{"id":466,"date":"2021-03-01T23:35:26","date_gmt":"2021-03-01T22:35:26","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=466"},"modified":"2025-10-26T07:37:21","modified_gmt":"2025-10-26T06:37:21","slug":"bin-ich-kuenstlerin-oder-kann-das-weg-eine-trennungsgeschichte-mit-politischem-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/bin-ich-kuenstlerin-oder-kann-das-weg-eine-trennungsgeschichte-mit-politischem-ende\/","title":{"rendered":"Bin ich K\u00fcnstler*in oder kann das weg? Eine Trennungsgeschichte mit politischem Ende (2021)"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"font-weight: 400;\">Man kann alles M\u00f6gliche trennen. M\u00fcll, Ehen, Spreu vom Weizen, mal ist es schwierig, mal ganz leicht, so wie das Blatt Klopapier, dass man von der Rolle rei\u00dft. \u00d6l und Wasser trennen sich sogar zuverl\u00e4ssig und ganz reibungslos freiwillig.<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf Seiten der Erkenntnistheorie (Was kann ich wissen?) formulierte George Spencer-Brown 1969 sein logisches Paradigma: \u201eDraw a distinction!\u201c, mach eine Unterscheidung! Er meinte damit folgendes: Immer dann, wenn wir etwas bezeichnen, entschlie\u00dfen wir uns dazu, dieses\u00a0<em>eine<\/em>\u00a0durch unsere Bezeichnung von\u00a0<em>allem anderen\u00a0<\/em>zu trennen. In der t\u00e4glichen Praxis geschieht das meist unbewusst. Wer A sagt hat nicht B gesagt, ob aus Gewohnheit oder in voller Absicht. Wer etwas als Kunst bezeichnet, trennt das Bezeichnete von Maschinenbau, Ehe und Klopapier, und was Menschen sonst noch tun und brauchen. Aber \u2013 und das ist das Entscheidende \u2013 wir trennen nicht Kunst von Maschinenbau, weil beide dem Wesen nach verschiedene Dinge sind und weil das allen Sprechenden und Zuh\u00f6renden immer schon klar war, sondern, so Spencer-Brown,\u00a0<em>wir nehmen diese Trennung vor<\/em>, indem wir eine Unterscheidung\u00a0<em>treffen<\/em>\u00a0(to draw, vergl. \u201eperformativ\u201c). Wir machen uns also stets auf eine Weise verantwortlich, sozusagen epistemologisch haftbar, wenn wir uns entscheiden, etwas so oder so zu bezeichnen, etwas von etwas zu trennen, sagen: dies ist das, und das da ist etwas anderes. Bis jemand kommt und seine Hochzeit oder sein Klo zur Kunst erkl\u00e4rt \u2013 dann stehen wir dumm da mit unseren Unterscheidungen und m\u00fcssen nachbessern, m\u00fcssen\u00a0<em>anders trennen<\/em>, vielleicht ganz bewusst anders entscheiden. Dann schl\u00e4gt mitunter die Stunde der Theorie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manche Unterscheidungen k\u00f6nnen ganz reibungslos ablaufen, so wie die zwischen Fl\u00fcssigkeiten verschiedener Molekularstruktur, andere k\u00f6nnen indes schmerzhaft und konfliktreich abgehen, oder schlicht knifflig sein. Wer Schwarz von Wei\u00df trennt, liegt beim Schach ganz richtig, sind aber Menschen gemeint, wird es im Diskursraum hitzig. Man sollte also aufpassen, wen und was man von wem und was trennen will, unterscheiden will, absondern will \u2013 und warum. Das macht das Trennen zum Politikum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Kann man sich vor der Kunst trennen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man kann etwas von etwas trennen, zum Beispiel bewusste von unbewussten Handlungen, oder man kann\u00a0<em>sich<\/em>\u00a0von etwas trennen, zum Beispiel von einem Buch, das man nie mehr lesen wird und verschenkt. Manchmal f\u00e4llt auch beides zusammen: Man unterscheidet anders als zuvor und beschlie\u00dft zugleich (oder daraufhin), etwas loszulassen. Der geliebte Freund erscheint pl\u00f6tzlich als ekliger L\u00fcgner. Man sieht ihn fortan nie mehr wieder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einem besonderen Fall nun wird das alles ausgesprochen spannend. Bei der Frage n\u00e4mlich, ob man die Kunst verlassen kann. Ich m\u00f6chte Sie gerne einladen, mit mir in diese Frage einzutauchen, denn sie birgt ungeahnte Fr\u00fcchte, von denen manche am Ende bitter sind, einige aber auch s\u00fc\u00df. Und falls Sie gerade dar\u00fcber nachdenken, Ihren Partner zu verlassen oder Ihren Job zu k\u00fcndigen, oder schlicht das Handtuch zu werfen, dann bleiben Sie bei mir. Ich hab\u2018 vielleicht was f\u00fcr Sie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fangen wir mit einer einfachen Frage an: Kann man sich vor der Kunst trennen? Als erstes w\u00fcrde ich dann unterscheiden, dass mich hier nicht interessiert, was geschieht, wenn eine Sammlerin ihre Kunstsammlung verbrennt. Das \u00e4ndert f\u00fcr mich nicht viel, au\u00dfer, dass die Kunst futsch ist und man das nicht tun sollte. Mich interessieren nicht die Dinge, die Werke, von denen man sich trennen k\u00f6nnte. Ebenso wenig interessieren mich im engeren Sinne die Begriffe, die Kunst und anderes unterscheiden. Den Kunstbegriff, das hat das 20. Jahrhundert gezeigt, sollten wir pragmatisch als eine ziemlich breite Bezeichnung f\u00fcr alles M\u00f6gliche betrachten, das Personen mit diesem Begriff in Verbindung bringen. Mich interessieren hier stattdessen die k\u00fcnstlerische Praxis und das Rollenmodell \u201eK\u00fcnstler*in\u201c. Kann man sich von denen trennen? Und wenn ja \u2013 was man ja vermuten w\u00fcrde, denn warum nicht \u2013, wie genau spielt sich das ab? Was wissen wir eigentlich dar\u00fcber?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es wurden Kilometer von B\u00fcchern geschrieben, wie, warum, auf welchen Wegen K\u00fcnstler*innen zu K\u00fcnstler*innen wurden und werden, was k\u00fcnstlerische Praxen ausmacht, wie man sie erlernt, performt, zum Beruf macht, perfektioniert, eingrenzt oder \u00f6ffnet, wie sie sich im Laufe der Historie immer wieder gewandelt haben, was ihre Zukunft sein k\u00f6nnte. Eine Recherche, die ich ab 2001 anstrengte und die alsbald in eine (abgebrochene) Doktorarbeit<a href=\"applewebdata:\/\/67F6B9F1-166E-42FA-8A23-2FD16A257A88#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>\u00a0m\u00fcnden sollte, zeigte, dass (zum damaligen Zeitpunkt) jedoch kein einziges Buch dar\u00fcber geschrieben worden war, wie eine k\u00fcnstlerische Praxis\u00a0<em>endet<\/em>. Nicht einmal ein nennenswerter Essay. Wie konnte das sein? Jeder kennt Geschichten \u00fcber Hochzeiten und Scheidungen, neue Jobs und K\u00fcndigungen, Krieg und Frieden, zerbrochene WCs und Rohrbr\u00fcche. Vieles, fast alles, das schon ist oder frisch beginnt, hat auch ein Ende, und zu all diesen Enden gibt es viel Literatur. Das Ende einer k\u00fcnstlerischen Praxis, oder wie man in soziologischer Perspektive erg\u00e4nzen muss: das Ablegen der K\u00fcnstlerrolle, die Trennung von Stand, Status, Zuschreibung und Akzeptanz als K\u00fcnstler*in, ausgerechnet das sollte bislang nicht Gegenstand genaueren Nachdenkens gewesen sein? Ich war verdutzt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann stie\u00df ich auf die Giotto-Legende, die ich aufschlussreich fand. Wir befinden uns in der Fr\u00fchrenaissance. Der Maler Giotto ist zu Ruhm und Reichtum gelangt und Giorgio Vasari, einer der ersten Kunsthistoriker, schreibt seine Geschichte auf, die sich bald verbreitet. Giotto sei ein junger Hirtensohn gewesen, der, w\u00e4hrend er Schafe h\u00fctete, Zeichnungen seiner Schafe auf Stein anfertigte. Ein K\u00fcnstler namens Cimabue sei bei einem Spaziergang vorbeigekommen und habe dem Jungen \u00fcber die Schulter geschaut, was er da tue \u2013 und sogleich die au\u00dfergew\u00f6hnliche Qualit\u00e4t und Wahrhaftigkeit seines Strichs erkannt. Cimabue nimmt ihn mit und l\u00e4sst ihm eine Ausbildung zuteilwerden. Aber die Gabe seiner K\u00fcnstlerschaft ist nicht m\u00fchsam erworben, nicht antrainiert und entspringt weder einem hohen sozialen Satus, noch handwerklicher Geschicklichkeit allein, nein. Sein Talent wurde ihm in die Wiege gelegt!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit dieser Erz\u00e4hlung vollzieht sich ein Paradigmenwechsel. Giotto wird zum Prototyp des K\u00fcnstlergenies. Die Legende erhebt ihn \u00fcber den Stand des Handwerkers, den auch K\u00fcnstler neben Schreinern und Schmieden vordem innehatten. In der Hierarchie manueller kreativer Berufe wird mit Giotto der K\u00fcnstler \u2013 am Ausgang des Mittelalters \u2013 abgesondert von den profanen T\u00e4tigkeiten anderer Schaffender. Das besondere, einzigartige, liegt ihm im Blut, es ist ein Segen, ein g\u00f6ttliches Privileg, eine unersetzliche Eigenart, ja: was er tut ist Sch\u00f6pfung (Vergl. \u201ek\u00fcnstlerisches Schaffen\u201c, ein Begriff, der mir immer suspekt war.). Aber nun Achtung: Wer, der in der Hierarchie der Schaffenden einmal die von Konkurrenten und Institutionen besonders stark reglementierten Weihen solch hehrer K\u00fcnstlerschaft erh\u00e4lt, w\u00e4re wohl je auf die Idee gekommen, sie wieder abzugeben? Wer trennte sich wohl von einer derart herausgehobenen Position, wie sie das von Kirche, K\u00f6nigsh\u00e4usern und Fachkollegen anerkannte K\u00fcnstlergenie einnimmt? Denn von dort aus f\u00fchrte der Weg nur in eine einzige Richtung: wieder hinab in die Niederungen des einfachen, profanen Handwerks.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Angesichte allerh\u00f6chster Weihen, gottgegebener Eingebungen, sch\u00f6pfungsgleichem Erfindungsreichtum und un\u00fcbertragbarer Individualit\u00e4t eines einzigartigen Subjektes, das bei Hof, Klerus, und aufstrebender Unternehmerschaft Zuspruch und Auftr\u00e4ge erh\u00e4lt, erscheint es nachgerade absurd, sich auszumalen, warum und wie man ein solches Rollenmodell wieder in W\u00fcrde loswerden sollte, und warum in alles in der Welt das erstrebenswert w\u00e4re. \u201eDanke, ich trenne mich von der Kunst und mache jetzt was anderes.\u201c, das kommt in diesem Spiel nicht vor, ja es w\u00e4re ein Sakrileg.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Aura des Besonderen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun ist ja seit der Fr\u00fchrenaissance einige Zeit vergangen und der Geniekult, der \u00fcber die Epoche der Romantik auch die Epoche der Moderne gepr\u00e4gt hat, ist vielfach kritisiert und dekonstruiert worden (K\u00fcnstler*innen sind Leute, die auch nur ihre Dinge tun, so wie auch alle anderen Menschen ihre Dinge tun, nur halt je ein bisschen verschieden. Kurz: nehmt die Trennung zwischen dem einen und dem anderen nicht zu ernst.). Trotzdem hallt die alte Unterscheidung, was K\u00fcnstlertum im Kern ausmache und was nicht, bis heute nach. K\u00fcnstlersein, das klingt nach wie vor nicht wie eine Entscheidung (Papa, ich werde Arzt.), sondern wie ein Schicksal (Kind, Du bist etwas ganz Besonderes!).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich \u00fcberzeichne, gewiss, aber w\u00fcrden Sie mir widersprechen, dass K\u00fcnstlertum auch heute noch von der Aura des Besonderen umgeben ist, dass in der Rhetorik offizi\u00f6ser wie auch alltagsprachlicher Stimmen manchen (wenigen) Menschen in die Seele oder in die Hormone gelegt zu sein scheint und andern nicht? Und w\u00fcrden Sie mir zustimmen, dass, wer heute Kunst studiert, \u201ees\u201c aber nach dem Studium nicht schafft, in den Augen der Gesellschaft kein Ansehen genie\u00dft (H\u00e4ttest besser gleich was Vern\u00fcnftiges machen sollen!)? Oder anders gefragt: Was denn h\u00e4tten Studierende des Fachs Kunst erworben, das in den Augen der Gesellschaft anerkennungsw\u00fcrdig und wertvoll w\u00e4re f\u00fcr den Fall, das keine k\u00fcnstlerische Karriere daraus wird? Ahnen Sie mit mir, dass diese Frage vielerorts Ratlosigkeit nach sich ziehen oder bestenfalls Floskeln hervorbringen wird, wie: Nun ja, Kreativit\u00e4t wird \u00fcberall gebraucht. Toll, dass Du mit Bleistift und Kamera umgehen kannst. W\u00fcrde man sich gerne \u00f6ffentlich selber daf\u00fcr r\u00fchmen, einmal K\u00fcnstler*in\u00a0<em>gewesen zu sein<\/em>? W\u00e4re am Kneipentisch die Wahrscheinlichkeit nicht hoch, den Kommentar zu kassieren: Und was ging schief?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dabei ist rein statistisch klar, dass es weitaus mehr ehemalige K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler geben muss als aktuell praktizierende \u2013 nimmt man als Ma\u00dfstab die vielzitierte Zahl von drei bis f\u00fcnf Prozent aller Absolvent*innen von Kunsthochschulen, die von ihrer Kunst dauerhaft leben k\u00f6nnen (Die Zahl ist \u00fcbrigens quatsch, aber das ist ein anderes Thema.). Und der Rest? Ist der gescheitert? Jedenfalls gilt die k\u00fcnstlerische Praxis \u00fcblicherweise nicht als Leiter, die man fortwirft, nachdem man auf ihr eine n\u00e4chste Ebene erklommen hat, so wie etwa die politische Praxis oftmals zu einer Leiter wird, auf der man einen lukrativen Posten in der freien Wirtschaft ergattert. Es ist auch nicht schlimm, \u00c4rztin zu sein und dann das Pferd zu wechseln um Reisereportagen zu schreiben \u2013 oder umgekehrt \u2013 wenn es sich nun mal so ergab. Warum sich nicht ver\u00e4ndern? Mit einer solchen Biografie kommt man durchaus sogar ins Radio. Aber kennen Sie K\u00fcnstler*innen, die man daf\u00fcr lobte, \u00c4rzt*innen oder Reisereporter*innen geworden zu sein? Ich nicht. Aber ich hoffe, der Tag wird kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Drei Arten, etwas nicht zu tun\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manche Trennungen widerfahren einem ohne eigene Absicht, andere f\u00fchrt man willentlich herbei. Sich von der eigenen K\u00fcnstler*innenrolle unwillentlich zu trennen, weil Anerkennung ausbleibt, das Geld knapp wird, oder aus anderen Gr\u00fcnden, die Menschen dazu bringen, ihre K\u00fcnstlerlaufbahn abbrechen zu m\u00fcssen, das geschieht millionenfach und soll hier ausgeklammert bleiben. Denn mich interessiert der andere Fall: Wenn die Trennung von der eigenen K\u00fcnstler*innenrolle eine willentliche und bewusste Entscheidung ist, obwohl die Karriere ganz gut l\u00e4uft, die Anerkennung da ist, man also weitermachen kann,\u00a0<em>es aber nicht will<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch auch in diesem Fall \u2013 Draw a distinction! \u2013 muss man genauer hinschauen. Denn nicht jede Trennung ist auch eine,\u00a0beziehungsweise\u00a0ist manche Trennung ein echter Schlussstrich, w\u00e4hrend andere es nicht sind. Sich von einer Praxis zu trennen hei\u00dft ja nichts anderes, als etwas nicht mehr zu tun. Aber es gibt unterschiedliche Weisen, etwas nicht zu tun, und aus Performanz- und Theatralit\u00e4tstheorien wissen wir, dass auch das Nichthandeln ein Handeln, das Nichtstun oder Nicht-tun eine Praxis sein kann. Und auch wenn K\u00fcnstler*innen zu Kurator*innen oder Galerist*innen werden, ist es wenig sinnvoll von einer Trennung zu sprechen, denn meist ist es lediglich ein Rollenwechsel innerhalb der Kunstwelt, das pl\u00f6tzliche oder schleichende Ver\u00e4ndern einer Praxis, das Verschieben des Fokus. Damit wir also etwas genauer werden und verschiedene Trennungen von der Kunst vern\u00fcnftig trennen k\u00f6nnen, habe ich mir drei Unterscheidungen ausgedacht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt das\u00a0<em>ostentative k\u00fcnstlerische Nichthandeln<\/em>, wobei ostentativ so viel hei\u00dft wie: zur Schau stellen. Davon gibt es jede Menge. John Cages Auff\u00fchrung\u00a0<em>4\u201933<\/em>\u00a0in Woodstock 1952 ist ein Klassiker. Er setzt sich ans Klavier und tut \u2013 nichts. Der Skandal ist vorprogrammiert. Heute ist Cage weltber\u00fchmt, weil er die Aufmerksamkeit auf den Raum, die Stille, das R\u00e4uspern im Publikum\u00a0und so weiter\u00a0lenken wollte, anstatt auf das Klavierspiel, was k\u00fcnstlerische Arbeitsweisen erweitert und bereichert hat. Falls Sie sich fragen, wozu dann noch das Klavier auf der B\u00fchne, wenn er es gar nicht spielte: eben darum, um sich von ihm trennen zu k\u00f6nnen, um es nicht zu benutzen. Einfach nur auf einem Stuhl sitzen funktioniert nicht. Erst das Klavier macht klar, dass es um Musik geht, mindestens um Akustik. Ein anderes Beispiel ist die\u00a0<em>Disappearing<\/em>-Performance von Chris Burden aus dem Jahr 1971. Wie der Titel schon sagt, verschwand der K\u00fcnstler f\u00fcr eine Weile, das Werk besteht aus der Schreibmaschinennotiz, dass er weg war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann gibt es das\u00a0<em>kommunikative k\u00fcnstlerische Nichthandeln<\/em>. W\u00e4re John Cage gar nicht erst zu dem Konzert erschienen, das er angek\u00fcndigt hatte, h\u00e4tte er in diese Kategorie geh\u00f6rt. Ein Klassiker zu diesem Thema ist das \u201eSchweigenDuchamps\u201c. Jahrelang produzierte Marcel Duchamp keine Arbeiten und die Welt wunderte sich, was los ist. W\u00e4hrenddessen aber blieb er ein Akteur im Kunstfeld, kommunizierte vielfach, schrieb Briefe, lie\u00df von sich wissen, hatte Macht, war involviert. Gerade aber weil er sich vermeintlich von der k\u00fcnstlerischen Praxis trennte, bekam er Aufmerksamkeit f\u00fcr sein k\u00fcnstlerisches Nichtstun und damit f\u00fcr seine Person, deren Verhalten Fragen aufwarf. Auch ein anderer Fall ist interessant. Die Amerikanerin Cady Noland, eine K\u00fcnstlerinnenlegende, deren Arbeitsschwerpunkt in den 1980er und 1990er Jahren lag, stoppte die Werkproduktion, untersagte jegliche Ausstellung ihrer Arbeiten und galt gemeinhin als Aussteigerin. Was weniger Menschen wissen ist, dass Cady Noland im Hintergrund \u00e4u\u00dferst aktiv blieb. Bis heute kontrolliert sie die Sichtbarkeit ihres \u0152uvres wo sie kann. Geht eine alte Arbeit in eine Auktion, bei der viele Millionen daf\u00fcr geboten werden, baut sie sie, wenn m\u00f6glich, selber auf und verschwindet sofort wieder. Ber\u00fcchtigt sind die zahlreichen Gerichtsverfahren, die sie anstrengte, um Arbeiten, die etwa Schaden gelitten hatten oder restauriert worden waren, aus dem Verkehr zu ziehen und ihnen die Authentizit\u00e4t abzusprechen. Der Autor war selber Ziel eines solchen juristischen Aktes und hatte 2011 die K\u00fcnstlerin eines morgens am Telefon, die mit physischer Gewalt drohte, falls er ihre Werke nicht sofort aus der von ihm kuratierten Ausstellung entfernen w\u00fcrde. Kurz: Cady Noland stieg nicht aus der Kunst aus. Sie kommuniziert stetig und auf die entschiedenste Weise mit anderen Mitspieler*innen in der Kunstwelt, und verfolgt dabei klare Ziele. Und erinnern Sie sich an Maurizio Cattelans Ank\u00fcndigung, er habe genug und werde aus der Kunst aussteigen? Das war 2012. Mich rief das\u00a0<em>Monopol Magazin<\/em>\u00a0an und fragte, ob ich das kommentieren wolle. Ich sagte: Lasst euch nicht foppen. Cattelan steigt nicht aus, der inszeniert sich nur. So kam es dann auch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Der Ausstieg aus der Kunst<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vom ostentativen und vom kommunikativen Nichthandeln unterscheidet sich das\u00a0<em>radikale k\u00fcnstlerische Nichthandeln<\/em>dadurch, dass nicht nur nicht mehr k\u00fcnstlerisch gearbeitet wird, sondern dass man an den sozialen Spielen, den Kommunikationen, der \u00d6konomie, den Veranstaltungen und Ereignissen der Kunstwelt nicht l\u00e4nger teilnimmt und vollst\u00e4ndig aus dieser Welt verschwindet. Die Br\u00fccken abbricht. Weg ist. Weg weg. Das und nur das ist in meinen Augen, was man sinnvoller Weise als einen Ausstieg aus der Kunst bezeichnen kann: das vors\u00e4tzliche Ablegen der K\u00fcnstlerrolle. Meine Definition lautet so:\u00a0<em>Ein Ausstieg aus der Kunst liegt dann vor, wenn ein Akteur zu einem fr\u00fcheren Zeitpunkt im Kunstfeld sichtbar war und zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt nicht mehr, und dies so wollte.<\/em>\u00a0Jetzt m\u00f6gen Sie die Schultern zucken und sagen: Ja und? Das ist jetzt die Pointe? Warum soll das interessant sein? Nun, interessant finde ich dabei dreierlei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich sagte oben, dass so wenig dar\u00fcber bekannt ist, wie und warum k\u00fcnstlerische Praxen an ein Ende gelangen. Dann habe ich so lange Unterscheidungen getroffen und das eine vom anderen getrennt, bis nun ein bestimmtes, und vielleicht auch interessantestes, Ende solcher Praxen klar umrissen ist. Bemerkenswert finde ich dabei, dass K\u00fcnstler*innen ja gerne als Aussteiger*innen betitelt werden, womit dann oft gemeint ist, dass sie nicht der sozialen Norm entsprechen oder irgend etwas tun, das als Grenz\u00fcberschreitung gilt. Dass ihre Grenz\u00fcberschreitung, ihr Aussteigertum, aber auch darin liegen k\u00f6nnte, dass sie\u00a0<em>aus der Kunst\u00a0<\/em>aussteigen, scheint lange Zeit unbedacht geblieben zu sein, ja vielleicht unvorstellbar (vergleiche Giotto). Aber dieser Umstand geh\u00f6rt in unser K\u00fcnstler*innenbild hinein. Ich finde, wir k\u00f6nnen keine Kunstgeschichte schreiben, die Leute au\u00dfer Acht l\u00e4sst, die es vorgezogen haben, in dieser Geschichte nicht mehr vorzukommen, obwohl sie es h\u00e4tten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der Suche nach F\u00e4llen, die obiger Definition entsprechen,\u00a0beziehungsweise\u00a0die mich dazu brachten, sie so zu formulieren, stie\u00df ich mit einer gewissen Regelm\u00e4\u00dfigkeit auf K\u00fcnstler*innen, die sich in historischen Umbruchzeiten politisch engagierten und in deren Biografien erkennbar ist, dass sie sich von der Kunst abwandten, weil sie ihr nicht zutrauten, ausreichend Relevanz zu besitzen, um zum gesellschaftlichen Wandel beizutragen. Ich fand solche F\u00e4lle von der Mitte des 18. Jahrhunderts aufw\u00e4rts, geh\u00e4uft in Revolutionszeiten und stets wirkte es auf mich, als seien solche Ausstiege Statements, die im Bereich der Institutionskritik relevant w\u00e4ren, dort also, wo man sich fragt, ob die gesellschaftliche Konstruktion von Kunst, so wie wir sie uns im Laufe der Geschichte gebastelt haben, eigentlich Sinn macht oder ver\u00e4ndert geh\u00f6rte. Es ist eine\u00a0<em>der<\/em>\u00a0zentralen Fragen, die hier immer wieder gestellt wurde: Was kann Kunst? Ist das wichtig, richtig? Kann das weg? Sollte das weg? Sollte ich besser etwas anderes tun? Tats\u00e4chlich haben relevante K\u00fcnstler*innenpers\u00f6nlichkeiten immer wieder diese Fragen gestellt, und manche davon haben sich mit ihrer Antwort so positioniert wie Charlotte Posenenske. Im Mai 1968 ver\u00f6ffentlichte die Bildhauerin, deren Werk lange fast verschollen war, bis es in den 2000er Jahren posthum als Klassiker der deutschen Minimal Art rehabilitiert wurde, unter anderem auf der documenta 12, ein Statement in der amerikanischen Kunstzeitschrift\u00a0<em>Art International<\/em>, das mit folgenden Worten endet: \u201eEs f\u00e4llt mir schwer, mich damit abzufinden, dass Kunst nichts zur L\u00f6sung gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.\u201c Im Jahr darauf trennte sich Posenenske von der Kunst, studierte fortan Soziologie und wurde bis auf Weiteres von der Kunstwelt vergessen. Ich k\u00f6nnte viele F\u00e4lle aus den vergangenen 200 Jahren nennen, die ungef\u00e4hr vergleichbar sind. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie kritisierten die gesellschaftliche Rolle der Kunst und die eigene Rolle als K\u00fcnstler*in, und diese Kritik kulminierte in der Konsequenz, sich von der Kunst als Handlungsfeld zu verabschieden. Man k\u00f6nnte also durchaus auf die Idee kommen, in solchen Kunstausstiegen eine radikale \u2013 vielleicht die radikalste \u2013 Form von Institutionskritik zu sehen, n\u00e4mlich eine fundamentale Kritik am System Kunst\u00a0<em>insgesamt<\/em>. Und das bringt mich zum n\u00e4chsten und letzten Punkt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Umstand, dass es keine Rezeption solcher Kritik gab, dass das, was ich f\u00fcr Statements halte, n\u00e4mlich das begr\u00fcndete Niederlegen einer k\u00fcnstlerischen Praxis aufgrund fundamentaler Zweifel an den Bedingungen und M\u00f6glichkeiten dieser Praxis, so lange nicht gesehen und geh\u00f6rt wurde, spricht B\u00e4nde dar\u00fcber, was die Kunstwelt in ihrer Wahrnehmung und Kommunikation verarbeiten kann und will, und was nicht, wer da vorkommt und wer nicht, was man sehen will und was man nicht sehen will. Es gibt aber, und damit komme ich allm\u00e4hlich zu Schluss, nat\u00fcrlich ein Handicap bei der Sache: Wenn jemand der Kunstwelt seinen R\u00fccken kehrt und f\u00fcrderhin nimmer gesehen wird, f\u00e4llt es freilich nicht ganz leicht, diesen Schritt zu rezipieren und etwa auf die Idee zu kommen, eine Doktorarbeit dar\u00fcber zu schreiben, dass da jemand war, der jetzt nicht mehr da ist. Es ist verst\u00e4ndlich, dass Kunsthistoriker*innen nicht viel Leidenschaft daf\u00fcr entfalteten, sich mit K\u00fcnstler*innen zu befassen, die keine mehr sind. Es ist ein bisschen kontraintuitiv f\u00fcr Wissenschaftler*innen, sich etwas zuzuwenden, das weg ist. Gleichzeitig scheint mir das aber auch ein Problem der Profession zu sein, denn im Leben tun wir so etwas ja massenhaft. Jede*r, der\/die eine schwierige, vielleicht schmerzvolle Trennung von einer Partnerin oder einem Partner durchlebt hat, wei\u00df gut, wieviel man dar\u00fcber nachdenkt, warum jemand gegangen ist, was die Motive waren, wie lange sich das schon abzeichnete, ob man Schuld daran war oder Grund hat, richtig sauer zu sein. Warum sollte man sich das nicht mit gleicher Tiefe fragen, wenn sich jemand, den man sch\u00e4tzte, von der Kunst getrennt hat? Auch von uns getrennt hat, falls wir Angeh\u00f6rige der Kunstwelt sind. Das sollte nicht nachdenklich machen? Ich finde, es sollte. Es ist ein Spiegel f\u00fcr uns. Es beschreibt ein St\u00fcck des Ortes, an dem wir sind, wenn sich jemand entschloss, nicht l\u00e4nger an diesem Ort zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und zum guten Schluss will ich das ganze nun dramatisieren! Denn man k\u00f6nnte auf folgenden Gedanken kommen: Wenn man so wenig dar\u00fcber wei\u00df, wer sich wann und warum von einer k\u00fcnstlerischen Praxis trennte, weil er \/ sie \/ es nicht l\u00e4nger an die Relevanz dieser Praxis glaubte oder sonstige gute Gr\u00fcnde hatte, ihr nicht das zuzutrauen, was man sich erhoffen w\u00fcrde, und also aus dem Blickfeld der Kunstweltler*innen auf nimmer wiedersehen verschwand \u2013 was k\u00f6nnen wir dann eigentlich davon wissen, wie oft so etwas geschieht? Sind das Einzelf\u00e4lle? Was, wenn es ein Massenph\u00e4nomen w\u00e4re? Was, wenn gar die Kunstwelt nur aus denjenigen Menschen best\u00fcnde, die sich\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0dazu entschlossen haben, dieser Welt aus guten Gr\u00fcnden Adieu zu sagen? Was, wenn wir der Rest sind? Ein unkritischer Rest, der sich einfach nicht trennen kann und will von einer Praxis und einem Leben, die Millionen, ja Milliarden anderer Menschen eher entt\u00e4uschend oder zumindest wenig vielversprechend finden, weshalb sie es sogar vorzogen, gar nicht erst\u00a0<em>einzusteigen<\/em>\u00a0in die K\u00fcnstler*innenrolle und uns also alleine lie\u00dfen, bevor wir sie \u00fcberhaupt sehen und kennenlernen konnten, damit sie uns erz\u00e4hlen, was sie an unserem Tun und Dasein problematisch finden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alexander Koch<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erschienen in: Martin K\u00f6ttering (Hg.), Lerchenfeld Nr. 57, Hamburg 2021<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"applewebdata:\/\/67F6B9F1-166E-42FA-8A23-2FD16A257A88#sdfootnote1anc\">1<\/a>\u00a0Kunst verlassen #1, Ausstellung in der Galerie der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst, Leipzig, 2001; GENERAL STRIKE, Grundlagen zu Theorie und Geschichte des Kunstausstiegs, KOW ISSUE 8, Berlin, 2011<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Published in: Martin K\u00f6ttering (ed.), Lerchenfeld Nr. 57, Hochschule f\u00fcr bildende K\u00fcnste Hamburg, April 2021<br \/>\nNo English version available.<\/p>\n<p>Published in: Martin K\u00f6ttering (ed.), Lerchenfeld No. 57, April 2021, Hamburg University of Fine Arts<\/p>\n<p>I was invited to write an opening essay for Lerchenfeld Magazine, in which I took up my academic work on the &#8220;Dropping out of art&#8221; somewhat humorously and without any theoretical pretensions. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3751,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-466","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-texts","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/466","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=466"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":606,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/466\/revisions\/606"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3751"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}