{"id":454,"date":"2017-10-03T22:40:54","date_gmt":"2017-10-03T20:40:54","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=454"},"modified":"2025-10-26T08:22:30","modified_gmt":"2025-10-26T07:22:30","slug":"ekstase-der-zerstoerung-michael-e-smiths-and-babies-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/ekstase-der-zerstoerung-michael-e-smiths-and-babies-2017\/","title":{"rendered":"Ekstase der Zerst\u00f6rung. Michael E. Smiths &#8220;And Babies&#8221; (2017)"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcnfzehn tote Kugelfische, sechs LED-Leuchten, ein schwarzer Pullover, eine Kehrschaufel und der rote Schnabel eines Storches: Mit diesem Inventar hat Michael E. Smith im Neuen Museum N\u00fcrnberg einen Raum eingerichtet. Die Atmosph\u00e4re ist schlicht und still, das Licht ist ausgeschaltet. Doch allm\u00e4hlich ordnet sich dieser Raum zu einem erschreckenden Bild, verformt sich zu einem Mahnmal der Gewalt, ja der Verheerungen menschlicher Vernunft.<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Panik<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Entlang des strengen Rasters der Bodenplatten sind die f\u00fcnfzehn pr\u00e4parierten Fischkadaver gleichm\u00e4\u00dfig hintereinander gereiht. Wie an einer Perlenkette, die den Museumssaal durchzieht. Kugelfische gelten als ebenso zierlich wie gef\u00e4hrlich. Aber hier liegen sie als harmlose Pr\u00e4parate am Boden, die zur Selbstverteidigung ein letztes Mal ihre leeren H\u00fcllen zu B\u00e4llen aufgeplustert und ihre giftigen Stacheln steil gestreckt haben. Die Geste der Abschreckung ist eine hohle Illusion. Kreisrunde L\u00f6cher wurden vorne und hinten aus dem d\u00fcnnen Schutzpanzer ihrer Haut herausgetrennt, so als wurde die Kugelfischgruppe selbst von einer Kugel durchschlagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist dies das Bild einer minimalistischen Exekution? Oder hat sich etwa eine Horde Delphine an den Fischen berauscht? Denn Delphine spielen bisweilen ihr t\u00f6dliches Spiel mit den fussballrunden Tieren, um das Gift aus deren Panzern zu lutschen, das in kleinen Dosen wie Marihuana wirkt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Augenpaare der leeren, toten Fischkugeln scheinen starr vor Panik und ihre M\u00e4uler weit aufgerissen zu einem f\u00fcnfzehnfachen Schrei, der stumm im Weg liegt. Was da als eine Reihe filigraner, mumifizierter Globen so klar strukturiert vor uns liegt, entpuppt sich als eine Parabel der mehrfachen Ekstase aus Angst und Notwehr, Gewalt und Rausch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Parabel, die ihren realen Hintergrund hat. Michael E. Smith hat seit Beginn seiner k\u00fcnstlerischen Laufbahn im Detroit der Nullerjahre in den Blick genommen, wie sich die amerikanische Gesellschaft allm\u00e4hlich selbst zerst\u00f6rt. Er hat die Versehrtheit des US-Gemeinwesens wie einen geschundenen sozialen Leib dargestellt, dessen verst\u00fcmmelte Glieder reglos in den \u00dcberresten moderner Rationalit\u00e4t nachleben, \u00e4hnlich dieser Kugelfische, die sich unter apathischem Zwang in den Rhythmus des steinernen Museumsparketts f\u00fcgen. Smiths Werk bildet den Schmerz einer Gemeinschaft nach, die sich nach dem Ende einer langen Kette physischer und psychischer Verletzungen selbst nicht mehr sp\u00fcrt und versteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Ausl\u00f6schung<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein schwarzer Pullover h\u00e4ngt schlaff von der Wand, auf Brusth\u00f6he durchzogen von einer horizontalen Linie aus sechs wei\u00dfen LED-Leuchten. Hat eine Maschinengewehrsalve den K\u00f6rper \u00fcberquert und mit ihren Kugeln blendend grelle Lichtpunkte gesetzt? In Sanford, Florida, erschoss 2012 ein Mitglied einer Nachbarschaftswache den 17-j\u00e4hrigen Trayvon Martin, eines der zahllosen Opfer von T\u00f6tungsdelikten an schwarzen Amerikanern durch Sicherheitsorgane. Der Freispruch des Sch\u00fctzen provozierte landesweite Proteste. Martin wurde ein weiteres Symbol der Gewalt der Obrigkeit gegen Afroamerikaner. Am Tag seines Todes trug er einen schwarzen Pullover.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die LED-Linie \u00fcberstrahlt die leere H\u00fclle des abwesenden K\u00f6rpers. Sie leuchtet zu grell, als dass sie wie das spirituelle Leuchten einer Seele erscheinen k\u00f6nnte, die entlang der Nulllinie der Schussl\u00f6cher aus einer anderen Sph\u00e4re zu uns dringt. Die gleichm\u00e4\u00dfige Reihe der Leuchten wirkt vielmehr wie die Diamanten auf den schlechten Z\u00e4hnen eines Gangsterbosses, der breit aus einem alten Comic zu uns grinst. Sie sind ein ikonisches Signet, wirken wie ein perverses Markenzeichen, wie eine Leuchtreklame der wei\u00dfen Suprematie \u00fcber den schwarzen Leib. Was da leuchtet, ist die rationale Mechanik der rassistischen Ausl\u00f6schung, die nicht allein in den USA Alltag ist und die in der Heimatstadt der nationalsozialistischen Rassengesetze, N\u00fcrnberg, ber\u00fcchtigte Ahnen hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Entsorgung<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie jedes Kind wei\u00df, ist es der Storch, der mit seinem gro\u00dfen roten Schnabel die kleinen Babys bringt. Smith hat den Storchenschnabel sauber abgetrennt. Am Stiel eines schwarzen Kehrblechs hat er ihn so befestigt, dass seine scharfe rote Spitze zentral auf die Fl\u00e4che der Schaufel zeigt. So als g\u00e4be es da kein Vertun: Der Dreck muss weg. Auch der Menschendreck.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zwischen Geburt und Tod liegt in diesem Objekt nur ein Wimpernschlag. Wer auf die Welt kommt, kommt auf den M\u00fcll. In diesem surrealen Albtraum greift die Automatik der Entsorgung des Menschen schon beim ersten Schrei des neuen Lebens. Es ist die Genesis als Apokalypse. Dem sch\u00f6nen M\u00e4rchen vom Ursprung der Existenz aus dem Schnabel des Storches erlischt im ersten Satz die Stimme.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Und Babys<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Titel f\u00fcr seinen N\u00fcrnberger Raum w\u00e4hlte Michael E. Smith einen ber\u00fchmt gewordenen Ausdruck der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung:\u00a0<em>And Babies<\/em>. Die Formel geht zur\u00fcck auf die Aussage des Soldaten Paul Meadlo, der im M\u00e4rz 1968 an dem Massaker von My Lai beteiligt war, bei dem \u00fcber 500 vietnamesische Zivilisten von einer amerikanischen Milit\u00e4reinheit hingerichtet wurden. Es markierte ob seiner Grausamkeit einen Wendepunkt in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung des Vietnamkriegs. Danach gefragt, wie viele Menschen er erschossen habe, antwortete Meadlo in einem Interview mit CBS, das lasse sich schlecht sagen, da er mit dem Automatikgewehr ungerichtet in die Menge geschossen habe. Ob er neben M\u00e4nnern, Frauen und Kindern auch Babys erschossen habe? \u201eAnd babies\u201c, antwortete der Soldat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als eine Formel kaum sagbarer Gr\u00e4uel blieb diese Aussage im Ged\u00e4chtnis. Sie vervielf\u00e4ltigte sich auf Protestplakaten, ging ein in die Semantik des Widerstands gegen den Krieg. Ein Denkmal f\u00fcr die Opfer des Massakers, das seit 1971 in dem vietnamesischen Dorf\u00a0T\u1ecbnh Kh\u00ea\u00a0steht, zeigt als zentrale Figur eine Frau, die ein totes Kleinkind im Arm h\u00e4lt. Das Motiv ist bekannt. Picassos\u00a0<em>Guernica<\/em>\u00a0und Goyas\u00a0<em>Desastres de la Guerra<\/em>\u00a0zeigen \u00e4hnliche Szenen. Vom Titel seines N\u00fcrnberger Raums aus betrachtet reiht sich Smiths Installation in die lange Linie der k\u00fcnstlerischen Darstellung kriegerischer Grausamkeit gegen Zivilisten ein, einer Tradition, die in ihren besten Momenten gewahr wurde, dass diese Grausamkeit nicht zu fassen ist \u2013 und doch jenseits ihrer Repr\u00e4sentation so real ist wie universell.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Stille<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Ergreifende an Michael E. Smiths N\u00fcrnberger Raum ist seine Ruhe. Nichts deutet zun\u00e4chst auf die Gewalt hin, die seine Objekte durchzieht. Und auch w\u00e4hrend sich diese Gewalt allm\u00e4hlich zeigt, bleibt sie fast entr\u00fcckt, wie aus einer anderen Zeit oder von einer anderen Ordnung, die doch unsere ist. Smiths Werk liegt jenseits von Gesellschaftskritik. Wie manche, wenn auch nicht viele K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler unserer Zeit, schaut er bereits zur\u00fcck auf die Gegenwart \u2013 und wohl auch auf die Zukunft \u2013 und zeichnet die Spuren auf, die wir hinterlassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was er sieht, ordnet Smith dabei in eine Wahrnehmung ein, die zu jedem Zeitpunkt empathisch ist, nicht moralisch. Das macht sein Werk so irritierend. Es spricht nicht \u00fcber den Schmerz als etwas, das jemand jemandem antut. Es hat ihn. Es erstattet nicht Anzeige gegen dessen Ursprung \u2013 so als kennten wir den nicht. Es wertet nicht, es versteht. Das Werten \u00fcberl\u00e4sst es uns, die Konsequenzen auch. Es vollzieht die Leiden und die Gr\u00e4uel nach, die Menschen gegeneinander auszuteilen bereit sind. Und es bringt sie in den Dingen, die dieser schlichte Raum versammelt, an das konsequente Ende einer Welt, die noch schreit, w\u00e4hrend keine Menschenseele mehr zuh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Alexander Koch<br \/>\n2017<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Published in: Exhibition publication Neues Museum N\u00fcrnberg, 2017<br \/>\nNo English version available.<\/p>\n<p>Writing about art can be strange. I only had photos of the installation and simply began to describe what I was seeing. I had no idea what my reading of this unassuming installation would lead to &#8211; and was then filled with humility and awe at how Michael E Smith had managed to get to the heart of the Nazi history of the city of Nuremberg. I only came up with the title of the text once I understood that.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":463,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-454","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-texts","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/454","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=454"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/454\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":456,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/454\/revisions\/456"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/463"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}