{"id":3853,"date":"2013-02-23T19:05:31","date_gmt":"2013-02-23T18:05:31","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=3853"},"modified":"2026-02-23T19:54:33","modified_gmt":"2026-02-23T18:54:33","slug":"besser-draussen-als-drinnen-eine-frage-der-reform-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/besser-draussen-als-drinnen-eine-frage-der-reform-2013\/","title":{"rendered":"Besser drau\u00dfen als drinnen? Eine Frage der Reform (2013)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">Die Besten sind vielleicht schon weg. Ich meine: gegangen. Vielleicht stehen die, die gar keine Kompromisse machen wollten zwischen dem gesellschaftlichen Anspruch ihrer Kunst und der Notwendigkeit, diesen Anspruch dann auch zu Markte tragen zu m\u00fcssen, \u00fcberhaupt nicht mehr auf der B\u00fchne: stellen nicht mehr aus, produzieren nicht, verkaufen nicht \u2013 sind raus. Betraten einige der besten K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler unserer Epoche wom\u00f6glich das gro\u00dfe Kunstparkett gar nicht erst, weil sie mit einem institutionellen und wirtschaftlichen Betrieb, an dem sie ihre Zweifel hatten,\u00a0nicht kooperieren wollten? Ziemlich sicher h\u00e4tten wir dann nie von ihnen geh\u00f6rt \u2013 und wahrscheinlich ein St\u00fcck vom Besten verpasst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">Tats\u00e4chlich gibt es solche Aussteigerinnen und Aussteiger aus der Kunst reichlich.\u00a0<\/span><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">Ich habe einige Jahre ihre Biografien und Motive studiert<\/span><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">, dabei zeigt sich vor allem eines: dass insbesondere im Nachhall gesellschaftlicher Umbruchphasen wie jenen um 1870, 1917, 1968 und 1989 eine ganze Reihe von Akteuren aus einem Spiel ausscheiden, dessen Regeln und soziale Perspektiven sich dann \u00e4ndern \u2013 auch f\u00fcr die K\u00fcnstler. Utopie\u00fcbersch\u00fcsse entstehen und eben nicht alle gehen mit, wenn das tats\u00e4chlich Neue hinter den Erwartungen zur\u00fcckbleibt. Interessant ist nun \u2013 neben dem Umstand, dass man nicht sagen kann, wie viele in solchen historischen Momenten der Kunst eigentlich den R\u00fccken kehrten, weil niemand es je dokumentierte \u2013 warum genau sich diejenigen verabschiedeten, deren F\u00e4lle bekannt wurden.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Schauen wir auf die Zeit um 1968: Angefacht vom gesellschaftlichen Aufbruch Mitte der Sechzigerjahre beginnen K\u00fcnstlerInnen ihr eigenes Betriebssystem grundlegend in Frage zu stellen. F\u00fcr eine Weile bleibt kein Stein auf dem anderen beim Versuch, alte Strukturen abzusch\u00fctteln und soziale Erneuerung auch k\u00fcnstlerisch voranzubringen. Um 1970 wird jedoch klar, dass viele Hoffnungen sich nicht einl\u00f6sen werden. Das b\u00fcrgerliche Institutionenwesen h\u00e4lt sich und zugleich w\u00e4chst die Macht des Marktes \u2013 auch, um neue Formen und Gehalte der Kunst in seinem Sinne zu regulieren. Manchen ist das recht, andere passen sich an, einige steigen aus. Die meisten von ihnen leise. Nur wenige gehen unter Protest.<\/p>\n<p>Lee Lozano und Charlotte Posenenske sind zwei von denen, die aussteigen. Beide geh\u00f6ren zu den Verfechterinnen\u00a0eines emanzipativen, gesellschaftlich orientierten Kunst.\u00a0Schon im Fr\u00fchjahr 1968\u00a0ziehen sie sich unabh\u00e4ngig voneinander zur\u00fcck und begr\u00fcnden ihren Schritt \u00f6ffentlich.\u00a0Desillusioniert vom Karrierismus und von der geringen Visionsbereitschaft ihrer Kollegen kappt die New Yorker Malerin und Konzeptualistin Lozano ihre professionellen Bindungen an die Kunstwelt und dann auch private; nicht ohne ihre Wut und Entt\u00e4uschung in einem letzten Werkblock aufzuzeichnen. Ihrem Ausstieg folgt ein Leben voll privater Schwierigkeiten, sie verarmt, wird in der Kunstwelt vergessen.<\/p>\n<p>Posenenske, Bildhauerin in Frankfurt, will Kunstkonsumenten zur demokratischen Mitgestaltung ihrer Skulpturen bewegen und diese unlimitiert und g\u00fcnstig vertreiben. Im Kunstmarkt findet sie nicht den n\u00f6tigen Handlungsspielraum. In einem Statement schreibt sie daher, die \u201egesellschaftliche Funktion\u201c\u00a0der Kunst sei \u201everk\u00fcmmert\u201c. Sie wolle sich nicht\u00a0damit abfinden, \u201edass Kunst nichts zur L\u00f6sung gesellschaftlicher Probleme beitragen kann\u201c\u00a0und sattelt um, \u00fcbertr\u00e4gt ihr Interesse an demokratischen\u00a0Produktionsprozessen auf sozialwissenschaftliche Forschungen, um von dort aus die Entwicklung partizipativer Arbeitsmodelle voranzutreiben.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">F\u00fcr den Ausstieg der beiden Frauen interessierte sich rund 30 Jahre lang kaum jemand. Doch als die Repolitisierung der Kunst in den 1990er Jahren Erinnerungen an die Sechziger weckte und erneut viele Bestrebungen entt\u00e4uschte, kamen beider F\u00e4lle um 2000 wieder auf den Tisch. Innerhalb der Kunstszene wuchs eine Sehnsucht nach Radikalit\u00e4t, die mit arch\u00e4ologischem Eifer in der Vergangenheit gesucht wurde statt in der Gegenwart. Bald boomten Ausstellungen und Publikationen, die vieles zu Tage brachten, was zuvor marginalisiert, fehlbewertet oder schlicht \u00fcbersehen worden war.\u00a0\u00dcbrigens ein profitables Marktsegment: ganze historische Oeuvre standen pl\u00f6tzlich ganz neu im Portfolio mancher Galerien und Institutionen.<\/span><\/p>\n<p>Lozano und Posenenske, zwei der heute am besten wissenschaftlich dokumentierten aber auch kommodifizierten Beispiele eines Kunstausstiegs, erschienen gleich doppelt radikal und wurden daf\u00fcr sp\u00e4t gefeiert: einmal f\u00fcr ihr Werk, von dem sich gut sagen lie\u00df, es sei verkannt worden, und dann f\u00fcr die Entschlossenheit, mit der sie es nicht weiterf\u00fchrten. Doch bei der posthumen Rehabilitierung beider \u2013 und manch anderer \u2013 entsprach nicht jedes St\u00fcck Geschichte, das neu geschrieben wurde, auch den Tatsachen. Oder man verschleierte gar, worum es einmal ging. Insbesondere die Motivation zum Ausstieg wurde oft romantisiert und seine Sto\u00dfrichtung, wenn sie denn bedacht wurde, wohlfeil als Opposition gegen den Markt gelobt.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">Mancher R\u00fcckzug hatte indes banale Ursachen, die man \u2013 bis heute \u2013 lieber nicht h\u00f6ren will. Und wenn es daf\u00fcr gute Gr\u00fcnde gegeben hat, h\u00e4tte die Kunstwelt daran auch wenig zu feiern. Dass ihr immer wieder ausgerechnet jene verlorengehen, die zun\u00e4chst leidenschaftlich f\u00fcr das\u00a0Emanzipatorische der Kunst eintreten, sie selbst dann aber umso vehementer bezweifeln, legt nahe, die eigene Funktionsweise zu \u00fcberdenken. Und dass um 1970 ein Projekt sozialer Emanzipation, das vor allem viele K\u00fcnstler<\/span><span style=\"font-family: Calibri, serif;\"><i>innen<\/i><\/span><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">\u00a0st\u00fctzten, vom eigenen System erst torpediert und sp\u00e4ter\u00a0<\/span><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">als Legende\u00a0<\/span><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">versilbert wurde, ist ein deprimierendes St\u00fcck Kunstgeschichte.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">Kunstaussteiger stellen uns vor ein Problem. Es w\u00e4re Hybris, sie f\u00fcr eine Radikalit\u00e4t wertzusch\u00e4tzen, die sich eben nicht von Konventionen einhegen lie\u00df, die viel zu oft auch heute noch gelten und meist von denen reproduziert werden, die solche Wertsch\u00e4tzung aussprechen. Umgekehrt ist fraglich, was man tats\u00e4chlich von einer Radikalit\u00e4t h\u00e4tte, die durch Verlassen des Feldes dieses sogar st\u00fctzt, indem sie es bel\u00e4sst wie es ist. So k\u00f6nnten retrospektive Betrachtungen und Bewertungen des Ausstieg aus der Kunst zum Schluss vor allem f\u00fcr eines gut sein: die Sehnsucht nach k\u00fcnstlerischer Radikalit\u00e4t einzutauschen gegen pragmatische Reformen einer Kunstwelt, deren Spielraum sehr viel enger ist, als ihre Insassen glauben.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri, serif;\">Nun gilt in der Kunst kaum etwas als so unaufregend wie Reformen. Und wer sogar von Marktreformen spr\u00e4che, g\u00e4lte wohl als Technokrat. Will man f\u00fcr die gesellschaftliche Relevanz der Kunst etwas tun, ob als K\u00fcnstlerin oder als Vermittler, bleibt wohl nur die Anpassung derjenigen institutionellen und \u00f6konomischen Strukturen, mit denen sich vielleicht manche der Besten nicht abfinden. Dann br\u00e4uchten wir eine Reformdebatte, gerade \u00fcber die Restriktion k\u00fcnstlerischer Potenziale durch den Markt. Um Argumente f\u00fcr eine solche Debatte zu sammeln, w\u00e4ren genaue Forschungen besonders hilfreich, die uns erkl\u00e4ren, was sich anderswo besser machen lie\u00df \u2013 oder nicht.<\/span><\/p>\n<p>Erschienen in: Hans-J\u00fcrgen Hafner (Hg), <em>Das Beste vom Besten. Vom riskanten Gesch\u00e4ft der Kunst, <\/em>Kunstverein f\u00fcr die Rheinlande und Westfalen, D\u00fcsseldorf, 2013<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\"><span style=\"font-family: Cambria, serif;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1\u00a0 vgl. Alexander Koch: General Strike,\u00a0<i>KOW Issue 8<\/i>, Berlin 2011<\/a><span style=\"font-family: Helvetica, serif;\"><br \/>\n<\/span><\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen in: Hans-J\u00fcrgen Hafner (Hg), Das Beste vom Besten. 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