{"id":1036,"date":"2020-01-07T14:03:39","date_gmt":"2020-01-07T13:03:39","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=1036"},"modified":"2025-10-26T07:49:36","modified_gmt":"2025-10-26T06:49:36","slug":"die-gestaltung-der-naehe-kulturwandel-und-konfliktarbeit-im-buergerauftrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/die-gestaltung-der-naehe-kulturwandel-und-konfliktarbeit-im-buergerauftrag\/","title":{"rendered":"Die Gestaltung der N\u00e4he: Kulturwandel und Konfliktarbeit im B\u00fcrgerauftrag"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"font-weight: 400;\">Neurologisch betrachtet, l\u00e4sst sich \u201eHeimat\u201c als eine physiologische Ver\u00e4nderung im Gehirn beschreiben, die durch wiederholte Reizeinwirkung entsteht. Kurz: Heimat ist neuronale Pr\u00e4gung. Synaptische Loops der eintrainierten Wiederkennung von Bekanntem. Wie alles im Gehirn ist diese Pr\u00e4gung nicht in Stein gemei\u00dfelt, sondern bleibt beweglich, dynamisch, gestaltbar. Das allein sollte gen\u00fcgen, um jede inhaltliche Fixierung und Essenzialisierung des Heimatbegriffs zur\u00fcckzuweisen.<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das gilt auch f\u00fcr den Begriff der Identit\u00e4t. Gleichzeitig zeigt sich, dass Heimaten und die mit ihnen verkn\u00fcpften Lebenswirklichkeiten aus der Interaktion mit einer Umwelt bestehen, die sich ihrerseits st\u00e4ndig wandelt. So sind Heimaten einerseits immer von Gestern, Spuren der Erinnerung, und andererseits Gegenstand einer fortw\u00e4hrenden Transformation, die in die Zukunft weist.<\/p>\n<div><\/div>\n<div>Zukunft zu gestalten, ist generell Aufgabe von Politik. Da Heimatpolitik immer \u00f6fter als kulturelle Aufgabe verstanden wird, sollte sie also vor allem als eine Politik der kulturellen Zukunft \u2013 statt Vergangenheit \u2013 begriffen werden. Ein Ministerium, das den Begriff der Heimat in seinem Titel f\u00fchrt, h\u00e4tte demnach ein Kulturzukunftsministerium zur neuronalen Umordnung der Lebenswirklichkeit zu sein.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u201eHeimat ist da, wo man sich nicht erkl\u00e4ren muss\u201c, ist ein vielzitierter Ausspruch Johann Gottfried Herders. Dieses nostalgische, \u00fcber 200 Jahre alte Heimatbild taugt heute nicht mehr viel und hat einen vordemokratischen Beigeschmack. Denn in einer demokratischen Kultur heimisch zu sein, bedeutet nicht, voraussetzungslos akzeptiert zu sei. Und wann ist man das je? Es bedeutet, auf offene Ohren zu treffen, wenn man sich zu Geh\u00f6r bringen will. Akzeptanz zu erleben f\u00fcr die Dinge, die einem am Herzen liegen. Die Erfahrung zu machen, dass sich die eigene Welt so mitgestalten l\u00e4sst, dass Vertrauen entstehen kann und Konflikte, die es in jeder Gemeinschaft gibt, nicht gef\u00e4hrlich, sondern verhandelbar sind. Ich w\u00fcrde Herders Satz gerne ins 21. Jahrhundert holen: Heimat ist da, wo man sich erkl\u00e4ren kann!<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Sofern Heimaten gef\u00fchlte Nahverh\u00e4ltnisse sind, geht es um weit mehr als Prousts Madelaine, jene ber\u00fchmte literarische Szene eines synaptischen R\u00fcckfalls in die Zeit eines nostalgischen Wohlbefindens, in dem alles noch einmal warm und heil erscheint (Stichwort: Kindheit). Solch Wohlbefinden kann kein politisches Ziel sein. Neue Nahverh\u00e4ltnisse zu schaffen, in denen sich erwachsene Menschen in einer ihnen zugeneigten Welt so einrichten k\u00f6nnen, dass sie sich verstanden f\u00fchlen, indes schon.<\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Die Neuen Auftraggeber von Steinh\u00f6fel<\/h2>\n<div><\/div>\n<div>Die Gemeinde Steinh\u00f6fel in Brandenburg besteht aus zw\u00f6lf D\u00f6rfern, die im Zuge einer Bezirksreform zusammengelegt wurden und gemeinsam 4.448 Einwohner z\u00e4hlen. Lena Ziese, Mediatorin im Programm Neue Auftraggeber, wird von einer kleinen Gruppe von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern aus Heinersdorf, einem der zw\u00f6lf D\u00f6rfer, kontaktiert. Man habe da ein Problem. Die gut organisierte Initiative arbeitet seit Jahren daran, das ruin\u00f6se Gutshaus in eine Seniorenwohnst\u00e4tte umzuwandeln. Ein architektonisches Konzept und ein Bewirtschaftungsplan liegen vor. Aber der Gemeinderat blockt ab. Das Projekt kommt nicht voran. Schon lange wird Heinersdorf als der privilegiertere, bevorteilte Ort betrachtet. Und das Bauprojekt erscheint vielen zu gro\u00df. Zu teuer. Zu abgehoben. Die anderen Teile der weitl\u00e4ufigen, gro\u00dfen Gemeinde sehen nicht ein, warum sie ihre ohnehin knappen Ressourcen ausgerechnet wieder in Heinersdorf b\u00fcndeln sollen. Es droht Streit. Die Mitglieder der Gutshaus-Initiative bitten Lena Ziese, ein PR-Konzept zu entwickeln, um eine Mehrheit hinter das Projekt zu bringen. Stattdessen fragt die Mediatorin nach: Was sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Blockade? Woher kommt der Zwist in der Gemeinde? Gibt es nichts Verbindendes? Aus dem Hintergrund treten Konfliktlinien hervor, die die DDR-Zeit durchziehen und noch weiter zur\u00fcck in die Vergangenheit reichen. Was soll man also tun? Die Geschichte aufarbeiten? Querelen schlichten, deren Ursachen l\u00e4ngst vergessen sind?<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Die Mediatorin will den eingefahrenen Wegen entkommen und den alten Konflikten eine neue Dynamik geben. Einer der Auftraggeber schl\u00e4gt vor, sich in der Mitte zu treffen, und zwar buchst\u00e4blich: der geografische Mittelpunkt der Gemeinde soll ermittelt werden, der, wie sich herausstellt, auf einem Acker liegt. Kann man sich dort neu und anders begegnen? Gemeinsames finden? Geht es wirklich nur um das alte Gutshaus? Allm\u00e4hlich zeigt sich, was nach und nach zum \u201eAuftrag\u201c der Steinh\u00f6fler wird: Es geht darum, die Sprachlosigkeit zu \u00fcberwinden. Das Dorf von morgen muss miteinander reden k\u00f6nnen, obwohl es vielleicht keine tradierte Gemeinsamkeit mehr hat. Es geht darum, wie man in Zukunft zusammenleben wird, denn bald wird klar, dass die D\u00f6rfer, jenseits aller Differenzen, eines miteinander verbindet: ihre Bewohner*innen werden alt. Und sie fragen sich in Anbetracht schwindender Infrastrukturen, wie das gehen soll.<\/div>\n<div>Zukunftsangst klingt durch. Sie betrifft viele. \u201eWas wird aus uns?\u201c. Wie k\u00f6nnen wir miteinander reden, wenn die Treffpunkte weniger werden, die Kontakte virtueller, die Arbeit digitaler, das Altern teurer und einsamer? Wenn keiner dem anderen die Geschichten erz\u00e4hlt, die aus versprengten D\u00f6rfern ein Gemeinwesen werden lassen? Kann man eine Heimat neu erfinden, in der es sich gut zusammen alt werden l\u00e4sst?<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Bald formulieren Vertreter*innen der D\u00f6rfer einen erstaunlich offenen Auftrag, der an eine K\u00fcnstler*in \u00fcbermittelt werden soll: \u201eWir beauftragen ein k\u00fcnstlerisches Projekt, das die Menschen aus den zw\u00f6lf D\u00f6rfern der Gemeinde Steinh\u00f6fel zu einem Dialog \u00fcber die Gestaltungsspielr\u00e4ume ihres \u00c4lterwerdens zusammenbringt. Das Projekt soll den Menschen M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen, sich gegenseitig beim \u00c4lterwerden zu unterst\u00fctzen. Durch den k\u00fcnstlerisch inspirierten Austausch sollen konkrete Anl\u00e4sse entstehen, die es uns erm\u00f6glichen, unser \u00c4lterwerden in der Region gemeinsam zu gestalten.\u201c<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Dabei wird freilich viel erhofft. Denn was immer die Kunst zu leisten vermag \u2013 mangelnde Infrastrukturen f\u00fcr alternde Menschen in l\u00e4ndlichen Regionen wird sie nicht ersetzen. Was die Auftraggeber*innen indes formulieren, ist nicht die Forderung nach einer praktischen L\u00f6sung von Problemen, f\u00fcr die es keine einfachen L\u00f6sungen gibt. Sie erhoffen sich einen neuen Raum der Verst\u00e4ndigung, der ihren Blick in die Richtung von etwas lenkt, das jenseits des Bestehenden liegt, einstweilen unbekannt ist und erst erfunden werden muss: \u00c4lterwerden in der Region gemeinsam zu gestalten. Der k\u00fcnstlerische Prozess, der aktuell, Stand Dezember 2019, im Auftrag der B\u00fcrger*innen von Steinh\u00f6fel in den Startl\u00f6chern steht, wird zeigen, welche Mittel und Wege die Kunst finden wird, um diesen Prozess der Verst\u00e4ndigung zu mobilisieren. Vorl\u00e4uferprojekte der Neuen Auftraggeber haben seit 30 Jahren vielfach gezeigt, dass, und wie, das gehen kann.<\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Kunst und Resonanz im Nahbereich<\/h2>\n<div><\/div>\n<div>Das Beispiel Steinh\u00f6fel ist exemplarisch f\u00fcr viele Projekte der Neuen Auftraggeber. Das Programm, derzeit in einer f\u00fcnfj\u00e4hrigen Pilotphase gef\u00f6rdert durch die Kulturstiftung des Bundes, ist ein historisch noch junges kulturpolitisches Modell, das europaweit immer mehr Zuspruch erf\u00e4hrt[1]. Es bietet B\u00fcrger*innen jeglichen Hintergrundes insbesondere an Orten mit schwacher Infrastruktur die M\u00f6glichkeit, K\u00fcnstler*innen von Rang mit Projekten zu beauftragen, die auf lokale Herausforderungen antworten \u2013 und dabei oftmals zu ungew\u00f6hnlichen Ergebnissen kommen, die in ihrer Wirkung beispielgebend sind. \u00c4hnlich wie in Steinh\u00f6fel sind es oftmals Sackgassen im lokalen Handlungsverm\u00f6gen, Verst\u00e4ndigungsschwierigkeiten zwischen disparaten Gemeinschaften, oder die mangelnde \u00f6ffentliche Wahrnehmung eines schwelenden Konflikts, die kleine B\u00fcrgerinitiativen dazu bewegen, sich als Auftraggeber eines Kunstprojektes auf neue und ungewohnte Wege zu begeben. Und wie in der Gemeinde Steinh\u00f6fel sind es oftmals die Strukturprobleme in l\u00e4ndlichen R\u00e4umen, die B\u00fcrger*innen nach neuen Handlungsoptionen suchen lassen, und dabei \u2013 das kann nur auf den ersten Blick \u00fcberraschen \u2013 auch die Kunst als einen Transformationsmotor entdecken, der bisherige Denkmuster verl\u00e4sst und eine Gestaltung des Wandels in Aussicht stellt, den anzugehen sich herk\u00f6mmliche Instanzen und lokale Akteure alleine oft schwertun.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Wie die Konfliktforschung und die noch recht junge Disziplin der Social Innovation Studies gezeigt haben, ist es der zwischenmenschliche Nahbereich, in dem gesellschaftliche Transformationen besondere Aussicht auf nachhaltige Wirkung haben. Dabei ist die Erweiterung des Vorstellungsverm\u00f6gens der handelnden Akteure ebenso entscheidend wie das Erleben greifbarer Ergebnisse, in denen sich die Wirkm\u00e4chtigkeit des eigenen Tuns zeigt. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von \u201eResonanzachsen\u201c, um ein Wirkungsverh\u00e4ltnis zwischen Individuum und Umwelt zu beschreiben, in dem der Einzelne erf\u00e4hrt, dass die Welt um ihn herum nicht still und passiv bleibt, sondern unmittelbar erreichbar ist. In ihrer komparativen Studie zur Entwicklung der Neuen Auftraggeber in Europa hat die franz\u00f6sische Soziologin Estelle Zhong Mengual Hartmut Rosas Konzept der Resonanz wie folgt zusammengefasst: \u201eEine Resonanzachse zu haben bedeutet, etwas erreichen, bewegen und umgekehrt von der Welt in Bewegung gesetzt zu werden: \u201eIch handle, sie reagiert, und ich bin im Gegenzug betroffen&#8221;\u201c[2].<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Diese Erfahrung machen viele Menschen heute offenbar nicht, drum ihr sozialer und politischer Frust, und drum der gesellschaftliche Handlungsbedarf, resonanzf\u00e4hige Nahbereiche zu beleben. Im Falle Steinh\u00f6fels etwa spielen, wie vielerorts, Gemeindereformen eine Rolle, die politische Prozesse aus der lokalen Erreichbarkeit in immer ferne Apparate verr\u00fccken und dabei den Eindruck einer von Stille und Passivit\u00e4t gepr\u00e4gten, resonanzlosen Lebensumwelt verst\u00e4rkt haben. Oder, wie mir ein Dorfbewohner sagte: \u201eFr\u00fcher sprach man den B\u00fcrgermeister in der Kneipe an, wann denn die Zone 30 vor der Schule endlich kommt. Heute wei\u00df ich gar nicht mehr, wen ich das fragen soll. Und die Kneipe und die Schule sind auch weg.\u201c<\/div>\n<div><\/div>\n<h2>Heimaten \u2013 Transformationsgeschichten<\/h2>\n<div><\/div>\n<div>Nun w\u00e4re es absurd, ersatzweise die Kunst herbeizurufen. Und es ist streitbar, wie weit die Zivilgesellschaft einspringen soll, um das Zur\u00fcckweichen \u00f6ffentlicher Infrastrukturen zu kompensieren, anstatt deren Ausbau zu fordern. Unstrittig sollte hingegen der Wert lokaler Initiativen von B\u00fcrger*innen sein, die sich Problemen in ihrem sozialen Nahbereich zuwenden und nach Wegen suchen, aktiv auf sie einzuwirken. In dieser Perspektive ist es keineswegs absurd, k\u00fcnstlerische Projekte als Stromerzeuger f\u00fcr neue Formen des lokalen Engagements in Betracht zu ziehen, und von ihnen jene Perspektiverweiterungen und Innovationsmomente zu erhoffen, ohne die vor Ort sonst vielleicht alles so stehen bleibt, wie es schon steht.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Wie Estelle Zhong Mengual in ihrer Studie herausstellt, haben k\u00fcnstlerische Projekte im B\u00fcrgerauftrag in verschiedenen Regionen Europas solche Resonanzr\u00e4ume, wie Hartmut Rosa sie beschreibt, vielfach dadurch neu er\u00f6ffnet, dass Akteure von au\u00dfen \u2013 die Mediator*innen und die beauftragten K\u00fcnstler*innen \u2013 lokalen Bed\u00fcrfnislagen neuen Schwung gegeben haben. Anders, als es mitunter an politischen Strukturma\u00dfnahmen oder der Arbeit von Entwicklungs-NGOs kritisiert wird, entsteht dieser Schwung nicht in einem Top-Down Prozess durch von au\u00dfen induzierte Ma\u00dfnahmen, die lokale Erfahrungswelten und Kompetenzen, und damit Nachhaltigkeitseffekte, mitunter verfehlen, sondern in moderierten Bottom-Up-Prozessen, in denen B\u00fcrger*innen dabei begleitet werden, neue \u00f6ffentliche Kulturg\u00fcter zu schaffen, ohne vorher schon zu wissen, was am Ende herauskommen wird, und mit viel Zeit f\u00fcr Wendungen und Richtungswechsel.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Im Programm der Neuen Auftraggeber sind B\u00fcrger*innen keine passiven Empf\u00e4nger von Kulturangeboten. Sie fragen stattdessen aktiv nach Formaten einer zeitgen\u00f6ssischen Kulturpraxis, die ihre Erfahrungen und Fertigkeiten in lokale Initiativen einbringt und die Herausforderung annimmt, auch au\u00dferhalb angestammter Institutionen auf Bedarfe zu reagieren. Die Auftraggeber*innen \u00fcbernehmen dabei Verantwortung f\u00fcr Belange ihres Gemeinwesens, f\u00fcr die Produktion sozialen Zusammenhalts. Bed\u00fcrfnisse k\u00f6nnen \u00f6ffentlich sichtbar werden, Differenzen verhandelbar. Sprachf\u00e4higkeit kann entstehen, wo Menschen aus verschiedenen Bereichen der Bev\u00f6lkerung Vermittler*innen und K\u00fcnstler*innen einladen, in Dialog zu treten, sich auf Unbekanntes einzulassen, zun\u00e4chst einmal genau zuh\u00f6ren, worum es vor Ort geht, um sodann k\u00fcnstlerische Impulse zu setzen, auf die die B\u00fcrger*innen ihrerseits reagieren k\u00f6nnen. Estelle Zhong Mengual beschreibt, wie sich dabei auch das Verh\u00e4ltnis zur Politik und \u00f6ffentlichen Verwaltung beleben kann. Schreitet ein Auftragsprojekt voran, m\u00fcssen Finanzmittel eingeworben werden, Genehmigungen f\u00fcr Bauma\u00dfnahmen werden n\u00f6tig, Amtstr\u00e4ger*innen werden in \u00f6ffentliche Debatten eingebunden, neue soziale Orte und Partnerschaften entstehen, ein Werk wird feierlich eingeweiht.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>So entsteht etwas Wesentliches: Resonanz. Ein Umfeld, in dem sich alle Beteiligten erkl\u00e4ren k\u00f6nnen und m\u00fcssen, um sich dem gemeinsamen Ziel zu n\u00e4hern, etwas Neues zu errichten: Kunstwerke im B\u00fcrgerauftrag, die \u2013 weithin \u00f6ffentlich sichtbar \u2013 Formen finden, um soziale Nahbereiche zu pr\u00e4gen, umgestalten, anders zu fassen und zu beschreiben, als bisher. Auf diese Weise tr\u00e4gt Kunst zur Daseinsvorsorge und zur Gleichwertigkeit von Lebensverh\u00e4ltnissen bei. Auch f\u00fcr kunstferne Akteure, und das sind die meisten B\u00fcrger*innen, die sich im Programm Neue Auftraggeber engagieren, stellen Kunstprojekte vielversprechende Resonanzachsen dar. Weil sie neue Sinnbeziehungen ins Spiel bringen, alte Themen und soziale Orte neu einrahmen, Blicke auf Vertrautes neu und anders ausrichten, und etwas in die Welt setzt, das dort vorher nicht war: eine k\u00fcnstlerische Form, die sich greifen l\u00e4sst, die, sofern sie materiell ist, dauerhaft vor Ort verbleibt und wirkt, und oftmals mit einer lokalen Transformationsgeschichte verkn\u00fcpft ist, die sich im Werk selbst immer wieder neu erz\u00e4hlt.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Die B\u00fcrger*innen von Steinh\u00f6fel wollten wissen, ob alles so stehen bleibt, wie es schon steht. Ihre eigene Antwort war: Nein. Heimat ist gestaltbar. Auch wenn das schwierig ist. Auch wenn es hei\u00dft, durch Konflikte zu gehen. Auch wenn es daf\u00fcr Instrumente braucht, die unorthodox erscheinen m\u00f6gen, und im weiteren Verlauf auch Institutionen von der Verwaltung bis zur Politik, Netzwerke in Stiftungen und Wirtschaft, in Kunst in Kultur. Heimaten sind die gro\u00df empfundenen Wendungen vom Einen ins Andere, ein Projekt zwischen erinnern, bewahren und erneuern.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Was, wenn nicht die Kunst- und Kulturpolitik \u2013 als Gesellschaftspolitik \u2013 sollte das Ganze der Beziehungen ins Auge nehmen, die das Zusammenleben in Gemeinschaft ausmachen? Die neue Rechte wei\u00df das sehr gut. Auch, wenn auch nat\u00fcrlich nicht nur, vor diesem Hintergrund ist es hohe Zeit, kulturelle Naherlebnisse zu beleben, B\u00fcrger*innen als die entscheidenden Akteure in der Ausgestaltung ihrer Nahbereiche zu betrachten, und sie auch strukturell und finanziell in Prozesse echter gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe einzurechnen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>[1] Nachdem in Frankreich, Belgien, Italien, Deutschland, Spanien und der Schweiz bislang \u00fcber 500 Kunstprojekte im B\u00fcrgerauftrag entstanden, schlie\u00dfen sich derzeit immer mehr lokale und internationale Akteure aus Politik und Zivilgesellschaft dem Programm an.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>[2] Estelle Zhong Mengual: La d\u00e9mocratie comme destin commun. \u00c9tude de l\u2019action Nouveaux<\/div>\n<div>commanditaires en Europe (Allemagne, Belgique, Espagne, Italie), Paris 2019<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Published in: Norbert Sievers, Ulrike Blumenreich, Sabine Dengel, Christine Wingert (ed.), Jahrbuch f\u00fcr Kulturpolitik 2019\/20<br \/>\nNo English version available. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3759,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1036","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-texts","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":true,"content":false,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1036","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1036"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1036\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3758,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1036\/revisions\/3758"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3759"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1036"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1036"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1036"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}