftr\u00e4ge an diese auf der Stra\u00dfe liegen, und \u00fcberall auch Geld, um sie umzusetzen, nur ist das Geld meist nur miserabel falsch verteilt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Das mag schon sein,<\/em> sagt Lionel, a<em>ber wenn wir gleich aus dem Studio gehen und die Leute auf der Stra\u00dfe fragen, was sie von ihrer Zukunft erwarten, werden sie uns antworten: \u201eNichts. Wir haben keine Zukunft.\u201c Ein Mediator der Nouveaux Commanditaires w\u00fcrde hier in Kamerun nicht so leicht auf Auftraggeber treffen, die etwas tun wollen. Weil sie nicht glauben, dass sie etwas tun k\u00f6nnen.<\/em> Ich antworte ihm: <em>In Deutschland w\u00fcrde uns mancherorts das gleiche passieren. Vielleicht sollten wir die Leute nicht fragen, was sie von der Zukunft erwarten \u2013 sondern ob sie eine Zukunft wollen, oder? Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand auf die Frage \u201eWillst Du eine Zukunft?\u201c mit \u201eNein.\u201c antwortet. Und wenn jemand \u201eJa\u201c sagt, k\u00f6nnten wir sie als n\u00e4chsten fragen: \u201eUnd welche Zukunft willst Du?\u201c Vielleicht k\u00e4men wir damit weiter<\/em>. Lionel findet die Idee ganz gut und wir trinken ein Glas Wein, w\u00e4hrend Werbung eingespielt wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir ist die Szene im Ged\u00e4chtnis geblieben, denn diese kleine Wendung in der Fragestellung machte f\u00fcr Lionel und mich einen Unterschied im weiteren Gespr\u00e4ch. Nicht nur den zwischen Haben und Wollen, Realit\u00e4tssinn und M\u00f6glichkeitssinn. In der Frage <em>\u201eWillst Du eine Zukunft?\u201c <\/em>schwingt noch mehr. Ein Gef\u00fchl von Erm\u00e4chtigung klingt mit, wenn man sie leise vor sich hinspricht, beinahe schon ein performativer Akt. <em>Will ich eine Zukunft? Ja, ich will. <\/em>Damit ist fast schon eine Entscheidung getroffen, beinahe schon etwas getan. Und die n\u00e4chste Frage, welche Zukunft genau man denn wollen w\u00fcrde, wenn man sie sich denn w\u00fcnschen d\u00fcrfte, dr\u00e4ngt fast von allein auf Beantwortung, macht sich mit einem Mal dringlich. Etwas will getan werden, k\u00f6nnte morgen getan sein. Und so wird die Zukunft \u2013 vielleicht wieder \u2013 zum Projekt.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/07FC2CAF-431C-4726-BACB-CB40A00C81E2#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> The New Yorker online: \u201cJudith Butler wants us to reshape our rage\u201d, by Masha Gessen, Feb. 9, 2020<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/07FC2CAF-431C-4726-BACB-CB40A00C81E2#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ins Englische l\u00e4sst sich <em>Nouveaux Commanditaires<\/em> nur etwas ungl\u00fccklich als <em>New Patrons<\/em> \u00fcbersetzen. Je nach Land und Sprachraum hei\u00dft es <em>Neue Auftraggeber, Nuovi Committenti,\u00a0Concomitentes, Nieuwe Opdrachtgevers, Nya uppdragsgivare, usw.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/07FC2CAF-431C-4726-BACB-CB40A00C81E2#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Erste Pl\u00e4ne daf\u00fcr entstanden bislang formell oder informell in Kamerun, Tunsien, Nigeria, S\u00fcdafrika, und dem Libanon. Akteure aus Holland, \u00d6sterreich, Polen, Kroatien, Griechenland, Island, USA, Argentinien, Indien, China, Australien, Namibia, Sudan, Senegal und dem Irak traten mit dem Netzwerk der Neuen Auftraggeber in Kontakt, um \u00fcber die Adaption des Protokolls in ihren Regionen zu sprechen. Verschiedentlich wurden oder werden Pionierprojekte geplant. Die ma\u00dfgebliche H\u00fcrde dabei ist in der Regel eine fehlende Finanzierung.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/07FC2CAF-431C-4726-BACB-CB40A00C81E2#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ca. 25 abgeschlossene Projekte in den 1990er Jahren, 150 in den 2000ern, 325 in den 2010ern. Genauere Zahlen gibt es nicht, da eine systematische Erfassung aller Projekte und ihrer Daten erst Ende 2020 abgeschlossen sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Published in: Hildegund Amanshauser, Kimberly Bradley, Navigating the Planetary. 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