{"id":379,"date":"2021-10-03T11:13:31","date_gmt":"2021-10-03T09:13:31","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=379"},"modified":"2025-10-26T07:30:36","modified_gmt":"2025-10-26T06:30:36","slug":"nicht-alle-macht-geht-vom-volke-aus-manch-kunstwerk-schon-ueber-wandel-und-kulturelle-selbstwirksamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/nicht-alle-macht-geht-vom-volke-aus-manch-kunstwerk-schon-ueber-wandel-und-kulturelle-selbstwirksamkeit\/","title":{"rendered":"Nicht alle Macht geht vom Volke aus, manch Kunstwerk schon. \u00dcber Wandel und kulturelle Selbstwirksamkeit (2021)"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"font-weight: 400;\">1987 entschied die Regierung, dem im bundesdurchschnitt viel zu geringen Bildungsniveau in Bremen mit folgender Ma\u00dfnahme zu begegnen: Man schickte zwei Drittel der F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten an Schulen und Unis in Fr\u00fchrente und ersetzte sie durch Personal aus dem bildungsstarken Bayern, um bessere Standards einzuf\u00fchren. Eine Buschzulage, wie man umgangssprachlich sagte, schuf daf\u00fcr Anreize, denn niemand w\u00e4re freiwillig aus Bayern nach Bremen gegangen. Alle fanden diese Ma\u00dfnahme eine gute Idee.<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Undenkbar, nicht wahr? Kein Mensch w\u00e4re in der Bundesrepublik jemals auf eine solche Idee gekommen. Und in Bremen h\u00e4tte man das auch nicht gut gefunden, sondern w\u00fcrde einen Aufschrei durch die Welt geschickt haben, der in Medienmeldungen etwa so gelautet h\u00e4tte:\u00a0<em>Deutsche Regierung nimmt Bundesland Souver\u00e4nit\u00e4t und richtet koloniale Verwaltungsstrukturen ein<\/em>!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gewiss, die Ausgangslage in den neuen Bundesl\u00e4ndern zu Beginn der Neunzigerjahre war v\u00f6llig anders. Vieles war ganz neu um- und aufzubauen, auch Verwaltungsapparate. Und doch macht mein fiktives Beispiel klar, wie krass die Ma\u00dfnahmen waren, die nach der Wende vom Westen im Osten installiert wurden. Anstatt einen gemeinsamen Transformations- und Lernprozess zu beginnen und auf lokale Ressourcen, Kompetenzen und Engagements aufzubauen, trug die Wiedervereinigung koloniale Z\u00fcge. Sie haben sich tief in die Erfahrungswelt vieler Menschen eingeschrieben. Nicht nur im Osten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">***<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich bin ein Wendekind. Aus dem Westen. Ich war Sechzehn, als die Mauer fiel, und mein junges politisches Interesse kannte damals nichts Wichtigeres. Ich leitete die Sch\u00fclerzeitschrift unseres Gymnasiums und t\u00e4glich beobachteten wir in der Redaktion, was geschah. Den Tag der Wiedervereinigung erkl\u00e4rten wir symbolisch zum Volkstrauertag, hissten eine schwarze Fahne und hielten in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone eine Mahnwache ab. Denn wir vermeinten einer Annexion beizuwohnen, bei der die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der Ex-DDR entmachtet und entm\u00fcndigt wurden, von denen viele aufgebrochen waren, um gemeinsam dar\u00fcber nachzudenken, wie man sich k\u00fcnftig als freie demokratische Gesellschaft neu verfassen wolle. Die progressiven politischen Impulse dieser Zeit waren beispiellos. Als kritischen jungen Leuten am Ende der Thatcher-\u00c4ra war uns ja klar, dass unser eigenes politisches und wirtschaftliches System keineswegs die beste aller Welten war. Wir hatten auch keine romantischen Gef\u00fchle dem Sozialismus gegen\u00fcber \u2013 aber wir hofften inst\u00e4ndig, dass durch die neuen Akteure im Osten die Karten neu gemischt und etwas aufdecken w\u00fcrden, das besser w\u00e4re als das, was wir h\u00fcben und dr\u00fcben bislang hatten. Die Kohl-Regierung riss dann die Karten an sich legte das Blatt zu ihren Gunsten aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">1992, mit Achtzehn, ging ich in den Osten, machte Zivildienst und studierte in Dresden und Leipzig, lebte sp\u00e4ter in Ostberlin und in Brandenburg. Heute geh\u00f6re ich selbst zu jenen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten im Kulturbetrieb, die aus dem Westen kommen, ihren eigenen gelebten \u2013 privilegierten \u2013\u00a0Osthintergrund haben, ohne im Osten je wirklich dazu geh\u00f6rt zu haben, w\u00e4hrend ich mich vom saturierten Westen entfremdet habe, dem ich bornierte Besitzstandswahrung vorwerfe, und also auch dort nicht mehr dazu geh\u00f6re. Das ist meine private Transformationserfahrung der letzten 30 Jahre. Wenn jemand sagt, unsere Gesellschaft sei gespalten, dann denke ich an manchen Tagen: Ja. In mir auch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">***<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und an anderen Tagen denke ich das nicht. Zusammen mit vielen Mitstreitenden habe ich seit 2007 in einigen Teilen Deutschlands (Ost und West) ein Programm mit aufgebaut, das als eine Plattform zur b\u00fcrgerschaftlichen Selbsterm\u00e4chtigung gelten k\u00f6nnte. Als ein Umverteilungsmodell sozialer und kultureller Gestaltungsm\u00f6glichkeiten, das aus Privilegien, die nur wenige genie\u00dfen, ein Handlungsangebot f\u00fcr Viele macht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Programm \u201eNeue Auftraggeber\u201c bietet Menschen aus allen Gesellschaftsschichten die M\u00f6glichkeit, K\u00fcnstler*innen damit zu beauftragen, Projekte zu entwickeln, die mit gro\u00dfer Ambition vor Ort ein St\u00fcck der eigenen Lebensumwelt und Lebenswirklichkeit ver\u00e4ndern sollen. B\u00fcrgergruppen in D\u00f6rfern und Stadtquartieren werden von Mediator*innen dabei begleitet, in einem offenen Prozess Verantwortung f\u00fcr Belange der Gemeinschaft zu \u00fcbernehmen und in der Zusammenarbeit mit erfahrenen Kulturschaffenden Herausforderungen der Gegenwart auf neuen Wegen anzugehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Bild, das ich f\u00fcr diese Publikation ausgew\u00e4hlt habe, zeigt den Entwurf eines Kunstwerks des renommierten K\u00fcnstlers Daniel Knorr. Er entstand 2021 im Auftrag von acht Lehrerinnen, die sich in der Greifswalder Plattenbausiedlung Sch\u00f6nwalde I an der\u00a0Intergrierten Gesamtschule IGS\u00a0Erwin Fischer\u00a0mit gro\u00dfem Engagement und auch Erfolg um die ihnen anvertrauten Kinder, Jugendlichen, und auch Eltern k\u00fcmmern. Trotz des positiven Klimas in der Schule gilt sie in den Augen der Stadtbev\u00f6lkerung als Problemschule. Um dieses falsche Bild zu korrigieren w\u00fcnschten sich die Lehrerinnen ein Kunstwerk, das weithin sichtbar ein Zeichen daf\u00fcr setzt, dass Integration und Zusammenhalt im Schulalltag gelingen! Knorrs Entwurf mit dem Titel \u201eEngagement\u201c zeigt einen gro\u00dfen, goldenen, mit leuchtenden Juwelen \u00fcberkr\u00f6nten Verlobungsring, der auf einem Pavillon vor der Schule in die H\u00f6he ragen soll: Als ein Zeichen der Verbindung, der Einheit und Gemeinsamkeit, auch des Versprechens, mit Optimismus einen Teil des kommenden Lebensweges zusammen zu gehen. Zugleich soll dem Stadtviertel mit dem Werk etwas geschenkt werden, das die Vergangenheit zur\u00fcckl\u00e4sst und Mut und Lust macht, Verbindung neu zu denken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">***<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auftragswerke wie dieses markieren einen Wendepunkt in der Deutschen Kulturlandschaft. Im alten Westen waren es Kommunen und Institutionen, Unternehmen oder verm\u00f6gende Einzelne, die K\u00fcnstler*innen mit der Erfindung neuer Werke betrauen konnten. Im Osten war Auftragskunst weitgehend ein Instrument des Staates und unterlag Kontrolle und Reglementierung. In beiden Systemen gab es keine M\u00f6glichkeit, dass acht Lehrerinnen unabh\u00e4ngig von jeder \u00e4u\u00dferen Autorit\u00e4t als freie B\u00fcrgerinnen selbst ein Anliegen aufbringen und in direkter Zusammenarbeit mit einem bekannten K\u00fcnstler ihrer Leistung und ihren Werten ein \u00f6ffentliches Denkmal setzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das wurde erst m\u00f6glich, als man 1990 in Frankreich das Mediationsmodell der Neuen Auftraggeber erfand und die mit Auftraggeberschaft verbundene Macht und die n\u00f6tigen Ressourcen f\u00fcr jeden zug\u00e4nglich wurden.<a href=\"applewebdata:\/\/D247CB62-CD37-42EB-B01A-C5C0E724A625#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>\u00a0Seither entstanden dank dieses Modells europaweit \u00fcber 500 Projekte. Hinter ihnen stehen tausende von B\u00fcrger*innen, die sich f\u00fcr das Gemeinwohl mobilisiert haben. Aktuell entstehen in Deutschland zwanzig Projekte im B\u00fcrgerauftrag \u2013 der Bedarf in der Bev\u00f6lkerung ist um ein Vielfaches Gr\u00f6\u00dfer. Menschen im Westen f\u00e4llt es etwas leichter, als Auftraggeber initiativ zu werden, im Osten scheinen historische Erfahrungen diesen Schritt mitunter zu erschweren. Aber hier wie dort zeigt sich der Wille, etwas zu bewegen, etwas zu tun, das z\u00e4hlt. Viele Leute sind lange Zeit herumgeschubst, entm\u00fcndigt und entt\u00e4uscht worden, in Ost wie in West. Und sie stehen in den Projekten der Neuen Auftraggeber auf und holen sich ein St\u00fcck ihrer Welt symbolisch zur\u00fcck, eignen es sich an, geben ihm Gestalt, f\u00fcllen es mit Gemeinsinn. Da sind schweigende Dorfgemeinschaften, die wieder zu reden beginnen. Da sind Konflikte, die man verdr\u00e4ngt hatte und nun angeht, weil es neue Perspektiven f\u00fcr ein gemeinsames Handeln in der Zukunft gibt. Da sind Fragen des Daseins, auf die niemand fertige Antworten hat, auch die Kunst nicht. Aber die Kunst versteht es, solchen Fragen nicht auszuweichen, sie aufzugreifen und ins Licht zu halten, dass man sie besser sehen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Programm der Neuen Auftraggeber bildet sich deutschland- und europaweit ein neues b\u00fcrgerschaftliches Engagement heraus, das von der der Kunst Gebrauch macht, um Selbstwirksamkeit in dem zu erleben, was Transformation genannt wird und in einer Demokratie bedeuten sollte, dass diejenigen, die von Wandel betroffen sind, diesen Wandel mit erzeugen. Manches, was im Wendeprozess schiefging, wie die ungerechte Verteilung von Mitsprache und Entscheidungsgewalt, kann in B\u00fcrgerprojekten der Neuen Auftraggeber korrigiert werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Alexander Koch, November 2021<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erschienen in: Franziska Richter (Hg.), Traumaland. Wer wir sind und sein k\u00f6nnten. Identit\u00e4t &amp; Zusammenhalt in Ost und West, Bonn 2021<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"applewebdata:\/\/D247CB62-CD37-42EB-B01A-C5C0E724A625#sdfootnote1anc\">1<\/a>\u00a0Zur Funktionsweise des Mediationsmodells der Neuen Auftraggeber vergleiche www.neuauftraggeber.de<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Published in: Franziska Richter \/ Friedrich Ebert Stiftung: Traum(a)land, Wer wir sind und sein k\u00f6nnte, Identit\u00e4t &#038; Zusammenhalt in Ost und West, Bonn 2021<br \/>\nNo English version available. <\/p>\n<p>In this book, over 45 authors from different generations in East and West Germany report on their experiences of transformation over the last few decades from a wide variety of perspectives. Since I moved from the West (NRW) to the East (Dresden) in 1992, I have my own history with reunification, from which I look at today.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":868,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-379","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-texts","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/379","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=379"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/379\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":651,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/379\/revisions\/651"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=379"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=379"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=379"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}