{"id":1283,"date":"2013-02-10T15:27:38","date_gmt":"2013-02-10T14:27:38","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=1283"},"modified":"2026-02-23T19:58:01","modified_gmt":"2026-02-23T18:58:01","slug":"dignity-barbara-hammer-kow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/dignity-barbara-hammer-kow\/","title":{"rendered":"Dignity. Barbara Hammer, KOW (2013)"},"content":{"rendered":"<div class=\"each is-aside is-large\">\n<div class=\"text hyphenate\">\n<h2>Das Lebenswerk der 1939 in Hollywood geborenen Experimentalfilmerin, Dokumentaristin und bildenden K\u00fcnstlerin Barbara Hammer hat die Geschichte des Queer Cinema mitgeschrieben. Seit 1968 hat die erste lesbische Filmaktivistin \u00fcber 80 Produktionen mit dezidiert feministischer Perspektive vorgelegt.<\/h2>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"each is-aside\">\n<div class=\"text hyphenate\">\n<p>Zeigte unsere erste Ausstellung von Barbara Hammer 2011 vor allem ihren Beitrag zur (Selbst-)Repr\u00e4sentation lesbischer Liebe und Sexualit\u00e4t in den Siebzigerjahren, konzentrieren wir uns nun auf einen Parallelstrang ihres Schaffens seit Mitte der Achtzigerjahre: Die Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod.<\/p>\n<p>Im Zentrum der gemeinsam mit der K\u00fcnstlerin entwickelten Ausstellung steht \u201eSanctus\u201c (1990). Hammer verwendet R\u00f6ntgenfilmaufnahmen, die Dr. James Sibley Watson in den F\u00fcnfzigerjahren herstellte, indem er K\u00f6rper in Bewegungen durchleuchtete, meist Frauen.(1) Watsons kinetisches Spektakel der bis in ihre Tiefen visuell und medizintechnisch verf\u00fcgbaren Probandinnen \u00fcberh\u00f6ht Hammer, zeigt diese mal bedroht, mal bedrohlich, und gibt ihnen eine sinnliche Pr\u00e4senz zur\u00fcck. Watsons Archivmaterial wird umkopiert und beschnitten, bemalt, \u00fcberblendet und ver\u00e4tzt. Hammer animiert einen Danse Macabre weiblicher Skelette. Es ist mehr als eine feministische und erotische R\u00fcckaneignung des technisch und pathologisch besetzten Leibes der Frau &#8211; es ist seine Heiligsprechung, musikalisch getragen von der computergenerierten Messe \u201eSanctus\u201c, die Neil B. Rolnick eigens komponierte.(2)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"each is-aside\">\n<div class=\"text hyphenate\">\n<p>\u201eOptic Nerve\u201c (1985), Barbara Hammers Beitrag zur Whitney Biennial 1987, ist wie \u201eSanctus\u201c ein Hauptwerk ihrer experimentellen Praxis. Sie arbeitet mit 8mm-Aufnahmen ihrer 97-j\u00e4hrigen Gro\u00dfmutter. Den k\u00f6rperlichen Verfall, die Lebensfunktion medizinischer Ger\u00e4te, das Ausgeliefertsein an die Zeit und an die Technologie, \u00fcbertr\u00e4gt Hammer auf ihren Umgang mit dem Zelluloid-Material und auf die Gestaltung der Tonspur. Ihr gelingt eine best\u00fcrzende Verschr\u00e4nkung von physiologischer und filmischer Apparatur. Die Erblindung der Gro\u00dfmutter auf einem Auge, der Verlust des dreidimensionalen Sehens, f\u00fchrt Hammer dabei an die Grenze ihres Mediums, weg vom Naturalismus r\u00e4umlicher Darstellung und hin zu einem existenziellen Minimalismus: \u201eOptic Nerve\u201c wird ein flackerndes, verschwommenes, mechanisch zusammengehaltenes Filmportrait am Rande des Sehverm\u00f6gens.<\/p>\n<p>In \u201eVital Signs\u201c (1991) wendet Barbara Hammer den Schrecken des Todes demonstrativ in sein Gegenteil. Sie schenkt einem menschlichen Skelett ihre z\u00e4rtliche F\u00fcrsorge: Sie f\u00fcttert, kleidet und liebkost es, f\u00fchrt es spazieren in der dunklen Revue einer innigen Beziehung \u00fcber den Tod hinaus. Sie konfrontiert Schmerz und Angst, statt beides zu verdr\u00e4ngen. Die \u00f6ffentliche Ignoranz, Stigmatisierung und Instrumentalisierung von Krankheit und Leid untersucht sie 1986 in \u201eSnow Job: The Media Hysteria of AIDS\u201c. 1994 kritisiert sie mit \u201e8 in 8\u201c die Medienberichterstattung \u00fcber Brustkrebs und dreht eigene Interviews mit erkrankten Frauen. Programmatisch bedruckt sie Knochen mit Zeitungsberichten \u00fcber die Zunahme von Krebsf\u00e4llen, \u00fcber Therapien, ihre Folgen und ihre Vermarktung.<\/p>\n<p>2008 \u00e4ndert sich dann ihre Perspektive. \u201eA Horse Is Not a Metaphor\u201c(3) dokumentiert ihren eigenen Kampf mit dem Krebs. Hammer filmt im Krankenhaus, nun selbst Objekt in der medizinischen Apparatur, und sie filmt, um sich darin als Subjekt zu behaupten. K\u00fchl registriert die digitale Handkamera ihren angeschlagenen, geschwollenen, klinisch observierten K\u00f6rper. Es ist \u201eein unverstelltes St\u00fcck Aktivismus, ein offenes Pl\u00e4doyer des \u00dcberlebens, eine allt\u00e4gliche Chronik dessen, was eine Person aushalten muss\u201c.(4) Dass Hammer sich so darstellt, ist kein Narzissmus. Seit den fr\u00fchen Siebzigerjahren setzen ihre Filme eine Forderung des Feminismus und einen Kern demokratischer Kultur ins Werk: Wenn keine Repr\u00e4sentation verf\u00fcgbar ist, in der du dich wiedererkennst, dann repr\u00e4sentiere dich selbst.<\/p>\n<p>(1) In \u201eDr. Watson\u2019s X-Rays\u201c (1991) dokumentiert Barbara Hammer Hintergr\u00fcnde und Auswirkungen der Filmproduktion.<br \/>\n(2)\/(4) Vgl. Ara Osterweil: \u201eA Body Is Not a Metaphor: Barbara Hammer\u2019s X-Ray Vision\u201c, Journal of Lesbian Studies, Volume 14, Issue 2-3, 2010<br \/>\n(3) Musik: Meredith Monk<\/p>\n<\/div>\n<p>Alexander Koch<br \/>\nBerlin, Februar 2013<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.kow-berlin.com\/exhibitions\/dignity\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausstellungstext KOW<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Lebenswerk der 1939 in Hollywood geborenen Experimentalfilmerin, Dokumentaristin und bildenden K\u00fcnstlerin Barbara Hammer hat die Geschichte des Queer Cinema mitgeschrieben. Seit 1968 hat die erste lesbische Filmaktivistin \u00fcber 80 Produktionen mit dezidiert feministischer Perspektive vorgelegt. 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