{"id":721,"date":"2011-03-01T22:45:21","date_gmt":"2011-03-01T21:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=721"},"modified":"2026-02-23T19:48:48","modified_gmt":"2026-02-23T18:48:48","slug":"die-kommende-uebernahme-fuer-eine-entkoppelung-von-kulturpolitischer-definitionsmacht-und-kulturadministration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/die-kommende-uebernahme-fuer-eine-entkoppelung-von-kulturpolitischer-definitionsmacht-und-kulturadministration\/","title":{"rendered":"Die kommende \u00dcbernahme. F\u00fcr eine Entkoppelung von kulturpolitischer Definitionsmacht und Kulturadministration (2011)"},"content":{"rendered":"<p>Im politischen Selbstverst\u00e4ndnis Europas und insbesondere Deutschlands ist Kultur als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstbestimmung historisch verankert. Heute, in unseren neoliberal gewendeten Demokratien, l\u00e4sst sich indes der emanzipatorische Charakter kultureller Produktion f\u00fcr die Selbstbestimmung demokratischer Gemeinwesen immer schwerer erkennen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen verhalten wir KulturproduzentInnen uns gegen\u00fcber der Kulturpolitik nur reaktiv. Die politische Administration setzt die Parameter \u2013 wir kritisieren sie. Wir m\u00fcssen uns fragen, ob das die richtige Haltung f\u00fcr eine Teilnahme an der kulturpolitischen Diskussion ist.<\/p>\n<p>Wir gehen noch immer vom Paradigma repr\u00e4sentativer Politik aus. Politischen Institutionen wird dabei die Legitimation zugesprochen, bestimmte Anordnungen unserer eigenen Praxen im sozialen Raum \u00f6ffentlich zu vertreten und \u00fcber deren Rahmenbedingungen zu entscheiden. Tats\u00e4chlich sehen wir uns von der kulturpolitischen Administration aber kaum mehr repr\u00e4sentiert. Der Grund ist ein systemischer: Kulturpolitik wurde Schl\u00fcsselressorts wie Wirtschafts-, Sozial- und Au\u00dfenpolitik untergeordnet und dient <em>deren<\/em> Repr\u00e4sentationsbed\u00fcrfnissen weit mehr, als dass sie sich der Repr\u00e4sentation einer inhaltlich bestimmbaren kulturellen Agenda und der Interessen und Bed\u00fcrfnisse von KulturproduzentInnen verpflichtet. Zugleich zeigt sich heute die Hoffnung, kulturelle Praxen von ihrer politischen Repr\u00e4sentation und Administration zu entkoppeln und in k\u00fcnstlerischer Selbstorganisation zu verankern, als Illusion. Es fehlen belastbare Aussagen, wie zentralen Problemen zu begegnen ist: \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen, institutioneller Vereinnahmung und in Berlin insbesondere der Privatisierung urbanen Raums, die KulturproduzentInnen den Zugang zu st\u00e4dtischem Lebens- und Arbeitsraum abschneidet. Die Wahl zwischen einem Denken in Antragsformularen einerseits und einem Verzicht auf die F\u00f6rderw\u00fcrdigkeit zeitgen\u00f6ssischer Kulturproduktion als eines \u00f6ffentlichen Guts anderseits ist keine Wahl.<\/p>\n<p>Das Paradigma repr\u00e4sentativer Kulturpolitik, samt des reaktiven Widerstands gegen sie, scheint perspektivlos. Wir schlagen einen Strategiewechsel vor: Fehlen der Kulturpolitik Kompetenzen oder Mittel, um unsere Interessen und unser soziales Selbstverst\u00e4ndnis angemessen zu vertreten, muss ihr die politische Legitimit\u00e4t inhaltlich aberkannt werden. Hat sie ihre repr\u00e4sentative Rolle verspielt, f\u00e4llt diese an die KulturproduzentInnen zur\u00fcck. Wei\u00df sie die gesellschaftliche Produktivit\u00e4t unabh\u00e4ngiger kultureller Praxen nicht einzusch\u00e4tzen und durch geeignete Rahmenbedingungen zu sichern und zu f\u00f6rdern, l\u00e4sst sich daraus &#8211; auch zu ihrem eigenen Schutz &#8211; kein politischer Gestaltungsauftrag mehr ableiten. Was ihr bleibt sind allein administrative Funktionen. Deren soziale Kriterien haben andere zu bestimmen. Das Ende der Simulation kulturpolitischer Repr\u00e4sentanz <em>und<\/em> informeller Alternativen dazu offeriert den ProduzentInnen dabei eine neue politische Perspektive: Statt diese im Einfluss auf kulturpolitische Lobbys oder in der Adaption politischer Themen wie Institutionskritik, Gender oder Migration zu suchen, liegt sie in der Selbsterm\u00e4chtigung, die Parameter f\u00fcr die Anordnung der eigenen Praxen und Interessen im sozialen Raum inhaltlich selbst zu bestimmen und diese Parameter als Forderungen an die politische Verwaltung weiterzureichen.<\/p>\n<p>Die inhaltliche Bestimmung kulturpolitischer Parameter ist ab jetzt unsere Sache. Ausgangspunkt sind unsere eigenen kulturellen Praxen und unser Wissen darum, unter welchen Bedingungen sie Aussicht auf gesellschaftliche Produktivit\u00e4t haben und unter welchen nicht. Unsere Selbsterm\u00e4chtigung und Selbstrepr\u00e4sentation k\u00f6nnen ihrerseits nur dann legitim sein, wenn wir KulturproduzentInnen einen neuen Gesellschaftsvertrag eingehen und verbindlich sagen, wie wir unsere soziale Rolle und deren urbane, \u00f6konomische und institutionelle Einbettung inhaltlich fassen wollen. Bleibt offizielle Politik kulturelle Nachhaltigkeitskonzepte schuldig, m\u00fcssen wir sie liefern. Verkennt sie, dass kulturelle Praxen an der kritischen Ausgestaltung eines sozialen Gemeinwesens und damit am demokratischen Verst\u00e4ndigungsprozess teilnehmen, m\u00fcssen wir unsere Rolle bei diesem Prozess erneut benennen und aktiv einnehmen. Sich vom Prinzip kulturpolitischer Repr\u00e4sentation zu trennen, erfordert und erlaubt, unserem Handeln ein eigenes politisches Bekenntnis zu geben.<\/p>\n<p>Das Auseinanderfallen von politischer Repr\u00e4sentanz und gesellschaftlicher Produktion versch\u00e4rft die neoliberale Entfremdung. Die gegenw\u00e4rtige Zunahme sozialer Gewalt ist nur eine drastische Folge des deregulativen Aufrufs zur individuellen Selbstbestimmung. Es scheint, als entspr\u00e4che der vorgeschlagene Strategiewechsel der neoliberalen Entstaatlichung sozialer Verantwortung. Unser Vorschlag zielt aber auf eine Umwendung des Neoliberalismus \u2013 der Gewinne privatisieren, Kosten vergesellschaften und soziale Kooperation aufk\u00fcndigen will \u2013 in einen <em>Postliberalismus<\/em>, der die Aufforderung zu eigenverantwortlichem Handeln annimmt, diesmal jedoch, um Kultur als ein Leitmedium <em>kooperativer <\/em>gesellschaftlicher Selbstbestimmung neu zu fassen. Dazu muss ein Kern unserer Forderungen sein, dem Tauschwert Geld andere soziale W\u00e4hrungen zur Seite zu stellen, Aufgaben sozialer Repr\u00e4sentation in unsere Arbeit aufzunehmen und dabei den politischen Wert kooperativer kultureller Arbeit neu zu errechnen. Kulturelle Produktion und Verantwortung gilt es, als \u00f6ffentliches Gut strukturell zu st\u00fctzen. Gegen politische wie privatwirtschaftliche Indienstnahme der Kulturinstitutionen ist auf deren inhaltlicher Autonomie zu bestehen. Den symbolischen und \u00f6konomischen Mehrwert kultureller Produktion m\u00fcssen wir st\u00e4rker vergesellschaften.<\/p>\n<p>Kultur ist eine Prim\u00e4rebene gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung. Auf dieser emanzipatorischen Qualit\u00e4t, zu der es geh\u00f6rt, soziale Prozesse, Verwerfungen und Handlungsoptionen fr\u00fch und komplex zu erfassen, fu\u00dft unser politischer Anspruch als verantwortliche Akteure des Gemeinwohls.<\/p>\n<p>Die Politisierung k\u00fcnstlerischer Praxen kann hier neu zu sich finden. Kuratorische Praxen sind weiter zu fassen und k\u00f6nnen eine neue Rolle einnehmen: u.a. k\u00f6nnen KuratorInnen die Interessen solcher K\u00fcnstlerInnen, die am \u00f6ffentlichen politischen Gespr\u00e4ch nicht selbst teilnehmen wollen, b\u00fcndeln und an andere Akteure und namentlich an die Kulturverwaltung vermitteln. Dabei k\u00f6nnen sie selbst zu einem neu politisierten Repr\u00e4sentationsverst\u00e4ndnis beitragen.<\/p>\n<p>Lasst uns die inhaltliche Gestaltung von Kulturpolitik \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Arno Brandlhuber, Alexander Koch<br \/>\nBerlin 2011<\/p>\n<p>Erschienen in: P\/ART FOR Art, Berlin Biennale Zeitung 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Published in: P\/ART FOR Art, Berlin Biennale Newspaper 2011<br \/>\nCo-Author: Arno Brandlhuber<br \/>\nNo English version available.<\/p>\n<p>Around 2011, cultural and urban policy debates were running hot in Berlin. At that time, KOW worked together with the architect and urbanism thinker Arno Brandlhuber. From him came the impulse for this text, which we published together in the newspaper of the Berlin Biennale. I still carry the core argument with me today: The cultural administration cannot represent the artistic community, so it should refrain from making decisions that it cannot evaluate in terms of content.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-721","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texts","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=721"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/721\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3877,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/721\/revisions\/3877"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}