{"id":1020,"date":"2011-01-07T13:07:05","date_gmt":"2011-01-07T12:07:05","guid":{"rendered":"https:\/\/alexanderkoch.info\/?p=1020"},"modified":"2026-02-23T19:47:48","modified_gmt":"2026-02-23T18:47:48","slug":"option-lots-eine-recherche-von-brandlhuber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/option-lots-eine-recherche-von-brandlhuber\/","title":{"rendered":"Option Lots. A Research by Brandlhuber+"},"content":{"rendered":"<div><span style=\"font-family: var(--global--font-secondary); font-size: var(--global--font-size-base);\"><\/span><\/div>\n<div><\/div>\n<div><span style=\"font-family: var(--global--font-secondary); font-size: var(--global--font-size-base);\">Manchmal ist ein Leerraum beredter als seine Umh\u00fcllung, zeugt eine bauliche von einer systemischen L\u00fccke. Im Umkreis weniger hundert Meter rings um sein Architekturb\u00fcro in der Brunnenstrasse 9 in Berlin Mitte registrierte Arno Brandlhuber j\u00fcngst 58 Hohlr\u00e4ume zwischen Geb\u00e4uden, 7.635 m3 Volumen auf zusammen 404 m2 Grundfl\u00e4che. 58 schmale, oft keilf\u00f6rmig zulaufenden St\u00fccke unbebautes Land mit durchschnittlichen L\u00e4ngen um die zehn und Breiten zwischen 0,4 und 2,5 Metern, nicht un\u00e4hnlich den \u201eFake Estates\u201c von Gordon Matta-Clark. Der amerikanische K\u00fcnstler ersteigerte 1973\/74 f\u00fcnfzehn meist kaum einen Meter breite Grundst\u00fcckstreifen in New York City, die durch Ungenauigkeiten bei der Landvermessung und Stadtplanung entstanden waren. Der Form nach vergleichbar, verdanken sich die Berliner \u201eFake Estates\u201c indes Erich Honecker.<\/span><\/div>\n<div>\n<p>1980 verordnete die Staatsf\u00fchrung der DDR ihren Stadtplanern einen Doktrinwechsel, als sie verstand, dass sich bis zur 750-Jahrfeier Berlins \u2013 die 1987 begangen werden sollte \u2013 das Zentrum der Hauptstadt nicht vollst\u00e4ndig in eine sozialistische Musterstadt umbauen lassen w\u00fcrde. Die Altbaubest\u00e4nde durch moderne Plattenbau-Ensembles zu ersetzen, \u00fcberstieg die wirtschaftliche Kapazit\u00e4t des Landes, das sich schon beim Bau der einstigen Stalin-Allee in den fr\u00fchen F\u00fcnfzigerjahren verhoben hatte. Zugleich entdeckte die DDR in diesen Jahren den Denkmalschutz wieder. Und so entschied man sich in einer Mischung aus Achtsamkeit und Pragmatismus, die Altbauten zu sanieren, statt sie abzurei\u00dfen und f\u00fcllte nur dem Krieg geschuldete Leerstellen mit neuen Projekten auf: Gelegenheit f\u00fcr die Baukombinate des Landes, ihre verschiedenen Geb\u00e4udetypen vorzustellen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Aber die Platte passte selten nahtlos in den Bestand. Die industrielle Serienfertigung ausschlie\u00dflich kubischer Bauelemente konnte auf die unregelm\u00e4\u00dfige, gewachsene Struktur der Innenstadt nicht reagieren. Ausgaben der Zeitschrift \u201eArchitektur der DDR\u201c von 1983\/84 belegen die gezielte Suche der Ingenieure und Architekten nach Bauteilesystemen f\u00fcr die Massenproduktion, mit denen sich die verwinkelten Vorkriegsbauten und die Grundrisse der sozialistische Moderne vers\u00f6hnen lie\u00dfen. Tats\u00e4chlich verf\u00fcgten die Planer ab 1985 \u00fcber \u201erationale Modelle f\u00fcr die Integration von Abweichung\u201c (Brandlhuber), \u00fcber konkave und konvexe Bauteile, die den Plattenbau anschlussf\u00e4higer f\u00fcr aus dem Raster laufende Altbebauung machten.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Doch bis es so weit war, entstanden mit jedem zweiten Bauvorhaben neue Zwischenr\u00e4ume in den Stra\u00dfenz\u00fcgen der Innenstadt, teils skurrile Interferenzen zwischen neuen und alten Grundrissen. Ebenso ungewollt wie unvermeidbar wurden hunderte kleiner Raumk\u00f6rper umbaut: schlanke, von hohen Brandw\u00e4nden begrenzte Tortenst\u00fccke und Raumscheiben, stra\u00dfenseitig unauff\u00e4llig verblendet und nach oben wie zum Hof hin meist offen. Kleine L\u00f6cher in der Stadt, die niemand beabsichtigt hatte und auch niemand wollte, als sie einmal da waren. F\u00fcr die urbane \u00d6konomie weder vor noch nach der Wende interessant, \u00fcberstanden die \u201eFake Estates\u201c von Mitte selbst die grundbuchm\u00e4\u00dfige Neuaufteilung des Berliner Ostens durch Restitution und Immobilienmarkt ab 1989 und blieben unbehelligt im Besitz der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Es ist vielleicht eines der typischsten urbanen Ereignisse in der j\u00fcngeren Geschichte Berlins. Sobald die (bauliche) Differenz zwischen b\u00fcrgerlicher Vergangenheit und modernem Sozialismus in Form der neuen Mischbebauung nicht mehr ganz so ernst genommen wurde, waren architektonische Verspr\u00fcnge und Anomalien die Folge. Was Brandlhuber derzeit dokumentiert, ist ein dezentrales Baudenkmal der sozialistischen Postmoderne. Eine Sammlung von Zeitkapseln aus einem Moment, in dem sich das DDR-System bewegte, aber zwischen ideologisch verschieden formatierten Raumprogrammen nicht vermitteln konnte und dabei serienm\u00e4\u00dfig Orte ohne eigene Identit\u00e4t erzeugte, die 30 Jahre lang unbestimmt geblieben sind. In dieser Unbestimmtheit greift Brandlhuber sie auf und fragt nach ihren Optionen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Als Gordon Matta-Clark die New Yorker Restgrundst\u00fccke ersteigerte, war ihr Umfeld meist unbebaut. So blieben seine &#8220;Odd Lots\u201d, wie er sie auch nannte, f\u00fcr ihn ein Ph\u00e4nomen der Fl\u00e4che, das sich zun\u00e4chst nur kartieren lie\u00df. Als er 1978 starb, fielen sie an die Stadt New York zur\u00fcck. Brandlhuber tr\u00e4gt Matta-Clarks Thema weiter in die dritte Dimension. Er erfasst die Berliner &#8220;Odd Lots\u201d als Negativbestand im Raum &#8211; einerseits als Leervolumen, die selbst gar keine Bauwerke sind und doch in allen r\u00e4umlichen Grundz\u00fcgen schon komplett, anderseits als Handlungsl\u00fccken. Von Brandlhubers Standpunkt einer kontextuellen architektonischen Praxis aus sind es Gussformen, vorhandene M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume, \u201eOption Lots\u201c, m\u00fcsste man sagen. Ihnen fehlt es nicht an Form, aber an Funktion. Ihre eigentliche Architektur ist schon fertig. Damit die \u201eLots\u201c urban aktiv werden, ist wenig n\u00f6tig &#8211; ein Paar thermische Verschl\u00fcsse, einfache \u00dcberdachungen, Erschlie\u00dfungswege, vor allem aber Nutzungsprogramme. Und denen gilt letztlich Brandlhubers Interesse.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Denn von der Leerstelle aus pr\u00e4sentieren sich die Dinge anders. Aus ihrem Innern erscheint der umgebende Au\u00dfenraum wie eine normative Formation konditionierter Gebrauchsweisen der Stadt. Und was auch immer davon nach innen dringt, wird f\u00fcr die L\u00fccke zur Systemfrage. Das macht sie modellhaft und pr\u00e4destiniert sie f\u00fcr eine stadtpolitische Auseinandersetzung. Zumal vor dem Hintergrund einer kritischen Beschreibung der \u201eRaumproduktion in der Berliner Republik\u201c, wie sie die von Brandlhuber mit gegr\u00fcndete Akademie c\/o betreibt. Das innerst\u00e4dtische Netz aus unspezifischen Raumbrachen lie\u00dfe sich zum Testfall f\u00fcr kreativ abweichendes urbanes Verhalten machen, das normative Regeln der Produktion von Stadt h\u00f6ren, \u00fcberh\u00f6ren, vor allem aber mitdenken kann: Modellhaft wie eine Bauausstellung selbst, die architektonische und st\u00e4dtische Handlungsoptionen entwickelt und diskutiert, ohne sie prim\u00e4r an ihrer Vermarktbarkeit zu messen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Beispiel Tempor\u00e4re Kunsthalle: Die 58 von Brandlhuber erfassten Hohlr\u00e4ume haben mit ihren 7.635 m3 mehr Fassungsverm\u00f6gen als die Tempor\u00e4re Kunsthalle am Schlossplatz hatte. Umgeben von bis zu 22 Meter hohen Brandw\u00e4nden (Berliner Traufh\u00f6he), liefert jede einzelne L\u00fccke ihr Maximum an Fl\u00e4che f\u00fcr glatte, fensterlose W\u00e4nde, die derzeit keine Berliner Institution f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst bietet. Zusammen rund 20.000 m2 H\u00e4ngefl\u00e4che (die Tempor\u00e4re Kunsthalle hatte 1050 m2). Was fehlt, ist der \u00fcbliche Betrachtungsabstand. Aber nicht jedes Kunstwerk will oder braucht den. F\u00fcr Kunst, die nicht aus dem Abstand lebt, k\u00f6nnten die schmalen Nischen mitten in der Stadt genau der richtige Ort sein, um deren vor\u00fcbergehende Kunsthalle zu werden und, wenn es um sie auch in Zukunft so ruhig bleibt wie in den vergangenen 30 Jahren, sp\u00e4ter ihr Museum.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Ein Beispiel wie dieses \u2013 viele andere sind m\u00f6glich \u2013 zeigt, dass wer eine Leerstelle besetzt, ein Modell schafft. An den \u201eOption Lots\u201c lie\u00dfen sich exemplarisch soziale Gebrauchsformen der Stadt durchspielen, die \u00fcbertragbar auf jeden anderen Ort urbaner Unbestimmtheit w\u00e4ren. Es entspricht der Logik der L\u00fccke, dass dabei alle Rahmendaten der in sie eingef\u00fchrten Nutzungskonzepte selbst programmatischer Teil des jeweiligen Modells werden: Fragen der Eigentumsverh\u00e4ltnisse, der Dauer, der Zug\u00e4nglichkeit, der \u00f6ffentlichen und der professionellen Partizipation, der \u00f6konomischen Konfiguration w\u00e4ren nicht gegeben, sondern erst zu entscheiden \u2013 und lie\u00dfen sich dabei noch einmal am konkreten, einzelnen Objekt verhandeln. Brandlhubers \u201eOption Lots\u201c sind mit ihren durchschnittlich 7m2 Grundfl\u00e4che klein genug, dass sie dabei nicht als Modelle f\u00fcr die Immobilienwirtschaft taugen, wohl aber als Modelle f\u00fcr ein Wirtschaften mit kulturellen Ressourcen.<\/p>\n<p>Erschienen in: ARCH+ 201\/202 Berlin \u2013 Jenseits des Plan(werk)s, 2011<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.studioemde.com\/option-lots-berlin\">https:\/\/www.studioemde.com\/option-lots-berlin<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Published in ARCH+ 201, Berlin, M\u00e4rz 2011<br \/>\nNo English version available. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rop_custom_images_group":[],"rop_custom_messages_group":[],"rop_publish_now":"initial","rop_publish_now_accounts":[],"rop_publish_now_history":[],"rop_publish_now_status":"pending","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1020","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texts","entry"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"en":{"title":true,"content":false,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1020","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1020"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1020\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3874,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1020\/revisions\/3874"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1020"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1020"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexanderkoch.info\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1020"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}