{"id":480,"date":"2013-10-03T23:53:45","date_gmt":"2013-10-03T21:53:45","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=480"},"modified":"2026-02-23T19:58:27","modified_gmt":"2026-02-23T18:58:27","slug":"zehn-schoene-inseln-die-binnengrenzen-des-kunstfeldes-ein-beschreibungsmodell-2006-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/zehn-schoene-inseln-die-binnengrenzen-des-kunstfeldes-ein-beschreibungsmodell-2006-2013\/","title":{"rendered":"Zehn Sch\u00f6ne Inseln. Die Binnengrenzen des Kunstfeldes &#8211; Ein Beschreibungsmodell (2013)"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Die soziale Welt l\u00e4sst sich als eine Vielzahl von Arenen beschreiben, in denen Menschen teilen, sch\u00fctzen und verhandeln, was ihnen wertvoll ist. Dabei ziehen, verschieben und schleifen sie Grenzen zwischen einander und bringen so hervor, was Pierre Bourdieu soziale Felder nannte: Austragungsorte von K\u00e4mpfen, in denen um Einflu\u00df auf gesellschaftliche Interessensobjekte gerungen wird. Von Arena zu Arena, von Feld zu Feld, sind die Spielregeln der Auseinandersetzung verschieden, ebenso der Glaube der Beteiligten an den Wert der Objekte, um die sie konkurrieren, und der Kapitalien, die sie dabei gegeneinander ausspielen. Neue soziale Felder entstehen durch Spezialisierung und Arbeitsteilung der Akteure eines bereits bestehenden Feldes, durch Diversifizierung von Interessensgegenst\u00e4nden oder durch Verschiebungen in der Kapitalstruktur. Sie begr\u00fcnden neue Spiele, neue Wertsph\u00e4ren, neue Konkurrentenkonstellationen. Haben die innere \u00d6konomie eines Feldes, seine Funktionsweise und die gemeinsamen Glaubensgrunds\u00e4tze seiner Akteure eine hohe Eigengesetzlichkeit erreicht, ist es sinnvoll, dieses Feld von anderen Feldern zu unterscheiden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Eine solche Unterscheidung nahm Bourdieu vor, als er 1992 in \u201eLes R\u00e8gles de l\u2019Art\u201c<\/span><sup><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\">1<\/a><\/span><\/sup><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> die Kunst als autonome gesellschaftliche Handlungssph\u00e4re beschrieb, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts als eine soziale Arena institutionalisiert gelten kann, die gen\u00fcgend eigenst\u00e4ndige Kriterien f\u00fcr die Exklusion und Inklusion bestimmter Praxen, Begriffe, Objekte und Akteure hervor gebracht hatte, um einen eignen gesellschaftlichen Raum gegen andere R\u00e4ume abzugrenzen. Einen Raum, in dem Spielregeln gelten, die nur hier und nirgends sonst anerkannt werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Bourdieus Beschreibung greift indes 150 Jahre zur\u00fcck. Was aber kommt dabei heraus, wenn wir sein Beschreibungsmodell f\u00fcr die Gegenwart aktualisieren? Meine These: Wir werden es nicht bei der Unterscheidung zwischen k\u00fcnstlerischem Feld und anderen Feldern belassen k\u00f6nnen. Stellen wir die fortschreitende soziale Differenzierung in Rechnung, scheint es l\u00e4ngst notwendig und sinnvoll, statt von <\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><i>einem<\/i><\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> von <\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><i>verschiedenen<\/i><\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Feldern der Kunst zu sprechen. Im Folgenden werde ich vorschlagen, zehn solcher Felder voneinander zu unterscheiden, und werde im Anschluss ein elftes Feld normativ postuliere, das die auseinanderdriftenden Wertsph\u00e4ren der Felder 1 bis 10 durch eine \u00fcbergreifende und kooperative Perspektive erg\u00e4nzt.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 1 [Das Repr\u00e4sentationale Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Akteure dieses Feldes fertigen, klassifizieren und bewahren kulturelle Objekte und Informationen entlang repr\u00e4sentationaler Kriterien \u2013 Kriterien, die auf dem Glauben an \u00e4sthetische, wissenschaftliche und insbesondere historiographische Korrespondenz und Koh\u00e4renz basieren. Empirische Fakten, verbindliches Wissen und hermeneutische Disziplin werden in diesem Feld so angeordnet, dass ihnen Wahrheits- und zugleich auch Fortschrittswerte zugeschrieben werden k\u00f6nnen. \u201eWas ist das an f\u00fcr sich?\u201c, \u201eWelche historische Bedeutung hat das?\u201c und \u201eWie verstehen und wie zeigen wir das richtig?\u201c sind hier zentrale Fragen. Antworten darauf konzipiert Feld 1 als kanonisches Bildungsgut und ordnet seine Wissens- und Objektbest\u00e4nde entsprechend. So bestimmt es ma\u00dfgeblich die gesellschaftlichen M\u00f6glichkeitsformen kultureller Produktion und Partizipation. Es vertritt den offiziellen Kunstbegriff. Seine Institutionen \u2013 wie Museen, Kunstakademien, Kunsthistorische Institute und Fachpublikationen \u2013 spielen bei der Konstruktion und Konkurrenz von nationalstaatlichen Identit\u00e4ten ebenso eine Rolle wie bei der Erzeugung von Klassenbewusstsein. Sie gelten als \u00d6ffentliches Gut und sind i.d.R. staatlich finanziert.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 2 [Das Folkloristische Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Wenngleich \u00e4lter als Feld 1, profiliert sich Feld 2 erst richtig im harten Kontrast. Ungeachtet \u00e4sthetischer Fortschritts- und Korrespondenzerz\u00e4hlungen verschmilzt es die ethnischen, moralischen und geographischen Selbstzuschreibungen klar umrissener Gemeinschaften und verleiht diesen Kontinuit\u00e4t. Nahaspekte der t\u00e4glichen Lebenswelt werden verbindlich gemacht mithilfe gro\u00dfer Investitionen in Flei\u00df und handwerkliches Geschick, wobei der generationen\u00fcbergreifende Bestand k\u00fcnstlerischer Praxen Gruppenidentifikation \u00fcber Selbstverwirklichung stellt und dabei sozial regulierend wirkt. Feld 2 verzahnt so das Private und das \u00d6ffentliche, steht dabei aber mit offiziellen Institutionen meist ebenso auf Kriegsfu\u00df wie mit akademischen Diskursen und formiert sich vor allem in lokaler und regionaler Selbstorganisation. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 3 [Das Propagandistische Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Akteuren dieses Feldes gelten Objekte, Ereignisse und Diskurse der Kunst als ideologische Instrumente im politischen Kampf. \u00c4sthetische und identit\u00e4re Kriterien, die Feld 1 und 2 etablieren und tradieren, rekontextualisiert Feld 3 f\u00fcr seine Interessen. Dabei dehnt und verschiebt es Qualit\u00e4ts- und Wertma\u00dfst\u00e4be sowie m\u00f6gliche Sinngehalte \u00e4sthetischer Produktion und Rezeption insgesamt. Es eignet sich Deutungsmuster und Praxen anderer Felder an, sanktioniert sie aber ggf. nach eigenem Ermessen. Typisch ist, dass Kriterien und Interessen der Akteure opak bleiben. Ebenso typisch ist, dass manche Akteure sie vors\u00e4tzlich oder insgeheim st\u00fctzen, andere nicht \u2013 was mit Sanktionen einher geht \u2013 und wieder andere sie zu unterlaufen suchen. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 4 [Das Monet\u00e4re Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Wissenschaftliche Anerkennung und private oder \u00f6ffentliche Wertsch\u00e4tzung k\u00f6nnen Ursache f\u00fcr den Marktwert eines Kunstwerkes sein. Immer \u00f6fter sind sie aber dessen Folge. Der geschlossene Funktionskreislauf von Galerien, Privatsammlungen, Auktionsh\u00e4usern und ihnen gewogener Medien und Institutionen kann K\u00fcnstlerkarrieren in relativer Autonomie nach kapitalistischen Wertsch\u00f6pfungskriterien organisieren. Globale Auktionsm\u00e4rkte und rund 120 Messen bieten daf\u00fcr den Rahmen. Vor allem Kunst-Hedge-Fonds gilt der Spekulationswert k\u00fcnstlerischer Produkte als deren einzig relevante Eigenschaft. Dies gilt umso mehr, je weiter Kapitalvolumen und Renditeversprechen des Kunstmarktes ansteigen. Galerien mit Jahresums\u00e4tzen im dreistelligen Millionenbereich begleiten die Privatisierung \u00f6ffentlichen Lebens als schleichende Vergesellschaftung von Privatinteressen, die bis weit hinein in die Sammlungs- und Pr\u00e4sentationspolitik auch steuerlich grundfinanzierter Institutionen reicht. Geldw\u00e4sche und Steuersparmodelle runden das Interesse der Akteure ab. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 5 [Das Narzisstische Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Hier geht es um die Befriedigung rein pers\u00f6nlicher sozialer Interessen und um die Selbsterh\u00f6hung des Egos. Es ist das Ziel der Akteure, im Mittelpunkt der Anerkennung Dritter zu stehen, die eigene Rolle gekonnt zu inszenieren und den Marktwert pers\u00f6nlicher Idiosynkrasien zu steigern. \u00c4sthetisches Leitkriterium ist der pers\u00f6nliche Geschmack, der sich \u00fcber alle anderen Kriterien erhebt. Typisch ist die Anh\u00e4ufung dekorativer Attribute, von denen man sich oft auch Bewunderung in anderen sozialen Feldern verspricht. Vor allem Privatsammler bilden dieses Feld und tragen dank ihres \u00f6konomischen Einflusses viel dazu bei, gr\u00fcndlichere \u00e4sthetische Diskurse im \u00f6ffentlichen Raum auszuhebeln. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 6 [Das Mediale Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Feld 6 betreibt Kunst als Ereignis und Spektakel. Es generiert eine spezifische Aufmerksamkeits\u00f6konomie, in der Begriffe und Personen, Orte und Objekte an ihrer aktuellen Au\u00dfenwirkung respektive Sexyness gemessen werden. Auf rund 300 Biennalen und weiteren Gro\u00dfausstellungen wird um ein Massenpublikum konkurriert, f\u00fcr das K\u00fcnstler und Kuratoren \u00e4sthetisch-mentale Erlebniswelten in einem neuen Typus kooperativen Ereignismanagements gestalten und medial kommunizieren. Populismus, Unterhaltungs- und Konsumcharakter pr\u00e4gen die k\u00fcnstlerische Produktion, ihre Ausstellungsformate und Berichte in der j\u00fcngst entstandenen Kunst-Yellow-Press. Feld 6 ist ein neues Herzst\u00fcck der Kulturindustrie. Politik und Wirtschaft sch\u00e4tzen und f\u00f6rdern es als Branche der Creative Industries, als touristische Attraktion und als Standortfaktor im internationalen St\u00e4dtewettbewerb.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 7 [Das Korporative Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Wo staatliche Institutionen \u00f6ffentliche G\u00fcter aufgeben, entsteht Raum f\u00fcr die \u201eKulturalisierung der \u00d6konomie\u201c. In Management- und Produktphilosophien vollzieht sich die Umwidmung von Konsumg\u00fctern in Kulturg\u00fcter. Unternehmerisches Handeln schreibt sich selbst als kulturelle Praxis unmittelbar in Subjektivationsprozesse von Kunden wie Angestellten ein, um Unternehmensziele in diese zu integrieren, \u00f6konomisierbare Ressourcen in ihnen zu aktivieren und an Konzernkulturen mit hohem Identit\u00e4tsprofil r\u00fcckzubinden. Konkurriert wird um die Kommodifizierbarkeit von Lebensformen, von Identit\u00e4ts- und Gemeinschaftsentw\u00fcrfen. Kulturalisiertes Konzerndesign integriert Kunst-am-Bau-Projekte und Sammlungsaktivit\u00e4ten in den Firmenalltag und vermittelt sie zugleich nach au\u00dfen. Partizipatorische Mitarbeiterprojekte mit K\u00fcnstlerindividuen oder -gruppen wirken integrativ und stiften korporative Solidarit\u00e4t, und ebenso wie Auftragswerke optimieren sie Firmenkonzepte und deren Kommunikation gerade auch dann, wenn sie sich dazu kritisch stellen. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 8 [Das Kreative Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Im Crossover-Bereich von Kunst und Mode, Musik, Party, Architektur, Design, Werbung, elektronischen Medien und dergleichen mehr hat sich eine Kulturg\u00fcterproduktion entwickelt, f\u00fcr die Kriterienkataloge anderer Kunstfelder keine G\u00fcltigkeit haben. Die Kreativindustrie schlie\u00dft k\u00fcnstlerische Ambitionen mit Alltags- und Konsumkultur kurz und etabliert so ein eigenes Marktgeschehen. Lifestylefaktoren, Klientelbewu\u00dftsein, Innovationszwang und Distinktionshedonismus sind hier unmittelbar an symbolischen und \u00f6konomischen Gewinn gekoppelt. Als prosperierender Wirtschaftszweig ist dieses Feld popul\u00e4r geworden. Politiker sch\u00e4tzen es f\u00fcr seine (die \u00f6ffentliche Hand entlastende) Vers\u00f6hnung von Kunst und Kommerz. In ihm werden zudem innovativ anmutende, aus k\u00fcnstlerischen Praxistraditionen stammende Arbeitsmodelle verbreitet, die dem Abbau der Sozialsysteme entgegenkommen (Selbstunternehmertum, Selbstausbeutung, Prekariat).<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><strong>Kunstfeld 9 [Das Therapeutische Feld]<\/strong> :<\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Die Konkurrenz um mentale und kommunikative Dimensionen k\u00fcnstlerisch-kreativer Prozesse etabliert hier Praxen individueller oder kollektiver Therapeutik. Die Akteure sind auf pers\u00f6nliche Konfliktbearbeitung, Sinnerf\u00fcllung und Selbstverwirklichung aus, oder suchen soziale Interaktion, z.B. um die Belange lokaler Gemeinschaften zu unterst\u00fctzen. Sie verfahren problem- und situationsorientiert. Individuelle Therapeutik vollzieht sich in privaten und informellen Rahmen, als Dienstleistung, aber auch in \u00f6ffentlichen Institutionen &#8211; von Volkshochschulkursen bis zu Museumspsychologie. Seit den Sechzigerjahren genie\u00dft zudem Community Based Art als ein Modell gemeinschaftsorientierter Therapeutik guten Ruf. Heute hat auch die Politik den sozialen Wert dieses urspr\u00fcnglich meist auf Selbstorganisation basierenden Engagements erkannt und betreibt deren Integration in staatliche Sozialprogramme. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><b>Kunstfeld 10 [Das Emanzipatorische Feld] :<\/b><\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Die gesellschaftspolitische Dimension der Kunst, f\u00fcr keines der Felder 1 bis 9 besonders relevant, bestimmt Kunstfeld 10. Es zielt auf eine emanzipative Kunstpraxis, auf politische Reflexivilit\u00e4t k\u00fcnstlerischer Verfahren und sie begleitender Kommunikationen. Intellektueller und politischer Anspruch linker Avantgarden sowie institutionskritische Bewegungen seit den Sechzigerjahren haben Feld 10 gepr\u00e4gt. Theorie und Praxis sind in ihm verwoben, kollaborative Formen k\u00fcnstlerischer Projekt- und Diskursarbeit etabliert. Werke und Veranstaltungen verhalten sich stark rational. Sie stellen sich pro Diskurs, contra Kontemplation oder Konsum, werden von konzeptionellen und immateriellen Arbeitsformen flankiert. Um die Produktionsbedingungen und den gesellschaftlichen Einflu\u00df dieses Feldes steht es jedoch schlecht. Seine Akteure haben es wenig verstanden, ihrem kritischen Habitus soziale Schlagkraft zu geben und ihre Praxis z.B. auch \u00f6konomisch zu organisieren. Oft findet sich daher Auskommen im akademischen Betrieb. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">* * *<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Die Kunstfelder 1 bis 10 unterhalten vielf\u00e4ltige Beziehungen, \u00fcberlappen sich, und viele Akteure bewegen sich in mehreren Feldern zugleich. Sie konkurrieren aber in unterschiedlichen Wertschemata um je andere Interessensgegenst\u00e4nde, und immer mehr Teilnehmer spezialisieren sich innerhalb eines Feldes, begegnen Spielen, Glaubensgrunds\u00e4tzen und Gewinnversprechen in anderen Feldern mit Desinteresse, ja Ignoranz und grenzen sich ab. Jedes Feld etabliert eigene \u00d6ffentlichkeiten, akademische, administrative und unternehmerische Milieus, einen eigenen Theoriekanon und typische Praxisprofile in Ausstellungswesen, Publizistik, Produktion und Distribution, Ausbildung etc. Dabei schreiten Institutionalisierungsprozesse voran, in denen jedes Kunstfeld seine Eigenst\u00e4ndigkeit weiter erh\u00f6ht und seine Funktionsprinzipien objektiviert und reproduziert. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Das Voranschreiten sozialer Differenzierung ist f\u00fcr sich genommen kein Problem. Als problematisch empfinden wir Abgrenzungsprozesse, die gesellschaftlichen Zusammenhalt aufl\u00f6sen, sobald immer mehr Partikulargruppen ihre Interessen auf relativ isolierten sozialen Inseln organisieren, ohne noch durch gemeinsame Interessen verbunden zu sein, ohne gemeinsame Kapitalien zu teilen, und ohne die Spielregeln in anderen Feldern zu verstehen, zu teilen und anzuerkennen. Bewegen sich aber kulturelle Identit\u00e4ten und Interaktionen auf den Ebenen ihrer Produktion und Distribution weit auseinander, werden gesellschaftliche Integration und Partizipation zum Problem und es wird immer schwieriger, noch etwas f\u00fcr die Organisation dessen zu tun, was wir ein Gemeinwesen nennen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Hat man an solch einem Gemeinwesen Interesse, stellt sich die Frage, ob die Kunstfelder 1 bis 10 die einzige Hoffnung auf gesellschaftliche Teilhabe mittels Kunst sind und bleiben werden. Fehlt hier nicht eine Wertsph\u00e4re, die verschiedene Akteursgruppen verbindet statt trennt? Lie\u00dfe sich ein Kunstfeld denken, das Partikularinteressen in ein kooperatives statt in ein separatistisches Verh\u00e4ltnis setzt? Ein Feld, das Spiele begr\u00fcndet, an denen Viele, nicht Wenige teilnehmen k\u00f6nnen, mit Spielregeln, die potenziell f\u00fcr alle akzeptabel w\u00e4ren und mit eingesetzten Kapitalsorten, die jedem zur Verf\u00fcgung stehen? Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich das von mir vorgeschlagene Beschreibungsmodell zur Binnendifferenzierung des Kunstfeldes zumindest gedanklich um eine solche Wertsph\u00e4re erweitern. Sofern wir diese Sph\u00e4re nicht schon gegeben finden, w\u00e4re es eine kulturelle und politische Aufgabe, an ihrer Entstehung zu arbeiten. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">* * *<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"><b>Kunstfeld 11 :<\/b><\/span><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\"> Akteure dieses Feldes w\u00fcrden ein Gemeinwesen nicht als gegeben ansehen und die Auffassung teilen, dass es ein Kulturprodukt ist, das man weder automatisch noch gratis bekommt, aber haben will. Die gesellschaftspolitische Dimension der Kunst und der offene, gemeinsame Zugang zu dieser Dimension, w\u00e4ren keine zuf\u00e4llige Begleiterscheinung \u00e4sthetischer Praxen, keine emanzipative Utopie und nicht blo\u00df akademischer Diskurs. Es w\u00e4re der eigentliche Interessengegenstand, um den die Akteure konkurrieren und f\u00fcr den sie ihre Kapitalien ins Spiel bringen. Als tragende Wertekategorie lie\u00dfe sich ein Begriff einbringen, den sich keines der Felder 1 bis 10 auf die Fahnen schreibt, der aber die Grundvoraussetzung sozialen Zusammenhalts benennt: Solidarit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Kunst und Solidarit\u00e4t sind keineswegs automatisch verkoppelt, lassen sich aber auf einer fundamentalen Ebene in Beziehung setzen. Denn Solidarit\u00e4t l\u00e4sst sich nicht verordnen. Sie l\u00e4sst sich auch nicht gut kaufen oder verkaufen, und ihre Inszenierung allein bleibt immer zweifelhaft. Man f\u00fchlt Solidarit\u00e4t oder man f\u00fchlt sie nicht, und beides hat Folgen. Sie ist eine empathische Beziehung zwischen Menschen (und auch zwischen Mensch und Natur), die Grenzen respektieren kann, sie aber nicht forciert und keine Mauern baut. Rationale Argumente allein werden uns niemals unter gleichen Zielen versammeln und zu gemeinsamem Handeln bewegen. \u00c4sthetische Erfahrung indes adressiert und generiert im Kern eine empathische Bewegung, n\u00e4mlich die, Perspektiven wahr- und einzunehmen, die nicht zwangsl\u00e4ufig die eigenen sind, sich in diese einzudenken und einzuf\u00fchlen und eine Sicht der Dinge auch dann noch anerkennen zu k\u00f6nnen, wenn sie mit der eigenen nicht deckungsgleich ist. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Richard Rorty war der Auffassung, dass uns wohl erst das Nachempfinden des Leidens anderer zu der Sorte von Solidarit\u00e4t bewegen kann, die uns egoistische Ziele gegen gemeinschaftliche Ziele eintauschen l\u00e4sst und unsere Freude am Inseldasein schm\u00e4lert. Ich kann mir ein elftes Kunstfeld als eine Wertsph\u00e4re denken, die solche Empfindsamkeit politisiert. Sie also nicht weinerlich verbucht, sondern daraus Ziele wie Gerechtigkeit, die Minderung menschlicher Grausamkeiten, und vielleicht auch soziale Bewusstheit oder soziales Gl\u00fcck ableitet, und Wahrnehmungs- wie auch Handlungskriterien ins Spiel bringt, die sich auf solche Ziele beziehen lassen. Es ist ein Vorzug der Kunst, solche Ziele und Kriterien nicht gleich an politischer oder \u00f6konomischer Machbarkeit messen zu m\u00fcssen. Das ist die positive Dimension \u00e4sthetischer Autonomie. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Ich stelle mir diese Wertsph\u00e4re nicht als ein Harmoniemilieu voller Eintracht vor, sondern als einen Ensemble \u201eAgonistischer R\u00e4ume\u201c, so wie sie Chantal Mouffe im Sinn hatte: als soziale Arenen, in denen antagonistische Interessen anerkannterma\u00dfen vertreten und verhandelt werden k\u00f6nnen, ohne dass wir uns gleich die K\u00f6pfe einschlagen \u2013 f\u00fcr Mouffe genau das, was demokratische Gemeinschaften konstituiert. Feld 11 k\u00f6nnten wir mit Mouffe \u201eDas Agonistische Feld\u201c nennen und damit ein Kunstfeld meinen, dessen Akteure 1. kulturelle Objekte und Informationen entlang solidarischer Kriterien fertigen, klassifizieren und bewahren, und 2. die selben Kriterien auch auf Praxen, Dinge und Diskurse anwenden, die in den Feldern 1 bis 10 zirkulieren, nun aber innerhalb eines \u00fcbergeordneten Werteschemas neu diskutiert und angeordnet werden. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Adobe Caslon Pro;\">Feld 11 w\u00e4re damit nicht nur ein weiteres Feld unter Feldern, es w\u00e4re auch ein transversales Feld, getragen von dem Interesse, das solidarische Selbstgespr\u00e4ch einer Gesellschaft auch an den Orten zu f\u00fchren, wo dieses Gespr\u00e4ch nicht von alleine stattfindet, und es entsprechend zu initiieren und zu moderieren. Voraussetzung daf\u00fcr w\u00e4re zun\u00e4chst ein geeignetes Beschreibungsmodell der verschiedenen Wert- und Handlungssph\u00e4ren der Kunst, das einem solchen Gespr\u00e4ch Struktur gibt. Von da aus lie\u00dfe sich dann auch eine kulturpolitische Fachdebatte \u00fcber w\u00fcnschenswerte und nicht w\u00fcnschenswerte Diversifizierung institutioneller Dispositive f\u00fchren, und \u00fcber die je geeigneten Gestaltungsinstrumente, mit deren Hilfe sich die Eigenlogik einzelner Felder bef\u00f6rdern oder regulieren l\u00e4sst. Und eine solche Debatte brauchen wir. Denn verstehen wir nicht das Spiel und seine Eins\u00e4tze in einem jeden Feld, verstehen wir weder im Detail noch im Ganzen, was kulturell eigentlich gespielt wird.<\/span><\/p>\n<p>Alexander Koch<\/p>\n<p>Erschienen in: polar #15, Zeitschrift f\u00fcr Politik, Theorie, Alltag, Berlin 2013<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a><span lang=\"fr-FR\"> Vergl. <\/span>Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst \u2013 Genese und Struktur des literarischen Feldes, Frankfurt a.M. 1999<\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Published in: polar Magazin 15, Berlin 2013<br \/>\nNo English version available.<\/p>\n<p>This text is the conclusion of a series of publications in which I have developed a theory on the differentiation of the artistic field since 2006. I still consider my descriptive model of different art fields (according to Bourdieu) to be helpful and useful for understanding and explaining the structural developments in contemporary art over the last few decades. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-480","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texts","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=480"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/480\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3893,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/480\/revisions\/3893"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}