{"id":2099,"date":"2020-08-15T18:32:55","date_gmt":"2020-08-15T16:32:55","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=2099"},"modified":"2025-07-19T14:52:30","modified_gmt":"2025-07-19T12:52:30","slug":"gespraech-text-marcel-bleuler-und-alexander-koch-ueber-die-potenziale-einer-kunstproduktion-im-buergerinnen-auftrag-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/gespraech-text-marcel-bleuler-und-alexander-koch-ueber-die-potenziale-einer-kunstproduktion-im-buergerinnen-auftrag-2020\/","title":{"rendered":"Interview: Marcel Bleuler und Alexander Koch \u00fcber die Potenziale einer Kunstproduktion im B\u00fcrger*innen-Auftrag (Text, 2020)"},"content":{"rendered":"<p>Erschienen auf: p|art|icipate, ejournal des Programmbereich Gesellschaft &amp; Nachhaltigkeit | Zeitgen\u00f6ssische Kunst und Kulturproduktion, Universit\u00e4t Salzburg<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/alexanderkoch.info\/gespraech-text-marcel-bleuler-und-alexander-koch-ueber-die-potenziale-einer-kunstproduktion-im-buergerinnen-auftrag-2020\/\">Link<\/a><\/p>\n<p>Die Gesellschaft der Neuen Auftraggeber in Deutschland realisiert k\u00fcnstlerische Projekte, die auf Initiative der Zivilbev\u00f6lkerung entstehen. Unter der Leitung von Alexander Koch findet derzeit eine f\u00fcnfj\u00e4hrigen Pilotphase statt, die von der Kulturstiftung des Bundes und mit Unterst\u00fctzung der Fondation de France gef\u00f6rdert ist. In unterschiedlichen, meist strukturell benachteiligten Regionen erarbeitet das insgesamt \u00fcber 20-k\u00f6pfige Team aus Mediator*innen, Koordinator*innen und Mitarbeiter*innen gemeinsam mit B\u00fcrger*innen und namhaften Kunstschaffenden orts- und kontextbezogene Projekte. Einschr\u00e4nkungen in Bezug auf k\u00fcnstlerische Sparten gibt es dabei keine. Gemeinsam ist den Arbeiten, dass sie soziale Dringlichkeiten mit k\u00fcnstlerischen Methoden anzugehen suchen.<\/p>\n<p><strong>\u201eZuerst einmal h\u00f6ren wir zu, was die Bedarfe der B\u00fcrger*innen sind\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>2007 hast du den Neue Auftraggeber e.V. mitbegr\u00fcndet und leitest seit 2017 die Gesellschaft der Neuen Auftraggeber in Deutschland. Ist es richtig zu sagen, dass es sich dabei um eine kulturpolitische Bewegung handelt, die in verschiedenen L\u00e4ndern stattfindet? Oder wie erkl\u00e4rst du einer Person, die nichts von der Sache wei\u00df, worum es dabei geht? <\/em><\/p>\n<p>Die Neuen Auftraggeber wurden erfunden von Fran\u00e7ois Hers, einem belgisch-franz\u00f6sischen K\u00fcnstler, der sich 1990 die Frage stellte, warum K\u00fcnstler*innen eigentlich trotz aller Ausbruchs- und Aufbruchsbewegungen im 20. Jahrhundert mit ihrer Praxis letztlich in Museen und Galerien endeten, anstatt tats\u00e4chlich auch eine gesellschaftliche Wirkungskraft jenseits dieser sehr abgezirkelten R\u00e4ume zu entfalten. Ein Grund daf\u00fcr bestand in seinen Augen darin, dass in kapitalistischen Gesellschaften Kunst in der Regel als ein Angebot entsteht, das K\u00fcnstler*innen aus innerer Notwendigkeit heraus erstellen, und f\u00fcr das es dann eine Nachfrage gibt oder nicht. Und Kunstvermittlung \u2013 auf Franz\u00f6sisch \u201em\u00e9diation\u201c \u2013 findet nur postfaktum statt, also erst dann, wenn bereits etwas da ist, das sich an die \u00d6ffentlichkeit vermitteln l\u00e4sst. Diesen gesamten Prozess der Entstehung und Vermittlung wollte Fran\u00e7ois Hers um 180 Grad umkehren.<\/p>\n<p><em>Er forderte also, dass man Kunst ausgehend von der Nachfrage produziert? <\/em><\/p>\n<p>Ausgehend von ihrer Notwendigkeit f\u00fcr die B\u00fcrger*innen, ja. Es geht um die Frage, welchen Handlungsbedarf es in einer Gesellschaft gibt, in welche kulturelle Produktion eine Gemeinschaft investieren will, und wer dar\u00fcber entscheidet. Nachfrage bedeutet hier, dass Menschen ganz konkret etwas von der Kunst wollen. Und das hei\u00dft f\u00fcr uns als Kunstprofis, dass wir erst mal zuh\u00f6ren, was eigentlich ihre Bedarfe sind, um dann zu sehen, wie wir mit unseren Mitteln und Kompetenzen, die wir \u00fcber Jahrhunderte erworben und erstritten haben, vor Ort auf diese Herausforderung antworten k\u00f6nnen. Wie das funktionieren kann, beschrieb Hers 1990 mit dem Protokoll der Neuen Auftraggeber.<\/p>\n<p><em>Wo findet man das Protokoll?<\/em><\/p>\n<p>Auf allen unseren Websites.<span class=\"fussnote\"><a class=\"fussnotewrap fussnote-1\" href=\"https:\/\/www.p-art-icipate.net\/?p=10492&amp;view-all=1#fussnote1\">*1<\/a><\/span><\/p>\n<p><em>Und es beschreibt die Schritte, wie man im Austausch mit B\u00fcrger*innen Kunstprojekte entwickelt?<\/em><\/p>\n<p>Das Protokoll beschreibt die Beziehungen zwischen Akteur*innen, die aus freiem Willen zusammenkommen mit dem Ziel, ein Kunstwerk entstehen zu lassen. Es beschreibt einen Prozess, bei dem B\u00fcrger*innen artikulieren, was sie brauchen und w\u00fcnschen, und dies als einen Auftrag formulieren, mit dem sie dann an K\u00fcnstler*innen herantreten. Den K\u00fcnstler*innen schl\u00e4gt das Protokoll vor, sich solche Auftr\u00e4ge anzuh\u00f6ren und ihre Erfahrungen und M\u00f6glichkeiten einzubringen, um ad\u00e4quat auf einen Auftrag zu antworten. Und es schl\u00e4gt Kunstvermittler*innen, die sonst zwischen Werken und Publika vermitteln, vor, dabei die Rolle von Mediator*innen einzunehmen, damit B\u00fcrger*innen und K\u00fcnstler*innen zusammenfinden und eine produktive Binnen-Beziehung entwickeln k\u00f6nnen. Das Protokoll beschreibt auch die n\u00f6tigen Rahmenbedingungen, die Politiker*innen schaffen k\u00f6nnen, damit dieser Prozess funktioniert. Es legt aber auch fest, dass es im Auftragsprozess keine \u00e4u\u00dfere Autorit\u00e4t gibt. Das ist ganz wichtig. Wenn B\u00fcrger*innen einen Auftrag vergeben, kann keine h\u00f6here Instanz \u00fcber ihre K\u00f6pfe hinweg entscheiden, was da gemacht wird. Das ist auch der entscheidende Faktor, warum wir erfolgreich sind. Weil die Leute genau verstehen, was Ownership bedeutet, auch wenn sie das Wort vielleicht vorher noch nie geh\u00f6rt haben. Es ist ihr Projekt, ihr Kunstwerk, das da entsteht.<\/p>\n<p><em>Was genau ist mit Mediator*innen gemeint? <\/em><\/p>\n<p>Mediator*innen sind diejenigen, die Br\u00fccken bauen zwischen B\u00fcrger*innen, gleich welchen Hintergrundes, und den Expert*innen, also K\u00fcnstler*innen, Architekt*innen, Musiker*innen usw. Die Mediator*innen werden von Menschen kontaktiert, die eine Initiative ergreifen wollen, um mit den Mitteln der Kunst ihrem Interesse Sichtbarkeit zu geben, vielleicht einen Konflikt zu transformieren, eine Vision zu finden, die ihnen fehlt, Fragen der eigenen sozialen Existenz aufzuwerfen oder zu manifestieren.<\/p>\n<p><em>Das hei\u00dft, die Leute m\u00fcssen informiert dar\u00fcber sein, dass es die Neuen Auftraggeber gibt?<\/em><\/p>\n<p>Richtig. Und das sind sie in aller Regel, wenn es ein erstes Projekt in einer Region gibt. Dann geht das sehr schnell. Zwei Zeitungsartikel in der lokalen Presse, und die Leute rufen tats\u00e4chlich an. Der Bedarf ist gr\u00f6\u00dfer, als man denken w\u00fcrde. Ich nenne mal ein Beispiel: Der Leiter einer Leichenhalle in einem Krankenhaus rief einmal Fran\u00e7ois Hers an und sagte: \u201eWir m\u00f6chten einen K\u00fcnstler damit beauftragen, unsere Leichenhalle umzugestalten.\u201c Hers wollte ihn testen und sagte: \u201eDann nehmen Sie sich halt einen Innenarchitekten, wenn sie die Halle umgestalten m\u00fcssen.\u201c Der Leiter aber insistierte und sagte: \u201eEs geht hier um die Frage des \u00dcbergangs zwischen Leben und Tod. Nur ein K\u00fcnstler kann daf\u00fcr eine Form finden.\u201c Er war kein Experte f\u00fcr Kunst, hatte aber ein sicheres Gef\u00fchl daf\u00fcr, dass eine so existenzielle Fragestellung nach einer k\u00fcnstlerischen Antwort sucht. Fran\u00e7ois Hers hat sich auf die Sache eingelassen und mit Ettore Spalletti einen hervorragenden italienischen K\u00fcnstler gefunden, der die Leichenhalle in einen einzigartigen Ort verwandelt hat. Eine Art abstrakte Kapelle des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts. So passiert das. B\u00fcrger*innen kommen mit konkreten Anliegen und sagen: \u201eAlleine w\u00fcssten wir jetzt nicht, wie man dem Gestalt gibt, und deshalb rufen wir euch an, damit ihr uns mit einer K\u00fcnstlerin oder einem K\u00fcnstler in Kontakt bringt, der geeignet w\u00e4re, auf die Herausforderung, die wir hier sehen, mit einem Projektentwurf zu antworten.\u201c<\/p>\n<p><em>Dann k\u00f6nnte man also auch f\u00fcr eine ganz pers\u00f6nliche Sache einen Auftrag vergeben, oder muss ein Projekt ein \u201eGemeinwohl\u201c in sich tragen?<\/em><\/p>\n<p>Das Protokoll der Neuen Auftraggeber beschreibt, dass die Auftraggeber*innen in der Lage sein m\u00fcssen darzustellen, warum ihr Anliegen von gesellschaftlichem Interesse ist, sodass die Gemeinschaft auch investieren soll. Denn das ist eine wichtige Frage: Wer legitimiert eigentlich, dass Steuer- oder Stiftungsgelder f\u00fcr eine k\u00fcnstlerische Produktion eingesetzt werden? Bei uns ist es essenziell, dass die B\u00fcrger*innen als aktive Mitgestalter*innen einer demokratischen \u00d6ffentlichkeit sagen: \u201eDies hier ist ein Anliegen, von dem wir glauben, dass es f\u00fcr das gesellschaftliche Leben von Relevanz ist.\u201c Und wenn sie die Mediator*innen davon \u00fcberzeugen, dass dem so ist, dann begleiten wir den gesamten Prozess, einschlie\u00dflich der Finanzierung. Das ist ganz wichtig zu sagen. Auftraggeber*innen m\u00fcssen bei uns f\u00fcr eine Produktion kein Geld mitbringen.<\/p>\n<p><em>Dann seid ihr also so etwas wie eine Anlaufstelle und bietet eine Art Service?<\/em><\/p>\n<p>Generell ist es so etwas wie ein neuer Public Service, ja. Ein Service, den wir der Gesellschaft zur Verf\u00fcgung stellen. Wir haben das Know-how und die Verfahrenstechnik, und im besten Fall haben wir auch die finanziellen Mittel oder wir beschaffen sie. Die K\u00fcnstler*innen, die dann in die Projekte reinkommen, sind aber keine Dienstleister*innen. In diesem Punkt ist das Protokoll sehr explizit: K\u00fcnstler*innen bringen ihre Kompetenz ein und auch ihre k\u00fcnstlerische Freiheit. Sie sagen: \u201cOk, meine Antwort auf dieses Problem w\u00e4re soundso. Das ist mein Entwurf.\u201c Und wenn die B\u00fcrger*innen sagen: \u201eEinverstanden. Das w\u00fcrden wir gerne produzieren\u201c, dann wird es auch umgesetzt. Wenn sie aber sagen: \u201eDas entspricht \u00fcberhaupt nicht unseren Vorstellungen\u201c, dann wird weitergesucht, auch nach anderen K\u00fcnstler*innen. Es ist also nicht so, dass K\u00fcnstler*innen einfach die Erf\u00fcllungsgehilfen des B\u00fcrger*innenwunsches sind.<\/p>\n<p><em>Hast du schon mal erlebt, dass sich die Ideen oder auch die Interessen von Kunstschaffenden durch den Austausch mit Auftraggeber*innen grundlegend ver\u00e4ndert haben?<\/em><\/p>\n<p>Ja, h\u00e4ufiger: Matali Crasset zum Beispiel, eine franz\u00f6sische Systemdesignerin, die eine relativ breite Praxis hat. Sie wurde von zwei Lehrerinnen in einer kleinen Dorfschule in Nordfrankreich f\u00fcr ein Buchprojekt angefragt. W\u00e4hrend des Mediationsprozesses stellte sich heraus, dass die Lehrerinnen und die Schule eigentlich ein ganz anderes Problem hatten, dass n\u00e4mlich das Schulgeb\u00e4ude total veraltet war. Daraufhin sagte die Mediatorin: \u201eWarum gebt ihr nicht eine neue Schule in Auftrag?\u201c Die Lehrerinnen erwiderten: \u201eDas ist doch total vermessen, wie soll das denn gehen?\u201c Und Matali Crasset fragte: \u201eIch habe zwar bislang noch keine Schule gebaut, aber wie m\u00fcsste sie denn aussehen, wenn ihr euch etwas w\u00fcnschen d\u00fcrftet?\u201c Und genau hier kommt der Faktor Kunst ins Spiel, das m\u00f6chte ich an dieser Stelle gerne sagen. Kunst steht f\u00fcr mich synonym f\u00fcr Think-out-of-the-Box. Denk jetzt mal nicht an Geld! Denk nicht an Machbarkeit! Sondern beschreib jetzt mal einfach eine Wunschproduktion! Das ist ein ganz anderer Ausgangspunkt der Projektentwicklung, als es in der Regel der Fall ist.<\/p>\n<p><em>Und wie ging es dann weiter mit diesem Auftrag?<\/em><\/p>\n<p>Matali Crasset machte tats\u00e4chlich einen Entwurf, und das f\u00fcr die Umsetzung n\u00f6tige Geld konnte aufgetrieben werden: 1,2 Millionen Euro. Die Schule wurde gebaut und ist als erste Null-Energie-Schule Frankreichs aufgrund ihres speziellen und innovativen Mobiliars beispielgebend geworden.<span class=\"fussnote\"><a class=\"fussnotewrap fussnote-2\" href=\"https:\/\/www.p-art-icipate.net\/?p=10492&amp;view-all=1#fussnote2\">*2<\/a><\/span>Sie ist gleichzeitig das soziale Zentrum der gesamten Gemeinde, mit Mediathek und Veranstaltungsr\u00e4umen, auch f\u00fcr die Senior*innen. Es ist also nicht nur ein neuer Bauk\u00f6rper entstanden, sondern auch ein neuer sozialer Raum. Dass der Auftrag darauf hinauslaufen w\u00fcrde, das konnte Crasset vorher nicht ahnen.<\/p>\n<p><strong>\u201eDie Sieben K\u00fcnste von Pritzwalk\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Auf eurer Website sticht auch ein Projekt heraus, das nach einem neuen Sozialraum aussieht, es hei\u00dft <\/em>Die sieben K\u00fcnste von Pritzwalk<em>. Kannst du dazu etwas sagen, warst du da involviert?<\/em><\/p>\n<p>Ja. Das war unser erstes richtig tolles Projekt in Deutschland. Der Mediator war Gerrit Gohlke, mit dem ich auch heute noch eng zusammenarbeite. Das Projekt entstand, weil er bei einem Besuch in Pritzwalk auf der Stra\u00dfe mit einer B\u00fcrgerin ins Gespr\u00e4ch kam, die erz\u00e4hlte, dass die Innenstadt sich immer weiter leerte. Die Gesch\u00e4fte w\u00fcrden schlie\u00dfen, die Leute k\u00e4men nicht mehr. Sie sagte: \u201eDa muss man was machen.\u201c Und immer, wenn B\u00fcrger*innen das sagen, dann werden wir hellh\u00f6rig und fragen nach: \u201eAha, was denn? Was m\u00fcsste man denn machen?\u201c Oft gibt es einen ersten Initiativgeist, einen Impuls, etwas zu tun. Die B\u00fcrgerin in Pritzwalk machte den Vorschlag, man k\u00f6nne ja ein paar Skulpturen platzieren, dann sei dieser Ort vielleicht wieder attraktiver. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um keine schnelle Idee, sondern um einen lang gehegten Traum ihrerseits handelte, um ihre Hoffnung auf eine gemeinsame, heile Kultur. Mediation hei\u00dft aber auch, nachzufragen und Vorschl\u00e4ge in Frage zu stellen. Das war Gerrit Gohlkes Aufgabe. Nach einigen Treffen, bei denen sich auch der Gespr\u00e4chskreis erweiterte, wurde immer klarer, dass die Leute nicht wegen einiger Skulpturen in ihre Innenstadt zur\u00fcckkehren w\u00fcrden, und der Mediator wagte es, die Frage umzukehren. Er schlug vor, diejenigen sichtbar zu machen, die nicht kommen, die lieber im Supermarkt auf der gr\u00fcnen Wiese einkaufen, lieber privatisieren w\u00fcrden. Also eigentlich alle. Die Idee war nun, die Vielfalt zu zeigen. Den Reichtum, der da ist, in den leeren Ladengesch\u00e4ften auszustellen. Sozusagen aufzuzeigen, dass die Stadt B\u00fcrger*innen hat, sichtbar zu machen, wer sie sind, wie sie sind. Der Mediator hat das damals einen \u201eAtlas\u201c genannt. Das war so ein erster Gedanke.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Der kam im Austausch mit den B\u00fcrger*innen?<\/em><\/p>\n<p>Der kam im Austausch, genau. Das hat auch etwas mit Vertrauen zu tun. Zu sagen, ok, es ist nicht so einfach, das Problem liegt noch tiefer. Trauen wir uns, das anzugehen?<\/p>\n<p><em>Aber mal ganz konkret: Wie erweitert ein*e Mediator*in den Gespr\u00e4chskreis in so einer Situation, wie du sie gerade geschildert hast?<\/em><\/p>\n<p>Erst mal braucht es viele Blickwinkel. Man fragt: \u201eWen kennen Sie denn noch? Wer sind denn Leute, die das Problem \u00e4hnlich sehen oder von ihm betroffen sind?\u201c Und so entstehen weitere Gespr\u00e4che, es bilden sich informelle Round Tables, man trifft sich privat oder in einer Kneipe, oder man macht eine Pr\u00e4sentation im Gemeindesaal und spricht mit der Verwaltung dar\u00fcber, wie sie die Dinge sieht. Und w\u00e4hrenddessen erz\u00e4hlt man von den Neuen Auftraggebern und schaut, ob die Leute dieses Modell f\u00fcr sich nutzen wollen. Aber wir w\u00fcrden in dieser Phase nie versuchen, sie zu \u00fcberreden oder gar K\u00fcnstler*innen mitbringen. Das passiert ja h\u00e4ufiger in Partizipationsprojekten: K\u00fcnstler*innen gehen in ein Dorf und versuchen dann, die Bev\u00f6lkerung zu motivieren, mitzuspielen. Dabei ist oft weder die Partizipation noch die Kunst am Ende des Tages besonders \u00fcberzeugend. Das wissen viele Praktiker*innen aus diesem Feld. Und daher tun wir es eben anders. Wir unterst\u00fctzen ein Projekt nur dann, wenn die Leute selbst sagen: \u201eWir wollen etwas auf die Beine stellen.\u201c Manchmal bringen wir solche Leute erst zusammen, weil wir sehen, dass sie ein \u00e4hnliches Anliegen haben, auch wenn sie sich noch gar nicht kennen. Und so entwickelt sich eine Art Dynamik.<\/p>\n<p><em>Und wie ging es weiter in Pritzwalk?<\/em><\/p>\n<p>Gerrit Gohlke, der Mediator, hat mit vielen K\u00fcnstler*innen gesprochen, schlie\u00dflich das Duo Clegg &amp; Guttmann vorgeschlagen, und die B\u00fcrger*innen haben sich auf den Vorschlag eingelassen. Clegg &amp; Guttmann eigentlich deshalb, weil sie buchst\u00e4blich einen Sinn f\u00fcr den Austausch zwischen Menschen haben. In ihren \u201eLibraries\u201c tauschen Menschen etwa B\u00fccher und bilden so einen sozialen Querschnitt ihrer Gemeinschaft ab.<span class=\"citation\"><a class=\"citationwrap citation-1\" href=\"https:\/\/www.p-art-icipate.net\/?p=10492&amp;view-all=1#citation1\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.p-art-icipate.net\/wp-content\/themes\/participate\/resources\/images\/theme\/content\/bibliography.jpg\" alt=\"star\" \/><\/a><\/span> Und dann passierte das, was Neue Auftraggeber so faszinierend macht. Clegg &amp; Guttmann sagten: \u201eJa, wir wollen die Vielfalt dieser Stadt portr\u00e4tieren. Aber es kann nicht um einen Atlas gehen in dieser Stadt, um eine Kartographie oder eine \u201eLibrary\u201c. Es geht um ein Selbstportr\u00e4t. Wenn wir wissen wollen, was Pritzwalk ausmacht, was die B\u00fcrger*innen zu dieser st\u00e4dtischen Mitte beitragen k\u00f6nnten, dann m\u00fcssen sie sozusagen selbst Modell sitzen, dann m\u00fcssen die Portr\u00e4tierten entscheiden, wie ihr Bild aussieht, ganz wie bei alten Herrscherportr\u00e4ts, wenn man so will.\u201c<\/p>\n<p><em>Sie haben den Ball an die Einwohner*innen zur\u00fcckgespielt?<\/em><\/p>\n<p>Ja, weit radikaler, als sich der Mediator das vielleicht getraut h\u00e4tte. Sie kamen mit einem wirklich verwegenen Vorschlag. Sie haben gesagt: \u201eWir machen gar nichts. Wir bauen nur den Rahmen f\u00fcr das Bild. Und aus allem, was geschieht, machen wir ein gro\u00dfes Buch. Ganz am Ende wird es das Portr\u00e4t dieser Stadt sein, lesbar f\u00fcr alle. Und entweder das Portr\u00e4t der Pritzwalker ist g\u00e4hnend leer oder voll von Aktivit\u00e4t, Kreativit\u00e4t und so weiter.\u201c Sie haben dann sechseinhalbtausend Briefe an alle Haushalte bis hinaus in die D\u00f6rfer verteilt und haben dazu eingeladen, Projektvorschl\u00e4ge f\u00fcr einen mehrmonatigen Prozess zu machen, der dann in den Ladengesch\u00e4ften stattfand. Das nannte sich <em>Die<\/em><em> Sieben K\u00fcnste von <\/em><em>Pritzwalk<\/em>. Sieben Ladengesch\u00e4fte f\u00fcr sieben Disziplinen, als Theater, Musik, Literatur, bildende Kunst. Dann kamen tats\u00e4chlich gut 70 Projektvorschl\u00e4ge: \u201eIch m\u00f6chte gerne den Maler so-und-so ausstellen, der malt hier auf dem Land, aber den kennt keiner.\u201c \u201eIch m\u00f6chte eine Bibliothek mit Kinderb\u00fcchern aus der DDR-Zeit, damit Enkel und Gro\u00dfeltern \u00fcber Geschichte reden k\u00f6nnen.\u201c \u201eIch kann Bauchtanz. Ich m\u00f6chte endlich mal \u00f6ffentlich zeigen, wie gut ich bauchtanzen kann.\u201c Also alle m\u00f6glichen Ideen. Und es f\u00fchrte tats\u00e4chlich dazu, dass wie unter einem Brennglas pl\u00f6tzlich kulturelles Leben in die Innenstadt kam und sie sich f\u00fcllte.<\/p>\n<p><em>Was war genau die Aufgabe der K\u00fcnstler in diesem Prozess? Hatten sie einfach die initiale Idee oder waren sie weiter beteiligt?<\/em><\/p>\n<p>Sie waren weiter beteiligt insofern, als sie einzelne Formate mitgestaltet haben. Aber vor allem schufen sie einen symbolischen Rahmen, der den ganzen Prozess als ein k\u00fcnstlerisches Projekt markierte und auch bei den B\u00fcrger*innen die Ambitionen weckte, selber in k\u00fcnstlerischen Formaten zu denken. Du hast vorher gefragt, ob K\u00fcnstler*innen manchmal etwas Anderes tun als sonst, und Clegg &amp; Guttmann sagen, obwohl sie zwei Jahre mit dem Projekt besch\u00e4ftigt waren, dass sie bis heute nicht wissen, ob sie eigentlich ein Kunstprojekt gemacht haben oder irgendwas Anderes. Also f\u00fcr sie war das auch eine erweiterte Praxis, die abwich von dem, was sie sonst tun. Aus k\u00fcnstlerischer Sicht aber ist entscheidend, dass abschlie\u00dfend das Buch und auch eine Ausstellung entstanden, die in Pritzwalk durchaus gro\u00dfes Interesse fanden. Man konnte es ja jetzt sehen. Gedruckt. In einer m\u00e4chtigen Chronik sah man, was sie \u201edas soziale Portr\u00e4t einer Stadt\u201c nannten und was man sich gleichzeitig als enormen Motivationsschub vorstellen muss, die sichtbar gewordene Vielfalt und Kraft, die es ja offensichtlich gab, weiterleben zu lassen.<\/p>\n<p><em>Und war der Mediator nur beim Aufgleisen der Zusammenarbeit oder dann auch weiter involvi<\/em>ert?<\/p>\n<p>Ganz stark, weil er diese ganzen Prozesse koordiniert hat. Also logistisch, aber auch als Narrativ. Solche Projekte leben ja davon, dass es auch eine Geschichte gibt, hinter die sich alle stellen k\u00f6nnen und die man auch der Presse oder den Verwandten erz\u00e4hlt. Mediator*innen machen auch die \u00d6ffentlichkeitsarbeit oder versuchen, den B\u00fcrgermeister zu \u00fcberzeugen. Sie halten die Auftraggeber*innen-Gruppe zusammen, vermitteln im Falle von Konflikten. Das ist ganz wichtig. Sie besch\u00fctzen die Interessen der B\u00fcrger*innen einerseits und die der K\u00fcnstler*innen andererseits, falls die sich mal in die Haare kriegen oder \u00fcbergriffig werden, oder eine der beiden Seiten zu viel Autorit\u00e4t f\u00fcr sich reklamiert. Deshalb ist die Mediation tats\u00e4chlich der alles entscheidende Faktor.<\/p>\n<p><em>Was passierte in Pritzwalk, als die Zusammenarbeit vorbei war<\/em>?<\/p>\n<p>Es passierte etwas v\u00f6llig Unvorhergesehenes, das dieses Projekt zum Erfolgsfall gemacht hat. Eine Gruppe von B\u00fcrgern*innen gr\u00fcndete selbstst\u00e4ndig einen Kunstverein, den es vorher im Ort nie gab, die Kunstfreunde Pritzwalk. Sie hatten bald 50 Mitglieder, wachsen seither stetig weiter, und haben vor wenigen Monaten ihr f\u00fcnfj\u00e4hriges Bestehen gefeiert. In den ersten Jahren haben sie in der Innenstadt ein Ladenlokal als Ausstellungsraum betrieben. Sie waren also jetzt der Anziehungsfaktor, den sie sich von den Skulpturen gew\u00fcnscht hatten. Mittlerweile haben sie im lokalen Museum einen eigenen Ort bekommen. Sie sind etabliert und machen nennenswerte Ausstellungen. Das hei\u00dft, das Projekt hatte tats\u00e4chlich einen Nachhaltigkeitseffekt. Und das hat damit zu tun, dass die Leute \u00fcberhaupt durch das Projekt gemerkt haben: \u201eWir k\u00f6nnen ja hier selber etwas auf die Beine stellen, wenn wir es nur wollen.\u201c Die Auftragsarbeit hat somit f\u00fcr das Selbstbild der Stadt viel getan. Es gibt eine neue Institution und kulturelles Leben, das es in dieser Form vorher nicht gab, und die Leute aus Pritzwalk sind stolz darauf und erz\u00e4hlen bis heute die Geschichte des Sommers der <em>Sieben K\u00fcnste von Pritzwalk<\/em>. So etwas kannst du nicht induzieren, das kannst du dir nicht vorher ausdenken. Auch deshalb m\u00fcssen unsere Projekte so zeitoffen sein.<\/p>\n<p><strong>Der Auftraggeber von Berlin Tempelhof<\/strong><\/p>\n<p><em>Mir gef\u00e4llt die Idee, dass ihr euch von den Leuten leiten lasst, die Interesse und Zeit haben, sich in so einen Prozess zu involvieren.<\/em> <em>Was aber, wenn das nur eine Person bleibt, wenn also keine weiteren dazukommen? W\u00fcrdet ihr auch mit nur mit eine*r Auftraggeber*in arbeiten?<\/em><\/p>\n<p>Da kann ich von einem Projekt erz\u00e4hlen, bei dem ich selber Mediator bin. In einer Kooperation mit dem Ausw\u00e4rtigen Amt und dem Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen hatte ich vorgeschlagen, dass man in Berlin ein Pilotprojekt machen k\u00f6nnte. Das Handlungsfeld war das damals neu er\u00f6ffnete Auffanglager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete am Flughafen Tempelhof, das gr\u00f6\u00dfte Berliner Auffanglager, ein verdammt harter Ort. Ich habe zwei Co-Mediator*innen ins Projekt geholt, eine Urbanistin mit pal\u00e4stinensischem Hintergrund und einen K\u00fcnstler mit kurdischen Wurzeln. Sie sprachen Kurdisch und Arabisch, kannten die entsprechenden Kulturen und konnten, anders als ich, mit den Gefl\u00fcchteten in ein vertrauensvolles Gespr\u00e4ch kommen. Sie arbeiteten bei der Essensausgabe, bei der Kleiderausgabe, sprachen informell mit den Leuten: \u201eWas ist hier los? Wie erlebt man die Situation? Wie sind die Befindlichkeiten, Bed\u00fcrfnislagen? Gibt es Leute, die gerne aktiv werden w\u00fcrden, w\u00e4hrend sie warten, bis ihr Asylantrag durch ist?\u201c und so weiter. Dieses Nachfragen f\u00fchrte letztlich dazu, dass wir gemeinsam mit einer Gruppe von acht jungen kurdischen M\u00e4nnern, die sich untereinander nicht kannten und durch die Medaitor*innen zusammengefunden hatten, auf der Wiese sa\u00dfen. Wir gerieten in ein Gespr\u00e4ch dar\u00fcber, dass ihre W\u00fcnsche immer wieder um das Gleiche kreisen w\u00fcrden: \u201eIch will eine Freundin\u201c, \u201eIch will einen Job\u201c und \u201eIch will eine Wohnung\u201c. Sie beschrieben, dass ihr Vorstellungshorizont, verst\u00e4ndlicherweise, nicht viel weiter reiche, dass sie dabei aber auch allm\u00e4hlich immer deprimierter w\u00fcrden, weil das die drei Dinge seien, die wirklich schwer zu bekommen seien. Pl\u00f6tzlich sagte einer von ihnen: \u201cNaja, also wenn ich jetzt an Kunst denke, dann w\u00fcrde das hei\u00dfen, dass ich mir alles w\u00fcnschen kann. Dann h\u00e4tte ich gerne meine eigene Apotheke mit alten sch\u00f6nen Holzschr\u00e4nken und dahinter einen Botanischen Garten mit seltenen Tieren, den nur ich alleine betreten kann. Das w\u00e4re meine Wunschwelt.\u201c Und pl\u00f6tzlich war das Eis gebrochen und jeder entwickelte seine eigenen Fantasien. Nach mehreren Gespr\u00e4chen kam dann aber pl\u00f6tzlich nur noch einer von ihnen, Satep Namiq, damals 23 Jahre alt. Er sagte: \u201eDie anderen entschuldigen sich, aber sie haben einfach keine Kraft mehr. Sie sind zum Teil depressiv, der eine will wieder zur\u00fcck nach Hause laufen, weil er nicht mehr glaubt, dass das hier klappt.\u201c Da waren die jungen M\u00e4nner schon zw\u00f6lf Monate in Tempelhof. Sartep sagte: \u201eIch finde, wir m\u00fcssen was machen. Ich will ein Projekt in Auftrag geben, auch f\u00fcr alle anderen, die nicht die Kraft haben, denn ich habe sie.\u201c<\/p>\n<p><em>Und daraufhin habt ihr mit ihm allein weitergearbeitet?<\/em><\/p>\n<p>Ja, ich habe gesagt: \u201eDann erz\u00e4hl mir. Dann bist du der Auftraggeber und ich will verstehen, was du tun willst.\u201c Und das f\u00fchrte dazu, dass er ein Comic-Buch in Auftrag gab, in dem die Fantasiewelten, \u00fcber die die Gruppe gesprochen hatte, Wirklichkeit werden, und sich die Grenzen zwischen Gefl\u00fcchteten und Einheimischen wie magisch aufl\u00f6sen w\u00fcrden. Es ging ihm und auch mir darum, zu einer progressiven Perspektive auf gefl\u00fcchtete Menschen beizutragen und zu zeigen, dass sie kein Problem sind und keine Bittsteller*innen, sondern Menschen, die viel Potenzial mitbringen, Kompetenzen, Eigenw\u00fcnsche, Eigenfantasien, eigene F\u00e4higkeiten. In einem recht langwierigen Prozess haben wir zun\u00e4chst Bruce Sterling eingeladen, einer der beiden Erfinder der Cyberpunk-Literatur, der dann ein erstes Skript f\u00fcr diesen Comic geschrieben hat. Dann gab es weitere Autoren, die dieses Skript verfeinert haben, immer wieder im Feedbackprozess mit dem Auftraggeber und mit anderen Gefl\u00fcchteten. \u201eWas soll die Geschichte, an der wir arbeiten, k\u00f6nnen? Was ist der Kern? Was ist eure Realit\u00e4t, und wie l\u00e4sst sie sich erz\u00e4hlen?\u201c Und dann stie\u00df ich nach langer Recherche auf Felix Mertikat, einen der besten j\u00fcngeren deutschen Comiczeichner. Ich lud ihn ein, Satep Namiq in Berlin zu besuchen, die beiden mochten sich, und Sartep fand Felix\u2018 Comics gut. Also beauftragte er ihn. Und nun sitzt Felix Mertikat gerade und zeichnet die Geschichte fertig, in der Sartep selbst der Held ist. In den n\u00e4chsten Monaten kommt das Comic-Buch heraus. Und Satep Namiq beschreibt auf Nachfrage, dass dieses Projekt die erste T\u00fcr war, die f\u00fcr ihn nach seiner Flucht wieder aufgegangen sei. Es war das erste Mal, dass er wieder etwas Wirkliches tun konnte, endlich mit Deutschen an einem Tisch sa\u00df und an einem echten Projekt arbeitete. Er sagt, es hat ihm unglaublichen Mut gegeben. Und er sagt auch immer: \u201eDas ist mein Buch.\u201c<\/p>\n<p><em>Unter wessen Namen wird es publiziert werden?<\/em><\/p>\n<p>Felix Mertikat im Wesentlichen und die Autoren. Im Auftrag von Satep Namiq.<\/p>\n<p><strong>\u201eEs zeichnet sich ein Bild der Bed\u00fcrfnislagen von Regionen mit speziellen strukturellen Herausforderungen\u201c <\/strong><\/p>\n<p><em>Du hast zu Beginn unseres Gespr\u00e4chs gesagt, dass die Auftraggeber*innen auf euch zukommen, in diesem Fall des Auftraggebers von Tempelhof seid ihr aber auf den Kontext zugegangen. Einfach, weil ihr selbst dachtet, da m\u00fcsste man was machen? <\/em><\/p>\n<p>Genau. Manchmal gibt es das. In unserer Startphase mussten wir \u00fcberhaupt erst mal Praxisbeispiele erzeugen, um Stiftungen und Politiklandschaft zu zeigen, wie das Modell an welchen Orten, mit welchen Leuten funktioniert. Wir sind immer noch in einer Pilotphase, finanziert von der Kulturstiftung des Bundes. Die f\u00fcnf Mediator*innen, die im Moment hier in Deutschland Projekte machen, haben sich vor zwei Jahren in bestimmte Suchr\u00e4ume begeben, wie wir das genannt haben. In Regionen mit speziellen strukturellen Herausforderungen. Das ist einmal in l\u00e4ndlichen R\u00e4umen in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg und in Klein- und Mittelst\u00e4dten im Ruhrgebiet. Das sind zwei v\u00f6llig unterschiedliche Transformationsregionen, wo man anhand verschiedener Fallbeispiele erkennen kann, was die Menschen vor Ort besonders bewegt.<\/p>\n<p><em>Und die Mediator*innen haben sich in diesen R\u00e4umen auf die Suche nach Notwendigkeiten und Bedarfen der Zivilbev\u00f6lkerung gemacht?<\/em><\/p>\n<p>Sie haben im Schneeballsystem mit allen m\u00f6glichen Menschen gesprochen. Mit dem Landrat, mit Regionalentwickler*innen, mit Dorfpfarrer*innen, mit dem Sportverein, mit Kneipen-Betreiber*innen, mit dem Kulturverein. Und so zeichnet sich mit der Zeit das Bild einer Region und ihrer Bed\u00fcrfnislagen, und man trifft irgendwann auf Menschen, bei denen man sp\u00fcrt, dass sie etwas tun wollen, dass sie Initiativgeist haben und ein Thema. Ihnen liegt etwas auf der Seele. Oder vielleicht sind sie auch stolz und wollen ein Zeichen setzen, dass zum Beispiel Leben auf dem Dorf super funktionieren kann, anstatt immer nur als miserabel beschrieben zu werden. Irgendwann verfestigen sich Gruppen von Akteur*innen. In der Regel sind es f\u00fcnf bis acht Leute.<\/p>\n<p><em>Ihr macht also keine \u00f6ffentlichen Aufrufe?<\/em><\/p>\n<p>Wenn wir in Zeitungen und im Radio Aufrufe starten w\u00fcrden, dass es jetzt in Mecklenburg eine*n Mediator*in gebe und die Leute Projekte in Auftrag geben k\u00f6nnten, ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass 50 Mal das Telefon klingelt. Ein*e Mediator*in kann aber nicht 50 Ortschaften besuchen, das l\u00e4sst sich nicht schaffen. Das hei\u00dft, du kreierst damit nur Entt\u00e4uschungen. Dazu braucht man mehr Geld, mehr Strukturen, mehr Mediator*innen. Dann w\u00fcrde das funktionieren. Es gibt ja viele gesellschaftliche Institutionen, von denen die Menschen einfach wissen, dass es sie gibt und dass man dort hingehen kann. Zum Beispiel ein Kunstverein in Hamburg. Da wissen Leute, den gibt es, da kann ich hingehen. Es gibt \u00f6ffentliche Dienstleitungen. Da kann man anrufen, wenn man ein bestimmtes Problem hat. In Frankreich gibt es Regionen, wo die Neuen Auftraggeber so fest etabliert sind, dass die Menschen das einfach wissen und sich entsprechend melden. In Deutschland sind wir noch nicht so weit. Deshalb m\u00fcssen wir sehr genau schauen, in welchen Regionen wir aktiv werden k\u00f6nnen, mit wie vielen Projekten.<\/p>\n<p><em>Liegt euer Fokus auf den einzelnen Projekten oder ist euer Fernziel vielmehr die Etablierung einer Anlaufstelle in diesen Regionen oder \u00fcberhaupt in Deutschland mit festen B\u00fcros etc.? <\/em><\/p>\n<p>Als ich 2007 zum ersten Mal davon geh\u00f6rt habe, habe ich sofort gedacht, wir reden eigentlich von einer neuen kulturellen Institution, die es bis jetzt noch nicht gibt. Das klingt ein bisschen vermessen, aber man muss sich auch historische Prozesse klarmachen. Es gibt ganz viele Dinge, die heute in westlichen Demokratien als ganz normal vorausgesetzt werden, die urspr\u00fcnglich einmal von kleinen B\u00fcrger*innengruppen oder kleine B\u00fcrger*innenvereine erfunden wurden. Zum Beispiel Sozialhilfe und Arbeitslosengeld. Das waren am Anfang lokale Gemeinschaften, die, wenn jemandem die Ziege wegstarb, das kompensiert haben. Und sp\u00e4ter ist dann so etwas wie Sozialhilfe verstaatlicht worden als feste Institution mit Ministerium und so weiter. Heute gibt es Hunderte von Kunstvereinen in Deutschland, aber irgendwann gab es mal den ersten, dann zwei, dann drei. Dann haben sie sich in ihrer Struktur auch immer weiterentwickelt und irgendwann hat sich das Ganze verstetigt. Die Neuen Auftraggeber k\u00f6nnten sehr wohl in 30 oder 50 Jahren eines der kulturellen Gestaltungsinstrumente in der deutschen und europ\u00e4ischen Gesellschaft sein.<\/p>\n<p><strong>\u201eMan f\u00e4ngt an, in einer Perspektive zu denken, die man vorher so nicht hatte\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>W\u00fcrdet ihr auch Grenzen setzen, wenn Auftraggeber*innen zum Beispiel populistische Leute sind oder Leute, wo du merkst, dass ihr Denken nicht demokratisch ist? <\/em><\/p>\n<p>Also der letzte Ma\u00dfstab ist die deutsche Verfassung, um das einmal vorauszuschicken. Es gibt ja eine gewisse Grundlage, auf die wir uns hier alle verst\u00e4ndigt haben, bis auf ein paar, die das anders sehen. Wenn du aber mit der lokalen Bev\u00f6lkerung im Gespr\u00e4ch bist, ist es oftmals vollkommen unklar, wer da jetzt welche Partei w\u00e4hlen w\u00fcrde. Die reden vielleicht dar\u00fcber, dass die Dorfgemeinschaft nicht gut funktioniert. Wir haben ein Projekt in Steinh\u00f6fel, das erz\u00e4hle ich kurz, da sind zw\u00f6lf D\u00f6rfer, von denen einige historisch nichts miteinander zu tun hatten. Die wurden in einer Bezirksreform zu einer Gemeinde zusammengelegt. Das hei\u00dft, sie m\u00fcssen jetzt irgendwie miteinander klarkommen. Das funktioniert aber nicht so gut, wie es eigentlich m\u00fcsste. Die Auftraggeber-Gruppe hat gesehen, dass es dringend notwendig ist, dass die D\u00f6rfer in einen Dialog miteinander kommen. Dann ist ihnen gemeinsam klargeworden, dass es etwas gibt, das alle verbindet: Sie werden n\u00e4mlich \u00e4lter und haben Angst davor, weil \u00c4lterwerden auf dem Dorf heute eine ganz sch\u00f6ne Herausforderung sein kann. Insbesondere, weil es eigentlich kaum mehr Gemeinschaftsstrukturen gibt f\u00fcr \u00e4ltere Menschen. Daraus ist ein Projekt geworden, an dem jetzt die zwei K\u00fcnstlergruppen Rimini Protokoll und Construct Lab zusammenarbeiten, in einer Mischung aus partizipativer Theaterform und skulpturaler Produktion am jeweiligen Ort. Sie sammeln lokale Geschichten, lokale Narrative und lokales Wissen, um \u00fcberhaupt einmal so etwas wie eine Beschreibung der tieferen Substanzen dieser Dorfbev\u00f6lkerung zu kriegen. \u2013 Aber du hattest eine konkrete Frage, das war nur das Beispiel dazu.<\/p>\n<p><em>Genau. Meine Frage war, wie ihr reagiert, wenn ihr mit Leuten zu arbeiten beginnt und dann merkt, dass die gar nicht die demokratische Haltung teilen, die hinter Neue Auftraggeber steht. <\/em><\/p>\n<p>Wie viele Leute unter denen in Steinh\u00f6fel AfD-W\u00e4hler*innen sind, auch unter denen, mit denen wir dann reden, wissen wir nicht. Zehn Prozent, 15, 35? Was ich wichtig finde, ist, dass alle dort die Erfahrungen machen k\u00f6nnen, dass sich etwas in eine richtige Richtung bewegt. Also dass auch ein guter Gemeinschaftsgeist entstehen kann. Und sie fangen an, in einer Perspektive zu denken, die sie vorher so nicht hatten. Die Erweiterung der gesellschaftlichen Vorstellungsm\u00f6glichkeiten ist, glaube ich, der eigentliche Kern von dem, was Kultur zu einem Gemeinwesen beitr\u00e4gt. Also wie unser Verh\u00e4ltnis zu uns selber, zum anderen und zu unserer Umwelt sich immer wieder wandelt. Die Frage ist, wie man diesen Wandel gestaltet. Und wie man ihn auch so gestaltet, dass er am Ende auf ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen hinausl\u00e4uft, sofern man ein Interesse daran hat. Haben wir. Steht auch im Protokoll. Nat\u00fcrlich geht es um ein demokratisches Gestalten am Ende des Tages. Oder die Gestaltung demokratischen Zusammenlebens. Ich glaube, wenn das gl\u00fcckt, dann w\u00e4hlen vielleicht ein paar Leute weniger die AfD am Ende des Projekts.<\/p>\n<p><em>Die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung besteht also aus deiner Sicht nicht?<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich achten die Mediator*innen sehr sorgsam darauf, dass ein Projekt nicht parteipolitisch instrumentalisiert wird. Wir hatten so einen Fall, da bekam ein Projekt pl\u00f6tzlich eine bestimme parteipolitische Farbe, und da mussten wir gegensteuern und deutlich machen, dass wir ein Kunstprojekt machen, das \u00fcberparteilich ist, wie alles, was wir tun, und wir das aus der politischen F\u00e4rbung wieder herausholen m\u00fcssen. G\u00e4be es einen rechtspopulistischen Zugriff auf unser Projekt, w\u00fcrden wir nat\u00fcrlich ganz besonders gegensteuern.<\/p>\n<p><em>Es k\u00f6nnte ja auch sein, dass K\u00fcnstler*innen ein Projekt f\u00fcr ihre Zwecke instrumentalisieren. Ich meine jetzt gerade Rimini Protokoll, die k\u00f6nnen sich ja dann auch profilieren, oder sagen wir mal ihr eigenes Ding verfolgen mit so einem Projekt. Siehst du da eine Gefahr?<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube, alle verfolgen eigene Interessen in solchen Projekten. Auch Dorfb\u00fcrgermeister*innen, die das vielleicht unterst\u00fctzen, erhoffen sich vielleicht, dass sie dann auch die n\u00e4chste Wahl gewinnen, weil sie ein gutes Projekt unterst\u00fctzt haben. Die Ehrenamtlichen \u2013 \u00fcbrigens sind die Auftraggeber ja letztlich Ehrenamtliche \u2013haben nat\u00fcrlich zum Teil auch das Interesse, dass zum Beispiel etwas an ihrem Ort entsteht, das sie dann auch hinterher nutzen k\u00f6nnen. Also die kriegen ja etwas. Und dass die K\u00fcnstler*innen das nat\u00fcrlich in ihr Portfolio nehmen, ist auch klar. Aber wenn es gut ist, ist es ja eigentlich f\u00fcr alle eine Win-Win-Situation.<\/p>\n<p><strong>\u201eMit Neue Auftraggeber kann k\u00fcnftiges Kulturerbe bottom-up aus den Interessen und im Dialog mit der Bev\u00f6lkerung entstehen\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Du hast ja gesagt, dass die Ursprungsidee der Neuen Auftraggeber auf einer Frustration dar\u00fcber fu\u00dft, dass die Kunst trotzdem immer noch in Galerien und Museen zu Hause ist. Du bist ja selbst auch Galerist. Kannst du etwas dar\u00fcber sagen, warum du zu diesen Neuen Auftraggebern gekommen bist und wie sich das vereinbaren l\u00e4sst mit deiner Arbeit als Galerist?<\/em><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, als Galerist und Kurator und Kunsttheoretiker habe ich \u00fcber die Jahre die Erfahrung gemacht, dass der eigene Handlungsraum systemisch immer wieder sehr begrenzt ist. Du kannst noch so viele Ausstellungen machen, die sehr gesellschaftspolitisch ambitioniert sind, du erreichst am Ende immer nur eine ziemlich kleine Community. Das kann auch ganz sch\u00f6n frustrierend sein. \u2013 Also die Limits unseres eigenen Milieus und der \u00d6ffentlichkeit, die sich dar\u00fcber herstellen l\u00e4sst. Und wenn man jetzt, wie es bei mir der Fall ist, sich seit Mitte der 90er Jahre die Frage stellt, wie man Kunst als eine gesellschaftliche Kraft und auch als Teil eines progressiven gesellschaftlichen Prozesses st\u00e4rken kann, reichen viele bisherige Praxismodelle und Gestaltungsinstrumente einfach nicht aus.<\/p>\n<p><em>Aber f\u00fcr dich schlie\u00dft die Welt der Galerien und Ausstellungen nicht aus, dass es auch Auftragskunst der Zivilbev\u00f6lkerung geben kann?<\/em><\/p>\n<p>Gar nicht. Ich sage mal, das ist eine additive Ma\u00dfnahme. Es ist komplement\u00e4r. Man k\u00f6nnte sagen, wir haben viele tolle Dinge erfunden von Museen bis Kunstmarkt und Kunst am Bau. Neue Auftraggeber f\u00fcgt jetzt nochmal etwas hinzu, was es in dieser Form noch nicht gab. N\u00e4mlich Kunst im B\u00fcrger*innenauftrag. In Einzelf\u00e4llen hat es das gegeben, aber nicht systemisch, nicht als gesellschaftliche Praxis und gesellschaftliche Institution. Da gibt es auch noch viel zu tun. Ich glaube, es hat bislang etwa 60 Mediator*innen gegeben, und die mussten sich diese Rolle und die Anerkennung sehr stark erk\u00e4mpfen. Es ist ja nicht so, dass alle einen einladen, mit Geld \u00fcberh\u00e4ufen und darauf warten, dass man zu machen beginnt. Es geh\u00f6rt sehr viel \u00dcberzeugungsleistung dazu. Im Prinzip ist Neue Auftraggeber ein toller Vorschlag f\u00fcr eine europ\u00e4ische Kulturpolitik. Und zwar deshalb, weil es das bislang erste Programm sein k\u00f6nnte, wo alle Leute eine gleiche Methode teilen, aber alle Entscheidungen lokal von den Leuten selbst getroffen werden. Das hei\u00dft, niemand w\u00fcrde sagen, dass Br\u00fcssel vorgegeben hat, was man jetzt genau machen soll. Denn das geben die B\u00fcrger*innengruppen vor und dann im Dialog mit den K\u00fcnstler*innen. Wenn man sich vorstellt, dass Auftraggeber*innen-Gruppen aus allen m\u00f6glichen europ\u00e4ischen Regionen auch in einen Austausch treten, voneinander lernen, sehen w\u00fcrden, wie andere \u00e4hnliche Herausforderungen angegangen haben, kommt ein extrem interessantes, dynamisches Bild, auch von einer europ\u00e4ischen Kulturproduktion der Gegenwart, heraus. Denn das kulturpolitische Hauptproblem ist, dass wir heute kaum noch in kulturelle Neuproduktionen investieren, sondern eigentlich in die Verwaltung von Kulturerbe. Das, was Neue Auftraggeber beitr\u00e4gt, ist, dass k\u00fcnftiges Kulturerbe bottom-up aus den Interessen und im Dialog mit der Bev\u00f6lkerung entstehen kann.<\/p>\n<p><em>Wie du sagst, steht Neue Auftraggeber in Deutschland und europaweit in einer Aufbauphase. Zugleich gibt es aber auch schon K\u00fcnstler*innen, die \u00e4hnlich arbeiten, dabei jedoch nicht dem Label oder dem Protokoll verpflichtet sind. <\/em><\/p>\n<p>Klar. Es gibt Leute, die ganz \u00e4hnlich arbeiten. Ich glaube nur, dass Neue Auftraggeber bislang das einzige Modell ist, das tats\u00e4chlich systemisch herangeht und nach jetzt 500 Projekten allm\u00e4hlich so etwas wie Institutionscharakter erlangt. Aber es gab zum Beispiel in Deutschland ein ganz wichtiges Projekt: <em>Park Fiction<\/em> in Hamburg. Christoph Sch\u00e4fer hatte ich neulich zu einer Veranstaltung von uns eingeladen. Das war in vielen Details \u00e4hnlich gebaut, aber ist nat\u00fcrlich ganz singul\u00e4r entstanden, aus so einer Widerst\u00e4ndigkeit gegen die Stadtpolitik und das Immobilienwesen. Wenn es damals in Hamburg Neue Auftraggeber gegeben h\u00e4tte, w\u00e4re es denen vielleicht einfach noch leichter gefallen zu sagen: \u201eEs gibt eine Methode. Es gibt jemanden, den k\u00f6nnen wir anrufen und der unterst\u00fctzt uns dabei. Die wissen auch, wie man vielleicht Gelder auftreibt und den*die B\u00fcrgermeister*in \u00fcberzeugt\u201c. Und vor allem entstehen solche Dinge ganz selten da, wo wir jetzt unterwegs sind, zum Beispiel in einer Plattenbausiedlung am Ortsrand von Eberswalde. Oder in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern in der N\u00e4he der polnischen Grenze. Da entstehen solche Projektprozesse nicht ohne Weiteres. Und deshalb ist es wertvoll, Neue Auftraggeber als Programm tats\u00e4chlich auch zu konsolidieren, ungeachtet dessen, dass andere, die \u00e4hnlich arbeiten, nat\u00fcrlich auch Gutes tun.<\/p>\n<p><em>Wie werden die K\u00fcnstler*innen, die mit euch arbeiten, eigentlich entlohnt?<\/em><\/p>\n<p>Klar, sie werden honoriert, aber auf einer Ebene, die nichts mit dem Kunstmarkt zu tun hat. Neue Auftraggeber bewegen sich au\u00dferhalb der Kunstmarkt\u00f6konomie. Das hei\u00dft, wenn drei Krankenschwestern, wie in Marseille geschehen, einen multikonfessionellen Andachtsraum in Auftrag geben, und sich als Auftraggeberinnen f\u00fcr Michelangelo Pistoletto entscheiden, entsteht nicht nur ein Raum, der in seiner Funktionsstruktur und \u00c4sthetik einzigartig ist. In der Mitte steht Pistolettos unendlicher Kubus, seine ber\u00fchmteste Arbeit. Sechs Spiegel, die nach innen schauen, innendrin also einen perfekten unendlichen Raum bilden, den du von au\u00dfen nicht sehen kannst. Insofern ist das so etwas wie ein spiritueller abstrakter Altar, der aber keiner Religion zuzuordnen ist. Dieser Kubus hatte damals auf dem Kunstmarkt schon einen Wert von Hunderttausenden von Euro. Bei uns kostete er so viel wie sechs Spiegel und ein Bindfaden, und das Honorar f\u00fcr Pistoletto, das aber \u00fcberschaubar bleibt. Das ist eine ganz andere \u00d6konomie. Das hei\u00dft, du bekommst auch Weltklassekunst zu einem Preis, der entkoppelt ist von dem, was eine Galerie bei einem Ankauf haben wollen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><em>Und warum lassen sich die K\u00fcnstler*innen auf so eine Sache ein? <\/em><\/p>\n<p>Weil doch viele K\u00fcnstler*innen, gerade viele erfolgreiche K\u00fcnstler*innen, nicht angetreten sind, um nur Galerieausstellungen zu machen. Die haben ja auch eine ambitionierte Praxis in aller Regel und finden es interessant, tats\u00e4chlich mit einer B\u00fcrger*innengruppe in einen Austausch zu gehen und die Verantwortung zu erleben, was das hei\u00dft. Das haben viele K\u00fcnstler*innen auch beschrieben, was es bedeutet, wenn sie merken, dass das f\u00fcr das Leben von Leuten total wichtig ist, was sie sich ausdenken. Und da geht es dann nicht mehr so sehr um Geld. Nat\u00fcrlich sollen sie f\u00fcr ihr Tun korrekt bezahlt werden, um sich einige Wochen und Monate mit dem Auftrag seri\u00f6s besch\u00e4ftigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen auf: p|art|icipate, ejournal des Programmbereich Gesellschaft &#038; Nachhaltigkeit | Zeitgen\u00f6ssische Kunst und Kulturproduktion, Universit\u00e4t Salzburg<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2107,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-2099","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-conversations","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2099","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2099"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2099\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2106,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2099\/revisions\/2106"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2107"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2099"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2099"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2099"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}