{"id":3824,"date":"2024-11-16T15:59:16","date_gmt":"2024-11-16T14:59:16","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=3824"},"modified":"2026-04-12T23:04:21","modified_gmt":"2026-04-12T21:04:21","slug":"pinar-oegrenci-glueck-auf-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/pinar-oegrenci-glueck-auf-in-deutschland\/","title":{"rendered":"P\u0131nar \u00d6\u011frenci: Good Luck in Germany!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Garamond, serif;\"><span style=\"font-size: xx-large;\"><b><\/b><\/span><\/span><\/p>\n<h2 style=\"font-weight: 400;\">P\u0131nar \u00d6grencis Werk versteht es, uns die Vergangenheit so in den Scho\u00df zu legen, dass wir uns um sie k\u00fcmmern m\u00fcssen, um in Zukunft anders zu leben. Mit ihrem Projekt Gl\u00fcck auf in Deutschland! stieg \u00d6grenci 2024 hinab in die Archive der Gastarbeitergeschichte des Ruhrgebiets und brachte Leben und Bilder zu Tage, die unbekannt sind.<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">K\u00f6rper und Stimmen von Menschen tauchen auf, die jahrzehntelang Deutschland mit aufgebaut haben und bis heute migrantisiert im Hintergrund stehen. \u00d6grenci zeigt, wie wenige Jahre nach dem Ende des Faschismus eine neue migrantische Arbeiterklasse in Deutschland erneut von denjenigen Unternehmen missbraucht und gedem\u00fctigt wurde, die den Naziterror industriell erm\u00f6glicht haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im wichtigsten fotografischen Archiv zur Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets im Ruhrmuseum Essen suchte \u00d6grenci nach den Bildspuren der ersten Gastarbeitergeneration und fand \u2013 nichts. Seit Abschluss der Anwerbeabkommen mit L\u00e4ndern des europ\u00e4ischen und globalen S\u00fcdens ab 1955 (mit der T\u00fcrkei 1961) bis ins Jahr 1982 finden sich zahlreiche, teils aufw\u00e4ndige Fotodokumentationen zur Bergbauindustrie und -kultur, jedoch nur mit deutschen, wei\u00dfen Gesichtern und K\u00f6rpern, die symbolisch \u00fcberh\u00f6ht wie Lobby- und Propaganda-Subjekte im Dienst von Krupp &amp; Co. inszeniert wurden. Tats\u00e4chlich wurden diese Dokumentationen von der Industrie finanziert. Gastarbeiter blieben dabei buchst\u00e4blich ausgeblendet. Dass ohne deren Arbeitsleistung ein deutsches Wirtschaftswunder nach der Katastrophe des deutschen Angriffskriegs auf Europa gar nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, das wollte man lieber nicht zeigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei dem selbstorganisierten Verein der F\u00f6rdergemeinschaft f\u00fcr Bergmannstradition \u2013 Linker Niederrhein, fand \u00d6grenci dann einige Fotos, die von Bergleuten oder ihren Angeh\u00f6rigen selbst gemacht wurden, und sie h\u00f6rte der Oral History von Protagonist:innen zu, die unrepr\u00e4sentierte migrantische Vergangenheit im Ruhrgebiet noch erlebt haben und davon erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, oder diese Geschichte wissenschaftlich beforschen. Auf Basis dieser Materialien entstanden schlie\u00dflich drei Arbeiten, unter anderem mit der Unterst\u00fctzung des Kunstmuseum Bochum. Sie geben nun Einblick in dunkle Seiten deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die nicht pass\u00e9 sind, sondern sich weiter fortschreiben. \u00d6grencis Kunst kritisiert und verst\u00f6rt \u2013 ihre dichterischen Formen sind aber immer auch \u00d6ffnungen ins Humane und eine Anerkennung und W\u00fcrdigung geschm\u00e4lerter Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Gl\u00fcck auf in\u00a0Deutschland<br \/>\nFilm, 44 min, 2024<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">P\u0131nar \u00d6grencis montiert Schwarzwei\u00dffotografien zu einem Dokumentarfilm, der hineinf\u00fchrt in die Industrie- und Lebenswelt des Ruhrgebiets der Nachkriegszeit. Auf der Tonspur leitet die Stimme der K\u00fcnstlerin durch den Film, kommentiert das Bildmaterial, f\u00fchrt Interviews mit Expert*innen, die Hintergr\u00fcnde der Gastarbeiterhistorie nachzeichnen. An anderen Stellen flie\u00dft geschriebener Text ein, so etwa zu Beginn, wenn ein Lamento des t\u00fcrkischen Dichters Faz\u0131l H\u00fcsn\u00fc Daglarcas erscheint. \u00d6grencis Film entfaltet ein St\u00fcck deutscher, auch deutsch-t\u00fcrkischer Geschichte, das selten so erz\u00e4hlt wurde. Etwa die Beerdigung von Bertha Krupp 1957 (nach ihr wurden im ersten Weltkrieg die \u201eDicken Berthas\u201c benannt, M\u00f6rserkanonen der Firma Krupp, die auch in Vielzahl an das Osmanische Reich verkauft wurden): nach der Grablegung, das zeigen Fotografien, bildete sich eine Demonstration der Belegschaft des Krupp-Konzerns, es gab Protest, einen Moment des Widerstands. Ebenfalls wenig bekannt \u2013 und hier wird der Film zum Schluss pl\u00f6tzlich farbig, mit \u00d6grencis eigenen Filmaufnahmen: ein Zwangsarbeiterlager der Krupps aus der NS-Zeit, das sp\u00e4ter umgenutzt wurde als Gastarbeiterlager. Begriffe \u00e4ndern sich, Grade der Gewalt und der Gefahr \u00e4ndern sich. Am Prinzip \u00e4ndert sich wenig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei\u00a0Gl\u00fcck auf in Deutschland\u00a0geht \u00d6grenci \u00e4hnlich vor wie bei ihrem Film\u00a0Gourbet Is a Home Now\u00a0(2020). Sie dokumentierte die Geschichte der Gastarbeiterwohnungen in Berlin-Kreuzberg mithilfe von Archivmaterial und Interviews, stellte dabei die Stimmen von Frauen in den Vordergrund, und machte so ein fast unbekanntes St\u00fcck Berliner Vergangenheit sichtbar.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Gl\u00fcck auf in Deutschland<br \/>\nFotocollagen, 2024<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erstmals in ihrem Werk begibt sich \u00d6grenci auf das Terrain der Collage. Aus Quellen, die auch ihren Film speisen, arrangiert die K\u00fcnstlerin in einer spielerischen Form des Umgangs problematisches Fotomaterial. Es zeigt auf, dass die vielbesungene Bergmannstradition ein Konstrukt ist, eine symbolische \u00dcberh\u00f6hung, um den Verschlei\u00df von K\u00f6rpern und Leben im Kohlebergbau als Heldengeschichte statt als Ausbeutung zu erz\u00e4hlen. Erz\u00e4hlungen, in denen M\u00e4nner die Helden sind, w\u00e4hrend die Frauen \u2013 wir wissen es mittlerweile aus \u00d6grencis Film \u2013 in unbezahlter Arbeit die Basis f\u00fcr den Lohnerwerb ihrer Partner herstellten. Die K\u00fcnstlerin, die in Istanbul Architektur studierte und auch viele Jahre praktizierte, ehe sie zum Film und zur Kunst \u00fcberlief, zerlegt mit der Schere Zechen und Stahlwerke, und setzt k\u00f6rperpolitische Verh\u00e4ltnisse ins Bild. Dabei konstruiert sie zugleich neue Realit\u00e4ten, in denen migrantisierte Bergarbeiter und ihre Familien in den Genuss einer Freizeitkultur kommen, die ihnen historisch nicht zug\u00e4nglich war. Und sie zitiert reale Momente des Widerstands, wenn etwa Riesenbergm\u00e4nner die Zeche buchst\u00e4blich besetzen oder die Arbeiter die Fabrik demonstrativ verlassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>I Wish You Luck<br \/>\n<\/strong><strong>5-Kanal Videoinstallation, 4 min,\u00a02024<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00d6grenci schaut in ihrem Projekt auch auf die Rolle von Frauen in der Welt der Bergmannstraditionen. Die f\u00fcnfteilige Videoarbeit\u00a0I Wish You Luck\u00a0zeigt filmische Portraits von Frauen, die pfeifen. Sie pfeifen das\u00a0Steigerlied, die folkloristische Hauptattraktion im Liedgut der ans\u00e4ssigen Bergmannschaft, auch bekannt unter dem Titel\u00a0Gl\u00fcck auf!\u00a0Wichtig hier: Ein regionales Sprichwort besagte: \u201eM\u00e4dchen, die pfeifen, und H\u00fchnern, die kr\u00e4hn, soll man beizeiten die H\u00e4lse umdrehn\u201c. Au\u00dferdem war das Pfeifen verp\u00f6nt \u2013\u00a0und Untertage streng verboten \u2013, denn entweichendes Methan, das Stollen in die Luft jagen und Bergarbeiter t\u00f6ten kann, dringt mit Pfeift\u00f6nen aus dem Gestein hervor. Also psst!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Frauen aber pfeifen. \u00d6grenci versuchte, mit Bergarbeiterch\u00f6ren \u2013 s\u00e4mtlich m\u00e4nnlich und biodeutsch dominiert \u2013 in Austausch zu treten und ihren Gesang aufzuzeichnen oder vorhandene Aufnahmen zu verwenden, was misslang. Zugang zu diesen Stimmen und diesem Liedgut wollte man einer Frau aus der T\u00fcrkei nicht gew\u00e4hren. Also l\u00e4sst die K\u00fcnstlerin t\u00fcrkische und kurdische Frauen, die dem Projekt ihre Stimme geben wollten, ihr eigenes Gl\u00fcck Auf! pfeifen, erg\u00e4nzt durch ein Gedicht von P\u0131nar \u00d6grenci, in dem sie den urspr\u00fcnglichen Liedtext umschreibt in eine dunkle Parabel auf heutige Migrationspolitik.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>The Man That Doesn\u2019t Burn<br \/>\nDigitalprint, 2024<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man muss noch \u00fcber Lungen reden, und \u00fcber Feuer. Teil des Werkzyklus\u00a0Gl\u00fcck auf in Deutschland!\u00a0ist die gro\u00dfformatige Reproduktion eines Archivbildes, das einen Hitzeversuch dokumentiert. Ein Mann in Metall steht neben Flammen. Ein K\u00f6rper wird im Aluminiumanzug auf seine Hitzetauglichkeit getestet. Wird getestet auf sein \u00dcberlebensverm\u00f6gen im industriellen Komplex, der auch milit\u00e4rischer Komplex ist. Da ist einer der K\u00f6rper, den deutsche Gastarbeiterprogramme unterworfen haben und vielerorts weiterhin unterwerfen. Gut bekannt ist heute, wie viele dieser K\u00f6rper besch\u00e4digt und niemals entsch\u00e4digt wurden, wie viele Bergleute an ihren Staublungen starben, wie viele Stahlkocher an der Hitze.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Bild kann programmatisch stehen f\u00fcr K\u00f6rperpolitiken, denen sich Teile der Bev\u00f6lkerung ausgesetzt sehen und denen P\u0131nar \u00d6grenci in ihrer Arbeit nachforscht und nachsp\u00fcrt, und sie \u00f6ffentlich vor Augen f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>P\u0131nar \u00d6grencis Werk versteht es, uns die Vergangenheit so in den Scho\u00df zu legen, dass wir uns um sie k\u00fcmmern m\u00fcssen, um in Zukunft anders zu leben. 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