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Pınar Öğrenci: Good Luck in Germany!

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Pınar Öğrencis Werk versteht es, uns die Vergangenheit so in den Schoß zu legen, dass wir uns um sie kümmern müssen, um in Zukunft anders zu leben. Mit ihrem Projekt Glück auf in Deutschland! stieg Öğrencis 2024 hinab in die Archive der Gastarbeitergeschichte des Ruhrgebiets und brachte Leben und Bilder zu Tage, die unbekannt sind. Körper und Stimmen von Menschen tauchen auf, die jahrzehntelang Deutschland mit aufgebaut haben und bis heute migrantisiert im Hintergrund stehen. Und sie zeigt, wie wenige Jahre nach dem Ende des Faschismus eine neue migrantische Arbeiterklasse in Deutschland erneut von denjenigen Unternehmen missbraucht und gedemütigt wurde, die den Naziterror industriell ermöglicht haben.

Im wichtigsten fotografischen Archiv zur Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets im Ruhrmuseum Essen suchte Öğrenci nach den Bildspuren der ersten Gastarbeitergeneration und fand – nichts. Seit Abschluss der Anwerbeabkommen mit Ländern des europäischen und globalen Südens ab 1955 (mit der Türkei 1961) bis ins Jahr 1982 finden sich zahlreiche, teils aufwändige Fotodokumentationen zur Bergbauindustrie und -kultur, jedoch nur mit deutschen, weißen Gesichtern und Körpern, die symbolisch überhöht wie Lobby- und Propaganda-Subjekte im Dienst von Krupp & Co. inszeniert wurden. Tatsächlich wurden diese Dokumentationen von der Industrie finanziert. Gastarbeiter blieben dabei buchstäblich ausgeblendet. Dass ohne deren Arbeitsleistung ein deutsches Wirtschaftswunder nach der Katastrophe des deutschen Angriffskriegs auf Europa gar nicht möglich gewesen wäre, das wollte man lieber nicht zeigen. 

Bei dem selbstorganisierten Verein der Fördergemeinschaft für Bergmannstradition – Linker Niederrhein, fand Öğrenci dann einige Fotos, die von Bergleuten oder ihren Angehörigen selbst gemacht wurden, und sie hörte der Oral History von Protagonist:innen zu, die unrepräsentierte migrantische Vergangenheit im Ruhrgebiet noch erlebt haben und davon erzählen können, oder diese Geschichte wissenschaftlich beforschen. Auf Basis dieser Materialien entstanden schließlich drei Arbeiten, unter anderem mit der Unterstützung des Kunstmuseum Bochum. Sie geben nun Einblick in dunkle Seiten deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die nicht passé sind, sondern sich weiter fortschreiben. Öğrencis Kunst kritisiert und verstört – ihre dichterischen Formen sind aber immer auch Öffnungen ins Humane und eine Anerkennung und Würdigung geschmälerter Leben.

Glück auf in Deutschland
Film, 44 min, 2024

Pınar Öğrencis montiert Schwarzweißfotografien zu einem Dokumentarfilm, der hineinführt in die Industrie- und Lebenswelt des Ruhrgebiets der Nachkriegszeit. Auf der Tonspur leitet die Stimme der Künstlerin durch den Film, kommentiert das Bildmaterial, führt Interviews mit Expert*innen, die Hintergründe der Gastarbeiterhistorie nachzeichnen. An anderen Stellen fließt geschriebener Text ein, so etwa zu Beginn, wenn ein Lamento des türkischen Dichters Fazıl Hüsnü Dağlarcas erscheint. Öğrencis Film entfaltet ein Stück deutscher, auch deutsch-türkischer Geschichte, das selten so erzählt wurde. Etwa die Beerdigung von Bertha Krupp 1957 (nach ihr wurden im ersten Weltkrieg die „Dicken Berthas“ benannt, Mörserkanonen der Firma Krupp, die auch in Vielzahl an das Osmanische Reich verkauft wurden): nach der Grablegung, das zeigen Fotografien, bildete sich eine Demonstration der Belegschaft des Krupp-Konzerns, es gab Protest, einen Moment des Widerstands. Ebenfalls wenig bekannt – und hier wird der Film zum Schluss plötzlich farbig, mit Öğrencis eigenen Filmaufnahmen: ein Zwangsarbeiterlager der Krupps aus der NS-Zeit, das später umgenutzt wurde als Gastarbeiterlager. Begriffe ändern sich, Grade der Gewalt und der Gefahr ändern sich. Am Prinzip ändert sich wenig.

Bei Glück auf in Deutschland geht Öğrenci ähnlich vor wie bei ihrem Film Gourbet Is a Home Now (2020). Sie dokumentierte die Geschichte der Gastarbeiterwohnungen in Berlin-Kreuzberg mithilfe von Archivmaterial und Interviews, stellte dabei die Stimmen von Frauen in den Vordergrund, und machte so ein fast unbekanntes Stück Berliner Vergangenheit sichtbar.

Glück auf in Deutschland
Fotocollagen, 2024

Erstmals in ihrem Werk begibt sich Öğrenci auf das Terrain der Collage. Aus Quellen, die auch ihren Film speisen, arrangiert die Künstlerin in einer spielerischen Form des Umgangs problematisches Fotomaterial. Es zeigt auf, dass die vielbesungene Bergmannstradition ein Konstrukt ist, eine symbolische Überhöhung, um den Verschleiß von Körpern und Leben im Kohlebergbau als Heldengeschichte statt als Ausbeutung zu erzählen. Erzählungen, in denen Männer die Helden sind, während die Frauen – wir wissen es mittlerweile aus Öğrencis Film – in unbezahlter Arbeit die Basis für den Lohnerwerb ihrer Partner herstellten. Die Künstlerin, die in Istanbul Architektur studierte und auch viele Jahre praktizierte, ehe sie zum Film und zur Kunst überlief, zerlegt mit der Schere Zechen und Stahlwerke, und setzt körperpolitische Verhältnisse ins Bild. Dabei konstruiert sie zugleich neue Realitäten, in denen migrantisierte Bergarbeiter und ihre Familien in den Genuss einer Freizeitkultur kommen, die ihnen historisch nicht zugänglich war. Und sie zitiert reale Momente des Widerstands, wenn etwa Riesenbergmänner die Zeche buchstäblich besetzen oder die Arbeiter die Fabrik demonstrativ verlassen. 

I Wish You Luck
5-Kanal Videoinstallation, 4 min, 2024

Öğrenci schaut in ihrem Projekt auch auf die Rolle von Frauen in der Welt der Bergmannstraditionen. Die fünfteilige Videoarbeit I Wish You Luck zeigt filmische Portraits von Frauen, die pfeifen. Sie pfeifen das Steigerlied, die folkloristische Hauptattraktion im Liedgut der ansässigen Bergmannschaft, auch bekannt unter dem Titel Glück auf! Wichtig hier: Ein regionales Sprichwort besagte: „Mädchen, die pfeifen, und Hühnern, die krähn, soll man beizeiten die Hälse umdrehn“. Außerdem war das Pfeifen verpönt – und Untertage streng verboten –, denn entweichendes Methan, das Stollen in die Luft jagen und Bergarbeiter töten kann, dringt mit Pfeiftönen aus dem Gestein hervor. Also psst!

Die Frauen aber pfeifen. Öğrenci versuchte, mit Bergarbeiterchören – sämtlich männlich und biodeutsch dominiert – in Austausch zu treten und ihren Gesang aufzuzeichnen oder vorhandene Aufnahmen zu verwenden, was misslang. Zugang zu diesen Stimmen und diesem Liedgut wollte man einer Frau aus der Türkei nicht gewähren. Also lässt die Künstlerin türkische und kurdische Frauen, die dem Projekt ihre Stimme geben wollten, ihr eigenes Glück Auf! pfeifen, ergänzt durch ein Gedicht von Pınar Öğrenci, in dem sie den ursprünglichen Liedtext umschreibt in eine dunkle Parabel auf heutige Migrationspolitik. 

The Man That Doesn’t Burn
Digitalprint, 2024

Man muss noch über Lungen reden, und über Feuer. Teil des Werkzyklus Glück auf in Deutschland! ist die großformatige Reproduktion eines Archivbildes, das einen Hitzeversuch dokumentiert. Ein Mann in Metall steht neben Flammen. Ein Körper wird im Aluminiumanzug auf seine Hitzetauglichkeit getestet. Wird getestet auf sein Überlebensvermögen im industriellen Komplex, der auch militärischer Komplex ist. Da ist einer der Körper, den deutsche Gastarbeiterprogramme unterworfen haben und vielerorts weiterhin unterwerfen. Gut bekannt ist heute, wie viele dieser Körper beschädigt und niemals entschädigt wurden, wie viele Bergleute an ihren Staublungen starben, wie viele Stahlkocher an der Hitze.

Das Bild kann programmatisch stehen für Körperpolitiken, denen sich Teile der Bevölkerung ausgesetzt sehen und denen Pınar Öğrenci in ihrer Arbeit nachforscht und nachspürt, und sie öffentlich vor Augen führt. 


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